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Roland Mahler: Christliche Soziale Arbeit

Cover Roland Mahler: Christliche Soziale Arbeit. Menschenbild, Spiritualität, Methoden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 228 Seiten. ISBN 978-3-17-033373-4. D: 23,00 EUR, A: 23,70 EUR.
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Thema

Seit vielen Jahren wird die Frage diskutiert, wie sich das spezifisch christliche in einer Profession wie der sozialen Arbeit identifizieren lässt. Gibt es besondere Charakteristika oder sogar eigenes, was die christliche soziale Arbeit „besonders“ macht? Gleichzeit wird der Anspruch aus einer eher professionsorientierten Richtung formuliert, dass die soziale Arbeit sich ideologiefrei versteht und wissenschaftlichen Maßstäben verpflichtet weiß.

An dieser Diskussion beteiligt sich das Buch von Roland Mahler und bezieht mit der Wahl des Titels bereits Position.

Autor

Roland Mahler ist promovierter Theologe, Psychotherapeut, Verhaltenstrainer und hat über viele Jahre im Institut für christliche Psychologie, Therapie und Pädagogik, in Wiesen im Kanton Solothurn junge Menschen zu Sozialpädagogen und -pädagoginnen ausgebildet.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus der langjährigen Erfahrung des Autors in der Ausbildung von Sozialpädagoginnen und -pädagogen entstanden. Dadurch ist ein reicher Erfahrungsschatz aber auch eine lange Auseinandersetzung mit der christlichen sozialen Arbeit in Forschung, Lehre und Praxis in das Buch eingeflossen. Das Buch versteht sich als Lehrbuch für Studierende und will Praktikern, die nach Orientierung suchen, hilfreich sein.

Aufbau

Nach den Vorworten und der Einleitung gliedert sich das Buch in einen ersten Teil, der sich der theoretischen Grundkonzeption widmet und einem zweiten Teil, der die Praxis der christlichen Sozialen Arbeit beleuchtet. Die darin bearbeiten Themen sind in sechs Kapiteln geordnet.

Teil 1: Theoretische Grundkonzeption

  1. Einleitende Klärungen
  2. Allgemeine und grundlegende Themen einer christlichen Sozialen Arbeit
  3. Theorie und Professionalisierung der christlichen Sozialen Arbeit

Teil 2: Praxis der christlichen Sozialen Arbeit

  1. Methoden und Verfahren
  2. Reflexion zur Praxis (Praxologie) christlicher Sozialen Arbeit
  3. Ethische Fragen der christlichen Sozialen Arbeit

Da sich das Buch vor allem an Studierende richtet, enthält es einige wichtige Servicemerkmale für diese Zielgruppe. Eine kurze Einleitung mit eine Pointierung der Hauptaussage stellt der Autor jedem Kapitel voran. Wesentliche Aussagen jedes Kapitels werden in grauen Kästen hervorgehoben. Sie stellen quasi Gedächtnisanker dar, die das Verständnis des vorgestellten Inhalts erleichtern. Schließlich fasst er das Kapitel in einem Fazit noch einmal zusammen. Dem gleichen Ziel dient auch die Literaturliste am Ende jeden Kapitels. Allerdings ist dies nicht nur für Studierende hilfreich, sondern für jeden, der sich dem Thema des Kapitels weiter widmen möchte.

Der Autor rundet seinen Leserservice durch zahlreiche Praxisbespiele ab, die den Praxistransfer des theoretisch Vorgetragenen erleichtern.

