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Zafer Şenocak: Das Fremde, das in jedem wohnt

Cover Zafer Şenocak: Das Fremde, das in jedem wohnt. Wie Unterschiede unsere Gesellschaft zusammenhalten. Edition Körber (Hamburg) 2018. 200 Seiten. ISBN 978-3-89684-267-1. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Fremd ist der Fremde in der Fremde – und auch zu Hause. In der Besprechung des Buches „Deutschsein“, das der Schriftsteller Zafer Şenocak 2011 in der Edition Körber herausgebracht hat, habe ich formuliert: „Der deutsche Schriftsteller türkischer Herkunft referiert in seiner ‚Aufklärungsschrift‘ keine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur Thematik der Migration und Integration, Es ist eine ‚Erinnerungsschrift‘, in der der Autor die zahlreichen, positiven und negativen Erfahrungen von Eingewanderten nach Deutschland gewissermaßen am eigenen Leibe beschreibt. Dass daraus keine ‚Anklageschrift‘ geworden ist, hat sicherlich mit den überwiegend positiven Erfahrungen des Autors zu tun, seinen Fähigkeiten zur Anpassung, ohne angepasst zu sein, seines Intellekts zur Reflexion und zur Relativierung, seiner schriftstellerischen Gabe zur kritischen Beschreibung – und nicht zuletzt seiner Empathie! Die ‚Denk‘-Schrift ‚Deutschsein‘ ist zu übersetzen in ‚Menschsein‘, und deshalb ein guter Beleg für eine gelingende Integration und interkulturelle Identitätsfindung“ (Zafer Şenocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10870.php).

Im Laufe der folgenden Jahre hat Şenocak zahlreiche lyrische, prosaische Werke und Essays veröffentlicht, die in die deutsche, englische, französische, italienische, spanische, tschechische und türkische Sprache übersetzt wurden. Er gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen, wissenschaftlichen und populären Kulturvermittler in Deutschland. Er verbindet das Interkulturelle seines Denkens und Handelns immer mit dem Autobiographischen seines Daseins; etwa wenn er sich in der 2016 im Babel-Verlag B. Tulay erschienen familiären Erkundung „In deinen Worten“ mit dem traditionellen Glauben und dem Denken und Handeln seines Vaters auseinandersetzt und diese Erinnerungen in Beziehung bringt zu seinem Europäer-Sein.

Mit dem Buch „Das Fremde, das in jedem wohnt“ setzt er sich mit seiner kulturellen Herkunfts- und familialen Identitätsentwicklung auseinander – mit den westlich-modernen Lebenseinstellungen seiner Mutter und den eher spirituellen, islamischen seines Vaters, und seinen eigenen, im Germanistik-, politikwissenschaftlichem und Philosophiestudium erworbenen Kenntnissen und Identitäten. Dieses Nachschauen und Reflektieren ist ja in den Zeiten des Momentanismus, von lokal und global zunehmenden Ego- und Ethnozentrismen, von Nationalismen und Rassismen, von populistischen, fremdenfeindlichen Tendenzen und wahrheitsverweigernden Fake-News wichtiger denn je. Es sind die philosophischen Fragen: „Wer bin ich?“ – „Wo komme ich her?“ – „Wo gehe ich hin?“ oder, um es mit Immanuel Kant auszudrücken: „Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in sechs Kapitel.

Im ersten begibt er sich auf „Familienspuren“, indem er nachfragt, welche Bedeutung die (fremde) Existenz der (Groß-)Familie in seinem Geworden-sein-was-er-ist hat, die Distanz und Begegnung, das Nah- und Fremdsein, die Glücksempfindungen und Enttäuschungen, Zugehörigkeits- und Trennungsgefühle. Kommt da nicht zum Vorschein das, was die Einheimischen bei den Zugereisten, die der französische Philosoph und postmarxistische Denker Étienne Balibar als „Umherirrende“ bezeichnet, verwundert und irritierend beobachten, dass sie sich zusammenschließen oder gar Parallelgesellschaften bilden? „Verständigung unter Migranten heißt, sich gegenseitig Deckung zu geben“, gleichzeitig besteht dabei aber auch die Gefahr, die freie Sicht zu verlieren. Ist es ein Dilemma oder ein Paradox, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich öfter als nötig zwischen zwei Stühlen sitzend empfinden? Doch die Sitzfläche wird dann bequemer sitzbarer, wenn es gelingt, die nahen und fremden Verwandten, die Menschen aus anderen Kulturen und Herkünften an sich heran zu lassen, mit Empathie, Toleranz, eben menschlich.

