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Ursula Jäger, Jens Clausen: Kinder mit Aussicht (Inklusion in Montessori-Kindergarten)

Ursula Jäger, Jens Clausen: Kinder mit Aussicht. Leben und Erleben des (inklusiven) Alltags in einem Montessori-Kindergarten. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. 216 Seiten. ISBN 978-3-643-13450-9. 29,90 EUR.

Reihe: Impulse der Reformpädagogik - Band 32.
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Thema

Ursula Jäger und Jens Clausen haben ein Buch publiziert unter dem Titel „Kinder mit Aussicht. Leben und Erleben des (inklusiven) Alltags in einem Montessori-Kindergaten“. Bei der betreffenden Einrichtung handelt es sich um den Montessori-Kindergarten in Freiburg-Wiehre.

Aufbau

Die Veröffentlichung hat zwölf Kapitel, auf 216 Seiten verteilt. Die Kapitel lauten gemäß dem Inhaltsverzeichnis:

  1. Überblick für den Leser
  2. Spielen – Lernen – Teilhaben
  3. „Gib dem Kind die ganze Welt“ … (Maria Montessori)
  4. „Man hat nicht die Verantwortung für das Leben der Kinder, jedoch für den heutigen Tag“ (Janusz Korczak)
  5. Montessori-Pädagogik unter inklusionsorienterten Aspekten
  6. Elternzusammenarbeit
  7. Eine Umfrage im Montessori-Kindergarten und ihre Ergebnisse
  8. Soziale Interaktionen von Kindern mit und ohne Behinderung
  9. Aspekte einer inklusiven Pädagogik
  10. Zusammenfassung und Ausblick
  11. Nachwort und Dank
  12. Literatur

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In dem Buch kann man durchaus viel über die Montessori-Pädagogik lernen – allerdings eben die Montessori-Pädagogik im Kindergarten in der Freiburger Wiehre, Beethovenstr., – ebenso über deren Inklusionsabsicht und -erfolge.

Zu den Stärken des Werkes gehören die zahlreichen „Fälle“, die zur Veranschaulichung der dortigen Arbeit präsentiert werden, sowie eine Eltern- und Kinderbefragung und Erzieherberichte. Die Stärke der Montessori-Pädagogik kommt umfassend zum Tragen – vor allem die beeindruckende Sicht des Kindes und dessen Perspektive. Das Gleiche gilt für die Prinzipien, z.B. Bewegung (u.a. „Waldtage…Die Kinder klettern, rennen, balancieren, ziehen, tragen“, S. 32f), Wiederholung, Eigenaktivität, Fehlerkontrolle. Die Anwendung der Prinzipien wird durch Fallberichte konkretisiert.

Die Montessori-Pädagogik wird im Wiehremer Kindergarten nicht puristisch angewandt, sondern auf originäre und eigenständige Weise umgesetzt. Das erkennt man schon beim Tagesbeginn im Eingangsbereich, wenn es heißt: „…Akustisch ist es ein Gewirr an Lauten aller Art – es wirkt ein wenig chaotisch…Ein Rucksack fliegt im hohen Bogen zur Garderobe… Noch ein Junge plumpst ins Haus … Seinen Rucksack lässt er achtlos fallen … vier Kinder beginnen eine wilde Jagd … fangen, … balgen, schubsen … übermütiges Gebrüll schallt bis in die Gruppen und eine Tür öffnet sich. Es dürfte auch etwas ruhiger sein! … Die Kinder gehen jetzt in ihre Gruppen. … die Eingangstür ist geschlossen … Stille breitet sich aus und verteilt sich im Raum…“ (S. 14 f.)

Diskussion

Wie ist nun insgesamt dieses – auf jeden Fall instruktive – Opus zu sehen und zu bewerten? Was ist der Anspruch der Autoren und wie werden sie diesem gerecht? Das Buch „möchte nach außen mitteilen, wie man sich konkret die Montessori-Pädagogik in Zeiten der Inklusion und Partizipation vorstellen kann.“ (S. 11) Das Ziel wird durchaus wohl erreicht. – „So viel Einblick in das konkrete Tun in einem Kindergarten findet sich kaum in einem anderen vergleichbaren Buch, … denn hier geht es um den gelebten Alltag in einer Montessori-Einrichtung.“(a.a.O.) Ein hoher Anspruch, dessen Erfüllung ich aber – hypothetisch – durchaus zustimme.

