socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Maximilian Schäfer, Werner Thole (Hrsg.): Zwischen Institution und Familie

Cover Maximilian Schäfer, Werner Thole (Hrsg.): Zwischen Institution und Familie. Grundlagen und Empirie familienanaloger Formen der Hilfen zur Erziehung. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-658-20373-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Kasseler Edition soziale Arbeit - Band 15.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Vorgelegt wird ein Herausgeberwerk mit insgesamt neun Einzelbeiträgen zu einem zentralen Thema der Erziehungshilfen, welches sowohl theoretisch wie auch bezüglich seiner praktischen Umsetzungen von Betreuungssettings von hoher Relevanz ist.

Die Mehrzahl der Beiträge ist im Kontext eines mehrjährigen (2013 – 2016) Forschungsprojektes an der Universität in Kooperation mit einem freien Jugendhilfeträger entstanden, wobei einzelne Beiträge über den engeren Bereich des Projekts hinausgehen. Die forschungsbezogenen Beiträge schließen sich an eine frühere Buchveröffentlichung aus diesem Bereich (Hübsch et al. 2014) an und stellen Ergebnisse und Schlussfolgerungen in den Mittelpunkt. Des Weiteren wird über zwei Projekte aus anderen Forschungsinstituten berichtet.

Herausgeber und Autor*innen

Die Herausgeber sind Dozenten bzw. wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Kassel im Arbeitsschwerpunkt Soziale Arbeit und Erziehungshilfen. Die Autor*innen der Beiträge gehören teilweise demselben Universitätsbereich an oder sind wissenschaftlich Beschäftigte an anderen deutschen Hochschulen. Einige Beiträge sind von Fachkräften freier Jugendhilfeträger verfasst.

Thema

Das Buch vertieft Kenntnisse im Kernbereich der Erziehungshilfe, behandelt somit besondere Formen der Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen den Bedingungen einer institutionell getragenen „Maßnahme“ und einem in privaten Kontexten integrierten „Zusammenleben“. Die Diskussion über dieses Spektrum hilfreicher Betreuungsarrangements wird bereits seit sehr langer Zeit geführt und reicht letztlich zurück bis hin zum „Waisenhausstreit“ im 18. Jahrhundert. Die Beiträge des insgesamt 230 Seiten umfassenden Bandes beziehen sich nun im engeren Sinne auf Bedingungen des Aufwachsens junger Menschen innerhalb von professionellen Erziehungsfamilien. Diesbezüglich werden sowohl begrifflich-theoretische wie auch empirisch-konzeptionelle Perspektiven eingenommen.

Inhalte

Nach einem Vorwort der Herausgeber zur aktuellen Bedeutung (und statistischen Gewichtung) familialer Lebensformen und ihrer Veränderungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen führen Norbert Struck und Maximilian Schäfer in die Grundstrukturen von „Erziehungsstellen als Hilfen zur Erziehung“ ein im Sinne eines mehrgenerationalen Zusammenlebens in einem eigenen, privaten Haushalt. Sie verdeutlichen insbesondere die ganz spezifischen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen. Sehr gut dargestellt wird hier die jeweilige (auch arbeitsrechtliche) Position der Fachkräfte in Relation zum Jugendhilfeträger, die institutionellen Herausforderungen für letztere in den verschiedenen Umsetzungsmodellen sowie mögliche Veränderungen durch Gesetzesreformen.

In einem markanten und umfangreichen Kapitel (40 Seiten) leistet Manfred Kappeler eine gründliche, quellenreich belegte Kritik des bürgerlichen Verständnisses von Familie. Ausgehend von einem romantischen Familienbegriff im 18. und 19. Jahrhundert zeichnet er – durch interessante autobiografische Passagen unterstützt – nach, wie dieser sich vor allem in den Nachkriegsjahren in Bezug auf seine erzieherische Bedeutung relativiert hat. Familien wurden einerseits als „asozial“ stigmatisiert, andererseits erwies sich das Familienideal insofern als Zerrbild, als die Familienerziehung – trotz vielfachem Scheitern – als bestmögliche postuliert wurde. Entsprechend wird die in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts forcierte Familienorientierung der Erziehungshilfen kritisch hinterfragt. Der Autor plädiert abschließend dafür, unabhängig von familienideologischen Vorbehalten die Rechte und die Mitwirkung der Kinder und Jugendlichen bei Entscheidungen mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Maximilian Schäfer und Werner Thole führen anschließend in die Rahmenbedingungen des darzustellenden Forschungsprojekts an der Universität Kassel ein. Das Projekt beruht auf empirischen und ethnografischen Erhebungen in vier „klassischen“ und 12 „familienanalogen“ Einrichtungen der Outlaw gGmbH. In sieben dieser Einrichtungen wurde das alltägliche Geschehen einen Tag lang, in neun weiteren in einem Zeitraum zwischen vier und 12 Tagen beobachtet. Insgesamt kamen so 550 Stunden Alltagsbeobachtungen zusammen. Untersucht wurden Aspekte wie: unterschiedliche Rahmenbedingungen, Stellenwert der pädagogischen Fachlichkeit, der Umfang der Sorgezuständigkeit im Alltag sowie das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz in ihren Auswirkungen auf die „Spannungsverhältnisse“ in den jeweiligen Settings.

