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Claudia Maier-Höfer, Sarah Paschelke (Hrsg.): Angewandte Kindheits­wissenschaften

Cover Claudia Maier-Höfer, Sarah Paschelke (Hrsg.): Angewandte Kindheitswissenschaften. Eine Einführung in das Paradigma = Applied childhood studies : an introduction to the paradigm. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 271 Seiten. ISBN 978-3-658-08119-5. D: 17,99 EUR, A: 18,49 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema

Die (neuen) Angewandten Kindheitswissenschaften als wissenschaftliches Paradigma betrachten Kindheit(en) als in permanenter Transformation befindlich, weshalb sie sich an den Dynamiken des jeweiligen Kontextes orientiert müssen und keine Deutungshoheit für sich beanspruchen können. In Anlehnung an die Referenzmodelle von Guérin-Platin, Foucault, Deleuze und Guatarri müssen sich die Angewandten Kindheitswissenschaften somit immer an den Bezugssystemen orientieren, Kindheit(en) können nicht nach feststehenden Referenzmodellen klassifiziert werden, sondern müssen „deterritorialisiert“ werden, also den transzendenten Ordnungsrahmen von bisher hergestellter Wahrheit und Wirklichkeit verlassen, wodurch sie einem Sinnzerriss unterliegen und als Zuschreibungsmacht entlarvt werden. Neuer Sinn muss erarbeitet werden, der die bisher „gegebene“ Wahrheit in Frage stellt und bisher bestehende Aussagegefüge aufbricht.

Herausgeberin und Autor*innen

Herausgeberin des Buches ist Prof. Dr. Claudia Maier-Höfer, Professorin für Kindheitswissenschaften an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Childhood Studies, Poststrukturalismus, strukturalistische Psychoanalyse und inklusive Bildung und Care in der Kindheit. Sie hat den Studiengang Bildung, Erziehung und Kindheit/Childhood Studies entwickelt. Sie zeichnet für die Einleitung und den abschliessenden Beitrag zu Care als Fluchtlinie zum Diskurs der Standardisierung in den Feldern der Frühpädagogik verantwortlich.

Weitere Autor*innen sind Sacha Powell (Professor für Early Childhood Care and Education und Direktor des Research Center for Children, Families and Communities an der Canterbury Christ Church University in Südost-England )und Kathy Goouch (Lehrbeauftragte an der Canterbury Christ Church University), Polly Bolshaw (Dozentin an der Canterbury Christ Church University), Patricia Hofmann (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Fulda am Fachbereich Sozialwesen), Angelika Koch (Professorin für Politikwissenschaften und Sozialpolitik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt), Patricia Bell (Direktorin des Forschungszentrums an der Evangelischen Hochschule Darmstadt) und Sara Amadasi (Doktorantin an der Universität von Padua).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Herausgeberwerk verbindet Forschungsarbeiten der Angewandten Kindheitswissenschaften aus England, Deutschland und Italien, die sich im Kontext von Bildung und Fürsorge in den Kindheitswissenschaften analysierend mit strukturellen und methodologischen Fragestellungen auseinandersetzen, mit der Zielsetzung, dass Studierende, Lehrende und Forschende der Entstehung dieses Paradigmas folgen können.

Aufbau

In ihrer Einleitung gibt die Herausgeberin Claudia Maier-Höfer eine Einführung in das Thema der Kindheit(en) und ihrer Diskurse, skizziert einige populäre Referenzmodelle über Kinder, Kindheit(en) und Jugend und stellt das Paradigma der Angewandten Kindheitswissenschaften und ihre Herausforderungen mit Verweis auf die Referenzmodelle von Guérin-Platin, Foucault, Deleuze und Guatarri dar.

Im folgenden Teil diskutieren Sacha Powell und Kathy Goouch vor dem Hintergrund des sich zunehmend kommerzialisierenden „Betreuungsmarktes“ für Kleinkindern in vielen Ländern die Frage, wie Macht und Machtausübung die Beziehung zwischen Kleinkindern und ihren Betreuern beeinflussen kann.