Im zweiten Kapitel geht es um den Einklang und die Vielfalt von Sprache und Kommunikation. Als Übersetzer der Gedichte des anatolischen Mystikers Yunus Emre ins Deutsche, und als Vermittler der deutschen Literatur in der Türkei hat Şenocak immer wieder auf die Bedeutung der Sprache als Verstehens- und Austauschprozess zwischen den Kulturen verwiesen, aber auch darauf, dass für Migrantinnen und Migranten die Herkunftssprache zur Identitätsbildung unverzichtbar ist: „Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen stammen, hinken mit einem Bein, wenn sie nicht mehr zweisprachig sind“.

Das dritte Kapitel überschreibt der Autor mit „Paris – Schiraz“. Er erzählt von seiner Liebe und Begeisterung für die Poesie. Die Gedichte und Aphorismen von Hafis, von Goethe, Baudelaire und anderen, und die gelingenden und misslingenden Versuche, sie in eine anders Sprache zu bringen, mit Versuch und Irrtum souverän umzugehen, das kann man nur wagen, wenn Schreiben als Kreativitätsprozess und -potenzial verstanden wird, und als ein Freiheitsfanal, bei dem Gewalt, Krieg, Hierarchien und Machtmissbrauch keinen Platz haben. Deshalb hadert er mit seinem Herkunftsland: „Krieg ist in der Türkei des Jahres 2018 populär“. Und er ist auch nicht zuversichtlich und optimistisch: „Es gibt Gründe, Angst zu haben, um die Türkei heute, um diesen Glauben, der Islam heißt, um meine Familie, in der keiner mehr die politischen Verhältnisse gutheißt. Die Türkei des Jahres 2018 ist mir fremd geworden“.

Im vierten und in den weiteren Kapiteln setzt sich Şenocak damit auseinander, an dem sich nicht wenige Menschen in der Welt klammern, verzweifeln und zerbrechen: Heimat, als Begriff und Existenz: „Heimat ist dort, wo man leben lernt, und leben lernt man nur, wenn man die Weite der Welt begreift“. Diese Erkenntnis wäre denjenigen ins Stammbuch zu schreiben, die Heimat engstirnig und egoistisch verstehen. Zu viele Menschen auf der Erde finden keine Heimat, weil die Türen verschlossen bleiben, Mauern und Zäune gebaut werden, um sie davon abzuhalten, eine Heimat zu finden. Das ist der humane Skandal, der die Migrationsphänomene heute bestimmt, und der die eigentlich menschlichen Entwicklungen als in der Frühzeit der Menschen begonnenen und bis heute andauernden Wanderbewegungen ignoriert und missachtet. Es sind die allzu leichtfertig und unbedacht, weil bereits ideologisch verseucht daherkommenden Äußerungen von Menschen mit biografisch deutscher Herkunft und mit Migrationshintergrund, die Integration erschweren und sogar unmöglich machen. Die Balance, die jeder lernen, erfahren und bestehen muss, der einen Orts- und Existenzwechsel vollzieht, ob als Flüchtling oder Einwanderer, ist eine Lebensübung und ein Wagnis. Sie gelingt dann, wenn das zum Lebensziel erhoben wird, was Da-Sein und Fremd-Sein zusammen bringen kann: Empathie und Toleranz!

Fazit

Fehlentwicklungen zu vermeiden und zu verhindern, dafür sind auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Politikerinnen und Politiker, Künstlerinnen und Künstler, Handwerker und Intellektuelle mit und ohne Migrationshintergrund aufgefordert. Zafer Şenocak ist einer von ihnen! Es sind seine kraftvollen, eingängigen und überzeugenden Erzählungen, seine eindringlichen Fragen und seine Erfahrungen als einer, der interkulturell lebt und sich zu Hause weiß dort, wo er willkommen ist und ein gutes, gelingendes Leben führen kann. Dazu braucht es Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von allen Seiten!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.10.2018 zu: Zafer Şenocak: Das Fremde, das in jedem wohnt. Wie Unterschiede unsere Gesellschaft zusammenhalten. Edition Körber (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-89684-267-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24900.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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