Die spezifischen Untersuchungsergebnisse der genannten Studie werden von Maximilian Schäfer in einem weiteren Beitrag in Bezug auf die familienanalogen Hilfen analysiert. Ziel dieses Abschnitts ist es, „zu rekonstruieren, wie und als was die Feldmitglieder die stationären Arrangements und ihre gegenseitigen Beziehungen eigentlich deuten.“ (S. 100). Dazu werden erhobene Feldnotizen, Interviewpassagen, Aktenanalysen sowie Fotografien auf der Grundlage einer Analysestrategie nach den Regeln der grounded theory herangezogen. Eingeflossen sind dabei auch die Bedingungen der institutionellen Rahmungen als Bezugspunkte gemeinsamer Praktiken wie etwa: Räumlichkeiten, Dienstzeiten, familial geprägte Rhetorik (Mama“; „Papa“), Familienmitgliedschaft und die sich darauf ergebenden Uneindeutigkeiten in einem Leben zwischen Institution und Familie.

Im Zentrum des folgenden Beitrags von Felizia Bibelhausen, Anne Bretthauer und Maximilian Schäfer steht nun eine kontrastierende Analyse von zwei der untersuchten Unterbringungssettings: Einer Einrichtung (§ 34 SGB VIII), in der 9 zu betreuende Kinder und Jugendliche in einem Haus gemeinsam mit einem betreuenden Ehepaar (und weiteren Angestellten) in teilweise getrennten Räumen leben sowie einer Einrichtung (§ 33 SGB VIII), in der ein betreuendes Ehepaar mit einem leiblichen Sohn und einem 4-jährigen zu betreuenden Mädchen in gemeinsamen Räumen zusammenlebt. Untersucht wird u.a., wie die Pädagog*innen ihr Setting jeweils bezeichnen, wie die Nutzung der Räumlichkeiten erlebt wird und wie sich die Fachpersonen von den Kindern/Jugendlichen nennen lassen (und wie dies jeweils begründet wird).

Den Kontrast zwischen den beschriebenen Settings erneut aufgreifend vertieft der folgende Beitrag von Felizia Bibelhausen unter dem Paradigma eines „(Un-)Doing Familiy“ die Praktiken, mit denen „Familie“ und „Institution“ durch sprachliche Codes (Familie“, „Eltern“, „professionell) jeweils hergestellt bzw. hinterfragt werden. Als begründende Kriterien werden etwa biologische Abstammung, körperlich Nähe, intergenerationales Zusammenleben und Raumnutzung herangezogen, die letztlich bei den Fachkräften zu sehr unterschiedlichen Interpretationen der „Familienähnlichkeit“ ihrer Institution führen.

Aus der Perspektive eines Bereichsleiters des beteiligten freien Trägers skizziert Marco Mattes dessen Entstehungsgeschichte und geht dann auf die Kooperation zwischen der Einrichtung und den wissenschaftlichen Projekten an der Universität Kassel ein. Das in diesem Buch dargelegte Projekt wurde von Beginn an als praxisrelevantes Entwicklungsprojekt angelegt und durchgeführt. Die verschiedenen familienanalogen Wohnformen sind mit unterschiedlichen Herausforderungen hinsichtlich Dienst- und Fachaufsicht verbunden und stellen die Beteiligten insbesondere in arbeitsrechtlicher Hinsicht vor große Herausforderungen.

In ihrem Beitrag berichtet Daniela Reimer (Universität Siegen) von ihrer katamnestisch angelegten Untersuchung zur Frage, wie Pflegekinder mit den „Uneindeutigkeiten“ (S. 194ff) ihres Lebens in einer nicht-verwandten Familie umgehen. Auf der Grundlage von zwei ausführlichen kontrastierenden Fallbeschreibungen wird herausgearbeitet, wie ehemalige Pflegekinder vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen im Betreuungssetting die jeweilige Zugehörigkeit zu „Familie“ rekonstruieren.

In einem abschließenden Beitrag thematisiert Carsten Schröder (Universität Dortmund) den Umgang mit Gefühlen im familienanalogen Wohngruppensetting. Auf der Grundlage von Interviewmaterial aus einer eigenen ethnografischen Studie wird untersucht, wie die „emotionale Wahrnehmung der professionell Handelnden“ (S. 219) deren pädagogisches Handeln prägen, indem die Emotionen der Kinder, aber auch die eigenen, in Bezug auf das pädagogische Geschehen interpretiert und im Sinne von „Emotionsarbeit“ als „Arbeit an fremden Emotionen“ (S. 225) genutzt werden.

