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Jens-Michael Wüstel: Männliche Depression

Cover Jens-Michael Wüstel: Männliche Depression. Warum verletzte Helden anders ticken und eigene Auswege brauchen. Mit 5-Schritte-Programm. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 247 Seiten. ISBN 978-3-407-86510-6. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 26,80 sFr.
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Thema

Im inhaltlichen Kern des Buches steht die Aussage, dass depressiv zu sein nicht ein krankhafter Zustand primär von Frauen sei, sondern dass Männer ebenso an Depressionen leiden können, wenn auch auf andere, typisch männliche Weise. Zu dieser Einsicht ist der Verfasser Jens-Michael Wüstel, Arzt und Psychologe, der in Hamburg Medizin studiert hat, nach mehr als 20 Jahren Praxiserfahrung als Therapeut gekommen. Er meint sogar, dass Männer zwar dazu neigen, die Diagnose Depression abzulehnen, dass sie aber, was Isolation, Sucht und Suizid angeht, gefährdeter sind als Frauen.

Aufbau

Die Publikation besteht aus vier klar gegeneinander abgegrenzten Teilen:

  1. Männer in der Krise,
  2. Mythos und Wahrheit der männlichen Depression,
  3. Männerdepression – eine neue Sichtweise,
  4. Wege aus der Krise.

Das kurze Vorwort zu Beginn von Teil 1 überschreibt Wüstel so: Eine neue Ehrlichkeit. Das Negative in uns mögen wir Männer nicht sehen; dass wir in uns selbst auch einmal den Neider, den Angeber oder den Feigling (S. 9) erkennen müssen, erzeugt einen Schmerz, den wir nicht annehmen wollen und mit dem umzugehen wir nur mühsam lernen. Zu dieser These stellt

  • Teil 1 „Ursachen und Symptome männlicher Depression“ (11) dar,
  • Teil 2 dient der Erkenntnis von „kulturgeschichtlichen, medizinischen und pharmazeutischen Hintergründen,“
  • Teil 3 führt das Konzept der „Heldenreise als zentralen Therapieansatz“ ein,
  • Teil 4 enthält „Forderungen an eine spezifisch männliche Therapie“ und präsentiert die „Narrative Therapie und das EMDR“ (11) als Methoden.
  • Am Schluss folgt ein dreiseitiges Literaturverzeichnis.

Inhalt

Die Diagnose Depression betrifft Frauen „bis zu dreimal häufiger“ (15) als Männer, nicht etwa, weil Frauen depressiver wären, sondern weil Männer „Meister der Verschiebung und Verdrängung“ (15) sind. Wüstel erklärt das damit, dass Frauen selbstleiden, während Männer ihre Umgebung leiden lassen. Das betrifft dann „Partner, Kinder, Angehörige und Freunde“ (16). Das spezifisch männliche beim depressiv Sein wird auch Thema in dem Abschnitt Männer sind anders depressiv (20-37). Wenn das Verschieben auf die lieben Nächsten nicht mehr funktioniert, neigen Männer zu Kurzschlussreaktionen (21): „Sie werfen den Job hin, trennen sich von der Familie, saufen, schlagen um sich – real oder im übertragenen Sinn“ (21), und produzieren so die Voraussetzungen dafür, dass Selbstmordversuche bei ihnen häufiger tatsächlich zum Tod führen als bei Frauen (21). Die Flucht in den Alkohol stellt eine im Vergleich ebenfalls unerfreuliche, aber doch weniger schreckliche Reaktion dar als der Selbstmord (32-37).

In der therapeutischen Beratung leuchtet Männern häufig ein, dass für das Verdrängen unwillkommener Gefühle viel Kraft verbraucht wird, und dass eine solche Vergeudung von Energie unvernünftig ist (38,39). Außerdem meint Wüstel, dass sich das für die Tierwelt stimmige Modell des „Fight or Flight“ (kämpfen oder flüchten) aus evolutionsbiologischen Erwägungen auch auf den männlichen Menschen anwenden lässt (39). In den Schwierigkeiten vieler Männer, sich auf den Wandel der Geschlechtsrollen erfolgreich einzustellen, der sich in vielen Industrienationen während der vergangenen etwa hundert Jahre vollzogen hat, sieht der Verfasser vor allem ein Anpassungsproblem, das Männer durch mehr Flexibilität für sich lösen sollten (48). Soweit der erste der vier Teile Männer in der Krise.

Am Beginn von Teil 2 Mythos und Wahrheit der männlichen Depressionschreibt Wüstel zur Bedeutung seines Themas, dass „die Depression vor gut hundert Jahren noch eine kleine Randgruppe der Gesellschaft“ (53) betroffen habe, während „heute jeder Fünfte mindestens einmal im Leben eine depressive Phase“ (53) erlebe. Das präzisiert er dann und berichtet von „mehr als 10 Prozent der Bevölkerung…, die mindestens einmal im Leben leichte bis schwere Depressionen entwickeln“ (59). Dabei kommen auf einen depressiven Mann „drei bis vier depressive Frauen“ (59); so jedenfalls lautet die Statistik über diejenigen, die sich behandeln lassen. Der hohe Frauenanteil könne dadurch erklärt werden, dass wir es mit einer „maskulin geprägten Medizin“ (63) zu tun haben, die zu einer Art „Wahrnehmungsverzerrung in der Diagnostik“ führe (63). Die Kriegsereignisse des vorigen Jahrhunderts spielen als Auslöser von Gefühlen der Scham und Schuld eine Rolle: „Die sogenannte Kriegsenkel-Generation arbeitet – unbewusst – Traumatisierungen auf, die von den Eltern oder Großeltern verdrängt wurden.“ (68).

