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Peter Baumeister, Annette Bauer u.a. (Hrsg.): Arbeitsfeld ambulante Hilfen zur Erziehung

Cover Peter Baumeister, Annette Bauer, Reinhild Mersch, Christa-Maria Pigulla, Johannes Röttgen (Hrsg.): Arbeitsfeld ambulante Hilfen zur Erziehung. Standards, Qualität und Vielfalt. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 197 Seiten. ISBN 978-3-7841-2890-0. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 24,00 sFr.

Reihe: Jugendhilfe.
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Thema

Die ambulanten Hilfen zur Erziehung stellen eine wesentliche und nicht unbedeutende Säule der Jugendhilfe dar. Die Trägerschaft für diese Angebotsformen wird überwiegend von den Wohlfahrtsverbänden übernommen. Sie haben unterschiedlich ausdifferenzierte Leistungsangebote im Portfolio und je nach Verband unterhalten sie verschiedene Qualitätsicherungssysteme. Die ambulanten Hilfen erreichen jährlich über eine Million Kinder und Jugendliche mit ihren Familien. Sie bieten vielen tausenden Fachkräften einen Arbeitsplatz. Mit einem Volumen von etwa über einer halben Milliarde Euro liegen sie deutlich unter den Kosten der stationären Jugendhilfe und Kinderbetreuungskosten. Sich mit den ambulanten Hilfen zu beschäftigen, erscheint nicht nur sinnvoll, sondern auch geboten.

Entstehungshintergrund

Der Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe (kurz BVkE) hat sich als Fachverband zum Ziel gesetzt, die darin zusammengeschlossenen katholischen Einrichtungen dabei zu unterstützen, fachlich fundierte (Jugend-)Hilfen anzubieten und rüstet sie mit fachlichen Publikationen zu verschiedenen Themen und Schwerpunkten der Jugendhilfe aus.

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Sammelband beinhaltet 11 Beiträge von unterschiedlich in der Praxis der Jugendhilfe und Lehre tätigen SozialarbeiterInnen und PädagogInnen.

  • Den ersten Beitrag stellt Elisabeth Helming dar. Sie untersucht die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) im Kontext gesellschaftlicher und normativer Veränderungen und macht die Profilbildung und -veränderung dieser Hilfeart über die Zeit deutlich. Aktuelle Entwicklungen im Rahmen des Kindeswohls, der Novellierung durch das Bundeskinderschutzgesetz werden von ihr miteinbezogen, ebenso abschließend die deutliche Empfehlung für „eine wissenschaftlich-empirisch unterstütze Qualitätsoffensive“ (S. 25).
  • Im zweiten Beitrag werden von Jens Pothmann die ambulanten Jugendhilfen auf Basis der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik aufbereitet. Der Autor zeigt Entwicklungen in der Inanspruchnahme der Hilfen und in der Finanzierung auf, geht auf regionale Unterschiede im Bundesgebiet ein und versucht die entsprechenden Zielgruppen und Lebenslagen, die einer jeweiligen Hilfeart zugrunde liegen, herauszuarbeiten. Mit dem anstehenden oder zu erwartenden Umbau des SGB VIII erwartet der Autor keine Stagnation der Inanspruchnahme.
  • Der dritte Beitrag wird von Thomas Mörsberger beigesteuert, der mit der Frage „Wird da mit offenen Karten gespielt“ eine kritische Reflexion darüber anstößt, wie mit dem „Ambulanten Helfen“ fachpraktisch aktuell umgegangen wird. Er beleuchtet aus mehreren Perspektiven das Konstrukt des „Ambulanten Helfens“, bezieht geplante Entwicklungen aus der SGB VIII Reform mit ein, analysiert das „Weg-Driften“ der Jugendhilfe von dem ursprünglichen Hilfe-/​Unterstützungsansatz hin zu einem verstärkt gefährdungslastigen Blick und hinterfragt, ob das „ambulante Konstrukt“ in der Praxis tatsächlich diesem freien und beweglichen Charakter noch entspricht, wie der Begriff es zugrunde legt.
  • Im vierten Beitrag von Frank Plameyer wird die Finanzierungspraxis der ambulanten Hilfen in den Fokus genommen. Ausgehend von der Fachleistungsstunde, die der Autor als „Leitwährung“ (S. 60) für soziale Dienstleistungen herleitet und erklärt, zeigt er auf, welche ursprünglich intendierte Funktion und Absicht diese Finanzierungsform hatte und wie die Alltagspraxis über die Jahre diese vorgenommenen Ansprüche zunehmend erodierten. Regionale Unterschiede und sowie Unterschiede in den ambulanten und stationären Erziehungshilfen werden von ihm ebenso aufgegriffen.
  • Joachim Merchel zentriert im fünften Beitrag die Perspektive auf die Arbeitsbedingungen in der ambulanten Erziehungshilfe. Der Themenkomplex „Arbeitsbedingungen“ sieht der Autor eng verbunden mit dem Thema „Qualität“ und rückt damit die Fachkraft als zentralen Qualitätsfaktor in seinem Beitrag. Sachliche, zeitliche und institutionelle Aspekte erfahren von ihm ebenso Berücksichtigung.
  • Mit der „Supervision im Arbeitsfeld“ der ambulanten Hilfen wird der von Merchel angestoßene Blickwinkel durch Christiane Tölle vollendet. Die praktizierende Supervisorin stellt ihre „Top 10“ der Supervisionsthemen dar, die ihr in der Praxis mit den SupervisantInnen begegnen. Entlang dieser Liste möchte sie die besondere Charakteristik und das Profil dieser Arbeit herausstellen und die Notwendigkeit der Supervision für die Qualitätssicherung und Psychohygiene betonen.
  • Im siebten Beitrag von Marcus Hansen mit dem Thema „Lebensvielfalt erfordert Leistungsvielfalt“ wird ausgehend von der These, dass „wenn die Welt bunt und vielfältig ist, (müssen) auch die Hilfen für Menschen in Notlagen diese Buntheit und Vielfalt repräsentieren“ (S. 95). Der Autor beschäftigt sich mit zunehmenden Herausforderungen und Trends der ambulanten Jugendhilfe und arbeitet entlang von fünf Themenbereichen heraus, welche Herausforderungen die ambulante Jugendhilfe zukünftig bewältigen muss.
  • Der achte Beitrag „Methoden- und Praxisvielfalt in den ambulanten Hilfen zur Erziehung“ zielt auf die Darstellung einer Auswahl an Methoden, die nach Ansicht der Autoren und Herausgeber die Methodenvielfalt in diesem Arbeitsfeld gut widerspiegelt. Es erfolgt ein kurzer Abriss zur Systemischen Beratung, Video Home Training, Soziale Gruppenarbeit, Biografiearbeit uvm.
  • Im neunten Beitrag „Wirkungen ambulanter Erziehungshilfen“ plädiert Klaus Wolf für die Einführung eines „sozialpädagogischen Modells sozialpädagogischer Interventionen“ (S. 158) in Abgrenzung zu rein klinisch orientierten Behandlungsmodellen in diesem Arbeitsfeld. Die damit akzentuierte sozialpädagogische Rahmung unterlegt der Autor mit (ebenfalls) sozialpädagogisch bedeutsamen Wirkfaktoren, die Ausgangspunkt für sozialpädagogische Interventionen bedeutsam sind.
  • Der vorletzte zehnte Beitrag wird von zwei Autoren beigesteuert, die sich die „Sozialpädagogische Familienbegleitung“ in der Schweiz anschauen und von den dortigen sozialstaatlichen Prinzipien, Formen der Organisation, eingesetzten Methoden und vorhandenen Strukturen berichten.
  • Mit einem „Blick in die Glaskugel“ wird der letzte und elfte Beitrag von Karin Böllert geliefert. Die Autorin stellt ohne Umwege klar, dass sich ein Blick in die Glaskugel erübrigt, wenn die Kinder- und Jugendhilfestatistik im Verlauf beachtet wird (und daraus abzulesende Entwicklungen berücksichtigt werden) und die im Referentenentwurf enthaltenen Neuerungen im SGB VIII kritisch reflektiert werden.

