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Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Migration und Rassismus

Cover Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Migration und Rassismus. Argument Verlag (Hamburg) 2018. 166 Seiten. ISBN 978-3-86754-603-4. D: 13,00 EUR, A: 13,40 EUR.

Forum Kritische Psychologie – Neue Folge, Nr. 1.
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Entstehungshintergrund und Thema

Vier Jahrzehnte nach seiner Gründung setzen die Herausgeber mit dem Forum Kritische Psychologie in neuer Folge an, um die kritische Psychologie, die sich vor allem mit dem Namen Klaus Holzkamp verbindet, unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen weiterzuentwickeln. Das erste Heft hat dabei den Schwerpunkt „Rassismus und Migration“.

Redaktion, Autorinnen und Autoren

Die Redaktion besteht aus acht Mitgliedern, die in Lehre, Forschung und Praxis die Psychologie vertreten. Als Interviewer sind namentlich Dipl. Psych. Santiago Vollmer und Dipl. Psych. Thomas Pappritz genannt.

Auf die gemeinsame Anfangszeit mit Professor Klaus Holzkamp (gest. 1995) schauen vor allem Prof. Morus Makard (FU Berlin) und Dr. habil. Ute Osterkamp zurück.

Die Autorinnen und Autoren sind, wenn nicht an der FU Berlin, dann an den Universitäten Tübingen, Klagenfurt, an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, in Freiburg oder in Magdeburg-Stendal oder in Projekten/ Weiterbildung/ Gewerkschaften tätig.

Aufbau

Das Heft besteht aus sechs Beiträgen, die auf das Thema hinführen. Einer davon ist das Reprint eines Aufsatzes von Holzkamp über rassistische Erziehung aus dem Jahre 1994.

Ein weiterer Beitrag und zwei Interviews befassen sich mit der Kritischen Psychologie generell und im Rückblick.

Dazu kommen ein kurzes Editorial, eine verbandspolitische Information und zwei Buchbesprechungen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Kritische Psychologie versteht sich einerseits als eine Subjektwissenschaft, andererseits will sie immer das Individuum im gesellschaftlichen Kontext sehen. Ob in der Praxis oder in der Forschung, verallgemeinernde Aussagen über z.B. Asylsuchende sind ebenso zu vermeiden wie individualistische Zuschreibungen. Dies wird in der Fallstudie von Gesa Köbberling deutlich: Ein Asylbewerber und Familienvater, der von Jugendlichen bedrängt und beleidigt wird, hält dies für ein Fehlverhalten, das sich durch Kontakte und Begegnungen korrigieren oder verhindern lässt – auch durch sein Zutun, freundliche Präsenz. Ein anderer Afrikaner hingegen, in der Hochschule gut vernetzt, sieht postkoloniale Zusammenhänge und institutionellen Rassismus am Werk, wogegen er sich mit seinen Kommilitonen/-innen wehren oder notfalls wegziehen will. In beiden Fällen erweisen sich die Polizisten erschreckend hilflos, ungeschickt – nein, rassistisch!

So verschieden sich die Lebenslagen und Orientierungen von Flüchtlingen, z.B. in der psychosozialen Beratung darstellen, so wenig sind die Berater/innen davor gefeit, sich ein Bild zu machen, das – kulturalistisch – Verhaltensweisen mit Herkunft „erklärt“. Nicht zuletzt, so Anna-Maria Thöle, wegen der WHO- Standards, die auch abrechnungstechnisch eine Rolle spielen, neigen manche Gutachter/-innen dazu, vorwiegend posttraumatische Belastungsstörungen zu diagnostizieren und somit eine Opferrolle zu verabsolutieren.

Klaus Holzkamp wies schon in seinem Aufsatz von 1994 daraufhin, dass sich Wissenschaft vorsehen muss, um sich nicht selbst im Rassismus zu verfangen. Rassisten sind ja immer die anderen, und wenn Rassismus auf Sozialisation oder Persönlichkeitsstörungen zurückgeführt wird, wird leicht der gesellschaftliche Kontext ausgeblendet, aber auch über den Lebenslauf des Betreffenden quasi verfügt. Nichts ist schlimmer als der Versuch, Schülerinnen oder Schülern rassistische Vorurteile austreiben zu wollen, was nicht nur autoritär, sondern auch wirkungslos bleibt. Nur wer erkennt, dass Rassismus jede/jeden betrifft, auch wenn er/sie vielleicht nicht gerade wegen der Herkunft, aber dann eben wegen des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung oder Obdachlosigkeit diskriminiert wird, macht das Rassismusproblem zu seiner Sache, zu einem Lerngegenstand von Interesse.

