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Wirkungs­orientierung in der Sozialen Arbeit

Cover Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2018. 96 Seiten. ISBN 978-3-7841-3079-8. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.

Reihe: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit - 01.
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Thema

Das rezensierte Werk ist ein Themenheft der Zeitschrift Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, das sich dem Thema Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit widmet. Unter dem richtungsweisenden Vorwort von Prof. Dr. Bernd Halfar versammeln sich im Heft 12 verschiedene Beiträge, die die Thematik teils aus einer sozialpolitischen Perspektive, teils aus einer Projektperspektive behandeln. Das Heft dient, wie der Rückseite entnommen werden kann, der Versachlichung und Konkretisierung des umstrittenen Themas der Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit und geht auf Begriffe, Konzepte und Methoden, wirkungsorientierte kommunale Steuerung, Wirkung(en) in der freien Wohlfahrtspflege, Wirkungsorientierung und Menschenwürde, Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG), Wirkungsforschung im Sozialgesetzbuch (SGB II), Ansätze der Kinder- und Jugendhilfe und innovative Praxisbeispiele ein.

Aufbau und Inhalt

Die im Heft versammelten 12 Beiträge sind als Einzelbeiträge zu lesen, die keinen direkten Bezug aufeinander nehmen. Die Autor*innen weisen unterschiedliche Hintergründe auf und stammen aus der Wissenschaft, Kommunalpolitik, der freien Wohlfahrtspflege und aus Verbänden.

Im ersten Beitrag (S. 4-17) von Michael Boecker und Michael Weber wird der Zusammenhang zwischen Bedarfsplanung, Steuerung und Wirkungsorientierung thematisiert. Ebenso wird argumentiert, dass Qualitätsmanagement und Wirkungsmessung zu unterscheiden sind. Zudem wird auf die Wirksamkeitsdimensionen, Wirkfaktoren und Wirksamkeitsindikatoren eingegangen und methodische Herausforderungen als Hürde für eine praxisorientierte Umsetzung von Wirkungsorientierung diskutiert. Die Autoren resümieren, dass es Aufgabe der Wissenschaft, in Verbindung mit den Leistungserbingern bleibt, «methodisch anspruchsvolle und zugleich praxisorientierte Projekte der Wirkungsmessung einzelner Massnahmen oder Einrichtungstypen zu initiieren und die daraus gewonnenen Erkenntnisse (…) im Sinne der Nutzer*innen einzubringen» (S. 14-15).

Im zweiten Beitrag (S. 18-24) betont Norbert Feith die Schwierigkeit Wirkungen Sozialer Arbeit, wie Bildung, Fürsorge, Befähigung oder Hilfe für andere Menschen zu messen. Er stellt anschliessend knapp ein Instrument des BMFSFJ vor, welches zum Zweck der inneren Verwaltungssteuerung und der in der Bundeshaushaltsverordnung vorgeschriebenen Wirtschaftlichkeitsbetrachtung bzw. Erfolgskontrolle den Wirkungseffekt mit einem Controllingsystem systematisch abbilden soll.

Der dritte Beitrag (S. 24-36) von Tim Kähler thematisiert eine wirkungsorientierte Steuerung kommunaler Sozialpolitik und ihr Zusammenspiel mit und ihre Auswirkungen auf den Sozialstaat. Er argumentiert, dass es nur, wenn es gelingt soziale Leistungen lebenslagenbegleitend und lebenslagenverändernd zu erbringen, es zu einer nachhaltigen Entlastung der Sozialsysteme kommt. Der Schlüssel hierzu liegt darin, die richtigen präventiven Leistungen zu finden bzw. diese zu steigern um im Bereich der Fallkosten bzw. Transferleistungen positive Effekte zu erzielen. Er resümiert, dass wirkungsorientierte Steuerung eine klare Zielformulierung voraussetzt, welche ein objektives Controlling ermöglicht und alle notwendigen Hilfeleistungen und Akteure vernetzt.

Im vierten Beitrag (S. 38-45) wird die Frage nach Wirkungen aus dem Blick von gemeinnützigen Organisationen betrachtet. Thomas Bibisdis ruft dazu auf, dass sich gemeinnützige Organisationen mit metrischen Bewertungssystemen auseinandersetzen und sich in die Kontroversen um die «richtige Art» der Erfassung und Bewertung des Sozialen einmischen. Seine Ausführungen sollen den Blick dafür schärfen, «welche Folgen es haben kann, das, was in Zahlen ausgedrückt und vermessen werden kann, überzubetonen oder sich einseitig darauf zu verlassen» (S. 41).

Der fünfte Beitrag (S. 46-51) von Reiner Delgado verbindet Wirkungsorientierung und Menschenwürde miteinander, indem er im Beitrag mit den im Bundesteilhabegesetz formulierten Teilhabezielen überprüft, welchen Stellenwert die Würde des Menschen und die Selbstbestimmung haben. Es sei eine ständige Gratwanderung, dass fremde Instanzen formulieren, welches die Teilhabeziele der Betreffenden sind, vor allem bei Personen, für die eine individuelle selbstbestimmte und autonome Lebensgestaltung kaum möglich ist. Er hält resümierend fest, dass Ziele, die dem Geist des Bundeteilhabegesetzes entsprechen, gemäss Wirkungskontrolle operationalisierbar sind.

In Beitrag sechs (S. 52-62) beschäftigt sich Theo Klauß mit der Wirkungsorientierung bei der Umsetzung des BTHG. Er stellt ein Projekt vor, in dem mit Menschen mit psychischen Erkrankungen, Lernschwierigkeiten und Mehrfachbehinderungen ein Instrument entwickelt wurde, um Teilhabe in der Eingliederungshilfe zu messen. Schlussfolgernd hält er fest, dass Eingliederungshilfeträger und Leistungserbringer «gemeinsam Kriterien entwickeln, die sich, der UN-BRK und ICF entsprechend, an einem weiten Verständnis von Teilhabe orientieren und vor allem der Verbesserung und personenorientierten Passung der Angebote dienen» (S. 62).

Harald Tornow beschäftigt sich im siebten Beitrag (S. 64-73) mit Aspekten der Wirkungsmessung und legt den Schwerpunkt auf methodische und statistische Aspekte am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe. Er thematisiert, dass in Wirkungsevaluation häufig unklar bleibt, was genau die Wirksamkeit von Leistungen hervorbringt und dass dieses Wissen gerade für Leistungserbringer und soziale Organisationen hilfreich wäre. Schliesslich wird eine Untersuchung zu Gründen und Begleitumständen von Abbrüchen bei stationären Erziehungshilfen beschrieben und resümierend festgehalten, dass Wirkungen von Wirkfaktoren abhängen, die in Einrichtungen unterschiedlich stark gegeben wären.

Der achte Beitrag (S. 74-83) berichtet von einem Projekt, welches im Auftrag des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die Wirkungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende untersuchte. Martin Dietz et al. diskutieren, was unterschiedliche Wirkungen sind und wie diese gemessen bzw. erforscht werden. Sie resümieren, dass die «Einbeziehung von Forschungsergebnissen in den politisch-administrativen Prozess und damit die Möglichkeit, dass Politik auf der Basis wissenschaftlicher Evidenz Entscheidungen treffen kann» für eine Wirkungsorientierung entscheidend ist (S. 81).

Benjamin von der Ahe plädiert in Beitrag neun (S. 84-88) für eine fundiert ausgearbeitete Wirkungslogik als Basis für Wirkungsmessungen. Am Beispiel eines Projekts mit Familienhebammen in einer deutschen Stadt wird aufgezeigt, wie die Ausgangslage analysiert und die Wirkungslogik entwickelt wurde. Dabei dient der Entwicklungsprozess selbst einer Selbstevaluation und Qualitätsentwicklung.

Im zehnten Beitrag (S. 89-92), Wirkungsorientierte Entgeltvereinbarungen für Hilfen zur Erziehung, stellt Uta Riegel drei unterschiedliche systematisierte Formen wirkungsorientierter Leistungsentgelte vor.

Im elften Beitrag (S. 93-97) stellen Michael Wahl et al. die MemoreBox vor, eine Videospielkonsole, welche gemeinsam mit Senior*innen für Senior*innen entwickelt wurde. Die den Serious Games zuzuordnende Videospielkonsole soll Lerninhalte der Gesundheitsförderung vermitteln und gleichzeitig mittels Spielspass motivierend wirken. Die Wirksamkeit dieser Spiele wird, unter Betrachtung präventiver und gesundheitsförderlicher Aspekte, im Rahmen einer Evaluationsstudie untersucht.

Schliesslich stellt Dirk Struck im zwölften und letzten Beitrag (S. 98-102) eine Studie vor, in der die Lebensqualität von Werkstattbeschäftigten, insbesondere mit Blick auf die Teilhabe am Arbeitsleben, mittels Social Return on Investment (SROI)-Ansatz gemessen wurde.

Fazit

Das rezensierte Themenheft bündelt zwölf sehr verschiedene Einzelbeiträge, die sich unter dem gemeinsamen Hut der Wirkungsorientierung zusammenfassen lassen. Die einzelnen Beiträge weisen unterschiedliche Flughöhen auf und reichen von konkreten Wirkungsindikatoren zu eher abstrakteren, aber nicht weniger wichtigeren, Gedanken dazu, wie Wirkungslogiken modelliert werden oder Wirkungsmessungen methodisch geplant werden. Im rezensierten Themenheft finden sich viele konkrete Beispiele dafür, dass eine Wirkungsmessung in verschiedenen Bereichen (Jugendhilfeplanung, BTHG) durchaus machbar ist, und eine Wirkungsorientierung grundsätzlich Nutzen für den Sozialstaat und Organisationen des Sozialwesens stiften kann. Durch die Lektüre des Themenhefts erhält die Leserschaft einen knappen Überblick über den Stand der Wirkungsorientierung in Deutschland, politische Argumentationslinien und konkrete Projektbeispiele inklusive Hinweisen, auf was bei Wirkungsmessungen zu achten ist. Gleichzeitig wird aber auch auf wesentliche Schwachstellen verwiesen, die es zu beachten gilt (wer verfügt über die Definitionsmacht, was wirkt; wie sind förderliche Schnittstellen zwischen Forschung und Politik zu gestalten). Allerdings sind die Einblicke in die vorgestellten Gedanken und Projekte recht knapp und vereinzelt bleibt der Wunsch offen, doch noch detailliertere und weiterführende Informationen zu erhalten. Ebenso könnte dem Themenheft eine einseitige Sicht auf das Thema unterstellt werden, da allen Beiträgen – trotz einzelner kritischer Töne, die sich auf konzeptionelle und methodische Aspekte beziehen – ein grundsätzlich positiver Tenor gegenüber Wirkungsorientierung und Wirkungsmessung im Sozialen zu entnehmen ist. Vollkommen kritische Stimmen sind in diesem Themenheft nicht zu finden.


Rezension von
Dr. Sigrid Haunberger
Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Departement Soziale Arbeit, Institut für Sozialmanagement (Schweiz) mit Schwerpunkten Evaluationen und Wirkungsanalysen, Umfragemethodologie, Soziale Arbeit im Justizvollzug
Homepage www.zhaw.ch/de/ueber-uns/person/haug/
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Zitiervorschlag
Sigrid Haunberger. Rezension vom 23.12.2019 zu: Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3079-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24895.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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