Diskussion

Die Herausgeber setzten sich zum Ziel ein möglichst breit abgestecktes Themenfeld innerhalb der ambulanten Hilfen abzudecken. Die berücksichtigten Themenfelder, angefangen von der historischen Entwicklung und dem durchlaufenen, professionalisierenden Reifeprozess der SPFH, dem Aufbereiten statistischer Zusammenhänge, dem Aufzeigen rechtlicher Grundsatzproblematiken und Abdriftungstendenzen, einem Exkurs zur Praxis der Finanzierungsregelungen, der Darlegung der „eigentlichen“ Arbeitsbedingungen in diesem Arbeitsfeld und der methodischen Vielfalt, bis hin zu einem Exkurs zur Wirksamkeit und Wirkfaktoren der SPFH (einschließlich eines Plädoyers für ein sozialpädagogisches Interventionsmodell) wurden praxisorientiert und gut aufeinanderbauend dargestellt. Ein Blick in die schweizerische Fachpraxis und eine kritische Auseinandersetzung mit zukünftigen Herausforderungen, sowohl spezifisch fachlicher als auch sozialpolitischer Natur, kann als gute Abrundung angesehen werden. Alle Beiträge sind relativ kurz, übersichtlich und in einer Tiefe gehalten, dass sich der Leser einen dennoch guten Überblick verschaffen kann und in der Lage versetzt wird, eigene Erfahrungen mit der Darstellung der Autoren abzugleichen. Eine klare Präferenz für einen Beitrag kann nicht ausgesprochen werden, da alle Beiträge über die gleiche hohe Qualität verfügen. Kritisch kann allenfalls angemerkt werden, dass die Erziehungsbeistandschaft – aus quantitativer Sicht – kürzer behandelt wird als die SPFH.

Fazit

Die Publikation des BVke ist uneingeschränkt für Fach- und Leitungskräften aus der ambulanten Jugendhilfe zu empfehlen. Eine besondere Empfehlung richtet sich für alle Fachkräfte der öffentlichen Jugendhilfe, unabhängig von der besetzten Hierarchieebene, denn viele Beiträge enthalten Gütekriterien (wie bspw. Wirksamkeit, Haltung, Wissen, Können), welche die Jugendämter als Koproduzenten gelingender Hilfeverläufe berücksichtigt und anspricht.


Rezension von
Dipl.-Sozialpäd. Gerhard Klug
Klinischer Sozialarbeiter, M.A., Sozialpädagoge im Stadtjugendamt Augsburg
Homepage www.klinsa.de
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Zitiervorschlag
Gerhard Klug. Rezension vom 03.02.2020 zu: Peter Baumeister, Annette Bauer, Reinhild Mersch, Christa-Maria Pigulla, Johannes Röttgen (Hrsg.): Arbeitsfeld ambulante Hilfen zur Erziehung. Standards, Qualität und Vielfalt. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2890-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24865.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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