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Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox

Cover Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2018. 240 Seiten. ISBN 978-3-462-05164-3. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.
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Sind Begegnung und Konflikt Gegensatzpaare?

Ein Konflikt entsteht im allgemeinen durch Meinungsverschiedenheit, sowohl in individuellen, als auch in kollektiven, gesellschaftlichen und politischen Situationen. Daraus kann rationale und friedliche, oder auch irrationale und gewaltsame Auseinandersetzung entstehen. In der abendländischen, anthropologischen Diskussion ist der anthrôpos, der Mensch, in der Lage, Werturteile zu bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Er strebt danach, ein gutes, gelingendes (und konfliktfreies?) Leben zu führen. In der Logik, der „Kunst des Denkens“ aber bildet die Erkenntnis, dass einer These eine Antithese, einer Behauptung ein Widerspruch gegenüberstehen müsse, um zur Wahrheit zu finden. Soweit die philosophische Betrachtung. Lokal- und globalgesellschaftlich zeigen sich Konflikte überall. Sie sind Bestandteile, gewordene wie notwendige soziale Regelungsbedürfnisse und Wertevergewisserungen. Die Bildungs- und Erziehungswissenschaften wollen mit der „Konfliktpädagogik“ auffordern, Konflikte erkennen, bewerten und mit ihnen umgehen zu lernen (vgl. dazu z.B.: Jörg Schlömerkemper, Pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23045.php). Es sind Sollens-Erwartungen und Kompetenzen, die darauf zielen, die Menschen mit Bildung und Erziehung auszustatten und die Kompetenzen zu vermitteln, kritisch zu denken (Armin Bernhard, Pädagogik des Widerstands. Impulse für eine politisch-pädagogische Friedensarbeit, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22992.php). Es sind die Selbst- und Querdenker, die sich nicht mit vorgegebenen und überkommenen Einstellungen zufrieden geben, sondern den ach so bequemen und beruhigenden Einstellungen – „Da kann man ja sowieso nichts dagegen machen!“, und: „Da könnt' je jeder kommen!“, und: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – Widerworte entgegen setzen (Helmut Ortner, Widerstand ist zwecklos. Aber sinnvoll, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16349.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Bei den Kakophonien und Wutgeschreien von Rechtspopulisten, Ethnozentristen, Nationalisten und Rassisten gegen die Tatsache, dass Deutschland, wie viele andere Staaten in der Welt, ein Einwanderungsland ist und globale Wanderungs- und Migrationsbewegungen als historisch normale und insbesondere aktuell wirkliche Entwicklungen darstellen, kommt es darauf an, in der sich immer interdependenter, entgrenzter und globaler bildenden (Einen?) Welt nach neuen Begründungen und Analysen zur Lage der Welt zu suchen. Wie kann eine Integration von Menschen gelingen, die aus politischen oder anderen existentiellen Gründen ihre Heimat verlassen müssen, um in einem anderen Land Asyl und Aufnahme zu finden? Diese Frage wird angesichts der weltweiten Flüchtlingskrise sowohl für die „Umherirrenden“ (Étienne Balibar), als auch für die „Autochthonen“ zur Nagelprobe der Menschlichkeit. Willkommenskultur auf der einen und Abschottung auf der anderen Seite sind die Parameter des Konflikts, der sich hierbei auftut.

Der 1978 im Ruhrgebiet geborene Soziologe und Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani weiß, wovon er spricht, wenn es um Migration und Integration geht. Seine Familie stammt aus Syrien. Er war Lehrer und Professor an der Fachhochschule in Münster. Seit 2018 ist er als Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration tätig und koordiniert für das Bundesland die Integrationspolitik. Er setzt sich mit seinen Schriften, Reden und Analysen dafür ein, im Gegensatz zu den vielen Unkenrufern und Fatalisten, die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland als freiheitlich, demokratisch und offen, und die vielfältigen Integrationsbemühungen und -programme als gelingend und gelungen zu bezeichnen. Mit seiner These, dass gesellschaftliche Konflikte im Zusammenhang mit den Zuwanderungsbewegungen nicht dadurch entstehen, weil die Integration von Migranten und Minderheiten fehlschlägt, sondern weil sie zunehmend gelingt, setzt er einen Kontrapunkt im kontroversen gesellschaftlichen Diskurs. Bezugnehmend auf die soziologische und Alltagserfahrung, dass gesellschaftliche Prozesse des Zusammenlebens sowohl integrative, gastfreundliche und empathische Entwicklungen, als auch Kontroversen und populistische und rassistische Abwehrreaktionen bewirken, bietet er in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Das Integrations-Paradox“ eine Fülle von Begründungen und Argumentationen an, die es ermöglichen, im immer lauter, undifferenzierter und unlogischer werdenden Streit darüber, ob sich die deutsche Gesellschaft zu einer offenen, integrationsfähigen und -willigen oder geschlossenen Gemeinschaft entwickelt, Position für ein Einwanderungsland zu beziehen.

