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Gerhard W. Lauth, Bernd Heubeck: Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder [..]

Rezensiert von Michael Schnabel, 05.12.2006

Cover Gerhard W. Lauth, Bernd Heubeck: Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder [..] ISBN 978-3-8017-1829-9

Gerhard W. Lauth, Bernd Heubeck: Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES). Ein Präventionsprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2006. 190 Seiten. ISBN 978-3-8017-1829-9. 34,95 EUR.
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Einführung ins Thema

Darin sind sich alle Untersuchungen aus der Familienforschung einig: Die Belastungen für Familien nehmen durchwegs zu und das Erziehen von Kindern wird dementsprechend schwieriger. Mobilität, Arbeitsplatzwechsel, Arbeitslosigkeit, Verarmung und Scheidungen sind nur einige Probleme, die Eltern mit Kindern kompensieren müssen. Der negative Einfluss des Fernsehens, der Computerspiele und des Internets verschärft noch die Stressfaktoren.

Da kann es nicht ausbleiben, dass all die unkontrollierten Einflüsse das Zusammenleben in Familien unberechenbarer machen und manchmal Auseinandersetzungen eskalieren lassen. Ist das auffällige Verhalten der Kinder in solchen Problemlagen ein Ventil, um dem Druck aus Erwartungen und Anforderungen auszuweichen? Wie dem auch sei, Erziehungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern nehmen zu. Die Eltern sind dann oft ratlos und ihr Blick ist verengt nur auf Belastungen und Krisen. Elterntrainings sollen Eltern in derartiger Lage stützen, ermutigen und ihnen neue Reaktionsweisen eröffnen, damit das Zusammenleben in Familien wieder erfreulicher wird. Das von G. W. Lauth und B. Heubeck vorgelegte "Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES)" grenzt sich vom Gros bisheriger Elterntrainings ab, denn es konzentriert sich vollkommen nur auf die Probleme von Eltern mit auffälligen Kindern.

Aufbau

Das Training wird in dieser Veröffentlichung in zwei unterschiedlichen Teilen vorgestellt: Im ersten Teil werden alle theoretischen Voraussetzungen, die methodischen und praktischen Grundlagen und die Strukturelemente des Trainings beschrieben. Der zweite Teil bietet alle Informationen, Materialien, Schemata und Trainingsvorlagen für die praktische Durchführung.

1. Theoretische Voraussetzungen

Zur Stimulation des Interesses und zur Erhöhung des Aufforderungscharakters stehen gleich zu Beginn anschauliche Schilderungen alltäglicher Problemfälle in Familien; beispielsweise Ärger mit dem Bett-Gehen, Trödeln beim An- und Ausziehen, Unruhe beim Fernsehen, Störungen beim Telefonieren der Mutter, Verweigerung von Aufforderungen der Eltern. Die noch unspezifischen Problemfälle werden einer genauen und stringenten Klassifizierung zugeführt: Präzise Verhaltensbeschreibungen und trennscharfe Kriterien umreißen Hypergenetische Störungen, Störungen des Sozialverhaltens und weitere Erziehungsprobleme aus dem Alltag der Familien. Dann werden Entwicklungsverläufe der genannten Störbilder aufgezeigt und deren Entstehungsbedingungen beschrieben. Folgende Fragebögen und Leitfäden erlauben eine umfassende Diagnostik störenden Verhaltens bei Kindern und deren Bedingungen in den Familien: Allgemeine Verhaltensanalyse; Fragebogen zur Hyperkinetischen Störung, Fragebogen zur Störung des Sozialverhaltens, Erhebung familiärer Belastungssituationen; Erhebung familiärer Ressourcen, Erhebung psychosozialer und umgebungsbezogener Probleme in der Familie, Interviewleitfaden zur Teilnahmebereitschaft der Eltern.

Anschließend werden folgende Strukturelemente des Trainings skizziert: Rahmenbedingungen des Trainings; leitende Modellvorstellungen, die dem Training zugrunde liegen; Trainingsziele; Aufbau der Trainingseinheiten; Aufgaben der Trainingsleiter und vorgesehene Methoden der Evaluation des Trainings. Das Kompetenztraining für Eltern besteht aus sieben Trainingseinheiten und wird mit einer Gruppe von vier bis zehn Müttern und Vätern durchgeführt. Es hat folgende Struktur, die allen Treffen zugrunde liegt: Bekanntgabe der Tagesordnung; Auswertung der Wochenaufgabe; inhaltsspezifische Übungen zum Schwerpunkt der Sitzung; eigene Sträken bewusst machen; Vergabe der Wochenaufgabe. Das Training konzentriert sich vor allem auf Erziehungsfertigkeiten für den Familienalltag und verfolgt unter anderem folgende Ziele: "Die Eltern denken darüber nach, welche Schwierigkeiten es in ihrer Familie gib und was sich vorrangig ändern soll. Die Eltern lernen ihr Kind in „neuem Licht“ und positiver als zuvor sehen. Dadurch soll eine positive Eltern-Kind-Interaktion angebahnt werden. Die Eltern lernen, schwierige familiäre Standardsituationen günstiger zu lösen oder gänzlich zu vermeiden. Die Eltern sollen ihr Kind in positiver Weise anleiten. Die Belastung in den Familien soll dadurch rasch reduziert werden, so dass die Eltern die schwierigen Alltagssituationen konstruktiver angehen. Auf längere Sicht soll das aktuelle Stressniveau in der Familie verringert und eine familiäre Neustrukturierung ermöglicht werden." (S. 63) Mit Hilfe von vier Fragebögen, die von den Eltern ausgefüllt werden, wird der Erfolg des Trainings evaluiert.