Inhalt

Roland Mahler legt im ersten Teil des Buches die Grundlagen in Form einer Grundkonzeption. Dazu bearbeitet er theologische und anthropologische Themen. Das erste Kapitel beginnt er mit der Erarbeitung eines alttestamentlichen, geschöpflichen Menschenbildes und ergänzt es danach durch eine neutestamentliche Perspektive des menschenfreundlichen und nahen Gottes. Danach widmet sich der Autor dem Begriff der Diakonie. Allerdings überschreibt er dieses Unterkapitel mit „Aspekte einer Theologie des Diakonats“, dem seine Ausführungen nicht gerecht werden. Vielmehr legt er eine Begründung der Diakonie und ihrer theologischen Grundlagen dar, verkürzt sie aber dann auf den Begriff der „christlichen sozialen Arbeit“. In einem weiteren Unterkapitel stellt er die christliche soziale Arbeit in den Hoffungshorizont des christlichen Glaubens und thematisiert die diesseitige Heilung und die jenseitige Auferstehung.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem von Gott beauftragten, helfenden Menschen, mit biblischen Wurzeln heutiger sozialer Arbeit, mit der Berufung zu dieser Arbeit und den damit verbundenen Umständen sowie mit Themen der Professionalisierung. So kann dieses Kapitel eine gute Reflexionsbasis für das eigene Handeln und die eigene Berufung sein.

Im dritten Kapitel des ersten Teils wird das Eigentliche der christlichen sozialen Arbeit vom Nachgeordneten unterschieden. Obwohl sich die Alltagsarbeit eher im Nachgeordneten abspielt, ruft der Autor nachdrücklich dazu auf, das Eigentliche, nämlich die „Innenseite der menschlichen Existenz“, nicht aus dem Auge zu verlieren.

Danach stellt das Buch Aspekte der Theorie und Professionalisierung der christlichen sozialen Arbeit vor. Nach Erörterungen zur Spiritualität und zum Mandat legt der Autor eine eigene geistliche Diagnostik dar, die er von Thomas von Aquin ableitet. Im Anschluss führt er den Begriff der Proximalität ein, der für eine radikale Hinwendung zum Bedürftigen steht, und dabei unabhängig von anderen wichtigen Erfordernissen ist. Schließlich wird die Liebe als Handlungskompetenz in der christlichen sozialen Arbeit bearbeitet. Ziel liebender sozialer Arbeit ist: „Den Menschen in der Gewissheit zu leiten, dass er zum einen ganz sich selbst und bei sich selbst sein kann und zum anderen dennoch imstande ist, sich dabei als Liebender oder Geliebter verbunden und geführt zu wissen.“

Der zweite Teil des Buches widmet sich der Praxis der christlichen sozialen Arbeit und stellt zunächst eine Reihe von Methoden und Verfahren vor.

In einem ersten methodischen Angang (Kapitel 4) werden spirituelle Aspekte der Diagnostik thematisiert. Dabei bildet die geschöpfliche Ordnung eine wesentliche Orientierung dieser einordnenden Überlegungen. Danach werden unter der Kategorie perspektivisch-wiederherstellende Methoden das Wertinterview und die Gewissensarbeit dargestellt. Leitfragen für das Wertinterview und eine Entscheidungsmatrix sind handlungsleitende Empfehlungen für die Praxis. Diesen praxisorientierten Hinweisen schließt sich ein Unterkapitel an, das sich theoretischen Überlegungen zu den Themen „Entwicklung, Erziehung und Bildung“ widmet. Darin wird der Versuch unternommen, allgemeine Aspekte von Entwicklung, Erziehung und Bildung mit christlichen Vorstellungen in Verbindung zu bringen. Schließlich wird der Autoritätsbegriff im Spannungsfeld überkommener und neuerer personaler Vorstellungen im religiös-christlichen Kontext bearbeitet.

Nach einem Abschnitt zu koordinativen und strukturierenden Methoden, wie das existentielles Case-Management und die Sozialraumorientierung, folgen methodische Ausführungen zur Proximalität. Unter den Überschriften Selbstsorge, existentielle Kommunikation, Gebet und seelsorgerische Verantwortung werden Begriffe aus der pastoralen Arbeit entlehnt. Der Autor zieht jedoch die Grenze zwischen der christlichen sozialen Arbeit und der Seelsorge dort, wo es ersterer um die Unterstützung bei der Erhaltung oder dem Aufbau eines sozialen und personalen Gleichgewichts geht. Pastorale Arbeit dagegen folgt dem Anspruch den Menschen zum ultimativen Heil zu führen.