Im Spiegel-Online wird geraten: „Das Buch gehört in jede Hausapotheke“, was ja deutlich macht, dass Gesundheit und Existenz Güter sind, die durch Bereitschaft, Vorsorge und Kenntnis gefördert und bewahrt werden können. Es sind die Mahnungen, wie sie in zahlreichen Analysen und Hab-Acht-Aufforderungen zum Ausdruck kommen, dass Menschen, die in freiheitlichen Demokratien leben, diese Werte nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern sich im Alltäglichen und Gesellschaftlichen bewusst sein sollen, dass demokratisches Leben der aktiven, wachen und verantwortungsbewussten Teilnahme bedarf.

Aufbau und Inhalt

Aladin El-Mafaalani gelingt es, seine Argumente nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern erfrischend und überzeugend vorzutragen. Er bedient sich dabei sowohl der Fähigkeit, logisch, also eher selbstverständlich und einleuchtend zu reflektieren, als auch der Schützenhilfen, wie sie etwa von Klassikern wie Max Weber, Karl Marx und Georg Simmel geäußert wurden. Das sympathische Motto seiner (deutschen) Gegenwartsanalyse: Er fragt nicht, ob das Glas halb voll oder halb leer ist; vielmehr ist er davon überzeugt, „dass das Glas noch nie so voll oder so wenig leer war wie gegenwärtig“.

Er gliedert das Buch in fünf Kapitell, in denen bereits in der Überschrift die realexistierenden Situationen deutlich werden:

  1. „Offenheit und Geschlossenheit“
  2. „Integration und Wandel in Deutschland“
  3. „Innere Offenheit / Innere Konflikte“
  4. „Äußere Offenheit / Äußere Konflikte“
  5. „Die offene Gesellschaft und ihre Grenzen“.

Die Sorge, dass die Migrationskonflikte in Deutschland, wie auch anderswo in der Welt, zur Spaltung und zur Instabilität der Gesellschaft(en) führen, ist nicht von der Hand zu weisen. Es sind die Reaktionen und hektischen Auseinandersetzungen, die Unfähigkeiten und der Unwille, kontroverse gesellschaftliche Entwicklungen argumentativ auszutragen, sondern durch Fake News und Informationsunfähigkeit eigene Meinungen und Vorurteile einzumauern. Gelänge es nämlich, die sichtbaren und erlebbaren Beispiele von gelingender und gelungener Integration in den Vordergrund des kontroversen öffentlichen Diskurses zu stellen und nach gemeinsamen Antworten und Lösungsansätzen Ausschau zu halten, erledigten sich viele Konflikte von allein. Die drei Journalistinnen Alice Bota, Khua Pham und Özlem Topçu stellen in ihrem Buch „Wir neuen Deutschen“ fest: „Wir fühlen, dass wir nicht Teil des Ganzen sind“ (Alice Bota / Khuê Pham / Özlem Topçu: Wir neuen Deutschen. Was wir sind, was wir wollen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/17972.php). Die Notwendigkeit, sich als Autochthone wie Zugewanderte, mit und ohne Migrationshintergrund mit der Geschichte der Wanderungsbewegungen auseinander zu setzen und durch Dialog, Begegnungen und Empathie (Ein-) Verständnis zu schaffen: „Ohne Begegnungen und Austausch laufen auch die hartnäckigsten moralischen Appelle zur Integration notgedrungen ins Leere“. Anschaulich und nachvollziehbar verdeutlicht der Autor die Geschichte und die Wirklichkeit der Migration mit der „Tisch-Metapher“: Die erste Generation der Einwanderer sitzen, nur gebrochen Deutsch sprechend, überwiegend am Boden und am Katzentisch – Die zweite Generation ist in Deutschland geboren, spricht Deutsch und beansprucht Deutschland als ihre Heimat. Sie sitzen gemeinsam mit den Einheimischen am Tisch – Die dritte Generation will am gemeinsamen Tisch mitentscheiden, was auf den Tisch kommt und wie die Tischordnung aussieht!