Anschliessend geht Polly Bolshaw im Rahmen einer Handlungsforschung der Frage nach, wie sich die professionelle Identität von fachschulisch ausgebildeten Studierenden im Bereich der Bildung und Betreuung in früher Kindheit entwickelt. Sie stellt Zusammenhänge her zwischen einer entstehenden Professionalität der Fachkräfte, dem Habitus der Fachschulausbildung und der Notwendigkeit von emotionalem Kapital.

Mit dem Beitrag „Babies getting Babies“ beschreibt Patricia Hofmann im nächsten Beitrag die Lebenssituation junger Mütter in Monrovia/Liberia anhand einer kooperativen Sozialforschung mit eben diesen Müttern.

Angelika Koch diskutiert im Folgenden dann Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Elternschaft im Zusammenhang mit Elterngeld, Arbeitszeitpolitik und Kinderbetreuung in Deutschland und die Frage wie Fürsorgearbeit vor dem Hintergrund einer Analyse von Familien- und Geschlechterpolitik in Zukunft neu organisiert werden sollte.

Patricia Bell befasst sich im Folgendem mit Überlegungen zur gemeinsamen Elternschaft nach einer Trennung aufgrund von Gewalt in der Partnerschaft im Spannungsfeld der Rechte von Vätern, Kindern und der Verantwortlichkeiten der Mütter, die vor häuslicher Gewalt in Frauenhäuser fliehen, und der Frage, wie das Recht der Kinder auf Kontakt zu beiden Elternteilen auch nach der Trennung der Eltern aufgrund von Gewalt in der Partnerschaft aufrecht erhalten werden kann.

Sara Amadasi stellt hernach methodologische Anmerkungen zu einer Studie in Parma und Reggio Emilia in Italien zu transnationalen Identitäten im Kontext von Schulpflicht an, die auf einer Feldstudie mit schulpflichtigen Kindern mit Migrationshintergrund basieren, die zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen pendeln und Erfahrungen des „Dazwischenseins“ machen.

Abschließend betrachtet Claudia Maier-Höfer den Aspekt des Erzeugens neuen Sinns unter der Frage, was denn eigentlich Bildung in früher Kindheit ist, und diskutiert dies unter Zuhilfenahme von Forschungen von Reggio und des Stockholm Institute of Education vor dem Hintergrund voranschreitender Standardisierungen in Curricula und Dokumentationstätigkeiten in Kindertageseinrichtungen und setzt sie in Bezug zu einer Ethik der Anerkennung des kreativen und Sinn stiftenden Denkens.

Inhalt

Die Herausgeberin Prof. Dr. Claudia Maier-Höfer skizziert in der Einleitung einen Überblick über aktuelle wissenschaftliche Diskurse im Zusammenhang mit Kindheit(en) und stellt dabei in Anlehnung an Guérin-Platin deren vier Referenzmodelle der zerbrechlichen und messianischen Jugend, der Jugend der Bürger*innen sowie die gefährliche Jugend bzw. Jugend in Gefahr dar, um die öffentliche Rhetorik, die Kinder und Jugendliche betrifft, einordnen zu können. Dabei verweist sie darauf, dass diese Referenzmodelle keinesfalls Kategorisierungen darstellen, sondern vielmehr erkennbar machen, wie Denkstrukturen und gesellschaftliche Strukturen stabilisiert werden, um Planbarkeit zu suggerieren. In Anlehnung an Foucault und Deleuze und Guattari stellt sie dar, wie im Konzept von Diagrammen und Deterritorialisierung die Bedeutung von Subjektivität und Akteur*innenschaft im Bezug auf diese Stabilisierungen und im Zusammenhang mit der Transformation gesellschaftlicher Felder verstanden werden können, und das es Menschen gibt, die durch diese Diagramme hindurchfallen. Es entstehen nach Foucault „Regime der Wahrheit“, die uns suggerieren, wie Kindheit ist bzw. sein sollte, und was im Diskurs darüber zu sagen erlaubt ist. Sie regt daher einen „Sinnzerriss“ an, der den Ordnungsrahmen von scheinbarer Wahrheit und Wirklichkeit verlässt und sich gegen die Stabilisierungen der suggerierten Ordnungen und gegen das Systems des etablierten Denkens stellt und die Zuschreibungsmacht in Frage stellt. Es muss also neuer „Sinn“ in den gesellschaftlichen Feldern erarbeitet werden, die sich an den subjektiven Erfahrungen der Betroffenen ausrichtet, um neue Subjektivierungs- und Aussagegefüge entstehen zu lassen, die die Dynamik der Deutungshoheit erschüttern. Das Leben der Kinder findet auf die bestehenden Strukturen bezogen statt, wodurch sich die Angewandten Kindheitswissenschaften im Bezug auf neue Sinngebung an den Dynamiken in den jeweiligen Kontexten von Angewiesenheit orientieren müssen. In Anlehnung an Honig bemerkt Maier-Höfer sind „Kinder ohne Kindheit“ aber nicht zu haben, was zur Folge hat, dass das „Regime der Wahrheit“ hinterfragt werden muss und in der Paradigmendiskussion auch über bestehende Ordnungen, Sprache, soziale Praktiken und über (scheinbare) Erkenntnistheorien nachgedacht werden muss. Die Kindheitswissenschaften müssen sich selbst in Bezug zu ihren eigenen Forschungsarbeiten und ihren eigenen Denkstilen neu kennen lernen.