Josef Held und Johanna Bröse diskutieren ausführlich die Funktion von „Orientierung“ und berichten kurz aus der Bildungsarbeit mit Auszubildenden in ländlichen Gebieten Baden-Württembergs. Im Zentrum standen Diskussionsgruppen und Gesprächstandems. Die Jugendlichen zeigten eine gewisse „Nähe zu rechtspopulistischen Deutungsmustern“, waren diesen jedoch nicht ausgeliefert, sondern überprüften sie an ihrer eigenen Lebenslage.

In einem Interview schaut Ute Osterkamp auf antirassistische Projekte am Psychologischen Institut der FU Berlin 1984–95 zurück. Flüchtlinge erwarteten Hilfe, tatsächlich hat ihnen geholfen, dass die Studentinnen und Studenten keine Ahnung hatten und deshalb erst mal mit ihnen stundenlang sprachen, darüber Protokolle anfertigten und diese zur Korrektur zurückgaben: Selbstbewusstsein statt Bevormundung. Rassismus, das war allen klar, beginnt dort wo sich jemand über andere erhebt oder andere ausgrenzt.

Karin Reimer-Gordinskaya referiert ausführlich Ergebnisse der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung. Ausgangspunkt ist die Selbst- oder Fremdzuordnung von Menschen vermittels einer sozialen Kategorie, welche selektiv-konstruiert ist und Machtverhältnisse begründet. Es geht hierbei nicht um die „natürliche Entwicklung“ von Kindern, sondern „Rassifizierung“. Umso verwerflicher, wenn Kindern Vorurteilsäußerungen „experimentell abgenötigt werden“. Im Anschluss an Adorno plädiert sie für Kindertagesstätten, in denen Kinder „ohne Angst verschieden“ sein können.

Ulrike Eichinger und Barbara Schäuble thematisieren die Möglichkeiten und Grenzen professionellen Handelns als Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter in Gemeinschaftsunterkünften. Aus dem Bericht einer Fachkraft wird deutlich, dass über die Grundversorgung hinaus Projekte der Selbstorganisation möglich sind, etwa das Ausleihen von Fahrrädern. An der „existentiellen Situation der Bewohner“, der unsicheren Bleibeperspektive, ändert das jedoch nichts. Es besteht dringender Bedarf, dem repressiven Migrationsregime professionelle Standards und menschenrechtliche Konsequenzen entgegenzusetzen.

Diskussion

Es ist höchste Zeit, dass sich die Soziale Arbeit als Praxis, Ausbildung und Wissenschaft mit ihrer Funktion im Migrationsgeschehen auseinandersetzt. Das vorliegende Heft lenkt die Aufmerksamkeit zurecht darauf, wie Flüchtlinge untergebracht und „betreut“ werden. Die Fachkräfte haben gerade in den Unterkünften viele Konflikte zu bestehen: Mit welchem Recht, so wird eine Sozialarbeiterin zitiert, zensiert sie die Wünsche der Menschen, die in Deutschland angekommen sind?

Über Rassismus ist ist schon fast alles gesagt. Es ist alltagspraktisch und identitätsstiftend, Kategorien der Wahrnehmung zu bilden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede festzumachen, Zusammengehörigkeit zu pflegen. Kulturelle Vielfalt, die wir so schätzen, besteht genau darin. Rassismus wird daraus, wenn Überlegenheit, Höherwertigkeit, Vorrechte, Gewalt, Unterdrückung damit begründet werden. Holzkamp beschießt seine Aufsatz mit dem herrlich irritierenden Hinweis von Ute Osterkamp, es komme nicht darauf an, eine bestimmte Gruppe von Menschen sympathisch zu finden, sondern darauf, für gesellschaftlich-politische Verhältnisse zu kämpfen, unter denen sie auf unser Wohlwollen nicht mehr angewiesen sind.

Das vorlegende Heft erfreut punktuell mit guten Beobachtungen aus dem Arbeitsfeld, Berichten, Fallstudien. Leider verlangt es dafür jedoch eine enorme Leseleistung, diese aus viel, sehr viel Text, unter Abstraktionen und im Jargon herauszufischen.

Fazit

Mit dem Forum Kritische Psychologie Neue Folge wird eine Tradition vielversprechend wiederaufgenommen. Das Thema des aktuellen Heftes interessiert sicher nicht nur Psychologinnen und Psychologen, sondern ein breites Publikum; das würde sich bei mancher Passage über Übersetzungen aus dem Wissenschaftsjargon freuen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 19.11.2018 zu: Forum Kritische Psychologie (Hrsg.): Migration und Rassismus. Argument Verlag (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-86754-603-4. Forum Kritische Psychologie – Neue Folge, Nr. 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24894.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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