2. Die Durchführung des Trainings

Der praktische Teil besteht aus sechs Trainingseinheiten, einer Auffrischungssitzung, sowie aus Überlegungen für kritische Trainingssituationen. Themen der Trainingseinheiten sind: 1. Einheit: Was soll sich ändern? Was soll so bleiben? 2. Einheit: Eine emotionale Basis haben - Positive Spielzeit. 3. Einheit: Eigene Gefühle und Gedanken wahrnehmen. 4. Einheit: Abläufe ändern. 5. Einheit: Durch Konsequenzen anleiten. 6. Einheit: Effektive Aufforderungen stellen.

Die Trainingseinheiten dauern 180 Minuten und haben eine klar ausgearbeitete Struktur, die in allen Einheiten ähnlich ist. Die Trainingssitzungen sind beinahe minutiös ausgearbeitet und enthalten für alle Informationsbeiträge, Arbeitsaufträge, Rollenspiele, Hausaufgaben und Beobachtungsaufgaben ausgearbeitete Vorlagen.

Was ist zu tun, wenn Eltern nicht regelmäßig teilnehmen, die Hausaufgaben nicht durchführen, sich keine Fortschritte einstellen, Eltern im Training nicht mitarbeiten, die Zeit in einer Trainingssitzung zu kurz wird, oder einige Eltern die Gruppe dominieren? Für solche Stolpersteine erhält der Trainingsleiter konkrete Anweisungen im letzten Abschnitt.

Ein äußerst umfängliches Literaturverzeichnis zeigt, wie gründlich die Forschungslage aufgearbeitet wurde.

Zielgruppe und Fazit

Das Trainingskonzept ist vorbildlich  in Theorie und Praxis aufbereitet. Bei der theoretischen Grundlegung werden umfassend die einschlägigen Forschungen einbezogen und somit der Ansatz des Trainings und das Vorgehen überzeugend begründet. Es ist vortrefflich gelungen die richtige Balance zwischen Umfänglichkeit und Übersichtlichkeit in den theoretischen Darlegungen zu finden. Sie kommen keineswegs langatmig und schwerfällig daher, sondern lesen sich interessant und kurzweilig. Die scharfe Gegenüberstellung von Familien mit "normalen" und verhaltensauffälligen Kindern mutet etwas zu hart an, denn auch in normalen Familien regeln sich die angesprochenen Erziehungssituationen nicht von selbst.

Der abgerundeten Theorie folgt ein gründlich aufbereiteter Praxisteil. Alle Trainingssitzungen sind bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und enthalten zusätzlich alle erforderlichen Materialien und Unterlagen. Dabei wird der Trainingsleiter nicht gegängelt und in eine unverrückbare Struktur gezwängt, vielmehr lassen die Trainingseinheiten auch kreative Spielräume zu und ermöglichen somit entsprechend den Erfordernissen der Situation zu reagieren.

Zwei Fragen sind jedoch schwierig zu beantworten: Wer soll dieses Training durchführen und von welchen Institutionen könnte das Training angeboten werden? Eingehende Ausführungen zu diesen Fragen fehlen. Nur aus den Evaluationsberichten kann entnommen werden, dass bisher die Trainerinnen aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Berufen kamen und die Trainings in Erziehungsberatungsstellen und Jugendämtern durchgeführt wurden. Gerade für Erziehungsberatungsstellen und für Jugendämter dürfte das Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder ein bedeutendes Instrumentarium neben der Beratertätigkeit werden.

Rezension von
Michael Schnabel
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München

Es gibt 45 Rezensionen von Michael Schnabel.

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Zitiervorschlag
Michael Schnabel. Rezension vom 05.12.2006 zu: Gerhard W. Lauth, Bernd Heubeck: Kompetenztraining für Eltern sozial auffälliger Kinder (KES). Ein Präventionsprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-8017-1829-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2486.php, Datum des Zugriffs 23.05.2022.


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