Im darauf folgenden Beitrag, der in englischer Sprache verfasst ist, versuchen Powell und Goouch die Frage zu klären, warum sich Fachkräfte, die in englischen „baby rooms“ in der Betreuung von unter zweijährigen Kindern beschäftigt sind, selbst die Rolle zuschreiben, nur Betreuerinnen und keine professionellen Fachkräfte zu sein. In der Abstimmung der Schlafenszeiten der Kinder mit den Eltern wird deutlich, dass die Fachkräfte ein Bewusstsein des niedrigen Status' gegenüber den Eltern haben, was sich in der Umsetzung der entweder von den Eltern vorgegebenen oder von den Fachkräften am Rhythmus des Kindes orientierten Schlafenszeiten der Kinder verdeutlicht. In der partizipativen Handlungsforschung von Powell und Goouch wird veranschaulicht, wie wenig anerkannt sich die Fachkräfte vorkommen, und wie sie den ihnen zugeschriebenen Status „lowest of the low“ selbst bestätigen, wobei der Bezug zur kollektiven Identität der Gruppe der Fachkräfte und die Darstellung ihrer beruflichen Rolle in Medien und Politik eine Rolle spielt. Letztlich arbeiten sie heraus, dass die Machtlosigkeit der Fachkräfte und die der Kleinkinder miteinander verbunden ist.

Es schließt sich ein Forschungsbericht über die Entwicklung von professioneller Identität von bisher fachschulisch ausgebildeten Diplom-Studierenden in der frühkindlichen Bildung und Betreuung in England von Polly Bolshaw an, ebenfalls in englischer Sprache verfasst. Die mittlerweile von der englischen Regierung verfolgte Zielsetzung, die Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen im Vereinigten Königreich sukzessive zu akademisieren, sollte nach Ansicht Bolshaws nicht dazu führen, dass die Fachkräfte erneut in eine Situation geraten, in der sie ihren Berufsstatus als niedrig empfinden und sie somit zu automatisch Umsetzenden standardisierter Qualitätsansprüche werden. Vielmehr sollten sie eine eigene, professionelle Berufsidentität erarbeiten. Bolshaw versucht dies anhand der Einrichtung von heterogenen zusammen gesetzten Lerngruppen unter den Studierenden zu erreichen, die sich auch und vor allem mit der kritischen Reflexion ihrer Berufspraxis und mit der eigenen emotionalen Arbeit auseinandersetzt.

Diese beiden Beiträge sind unter der Überschrift „Strukturen und Rahmenbedingungen von sozialen Praktiken und Praktiken der Ausbildung“ subsumiert, die nächsten drei Beiträge gehören zum zweiten Teil des Herausgeberwerkes unter der Überschrift „Lokale Praktiken, nationale und globale Politik und Transformationen“, ehe zum Ende die letzten beiden Beiträge unter der dritten Überschrift „Transnationale, multilinguale, multimodale, plurizentrische und interkulturelle Strukturen des Aufwachsens“ behandelt werden.

