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Jörg M. Fegert u. a. (Hrsg.): Schutz vor sexueller Gewalt

Cover Jörg M. Fegert u. a. (Hrsg.): Schutz vor sexueller Gewalt und Übergriffen in Institutionen. Für die Leitungspraxis in Gesundheitswesen, Jugendhilfe und Schule. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. 551 Seiten. ISBN 978-3-662-57359-4. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 56,50 sFr.
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Thema

Sexualität ist schön. Manche Menschen missverstehen sie und sich und werden zu Tätern mit katastrophalen Folgen für die Opfer. Manche dieser Täter nutzen die vielfältigen Möglichkeiten, die sich in Institutionen der Jugendhilfe, der Behindertenhilfe, in Schulen oder im hospitalen Bereich ergeben.

Autor

Prof. Dr. Jörg Fegert (Universität Ulm, Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie) hat zusammen mit 37 anderen Autorinnen und Autoren ein Grundsatzwerk geschaffen mit dem Titel „Schutz vor sexueller Gewalt und Übergriffen in Institutionen“. All diese Autor*innen hätten es verdient, hier genannt zu werden. Sie haben ein fast vollständiges Fakten-, Nachschlage- und Anregungswerk geschaffen.

Es ist methodisch auf die Ebene der Leitungspraxis fokussiert (siehe Untertitel) aber wertvoll für die gesamte Fachöffentlichkeit. Wer den Anspruch hat, es vollständig durchzuarbeiten, braucht viel Zeit und wegen der engen Beschriftung ein wenig Leidensbereitschaft.

Entstehungshintergrund

Viele der Ausführungen beziehen sich auf die großen Skandale 2010 zu den sexualisierten Übergriffen in der reformpädagogischen Odenwaldschule und in den beiden großen christlichen Kirchen. Tatsächlich hat der Staat sich aufgrund der massiven öffentlichen Aufmerksamkeit damals bereit erklärt, durch ausreichende Finanzierung wissenschaftlicher Projekte, Ursachen untersuchen zu lassen. Würden die Ergebnisse der Autor*innengemeinschaft dieses Buches umgesetzt, entstünde eine ganz neue, eine zeitgemäße Pädagogik.

Aufbau

Acht große Komplexe werden von den Autor*innen angegangen:

  • Leitungsverantwortung im Kinderschutz: Warum ist die Leitungsebene so wichtig, wenn doch im pädagogischen Alltag die betreuenden Fachkräfte mit ihrer vorhandenen oder fehlenden Einsatzbereitschaft das Geschehen beherrschen?
  • Gefährdungslage und Schutzfaktoren in Institutionen: Welche Einstellungen und Maßnahmen sind für Leitungen wichtig, ab dem Zeitpunkt eines Missbrauchverdachtes? Warum sind Gefährdungsanalysen notwendig? Wieso können sie am Beginn einer zeitgemäßen neuen Pädagogik stehen?
  • Personalverantwortung: Leitungskräfte sind immer auch Vorgesetzte, welche Rechte hat das Personal und damit auch eines Übergriffs verdächtigte Täter*innen. Welche Recht haben tatsächlich straffällig Gewordene?
  • Präventionsmaßnahmen und Implementierung von Schutzkonzepten: Veränderungen in einer Institution zum Schutz vor sexualisierten Übergriffen, wie können die Pädagogik und vor allem die pädagogischen Leitungen Veränderungen fördern. Warum sind ein funktionierendes Beschwerdemanagement und die Beteiligung der Adressat*innen so überaus wichtig?
  • Interventionsmaßnahmen: Welche konkreten Maßnahmen können ergriffen werden vom Zeitpunkt ersten Verdachtes an? Welche Maßnahmen fordert die Bundesregierung?
  • Aufarbeitung: Welche Vorteile hat ein intensiver Aufarbeitungsprozess für eine Institution? Welchen Preis zahlen Institutionen, wenn sie eine Aufarbeitung unterlassen?
  • Über den Tellerrand hinaus: Es gibt einen Onlinekurs „Leitungswissen im Kinderschutz“. Wie ist er aufgebaut? Welche Ergebnisse brachte er bisher? Welche anderen pädagogischen Felder können sich an diesem Buch orientieren? Pflege, Altenpflege, Psychiatrie, „Erziehende“ ganz umfassend.
  • Anwendungsbereich für den Transfer in die Praxis: Wie sehen die Arbeitsblätter der E-Learning-Fortbildung „Leitungswissen Kinderschutz in Institutionen“ aus?
  • Mehrere Servicebereiche
  • Ergänzung durch einen Online-Service: Springer Multimedia App. Sehr modern!!