Es dürfen aber bei allem Lob auf das Werk und diejenigen, die es erarbeitet haben, die – vor allem wissenschaftlichen und formalen – Schwächen nicht verschwiegen werden. Einige Beispiele:

  • Über- und Unterüberschriften im Inhaltsverzeichnis eines Buches sollten mit den entsprechenden Über- und Unterüberschriften im Buch selbst übereinstimmen. (Eine Verletzung einer der schlichtesten Grundregeln, die hier vorliegt.)
  • Alle Inhalte eines Kapitels sollten unter die jeweilige Überschrift passen. (Bei „Überblick für den Leser“ wird aber der Tagesbeginn dargestellt.)
  • Zitate als Überschriften mögen gut klingen, jedoch möchte die Leserin und der Leser wissen, was in dem betreffenden Kapitel inhaltlich steht; als Beispiel ein Wort von J. Korczak: „Man hat nicht die Verantwortung für das Leben der Kinder, jedoch für den heutigen Tag.“ Inhaltlich wird in dem Kapitel über kosmische, religiöse, ästhetische usw. Erziehung nach Montessori gesprochen. (Es mag dahinstehen, ob der Satz des Reformpädagogen inhaltlich aus erziehungswissenschaftlicher Sicht überhaupt stimmt.) Dem Werk ist dieses Verfahren nicht zuträglich.
  • Die formalen Fehlerhaftigkeiten des Buches sind zu reichhaltig. So werden auf S. 200 gar die Kapitel vertauscht angegeben.
  • Sprachlogische Probleme fallen wohl eher dem kritischen Leser ins Auge. So liest man S. 35: „Nur durch eigene Aktivität kann ein Kind sich Wissen über die Welt aneignen.“ Derartige Exklusivaussagen sind meistens gefährlich und werden auch nicht besser oder gar richtig, wenn man vorher behauptet: „Wir wissen heute, und neurologische Erkenntnisse bestätigen dies:“ (a.a.O.) Wohlwollend merke ich an, dass wohl Zutreffendes gemeint sein dürfte, die Sprachlogik aber versagt. Hier gerät die Autorenschaft – leider weiß man bei dem Werk meistens nicht, wer was tatsächlich geschrieben hat, was aber bei der großen Zahl von Mittuenden erklärlich wird – in die dialektische Falle der Montessori-Pädagogik, d.h.: Einerseits das Kind und dessen oft überschwängliche Hervorhebung, andererseits aber „der Erzieher“, dem immer wieder vorgehalten wird „Hilf mir, es selbst zu tun!“ So heißt es auf S. 45 z.B.: „Der Erzieher zeigt dem Kind die Handhabung des Materials, zeigt die Übung genau.“ Hier befindet man sich in einem durchaus heiklen Punkt der Montessori-Position, insofern es gleichsam verboten ist, dass die Kinder die Materialien ihrem Zweck (spielerisch) entfremden.
  • Einen anderen nicht unerheblichen Schwachpunkt muss ich leider auch nennen: Er betrifft den laxen Umgang mit der Literatur – nicht zuletzt mit der von Maria Montessori selbst. Es werden eifrig Zitate vorgetragen, während aber die zitierten Werke im Literaturverzeichnis gar nicht zu finden sind. Mag dies noch angehen, so ist allerdings nicht hinzunehmen, dass man sich in einer solchen Weise, wie es hier geschieht, in einer Veröffentlichung auf Maria Montessori bezieht, ohne auch nur ein einziges Originalwerk der Reformpädagogin anzugeben. Mit „der Praxis“ darf man hier Nachsehen haben, wobei in der Autorenschaft allerdings nicht nur „die Praxis“ vertreten ist.
  • Mit der Autorenschaft tut sich unser vorliegendes Werk nicht leicht, vermutlich weil so viele Personen mitgewirkt haben und gewürdigt sein wollen und sollen – allerdings auch durchaus werden. Möglicherweise wäre es auch eine gute Idee gewesen, wenn die beiden genannten Autoren als Herausgeber fungiert hätten.

Fazit

Wir haben hier eine Publikation vorliegen, die es – vor allem inhaltlich – verdient gelesen zu werden. Wie erwähnt, kann man in dem Werk durchaus viel über Montessori-Pädagogik lernen, insbesondere, wie sie in einer lebendigen, in der heutigen Zeit lebenden Einrichtung umgesetzt wird. Kein Purismus, sondern der heutigen Zeit zugeneigte Inklusionspädagogik auf dem Hintergrund der großen Reformpädagogin Maria Montessori. Ursula Jäger hat in dem Werk in höchst verdienstvoller Weise ihre jahrzehntlange Erfahrung und ihr persönliches Engagement für Kinder mit Behinderung weitergegeben. Dafür gebührt ihr große Anerkennung.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 07.11.2018 zu: Ursula Jäger, Jens Clausen: Kinder mit Aussicht. Leben und Erleben des (inklusiven) Alltags in einem Montessori-Kindergarten. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2016. ISBN 978-3-643-13450-9. Reihe: Impulse der Reformpädagogik - Band 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24891.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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