Selbst- und Mitbestimmung erzeugen meist Konflikte, die nicht per Ordre du Mufti, sondern im Dialog auf Augenhöhe ausgetragen werden müssen. Dass diese eigentliche, humane Selbstverständlichkeit nicht selbstverständlich ist, zeigen die zahlreichen Konflikte, die den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen: Kopftuchstreit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Fremdheitsempfindungen, Ethnozentrismus. Interessant die Erfahrung, dass in den Regionen, in denen es wenige Zugewanderte gibt, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierungen steigen, während in den Gebieten, in denen mehr Emigranten leben, die Konflikte sich in Grenzen halten. Aufmerksamkeit bei der Migrations- und Integrationspolitik bedarf auch das wiederum erklärliche Dilemma von in Deutschland aufgewachsenen Menschen mit Migrationshintergrund, mit und ohne deutschen Pass. Während von der Mehrheitsgesellschaft meist erwartet wird, dass sie sich an die deutschen Gepflogenheiten unbedingt anpassen, ja sich sogar assimilieren, vollzieht sich deren Identitätsbildung nicht selten entweder in der Balance oder im Zwiespalt der familiären Herkunfts- und der deutschen Kultur. Sie sitzen am deutschen Tisch, aber zwischen zwei Stühlen! Während diese eher auf den persönlichen und familialen Strukturen ablaufen, entwickeln sich auch Formen von Parallelgesellschaften, Museumsvereine und politische Organisationen, wie etwa der „Salafismus“ als ein Ausdruck des migrantischen Jugendprotests. Hinter der Frage – „Gehört der Islam zu Deutschland?“ – verbirgt sich mehr als nur eine weltanschauliche; es sind politische, soziale, religiöse und ökonomische Aspekte, die hinter dem Konflikt stehen und gemeinsam gesellschaftlich ausgetragen werden müssen.

Fragwürdig, weil missverständlich die Behauptung: „Es wird alles besser – deshalb nimmt die Migration zu“. Es sind die in der Migrationsforschung grundgelegten Aspekte, dass die globalen Wanderungsbewegungen auf den so genannten „Pull“- und „Push“-Faktoren beruhen, die wiederum auf die unterschiedlichen Wanderungs- und Fluchtursachen befragt werden müssen. Eine der einfachsten, menschlichsten, aber gleichzeitig auch schwierigsten Lösungen wäre, gelänge es, die Menschheit davon zu überzeugen, dass das gleiche Teilen von vorhandenen, erworbenen und erarbeiteten Gütern zu einer gerechteren, friedlicheren, menschenwürdigen Einen Welt führt. Die (scheinbare) territoriale Grenzenlosigkeit, die globale Wanderungsprozesse möglich macht, braucht Begrenzungen, etwa wenn es um Fragen des ökonomischen Wachstums und des ökologischen Gleichgewichts geht. Die Widerstände nähren sich von Ego-, Ethnozentrismen und Momentanismen. Sie zu überwinden ist das Plazet des Buches von Aladin El-Mafaalani. Es ist kein Rezeptbuch, sondern ein Skizzenheft, in dem mit kräftigen Strichen und angedeuteten, unvollendeten Zeichnungen ein Bild entsteht, das zum Nachdenken und Weitergestalten anregt und so gewissermaßen Barrieren gegen die ewiggestrigen, geschichtslosen und gefährlichen Parolen der Menschenfeinde errichtet.

Fazit

Die Feststellung, dass Integration das Konfliktpotenzial in einer Gesellschaft erhöht, wird in dem Buch zuvorderst nicht als ein Problem thematisiert; es handele sich vielmehr um einen typischen Mechanismus, der in offenen Gesellschaften (zwangsläufig) entstehe. Damit verweist El-Mafaalani im Diskurs um Gesellschaftskonflikte, wie in unserem Fall dem Migrationskonflikt, auf eine neue Sichtweise. Es ist die positive Betrachtung, dass Meinungsverschiedenheiten und kontroverse gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen nicht dem apodiktischen „Ja-Nein-“ oder dem „Entweder-Oder“-Schema folgen müssen, sondern dialogisch, gleichberechtigt gesellschaftspolitisch auszutragen sind. Er gibt den Rat, der sich bei den verschiedenen Aspekten der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Migrations- und Integrationspolitik anwenden lässt: „Traditionen zu pflegen heißt nicht, die Asche zu bewachen, sondern die Glut anzufachen“.

Aladin El-Mafaalani legt ein Buch vor, dass man sich getrost auf den Nachttisch legen und lesen kann. Mit der Metapher „Tischgemeinschaft“ bietet er ein alltagshandhabbares Bild an, das sich auch als Tischgespräch in Schule und Erwachsenenbildung eignet.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.10.2018 zu: Aladin El-Mafaalani: Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2018. ISBN 978-3-462-05164-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24884.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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