Der zweite Abschnitt beginnt mit einem Beitrag von Patricia Hofmann zur empfundenen Lebenswelt von jungen Müttern in Liberias Großstadt Monrovia. Die Erfahrungen der jungen Mütter rund um die gesellschaftliche Zuschreibung „Babies getting Babies“ umfasst den Ausschluss vom weiteren Schulbesuch, den Abbruch von Peer-Beziehungen und die Abwertung der eigenen Person im Familienverbund. Hofmann entwickelte einen Zugang zu den betroffenen Frauen über Workshops in einem Zentrum für Kinderbetreuung in Monrovia eine kooperative Grundlagenforschung durchführend, die weiterhin in der Gesellschaft präsent sein wollen, weiterhin die Schule besuchen wollen und ihre Lebensentscheidung, ein Kind zu bekommen, für sich annehmen und sich so das Erwachsensein selbst gestalten wollen. Bestehend aus Partnerinterviews, Kleingruppenarbeit, musikalischem Kennenlernen und der Rekonstruktion räumlicher Alltagsgegebenheiten wie sicherer oder unsicherer Räume ermöglichte Hofmann einen Zugang, der die Wahrnehmung der individuellen Lebenswelten der betroffenen Frauen beleuchtete, und Aufschluss über ihre Selbstwahrnehmungen und Wünsche im Kontext der gesellschaftlichen Dynamiken ergab.

Angelika Koch stellt im nächsten Beitrag die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Elternschaft im Zusammenhang mit Elterngeld, Arbeitszeitpolitik und Kinderbetreuung in Deutschland zur Diskussion. Ausgehend von den häufig geführten politischen Diskussionen über Fürsorgearbeit im Zusammenhang mit der Gestaltung von geschlechter- und kindgerechten Verhältnissen in der Bundesrepublik, stellt Koch die Frage nach einem Paradigmenwechsel in der politischen Steuerung. Dabei stellt sie die politische Gestaltung der Verantwortlichkeit für die Sorge und Betreuungsarbeit mit der Konsequenz für die Gleichheit der Geschlechter zur Debatte, und argumentiert dies als Grundfrage geschlechterbezogener Wohlfahrtstaatforschung vor dem Hintergrund, wie Egalität in der politischen Gestaltung von Sorgearbeit erreicht werden kann. Sie plädiert dafür, dass im Sinne einer Geschlechtergerechtigkeit die politischen Umverteilungsmaßnahmen die ungerechten Folgewirkungen, die sich aus den gesellschaftlichen Dynamiken ergeben, in der Form beseitigen, indem sie die Verhältnisse, die zu diesen Dynamiken führen, aufheben, was auf die Neustrukturierung der Erwerbsarbeit mit einem veränderten Normalarbeitszeitstandard hinaus laufen müsste und den Wert der Anerkennung der Fürsorgearbeit neu definieren müsste.

Der zweite Abschnitt wird abgerundet mit einem Beitrag von Patricia Bell, der, wiederum in englischer Sprache verfasst, sich mit Überlegungen zur gemeinsamen Elternschaft nach einer Trennung aufgrund von Gewalt in der Partnerschaft befasst. Aus der Perspektive von Mitarbeitenden aus Frauenhäusern in Deutschland betrachtet stellt sie vor allem die Situation der Mütter und Kinder dar, die sich im Spannungsfeld von Kinderschutz und dem Recht von Vätern auf Kontakt mit den Kindern und dem Recht der Kinder auf Kontakt mit ihren Vätern bewegt. Dabei wird die Situation in Anlehnung an Hesters Theorie von den drei Planeten der „häuslichen Gewalt“, des „Kinderschutzes“ und des „Eltern-Kind-Kontakts“ gerahmt, letzterer vertreten durch die Familiengerichte, die nicht selten Kontakt- oder Besuchsregelungen erwirken, die nicht unter der Berücksichtigung der Wahrnehmungen der Mütter und Kinder im Zusammenhang mit den vorangegangenen Gewalterfahrungen bzw. unter der Berücksichtigung der Mutter-Kind-Beziehung getroffen werden. Dies birgt die Gefahr der doppelten Erfahrung von Ohnmacht und des ausgeliefert sein. Bell plädiert für die Wahrung der Rechte der Kinder, ihnen Kontrolle über ihr körperliches und emotionales Wohlgefühl zu geben, sie über ihre Rechte zu informieren und sicherzustellen, dass die Täter der gewaltvollen Taten Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen und sich bei den Kindern entschuldigen, sodass den Kindern ermöglicht wird, auch weiterhin in Kontakt mit beiden Elternteilen zu sein, auch vor dem Hintergrund vorangegangener innerfamiliärer Gewalterfahrungen.

