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Florian Eßer (Hrsg.): Geschichte der Sozialen Arbeit

Cover Florian Eßer (Hrsg.): Geschichte der Sozialen Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-8340-1845-8. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Einführung in die Soziale Arbeit - 1.
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Herausgeber

Florian Eßer, Dr. phil. und Akademischer Rat am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim. Er hat seine Arbeitsschwerpunkte im Bereich Geschichte der Sozialpädagogik, der Kinder- und Jugendhilfeforschung, der Childhood Studies sowie der Digitalisierung sozialer Dienste.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist Teil einer Reihe des Schneider Verlags Hohengehren zur „Einführung in die Soziale Arbeit“. Die Buchreihe will zentrale Problemstellungen Sozialer Arbeit aufgreifen und ein akademisches Publikum erreichen.

Thema

Florian Eßer, als der Herausgeber dieses Buches, ordnet die Geschichte Sozialer Arbeit als ein zentrales Grundlagenwissen ein, zeigt darüber hinaus aber auch auf, dass bereits die Historiografie ein dynamischer Prozess des Erzählens von Geschichten ist. Soziale Arbeit entwickelte sich, zeitgeschichtlich bedingt, unterschiedlich und sie ist selbst ein Narrativ: Die Geschichte Sozialer Arbeit ist eine Erzählung vom Gelingen und Scheitern des sozialen Engagements, von Krisen und Irrwegen sozialpolitischer Entscheidungen und sie ist vergangen und nicht einfach da (S. 10). Geschichte muss erzählt werden, anders gibt es sie nicht.

Da Geschichte dem Vergessen ausgesetzt ist und als eine Sammlung erzählter Geschichten präsent bleiben kann, bietet sie einerseits Orientierung über das, was einmal geschah und andererseits lässt sie Fragen zu, die immer wieder neu gestellt werden müssen. Häufig haben die Geschichtsquellen in Form von schriftlichen Dokumenten hohe Relevanz, die Ereignisse zu rekonstruieren. Eßer geht davon aus, dass auch der Erzählstil Teil der Geschichte ist und insofern reflektiert werden muss. Auch Bilder stellen eine wichtige Geschichtsquelle dar, was Carsten Müller in dieser Geschichte Sozialer Arbeit sichtbar macht.

Aufbau

Nach der „Einführung in die Einführung“ durch den Herausgeber ordnet dieser die Beiträge des Buches mit seiner Einführung ein: „Fünf Jahrhunderte Geschichte. Ein kurzer Überblick“. Danach folgen Texte von Professoren_innen der Sozialen Arbeit.

  • Johannes Richter schreibt über: „1613: ‚Miracula San Raspini‘. Propaganda für eine neue armenpolitische Institution in Europa“.
  • Carsten Müller interessiert sich für das Jahr 1848. „1848: Sozialpolitik und bürgerliche Revolution am Beispiel des Gemäldes ‚Arbeiter vor dem Magistrat‘ von J.P. Hasenclever“.
  • Rita Braches-Chyrek beschäftigt sich mit dem Jahr 1908. „1908: Professions- und disziplingeschichtliche Markierungen in der Sozialen Arbeit“.
  • Giesela Hauss greift das Thema Eugenik auf. „1940: ‚Darum ergeht an die Erbkranken die Forderung, auf Nachkommen zu verzichten‘. Ausschluss, Soziale Arbeit und Eugenik in demokratischen Ländern“.
  • Sven Steinacker setzt sich mit der Generation 1968 auseinander. „1968ff: Soziale Bewegung und Soziale Arbeit“.
  • Birgit Bütow und Susanne Maurer bringen Eindrücke aus Ost- und West-Deutschland zusammen. „1989/90: Soziale Arbeit in DDR und BRD“.
  • Zum Schluss kommentiert Florian Eßer die Geschichten: „Und jetzt? Aktuelle Perspektiven und Herausforderungen der Geschichte“.

Das Autor_innen-Verzeichnis beendet das Buch. Jeder Beitrag wird mit Kontextwissen zur Jahreszahl eingeführt.

Inhalt

In der Regel wird die Geschichte Sozialer Arbeit als Professionalisierungsgeschichte erzählt. Soziale Arbeit existiere jedoch nicht erst seit ihrer Verberuflichung. Darüber hinaus stehe sie auch nicht nur mit dem Pauperismus des 19. Jahrhunderts in Deutschland in Verbindung. Die frühneuzeitliche Armenfürsorge in Zucht- und Arbeitshäusern prägte Soziale Arbeit wie auch die Waisenhauserziehung in Findel- und Waisenhäusern.