Diskussion

Das Buch stellt eine wichtige Ergänzung zum relativ wenig erforschen Gebiet des Alltagslebens in familienähnlichen Unterbringungsformen dar. Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass hier sowohl ein recht guter Überblick über das Forschungsfeld gegeben als auch in guter Weise an theoretische Ansätze angeknüpft wird, die sich hier anbieten.

Die ethnografischen Zugänge in den referierten Projekten sind aufwändig und umso ergiebiger, als dadurch gerade die impliziten Handlungs-und Interaktionsmuster erfasst werden können, die dem Handeln in den jeweils spezifischen Kontexten jenen Sinn verleihen, der den Kontext eben als „Familie“ oder als „Institution“ ausweist. Zu diesem Zweck wird in den Projekten eine Fülle von empirischem Material zusammengetragen, welche die Bedeutungen von Raum, Sprachpraxis, Zeiteinteilung, Handlungspraxen und z.T. emotionaler Beteiligung besonders hervorheben, die ansonsten in vielen empirischen Analysen fehlen.

Ein kritischer Blick auf die aktuellen Tendenzen der „Familiarisierung“ von Erziehungshilfen begleitet das Werk durchgängig und weist damit auch auf implizite und somit verdeckte Widersprüche hin. Entsprechend werden die Einzelbeiträge eingeordnet in den Kontext der Entwicklung entsprechender Hilfeformen.

Zu hinterfragen wäre die – hier wesentlich erweiterte – Verwendung des Begriffs „Erziehungsstelle“. Unter diesem werden – etwa im Ggs. zur Definition in Baden-Württemberg (KVJS 2012, S. 13) – auch Großpflegestellen bzw. Familienwohngruppen subsummiert, was eine fachliche Differenzierung (wieder) erschwert.

Leider wird die Auswertung der doch sehr umfangreichen empirischen Materialien des Kassler Projekts recht selektiv und an eher wenigen Beispielen illustriert. Die zitierten interessanten Interviewpassagen lassen teilweise die vorangehende Frage der/des Interviewers vermissen, was die Interpretation erschwert. Allein eine präzise und feingliedrige Analyse der jeweiligen Wortwahl (wenn/ob etwa die jeweils zitierte männliche Fachkraft die Jugendlichen namentlich benennt oder von „die“ spricht) hätte die Aussagenkraft mancher Interpretationen erhöht. Ein „Doing familiy“ müsste stärker an Beschreibungen konkreter Handlungen, weniger an äußeren Strukturmerkmalen festgemacht werden.

Kontrastierend zu den untersuchten Inhalten steht in einigen Aufsätzen die oftmals recht distanzierte, stark an theoretischen Konzepten orientierte Sprache. Etwas im Gegensatz zum ethnografischen Anspruch werden einige Daten in Hinsicht auf diese Konzepte interpretiert. Gerne hätte der Leser in der Diskussion der Befunde zu den verschiedenen Formen mehr über normative Grundlagen der jeweiligen Alltagsgestaltung hinsichtlich ihrer pädagogischen Eignung erfahren, etwa in dem Sinne: Welche Rolle spielt die Anzahl der zu betreuenden jungen Menschen? Was dient primär der angemessenen Erziehung des jungen Menschen? Was dient primär dem Erhalt der Institution? Was ist institutionell notwendig und wünschenswert? Wie sind Belastungen der Fachkräfte einerseits und Wert des pädagogischen Settings andererseits gegeneinander abzuwägen?

Insgesamt handelt es sich um ein aufschlussreiches, vielfältig materialbasiertes Werk, welches sich auch gut in Abschnitten lesen lässt. Es eignet sich ebenso für Forschungsinteressierte wie für Kandidat*innen in der Berufsvorbereitung. Auch institutionelle Bemühungen um neue Konzeptionen können von dem Buch profitieren.

Literatur

Hübsch, F.; Schäfer, M. & Thole W. (2014): Pädagogischer Alltag und biografische Werdegänge – Erziehungsstellen und pädagogische Hausgemeinschaften im Blick. Wiesbaden.

KVJS (Kommunalverband Jugend und Soziales Baden-Württemberg) (2012): Grundlagen für die Betriebserlaubnis für Einrichtungen der Hilfe zur Erziehung in familienähnlicher Form in Baden-Württemberg. Stuttgart (verfügbar unter: https://www.kvjs.de/suche/?q=Betriebserlaubnis) (Zugriff: 3. 9. 19)


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
E-Mail Mailformular


Alle 22 Rezensionen von Matthias Moch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 25.09.2019 zu: Maximilian Schäfer, Werner Thole (Hrsg.): Zwischen Institution und Familie. Grundlagen und Empirie familienanaloger Formen der Hilfen zur Erziehung. Springer VS (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-20373-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24856.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung