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Andrea Tures, Norbert Neuß (Hrsg.): Multiprofessionelle Perspektiven auf Inklusion

Cover Andrea Tures, Norbert Neuß (Hrsg.): Multiprofessionelle Perspektiven auf Inklusion. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 231 Seiten. ISBN 978-3-8474-0590-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Herausgeber/in

Beide Herausgeber sind in der Abteilung Pädagogik der Kindheit im Institut für Schulpädagogik, Elementarbildung und Didaktik der Sozialwissenschaften der Universität Gießen tätig. Andrea Tures ist Akademische Rätin und Norbert Neuß ist Professor für Kindheitspädagogik.

Aufbau

Der Band über Multiprofessionelle Perspektiven auf Inklusion gliedert sich in fünf Abschnitte mit je zwei bis vier Beiträgen im Umfang von je zehn bis 15 Buchseiten. Diesen vorangestellt ist ein einführender Artikel der Herausgeber, in dem der gegenwärtige Diskussionsstand zur Inklusion sowie die Zielsetzung des Bandes umrissen wird. Der Diskussionsstand referiert im Wesentlichen jene Teile der Diskussion, die sich um schulische Inklusion drehen.

Inhalt

Abschnitt Kindheitspädagogische Perspektiven: Der Abschnitt umfasst drei Beiträge. Im ersten Beitrag von Tures, Lingenauber und Niebelschütz wird die inklusive Weiterentwicklung von frühpädagogischen Regeleinrichtungen thematisiert. Die Autorinnen referieren die Ergebnisse eines Begleitforschungsprojektes, dass in einer an der Reggio-Pädagogik orientierenden Einrichtung stattfand. Im zweiten Beitrag analysieren Schmude und Witschel das Programmdokument zum hessischen Bildungsprogramm aus diskursanalytischer Perspektive. Die beiden Autorinnen erörtern, wie das ausgewählte Dokument durch Wortverwendung und Bildsprache das Verständnis von Vielfalt und Inklusion erkennen lässt. Der dritte Beitrag zu den kindheitspädagogischen Perspektiven beschreibt ein inklusives Praxiskonzept. Wagner beschreibt hierin anhand der Kategorien Diversitätsbewußtsein und Diskriminierungskritik die Möglichkeiten einer diesbezüglich sensibilisierten Praxis in Kindertagestätten.

Abschnitt Schulpädagogische Perspektiven: Henkel betrachtet in ihrem Artikel den Übergang von der Kita in die Schule und problematisiert die dort beobachtbaren Selektionsprozesse. Im zweiten Beitrag von Heimlich wird die Frage der Qualität inklusiver Schulen erörtert. Dabei steht im Vordergrund, wie auf der Ebene der Institution Schule eine Qualitätsentwicklung erfolgen kann, die den Anforderungen der UN-BRK gerecht werden kann. Der Beitrag von Kiel schließlich gibt einen Überblick zum Stand der Theorie und der empirischen Forschung zum Thema Inklusion. In diesem, bereits an dieser Stelle der/dem Leser*in empfohlenen, Beitrag wird höchst kenntnisreich die Entwicklung der Diskussion, die wesentlichen vertretenen Positionen und die erkennbaren Forschungsdesiderata dargestellt. Der vierte Beitrag von Sturm verfolgt die Auswirkungen eines Inklusionsverständnisses für das schulische Leistungsprinzip.

Abschnitt Heil- und Sonderpädagogische Perspektiven: Von Stechow leitet den Abschnitt mit dem Arbeitsfeld der Erziehungshilfe ein. Jenseits der Debatte über die bereichernde Vielfalt einer Schule für alle problematisiert sie die Lage von Kindern, die als sog. Verhaltensgestörte die Möglichkeiten der schulischen Inklusion an ihre Grenzen führen können und ebenso einen Anspruch auf optimale Förderung und ein angemessenes Umfeld haben. Im Aufsatz von Stöpplter wird der Fokus geweitet auf die Situation außerhalb der pädagogischen Institutionen. Am Begriff der Barrierefreiheit illustriert der Beitrag die Herausforderungen einer inklusiven Lebenswelt für Menschen mit z.B. Beeinträchtigungen im Bereich der Mobilität. Sowohl Greisbach als auch der Beitrag von van Minnen problematisieren Fragen und Probleme der barrierefreien Sprache.