Soziale Arbeit sei, so Eßer, nicht nur eine nationale Angelegenheit. Die niederländische Tradition der Hilfe in Zuchthäusern bot vielen Gesellschaften Orientierung, auch wenn sie sehr grausam gewesen sei. Mit dem Wandel Europas wandelte sich auch die Einstellung gegenüber Armen und Armut. Die Wurzeln der Sozialen Arbeit seien eng mit gesellschaftlichen Veränderungen verbunden. Die aufkommende Industrialisierung erzeugte besonders in den Städten neue Problemlagen. Die Arbeiter- und Bürgerklasse im 19. Jahrhundert forderte auch den Staat auf, Fürsorge zu organisieren.

Das ehrenamtliche und bürgerliche Engagement sei genauso eine Quelle Sozialer Arbeit wie die Bemühungen um eine Absicherung von Lebensrisiken durch Sozialversicherungen und die Verbesserungen des Arbeitsschutzes durch sozialreformerische Gesetze. In Deutschland waren die bürgerlichen Sozialreformer_innen meist in Vereinen organisiert und Sozialarbeit war vor allem eine Arbeit für Männer.

Die Frauenbewegung, die eine starke Wurzel für die Entwicklung moderner Sozialer Arbeit darstellt, forderte dazu auf, in der Verantwortung für die Fürsorge der Kinder und Jugendlichen sowie der Wohlfahrtspflege auch Frauen in soziale Ämter zu zulassen. Die Emanzipationsbemühungen der bürgerlichen Frauenbewegung, die in der sozialen Arbeit ihre kulturelle Aufgabe sah und in der „geistigen Mütterlichkeit“ ihre Befähigung zum Dienst an der Gemeinschaft erkannte, überzeugte, sodass bürgerliche Frauen die bis dahin vor allem den Männern vorbehaltene gesellschaftliche Öffentlichkeit und Erwerbstätigkeit eroberten.

Des Weiteren erwähnt Florian Eßer in seiner Einführung auch die sogenannte sozialpädagogische Bewegung als Quelle der Entwicklung Sozialer Arbeit. Diese Wortschöpfung geht auf Herman Nohl zurück. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwarteten viele Menschen von der Pädagogik und besonders von der Bildung die Unterstützung, die neue Gesellschaft zu bilden und den Gemeinschaftssinn zu stärken. Angesichts der zunehmenden Vereinzelung der Menschen begann auch die Jugend sich zu emanzipieren und zu organisieren. Jugendliche schlossen sich in Bünden zusammen, wanderten, feierten, und suchten kameradschaftliche Freizeitbeschäftigung, die mit Sozialpädagogik in enger Verbindung stand. Der Begriff Sozialpädagogik richtete sich jetzt nicht nur auf Sozialarbeit, die auch mit Kontrolle und Disziplinierung von Schwererziehbaren einherging. Sozialpädagogik stellte eine Möglichkeit dar, jenseits von Schule und Familie soziale Erfahrungen zu sammeln. So jedenfalls hatte es die Grande Dame der deutschen Frauenbewegung Gertrud Bäumer 1929 im Handbuch der Pädagogik von Nohl herausgegeben, definiert. Zeitgleich war die alte Frage des Anlage-Umweltverhältnisses im eugenischen Denken hochwirksam.

Am Ende des Buches richtet sich der Blick auf Soziale Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In der DDR war sie im Kontext der Volksbildung definiert. Aus sozialistischer Sicht werde Soziale Arbeit überflüssig, denn im Sozialismus werde es keine sozialen Probleme geben. Deshalb war Soziale Arbeit, z.B. die Behindertenhilfe oder auch die Waisenhäuser weitgehend kirchlich organisiert. Ein System Sozialer Arbeit, wie es sich in der Bundesrepublik entwickelte, gab es nicht. Die Aufarbeitung der Situation in den Jugendwerkhöfen und die DDR- spezifischen Problemstellungen Sozialer Arbeit werden, so Eßer, erst seit wenigen Jahren erforscht (vgl. S. 27). Mit dem Mauerfall war das soziale System der BRD in die ehemalige DDR übertragen worden und für beide Staaten gilt, dass der Umgang mit der nationalsozialistischen Geschichte und seinem Erbe weder im „Osten“ noch im „Westen“ geklärt worden war.