Diskussion

Wird ein System in nur einem Bereich verändert, verändert sich das Ganze. Dieses systemische Axiom lässt hoffen. Insbesondere in den Bereichen der stationären Kinder- und Jugendhilfe sowie der Behindertenhilfe ist jede Veränderung eine Chance. Die Pädagogik dort ist verseucht vom Mittel der Strafandrohungen und Strafen. Sie braucht Heilung.

Mit Sicherheit würden die Anregungen des hier rezensierten Werkes eine fundamental andere Pädagogik mit sich bringen. Allein die Forderung nach (Regeln bestimmender) Partizipation der Adressat*innen würde reformierend wirken: Partizipation der Kinder und Jugendlichen in der Jugendhilfe, Partizipation erwachsener Care Leavers, Partizipation behinderter Menschen, Patienten in der Psychiatrie u.ä. Verändern würde auf jeden Fall die Verpflichtung zu Schutzkonzepten, inklusive Gefährdungsgutachten und Beschwerdemanagement oder obligatorische Aufarbeitungen. Fegert u.a. fordern hier nicht nur, weil sie wirklich für pädagogische Hilfen wirken wollen, sondern sie begründen wissenschaftlich. Stationäre Pädagogik kann nicht mehr so bleiben, wie sie ist, obwohl sie sich wehren wird. Im Bereich der besonders betroffenen kirchlichen Angebote sind erste Schutzkonzepte bereits obligatorisch.

Das Buch ist an sich schon eine „Gefährdungsanalyse“ – eine der Pädagogik. Allerdings bleiben Fegert u.a. in einem zu engen Rahmen, sie verbleiben im Reich des Bösen. Aus der grundlegenden Motivation der Institutionen heraus, die die Öffentlichkeit vor Angst bewahren sollen, hat die aktuelle Pädagogik drei Teufel an jede Wand gemalt: Sexuelle Gewalt, Schwangerschaft und sexuelle übertragbare Krankheit. Geht es in der praktizierenden Pädagogik um Sexualität, geht es fast ausschließlich um diese drei Schreckgespenster. Wenn sie in die Realität auftauchen, werden besonders die Betreuer*innen mitschuldig gemacht. Das wissen die Betreuenden aus Erfahrung. Sie werden durch diese Bedrohung all ihrer pädagogisch notwendigen Risikobereitschaft beraubt und sprechen oft schon nicht mehr über Sex.

Auf der anderen Seite leben in den Institutionen die Heranwachsenden (behindert oder nicht), die -durch andere Quellen gespeist – Sexualität als spannend, lustvoll, begehrenswert erahnen. Die sie kennenlernen wollen. Ihre hauptsächlichen Vertrauten im Falle einer Viktimisierung sind ihre Peers, mit denen sie nicht nur die Gefahren, sondern auch die Versprechen der Sexualität bereden können.

Erwachsene Berater*innen sind erfolgreich, wenn sie nicht nur gegen das Reich des Bösen arbeiten, sondern auch die begehrenswerten Aspekte der Sexualität einbeziehen und so Vertrauen geschaffen haben. Solche Personen können intern oder extern organisiert werden, jedenfalls in einer Funktion, die nicht gleich jeden identifiziert, der sich beraten lässt. Zum Schutz vor Übergriffen dient auch die sexuelle Kompetenz der potenziellen Opfer. Das braucht positives Wissen, eine gesunde sexuelle Identität, so selbstbestimmt wie möglich.

Auch einem so gründlichen Werk ist zu wünschen, dass es in den nun kommenden absichernden Gesetzeswerken noch verbessert wird. 

Fazit

Ich empfehle, das hier rezensierte Buch zur Standardlektüre in der Pädagogik stationärer Hilfemaßnahmen zu erklären – nicht nur für Leitungskräfte. Ich empfehle den legislativ und exekutiv Verantwortlichen, sich auf die Widerstände der pädagogischen Praxis einzustellen. Auf jeden Fall benötigt gute Pädagogik in den Institutionen mehr Geld. Nun gibt es eine Chance. Die wissenschaftlichen Grundlagen liegen vor. „Bewahren und nutzen!“ sei die Devise.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 07.05.2019 zu: Jörg M. Fegert u. a. (Hrsg.): Schutz vor sexueller Gewalt und Übergriffen in Institutionen. Für die Leitungspraxis in Gesundheitswesen, Jugendhilfe und Schule. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-57359-4.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24873.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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