Der dritte Abschnitt beginnt mit methodologischen Anmerkungen von Sara Amadasi zu einer Feldstudie aus Parma und Reggio Emilia in Italien zu Kindern und ihren Erfahrungen mit transnationalen Identitäten im Kontext ihrer Schulpflicht. Der Beitrag ist in englischer Sprache verfasst. Die schulpflichtigen Kinder mit Migrationshintergrund, die transnationale Mobilitätserfahrungen machen, indem sie einen Teil ihres Lebens in Italien verbringen und einen anderen Teil zumeist in den Heimatländern ihrer Eltern, bewegen sich im Spannungsfeld ihrer eigenen transnationalen Erfahrungen, und der Wahrnehmung dieser von Schulorganisationen, die diese mitunter als Störfaktor wahrnehmen, wollen sie doch ein strukturiertes (Lern)umfeld darstellen, dass zumeist von einem stabilen Kultur- und Identitätsbegriff ausgeht und die wechselnden Aufenthalte der Kinder nicht als förderlich im Zusammenhang mit der Schulsituation begreifen. Amadasiversuchte sich den Lebenswelten der Kinder in Workshops zu nähern, gepaart mit Beobachtungen im Schulunterricht und Interviews mit den Lehrer*innen, mit dem Ziel, den Kindern einen positiven Zugang zu ihren transnationalen Erfahrungen zu ermöglichen. In den Narrativen erarbeitet sie, dass die Bedeutungen von Identität, Kultur und das Konzept des „Dazugehörens“ erweitert werden.

Abschliessend beschäftigt sich die Herausgeberin Claudia Maier-Höfer mit dem Verständnis von Bildung in der frühen Kindheit, wenn es vor dem Hintergrund einer Ethik der Anerkennung von kreativem und Sinn stiftenden Denkens und Handelns der Kinder analysiert wird. Unter der Prämisse, dass sich aktuelle frühpädagogische Diskussionen und Praxen vor je unterschiedlichen Hintergründen immer auf Fragen der Kontrolle und der Effizienz beziehen, weil sie von Repräsentationen und Schemata ausgehen, die als wahr und wirklich dargestellt werden, machen diese sich selbst aus ihrer Sicht zu einer „Bewältigungsaufgabe“, als Anpassung an eben diese angenommene Wirklichkeit und Wahrheit. Als Paradigma der Angewandten Kindheitswissenschaften muss nach Maier-Höfer aber eine andere Frage als die nach Qualität, Standards und Effizienz bedeutsam werden, denn Bildung kann so kein planbares Konzept darstellen, in dem Sinne, dass es ein Wissen für Kinder gäbe, dass zu erwerben sei. Im Mittelpunkt einer Ethik der Anerkennung des kreativen Denkens und des Sinn stiftenden Bezugs der Kinder zueinander stünde vielmehr die Frage, wie die Kinder ihre eigenen Wirklichkeit(en) im Transformationsprozessen ihrer Erlebnisse wahrnehmen, wie sie diesen neuen Sinn geben. Dies verändert die Arbeitsweise von Pädagog*innen, nun die Dynamiken des Lernens und der Entwicklungen, die von den Kindern mit ihren eigenen Strategien und in Bezug zueinander entwickelt werden, wahrzunehmen, was ein Konzept von „Care“ im Sinne von Fürsorge im Bezug zur Bildungsphilosophie von Bildung als Ereignis entstehen ließe. 