Johannes Richter setzt sich mit der Propaganda Flugschrift „Miracula San-Raspini“ aus dem Jahr 1612 auseinander. Sie erschien als eine gedruckte Sammlung von zwölf Fallgeschichten über Männer, die im Amsterdamer Zuchthaus einsaßen (vgl. S. 37). Durch die Analyse dieses Dokumentes zeigt der Autor, dass die Miracula San-Raspini Sichtweisen über Armut und abweichendes Verhalten transportierte, die in der Bevölkerung wahrgenommen werden sollten (vgl. S. 41). Um den Stellenwert des Amsterdamer Zuchthauses angemessen zu verstehen, sei es, so Richter nötig, die größeren historischen Zusammenhänge des reformatorischen Zeitalters in die Rekonstruktion einzubeziehen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das Armenwesen neu geordnet worden. Betteln war jetzt verboten und die private Praxis der Almosenvergabe untersagt. Es wurden städtische Zucht- und Arbeitshäuser eingerichtet, die die Armen zur Arbeit erziehen sollten. In den großen Städten wie Amsterdam, Nürnberg, Straßburg oder auch Antwerpen wurden Bettler bereits am Zuzug in die Städte gehindert. Zucht- und Arbeitshäuser dienten nicht nur der Disziplinierung, sondern auch zur Abschreckung. Die Auseinandersetzung mit dem historischen Dokument wirft bis heute Fragen auf, die mit dem Problem der Normierung und dem Spannungsverhältnis von Hilfe und Kontrolle verbunden sind (vgl. S. 49).

Carsten Müller erforschte mithilfe des Gemäldes „Arbeiter vor dem Magistrat“ von Johann Peter Hasenclever den Zusammenhang zwischen Sozialpolitik und der Märzrevolution von 1848. Seine Einführung und Interpretation zum Historienbild erhellt die Geschehnisse um die erste Deutsche Revolution. Der Autor ermöglicht darüber hinaus Armenfürsorge neu zu betrachten und die Nützlichkeit der kritischen Historiografie kennenzulernen. Müller zeigt, dass die soziale Frage, die als Klassenkonflikt zwischen Proletariern und Bürgern in der Hochzeit der Industrialisierung definiert ist, bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Die soziale Frage nur im Zusammenhang mit der Einführung von Sozialversicherungen zu diskutierten verkürze, so Müller, das geschichtliche Bewusstsein (vgl. S. 66). Bisher sei die Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit selten auf die Vormärzrevolution eingegangen, obwohl bereits zu dieser Zeit wichtige Sozialreformen ausformuliert worden waren (vgl. S. 65). Da die soziale Frage mit dem Umbruch von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft eng zusammen hängt, müsse sie auch als Emanzipationskrise der Arbeiterschaft diskutiert werden. Der Autor hält die bürgerliche Sozialreformbewegung, die von den kirchlichen Trägern sozialer Arbeit gestärkt worden war, nur bedingt für eine Reform. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei, so Müller, die Ständegesellschaft unkritisch betrachtete worden. Deshalb habe sich ein restauratives und obrigkeitsstaatlich orientiertes Denken ausgebreitet, das in der Inneren Mission (Wichern) oder auch bei den Arbeiterbildungsvereinen (Kolping) ausgebildet war (vgl. S. 67). Soziale Arbeit entstand, so die These, auch vor dem Hintergrund, dass gesellschaftliche Konflikte entschärft und entpolitisiert werden sollten.

Rita Braches Chyrek nimmt mit ihrem Beitrag zur Gründungszeit sozialer Ausbildungsstätten, den Beginn der eigentlichen Professionalisierung in den Blick. Alice Salomon hatte 1908 die „Soziale Frauenschule“ in Berlin mitgegründet und damit viele weitere Schulgründungen ausgelöst. Die bürgerliche Frauenbewegung, an deren internationaler Spitze Salomon stand, ermöglichte nicht nur die Bildung und Berufstätigkeit für Frauen, das Wahlrecht und die Gleichbehandlung von Männern und Frauen sowie selbstbestimmte Sexualität, sondern bekämpfte auch Klassengensätze. Die neu gegründeten Wohlfahrtsschulen konnten anfangs nur von Frauen besucht werden. In den Lehrgängen lernten die Schülerinnen Hintergründe über die Entstehung von Armut und Exklusion, Gesundheitsfürsorge und Ökonomie kennen. Das ehrenamtliche Engagement wurde auch durch die juristischen Hintergründe zum Handeln in der Fürsorge- und Wohlfahrtspflege ergänzt. Einige Frauen übernahmen Positionen in der öffentlichen Armenpflege und arbeiteten als Familienfürsorgerinnen und Fabrikinspektorinnen (vgl. S. 81). Die Bemühungen, Wissenschaft mit Praxis zu verbinden, eröffneten Forschungen und trugen, so die Autorin, dazu bei, Soziale Arbeit nicht verwaltungsmäßig zu verengen (vgl. S. 84). Mit der Einführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes 1924 wurden Wohlfahrtschulen für männliche Sozialbeamte eröffnet. Jetzt expandierte Soziale Arbeit, die von Anfang an transnational, diskursiv und prozessorientiert war. Einzelne Akteure*innen hatten Netzwerke aufgebaut. Die enge Verwobenheit mit der Frauenemanzipationsbewegung, den sozialpolitischen Vereinen und der aufkommenden Sozialwissenschaft machte das Projekt Soziale Arbeit zu einem Beruf.