Der methodische Teil des Buches schließt mit einem Kapitel zu Methoden zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und Selbstbestimmung sowie mit einem Kapitel zu evaluativen Methoden. Beide Kapitel haben beschreibenden Charakter und bieten weniger methodisches Handwerkszeug.

Das fünfte Kapitel des Buches widmet sich Überlegungen zur Praxisreflexion. Dazu eröffnet ein Kapitel zu christlichen Werthaltungen diesen Diskus. In einer säkularen Gesellschaft sind für die christliche soziale Arbeit fünf Werthaltungen von Bedeutung: Personalität, Geschöpflichkeit, Beziehungshaftigkeit, Person und Werk sowie Gnade vor Leistung.

Daneben wird in einem eigenen Unterkapitel dem Thema gesellschaftliche Gerechtigkeit Raum geben, bevor auf die Risiken der christlichen sozialen Arbeit hingewiesen wird. Dabei werden Fragen zum Umgang mit Nähe und Distanz, mit Macht und mit Risikoverhalten ebenso diskutiert wie Fragen der Loyalität und Authentizität, Burnout und der Verdinglichung von Personen.

Da Buch schließt mit einem letzten Abschnitt (Kapitel 6) zu ethischen Fragen, hier besonders zu Fragen der Sexualethik und der Ethik des Lebens und Sterbens.

Diskussion

Roland Mahler hat sein Buch für Studierende der sozialen Arbeit konzipiert. Daher orientiert er sich an praktischen Fragestellungen, die den Studierenden in ihrer theoretischen Ausbildung begegnen. Er beschränkt sich dabei auf wesentliche Aspekte und arbeitet darin spezifische christliche Inhalte und Orientierungen heraus. Umfassende Darstellungen dieser Fragestellungen überlässt er der einschlägigen Fachliteratur der sozialen Arbeit.

Die Verknüpfung von Fachwissen und religiösen Positionen gelingen ihm durchweg gut. Er findet eine gute Balance zwischen für das Verständnis notwendigen theologischen Inhalten und allzu detaillierter Darstellung theologischer Gedankengänge. Seine Bezüge zur Schöpfungstheologie könnten durch Aspekte einer relativen Gottesbeziehung modernisiert werden, wie sie Christian Kopp ausführt.

Interessant ist sein Begriff der Proximalität, den er methodisch aus pastoraltheologischem Wissensbestand füllt. Sein klares Eintreten für seelsorgerisches Handeln in der sozialen Arbeit weitet den Blick und eröffnet integrative Handlungsfelder für christlich orientierte SozialarbeiterInnen. Allerdings wäre hier eine Diskussion mit dem neueren Ansatz des „Spiritual Care“ ebenfalls wünschenswert.

Insgesamt legt Roland Mahler eine gut lesbare und verständliche Darstellung einer christlichen sozialen Arbeit vor.

Fazit

Christliche Soziale Arbeit ist eine lehrbuchhafte Darstellung christlicher Aspekte in der sozialen Arbeit. Sie sticht durch eine gute didaktische Aufbereitung in Aufbau und Sprache hervor. Durch praktische Beispiele gelingt es dem Autor, seine theoretischen Absichten gut verstehbar und umsetzbar darzulegen. Wenn auch der ein oder andere Ansatz hinter neueren theoretischen Entwicklungen zurückbleibt, so ist das Buch jeder und jedem Studierenden zu empfehlen, der christliche Orientierung in ihrer oder seiner beruflichen Sozialisation und Ausbildung sucht.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 20.03.2019 zu: Roland Mahler: Christliche Soziale Arbeit. Menschenbild, Spiritualität, Methoden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-033373-4.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24904.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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