In Teil 3 Männerdepression – eine neue Sichtweisegibt der Verfasser einem Kapitel die Überschrift Männer brauchen ein Drehbuch – keine Gebrauchsanleitung (103). Wüstel meint, „Frauen können schneller die Rollen wechseln und sind daher flexibler als Männer. Einem Drehbuch liege eine Story zugrunde, der der Mann folgen kann, während eine Gebrauchsanleitung selbstwertbedrohlich“ (105) wäre. Der Verfasser empfiehlt implizit eine geschlechtsspezifische Zuständigkeit: Der Mann liefert die übergreifende Story, die Frau leistet anhand einer „Gebrauchsanleitung“ die problemorientierte Bewältigung von Situationen (105).

Aus dem reichen Erfahrungsmaterial seiner therapeutischen Arbeit stammen die Kategorien Leere-Depression, Lähmungs-Depression (106) und Erschöpfungs-Depression (107). Zur Erörterung neuer Sichtweisen der Männerdepression gehört der Textteil Wer braucht heute noch Helden?Wüstel bringt eine Gegenüberstellung von Held und Heldin (110). „Im Umgang mit männlichen Seelenkrisen kann“ das männliche „Heldenmodell gut genutzt werden, da es einerseits alte, maskuline Denkmuster bedient, andererseits diese hinterfragt und quasi in neue Bahnen lenkt.“ (111). In seiner Darstellung der „Heldenreise“ beschreibt der Verfasser „Phasen männlicher Reifung.“ (114 f.). Die zugehörigen Textteile nennt er Der Junge, Der Entdecker, Der Ritter, Der Ästhet, Der König und Der Ratgeber (118-125). Teil 3 endet mit weiteren Heldentexte: a) Held oder Arschloch? (126) mit dem Abschnitt Das Arschloch in jedem von uns(128), und b) Der verletzte Held (144) mit dem TextteilVaterlos(158).

In Teil 4 untersucht Wüstel Wege aus der Krise (167 ff.) und befasst sich mit „Forderungen an eine spezifisch männliche Therapie.“ (11). Hier wird das Buch stellenweise zu einem Handbuch für den Autodidakten, der vom Verfasser lernen möchte wie man therapiert und der als aufgeschlossenes Mitglied der Gegenwartsgesellschaft an sich selbst arbeiten möchte. Wüstel stellt Grundzüge einer Männerorientierte(n) Krisenbegleitung in sechs Punkten vor (172 f.), beschreibt die Vorzüge einer Narrative(n) Therapie – Erzähl mal! (174 ff.) und erläutert das Verfahren EMDR (179) sowie dessen Wirkungsweise (180), Ablauf und Mehrwert.

Dann wird es noch therapie-technischer mit dem Text Das 5-Schritte-Programm (187-242), auf das ja schon das Titelblatt dieses Buches vorausweist. Es endet mit dem Ausblick: Was bleibt (243 f.) in dem von einer „Bilderkrise“ die Rede ist als dem Kernproblem des nicht-authentischen Mannes: „Mit Blattgold überzogen stahlen dann solche Männer millionenfach in unserer Welt um die Wette und doch sind sie innen seltsam hohl und leer“ (244). Auslöser der Männerprobleme waren „eine längst fällige Emanzipierung der Frau“ (244) und der Verlust von Authentizität auf dem Gebiet des „männlichen Fühlen(s)“ (244).

Diskussion

Die Stärke des hier besprochenen Buches liegt darin, dass Daten aus der praktischen therapeutischen Arbeit zugänglich gemacht werden. Die kann der Leser aufgreifen und aus seiner Warte deuten und weiterdenken. Nützlich sind auch die Hinweise auf lebenspraktische Kenntnisse einschließlich der Vorschläge zur Diät (195 ff.). Weniger überzeugend wirken die Bezugnahmen auf das kulturelle Umfeld der „gender“-Problematik (90,110) und die biologistisch gestimmte Vorstellung, dass Männer „seitens der Evolution ohnehin einen schlechteren Zugang zu sich und ihren Gefühlen haben“ (104). Wenn Wüstel vom 7-Minute-Workout schreibt und Yoga, Qigong oder Tai-Chi-Übungen (209), steht die volle Autorität seiner Praxiserfahrung dahinter. Das unübersichtliche und politisch belastete Thema des Wandels der Geschlechtsrollen dagegen hat eine Flut einschlägiger Literatur produziert, deren kritisches Studium freilich nicht durch in dieses Buch eingestreute Hinweise ersetzt werden kann.

Fazit

Dies ist ein sehr lesenswertes Buch, dessen Text allerdings insofern nicht einheitlich ist, als hochrelevante Zitate aus Patientenberichten, die in Therapiesitzungen geäußert wurden (23, 33, 126, 127, 164 ff.), ebenso darin vorkommen, wie eine eigenwillige Prosa des Verfassers, die nicht immer überzeugt, z.B. von „Macht und Sex“ als dem „Treibstoff, der den Urmotor männlicher Motivation am Laufen hält“ (127).


Rezensent
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 30.10.2019 zu: Jens-Michael Wüstel: Männliche Depression. Warum verletzte Helden anders ticken und eigene Auswege brauchen. Mit 5-Schritte-Programm. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-407-86510-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24880.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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