Gisela Hauss greift das Thema Eugenik auf. Sie erinnert daran, dass einflussreiche Propagandisten des eugenischen Denkens Leiter schweizerischer psychiatrischer Kliniken waren und die ersten eugenischen Gesetzesvorschriften Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls in der Schweiz erlassen wurden. Eugenisches Denken prägte das Handeln von Ärzten*innen, Juristen*innen und Fürsorger*innen (vgl. S. 97). Die Autorin stellt fest, dass es erst seit den 1990er Jahren ein Forschungsinteresse gibt, eugenische Maßnahmen, die nicht mit der nationalsozialistischen Rassenideologie verbunden waren, zu untersuchen. Die Autorin fand bei ihrer Forschung heraus, dass Frauen häufiger von Sterilisationen betroffen waren als Männer. Diese Eingriffe in die Integrität der Persönlichkeit konnten aus eugenischen Gründen auch ohne Zustimmung der Betroffenen durchgeführt werden. Die Akten belegen, dass Frauen seitens der Behörden häufiger beschuldigt wurden, durch ihr beschädigtes Erbgut Folgeschäden zu verursachen. Nach Gisela Hauss war eugenisches Denken tief bei Professionellen verankert. Einerseits habe, so die Autorin, die Profession damit Leid vergrößert und andererseits das Vertrauen in Hilfeprozesse zerstört. Auch heute bestehe die Gefahr, durch veränderte Vorstellungen von Normalität partizipative und demokratische Prozesse des Hilfehandelns in Frage zu stellen (vgl. S. 107).

Sven Steinacker sieht in der 1968er Generation eine Chiffre für die antiautoritäre Bewegung, die sich zu einer Protestbewegung mit unterschiedlichen Akteuren*innen entwickelte (vgl. S. 112). Allerdings sei der Einfluss der 1968er Generation auf die Entwicklung Sozialer Arbeit bedeutsam. So sei die Sozialgeschichte erst durch die Proteste zum Thema geworden. Damals wurden die Funktionslogiken Sozialer Arbeit in Frage gestellt und eine gesellschaftskritische und solidarisch-emanzipative Perspektive in Bezug auf die Adressaten_innen, sowie die umfassende Demokratisierung der sozialarbeiterischen Praxis gefordert worden. Die Berufsgruppe der Sozialarbeiter*innen, die immer heterogen war und eher unpolitisch blieb, wurde von den Revoltierenden jedoch angegriffen. Diese forderten die Kritik an den bestehenden Verhältnissen und politische Agitation und an den Hochschulen wurden ihre Themen auch aufgegriffen. Seitdem gehöre es zum guten Ton, Stigmatisierungsprozesse zu reflektieren und in Sozialer Arbeit nicht nur Hilfe, sondern auch Kontrolle zu sehen. Soziale Arbeit könne, so Steinacker, als ein Instrument der Unterdrückung und Stabilisierung von Verhältnissen genutzt werden oder auch als gesellschaftsverändernde Kraft wirken. Die 1968er Studentenbewegung trug dazu bei, dass Hilfesuchende gestärkt wurden, sich selbst zu helfen (vgl. S. 121). Alternative soziale Projekte und Modelleinrichtungen prägten die 1970er Jahre. Von der Kinderladenbewegung zur Heimrevolte, vom autonomen Jugendzentrum zum selbstverwalteten Kulturzentrum, von der Selbsthilfegruppe zu Frauenhäusern und Beratungsstellen, Soziale Arbeit expandierte. Am Ende des 20. Jahrhunderts galt es, so der Autor, die Modellprojekte zu verstetigen. Die 1968er Generation habe die Theorieentwicklung Sozialer Arbeit ebenfalls nachhaltig inspiriert.