Abschnitt Sozial- und Familienpädagogische Perspektiven: Albers und Ritter greifen das Thema Inklusion im Kontext von Familien mit Fluchterfahrung auf und formulieren einen erweiterten Anforderungskatalog, der die Verweise des Inklusionsbegriff zum Flucht- und Migrationsdiskurs herstellt. Kobelt-Neuhaus geht der inklusiven Vernetzung im Sozialraum nach, indem sie Inklusion als umfassende Kategorie der Teilhabe im Sozialraum erörtert.

Abschnitt Internationale Perspektiven: Über den deutschsprachigen Diskursraum greift der letzte Abschnitt hinaus. Zunächst referiert Kron empirische Ergebnisse eines Vergleiches ausgewählter europäischer Länder hinsichtlich früher Bildungswege. Der abschließende Beitrag von Tures gibt die Erfahrungen der Autorin in Australien wieder.

Diskussion

Schon der einführende Artikel zeigt auf, dass der Begriff Inklusion im Verständnis der Herausgeber auf den Bereich Kinder und Jugendliche und die entsprechenden pädagogische Institutionen enggeführt wird. Dies entspricht auch stark der (medien-)öffentlichen Wahrnehmung des Begriffs und seiner Reduktion als Thema von Bildung und Behinderung. Inklusionsfragen des Erwachsenenalters und vieler weiterer Bereiche der UN-BRK werden nur in einem Abschnitt aufgegriffen. Der einführende Beitrag könnte stärker hervorheben, was die Zusammenstellung der Autor*innen geleitet hat und welche konkreten Erwartungen damit verbunden wurden.

Die Kritik der Autor*innen entzündet sich mal zu mal an Begriffen wie der Inklusionsquote (Anteil von Kindern mit amtlichem Förderbedarf in Regelschulen) und greift doch gleichzeitig immer wieder auf diese Kategorie zurück, um Defizite zu monieren. Hier ist ein deutliches Forschungsdesiderat zu erkennen, um der erhobenen Kritik am Stand der schulischen Inklusion künftig eine solidere empirische Basis zu geben.

Der theoretische Diskussionsstand zur Inklusion wird im Beitrag von Ewald Kiel auf den Punkt gebracht: „Der theoretische Diskurs ist einerseits von einem Widerspruch zwischen Wertorientierungen und diagnostischem Anspruch geprägt. Ein humanistisches Ethos, häufig gepaart mit dem Wunsch nach unbedingter Dekategorisierung, verträgt sich nur schlecht mit einer entwickelten sonderpädagogischen Diagnostik und den RTI-Ansätzen. Andererseits werden Chancen der Anknüpfung an bestehende Wissensbestände vernachlässigt“ (Kiel 2017: 99).

Bei der Lektüre des gesamten Bandes fällt redundant auf, dass nahezu jeder der ehedem recht kurzen Artikel einen erheblichen Raum für „sein“ Inklusionsverständnis, der Trennung von Regel- und Sonderschulen sowie der völkerrechtlichen Situation der UN-BRK in Deutschland einräumt.

Fazit

Der Band bietet, trotz editorischem Optimierungspotenzial, einige interessante Einblicke in die Deutungswelt und die vielfältigen Bemühungen zur Inklusion im Vorschul- und Schulalter. Eine Art Zwischenbilanz der Fachdiskussion durch die Herausgeber hätte das Bild abrunden können. Der Band bietet eine Reihe von Anregungen, in welche Richtungen das Thema Inklusion bei Kindern- und Jugendlichen gedacht werden muss und an welchen Stellen Forschungsbedarf besteht.


Rezensent
Prof. Dr. Sascha Weber
Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Organisation und Verwaltung Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Sascha Weber. Rezension vom 12.06.2019 zu: Andrea Tures, Norbert Neuß (Hrsg.): Multiprofessionelle Perspektiven auf Inklusion. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-0590-0.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24863.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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