Diskussion

Das Buch „Angewandte Kindheitswissenschaften-Eine Einführung in das Paradigma“ der Herausgeberin Prof. Dr. Claudia Maier-Höfer gibt einen Einblick in die Philosophie der Angewandten Kindheitswissenschaften, scheinbar feststehende Wahrheiten und Wirklichkeiten im Bezug auf Kindheit(en) zur Seite zu schieben, und im Stile einer im Buch beschriebenen „Ethik der Anerkennung des kreativen und Sinn stiftenden Denkens“ dem Konzept der Kindheit(en) neuen Sinn zu geben. Dabei kommt vor allem die Wahrnehmung und Sichtweise der Betroffenen im jeweiligen praktischen Feld zum Tragen.

Das Herausgeberwerk veranschaulicht dies an verschiedenen Forschungsarbeiten aus England, Deutschland und Italien und versucht anhand dieser den Geist der Angewandten Kindheitswissenschaften zu subsumieren und darzustellen, wobei vor allem auf die gesellschaftlich verbreiteten Zuschreibungen und daraus entstehenden Macht und Ohnmachtsverhältnisse eingegangen wird. Unter den drei Bereichen der Ausbildungsstrukturen, der lokalen Politiken und Transformationen, sowie den Aspekten des transnationalen, multilingualen, multimodalen, plurizentrischen und interkulturellen Strukturen des Aufwachsens werden verschiedene, interessante Einblicke in die Wahrnehmungen und Wahrheitsdeutungen von jeweils von der Thematik Betroffenen skizziert, die eine Idee von der Grundthematik- und Ausrichtung des Ansatzes vermitteln.

Die zum Teil in englischer und zum Teil in deutscher Sprache verfassten Forschungsberichte werden allesamt nachvollziehbar in ihrem Forschungsdesign und ihren Konklusionen dargestellt, ein Bezug zum Titel und Thema des Buches ist deutlich zu erkennen. Die Intention der Angewandten Kindheitswissenschaften wird herausgearbeitet und verdeutlicht, zum Teil mit überraschenden Ergebnissen. Dabei ist die verwendete Sprache wissenschaftlich gehalten und für Laien vielleicht nicht immer leicht nachvollziehbar.

Fazit

Das Herausgeberwerk „Angewandte Kindheitswissenschaften-Eine Einführung in das Paradigma“ von Prof. Dr. Claudia Maier-Höfer beschäftigt sich vor dem Hintergrund einer Analyse von strukturellen und methodologischen Fragestellungen zu Kontexten von Bildung und Fürsorge mit den Wahrnehmungen der in ihnen agierenden Personen, die die bestehenden Systeme in diesen Kontexten beeinflussen, stabilisierend oder infragestellend.

Anhand verschiedener Forschungsprojekte werden verschiedene Formen der forschenden Herangehensweisen der Angewandten Kindheitswissenschaften dargestellt und die Ergebnisse diskutiert. Dabei wird die Frage diskutiert, ob scheinbar bestehende Wahrheiten und Wirklichkeiten im Kontext von Kindheit(en) nicht durch Unterstützung von bestehenden gesellschaftlichen Dispositionen und Diskursen kreiert werden, und die These aufgestellt, die Angewandten Kindheitswissenschaften sollten im Kontext einer „Ethik der Anerkennung des kreativen und Sinn stiftenden Denkens“ Kindheit(en) losgelöst von eben solchen Dispositiven betrachten.

Literatur

Maier-Höfer, Claudia (Hrsg.) (2016): Angewandte Kindheitswissenschaften-Applied Childhood Studies. Eine Einführung in das Paradigma-An introduction to the paradigm. Wiesbaden: Springer VS 


Rezensent
Daniel Frömbgen
Kindheitswissenschaftler B.A. Multiplikator für Partizipation in Kindertagesstätten
Homepage www.kibiko.org
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Zitiervorschlag
Daniel Frömbgen. Rezension vom 26.03.2019 zu: Claudia Maier-Höfer, Sarah Paschelke (Hrsg.): Angewandte Kindheitswissenschaften. Eine Einführung in das Paradigma = Applied childhood studies : an introduction to the paradigm. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-08119-5.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24862.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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