Birgit Bütow und Susanne Maurer greifen die Wende von 1989 auf. Im Buch führen sie einen schriftlichen Dialog, der sich im Wesentlichen damit beschäftigt, wie Soziale Arbeit in „Ost“ und „West“ funktionierte. Die Novellierung des KJHG und der Mauerfall stellten eine historische Koinzidenz dar. Da es in der DDR keine soziale Bewegung oder Geschichte kritischer Diskurse zur sozialpolitischen Gestaltung gab, blieb eine öffentlich kontroverse Auseinandersetzung über das westdeutsche Sozialsystem aus.

Zum Schluss des Buches wagt Florian Eßer den Ausblick auf eine neue Form der Historiografie. Bisher, so seine These, habe sich die Geschichte Sozialer Arbeit an der nationalstaatlichen deutschen Perspektive des Wohlfahrtstaates orientiert. Eine Transnationalisierung und Regionalisierung der Geschichtsschreibung sei heute jedoch notwendig. Des Weiteren sollten auch die Missstände und Irrwege der Profession festgehalten werden. In der Geschichtswissenschaft gebe es darüber hinaus Bemühungen, Geschichte nicht nur akademisch und im akademischen Milieu zu tradieren. „Gerade diese partizipativen Geschichten ‚von unten‘ sind aber zum großen Teil erst noch zu schreiben und gehören hoffentlich in einen Einführungsband der Zukunft“ (S. 154).

Diskussion

Das Buch liest sich flüssig und schafft es, Soziale Arbeit als ein Projekt darzustellen, dass noch im Werden ist. Geschichte wird in ihrer Prozesshaftigkeit sichtbar und einige der Einflüsse, die Soziale Arbeit hervorbrachten, werden gewürdigt. Die ansonsten eher übliche Darstellung der Sozial-, Ideen- oder Personengeschichte wird hier durchbrochen, aber nicht reflektiert. Das könnte in einer Einführung in die Geschichte Sozialer Arbeit durchaus auch Thema sein. Mir kommt es so vor, als ob hier die Bedeutung sozialer Bewegungen auf die Entwicklung Sozialer Arbeit ein zentrales Moment dieser Geschichtsdarstellung ist. Das Buch schafft eine Verbindung zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem und macht den Gewinn sichtbar, der im historischen Blick liegt. Sehr deutlich wird, dass Geschichte kein Abbild von Wirklichkeit ist und auch nicht geeignet ist, diese mit einem Anspruch an Objektivität darzustellen. Sie wirft Fragen auf und sie klärt Ereignisse und sie ist notwendig, um Wissen zu generieren. Es kann sein, dass spätere Generationen ein Ereignis neu interpretieren und neue Kenntnisse durch aktuelle Quellenstudien hinzukommen.

In Ergänzung zu bereits vorliegenden Geschichten Sozialer Arbeit leistet das Buch wertvolle Hinweise für den Umgang mit Geschichte. Es zeigt auch, dass die Geschichte der Sozialen Arbeit nach 1945 erst noch systematisch aufbereitet werden muss. Die Armenfürsorge und die Professionalisierung durch Ausbildung und Methoden stellen die markanten Zugänge und historischen Zusammenhänge der Entwicklung Sozialer Arbeit während des 19. Jahrhunderts dar. Was für die nächsten fünfzig Jahre des 20. Jahrhunderts prägend und wegweisend war, wird in dieser Geschichte zumindest angedeutet: Die politische Trennung Deutschlands und die antiautoritäre Bewegung wirken auf Soziale Arbeit ein und verändern auch deren Paradigmen und Narrative.

Fazit

Das Buch eignet sich hervorragend, um sich intensiver mit der Geschichte Sozialer Arbeit auseinanderzusetzen. Es zeigt die Notwendigkeit auf, diese Disziplin nicht zu vernachlässigen. Die Geschichte der Sozialen Arbeit fundiert Soziale Arbeit, macht ihren Kern sichtbar und hält sowohl die Profession als auch die Disziplin zusammen. Sie gehört meiner Ansicht nach in jedes Curriculum zum Studium Sozialer Arbeit und bedarf einer intensiven Forschung.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 22.10.2018 zu: Florian Eßer (Hrsg.): Geschichte der Sozialen Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2018. ISBN 978-3-8340-1845-8. Einführung in die Soziale Arbeit - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24907.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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