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Tobias Buchner: Die Subjekte der Integration

Cover Tobias Buchner: Die Subjekte der Integration. Schule, Biographie und Behinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. 355 Seiten. ISBN 978-3-7815-2258-9. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
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Thema

Inklusive Bildung ist eines der zentralen bildungspolitischen Diskursstränge unserer Zeit, im Rahmen dessen vielfältige Perspektiven erforscht wurden und werden. Diese Veröffentlichung widmet sich einem Blickwinkel, der in bisherigen Untersuchungen insbesondere im deutschsprachigen Raum jedoch kaum berücksichtigt wurde. Im Fokus stehen dabei Subjektivierungsprozesse von Schüler*innen, die als behindert adressiert werden, im biographischen Kontext von Regelschule. Dabei kommen Schüler*innen zu Wort, die der „ersten Generation“ der Integrationsbewegung angehörten.

Autor

Dr. Tobias Buchner – arbeitet u.a. am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung erschien in der Reihe „Inklusion, Behinderung, Gesellschaft – Bildungs- und sozialwissenschaftliche Beiträge“ und basiert auf einer von 2011 bis 2016 erarbeiteten Dissertation unter der Betreuung von Prof. Dr. Gottfried Biewer und Prof.in Dr.in Bettina Dausien. Sie wurde 2017 mit dem Wissenschaftspreis der Sektion Sonderpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und dem Dissertationspreis der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien ausgezeichnet.

Aufbau

Die Monographie ist in insgesamt 13 Kapitel untergliedert, welche sich grob in vier Teile zusammenfassen lassen:

Nach einem Vorwort zur Entstehung des Werkes wird in einem ersten Teil das theoretische Grundgerüst erarbeitet, unter Berücksichtigung aktueller Diskursfelder. Nach dem zweiten Teil zur methodologischen Einordung und Beschreibung werden die erhobenen Fallkonstruktionen dargestellt und in einem letzten Teil theoretisch eingeordnet und mit dem aktuellen Inklusionsdiskurs verwoben.

Inhalt

  1. Im ersten Kapitel wird die Arbeit in den aktuellen Diskurs eingeordnet und das zugrundeliegende Inklusionsverständnis dargelegt. Des Weiteren wird die Arbeit historisch und theoretisch gerahmt und in seinem Aufbau erläutert.

  2. Im zweiten Kapitel werden die schulpolitischen (Integrations-)Entwicklungen in Österreich dargestellt, mit einem besonderen Augenmerk auf die Rolle der Integrationsbewegung. Dabei wird zum einen die Bedeutung insbesondere der Eltern für (gesellschafts-)politische Entwicklungen im Kontext des gemeinsamen Unterrichts betont und rechtliche und politische Veränderungsprozesse der „Integrationsbewegung“ beschrieben. Weiterhin werden institutionelle Settings und pädagogische Konzepte des gemeinsamen Unterrichts historisch eingeordnet.
  3. Im dritten Kapitel werden aktuelle Forschungsergebnisse von für die Arbeit relevanten Themenbereichen umfangreich dargestellt. Einen großen Raum nimmt dabei die Darstellung der Forschungslage zu Schüler*innenperspektive im Kontext von Regelschule bzw. integrativer Beschulung ein, wobei deutlich wird, dass es sich insbesondere für die Schüler*innenschaft mit Behinderungserfahrung um ein erhebliches Desiderat handelt.

  4. Im vierten Kapitel werden verschiedene Erklärungsansätze bzw. unterschiedliche Behinderungsbegriffe/-modelle gegenübergestellt und reflektiert. Die Arbeit knüpft dabei an das kulturelle Modell von Behinderung an. Im Kapitel werden weiterhin die Disabilty Studies (in Education) näher betrachtet.

  5. Im fünften Kapitel wird der machtkritische, heuristische Rahmen der Veröffentlichung aufgespannt. Unter Bezugnahme der Theoriekonstrukte von Michel Foucault und Judith Butler wird ein Verständnis von Subjektivierung erarbeitet und mit Verweis auf die Disabilty Studies auf die Felder Schule und Behinderung bezogen. Dabei wird Schule als machtvolle Institution gesellschaftlicher (Re-)Produktion gezeichnet.

  6. Im sechsten Kapitel werden dann die theoretischen Konzepte der Biographie und Subjektivierung in mehreren Schritten aufeinander bezogen und ins Verhältnis zueinander gesetzt, so dass u.a. geklärt wird, wie biographische Erzählungen unter einer subjektivierungstheoretischen Perspektive gelesen werden können.

  7. Innerhalb des siebten Kapitels wird der methodologische Rahmen dargelegt. Ein Schwerpunkt bildet dabei die Darstellung der reflexiv-rekonstruktiven Methodologie sowie der abduktiven Forschungslogik, welcher in der Arbeit gefolgt wird. Der Reflexivität während des gesamten Forschungsprozesses wird dabei eine große Bedeutung beigemessen.

  8. Im anschließenden achten Kapitel wird das empirische Vorgehen dokumentiert, im Rahmen dessen die Einbindung der Forschungsarbeit in das Quali-TYDES-Projekt beschrieben wird und das analytische Vorgehen präzise dargestellt wird. Der Forschungsprozess wird an dieser Stelle detailliert beschrieben und zum Abschluss nochmals reflektiert.

  9. Das neunte Kapitel stellt zugleich das Herzstück der Arbeit dar. Hier werden drei biographische Erzählungen ausführlich dargestellt. Diese beziehen sich auf Personen mit körperlicher und/oder Sinnesbeeinträchtigung, welche (zum größten Teil) im integrativen Setting beschult wurden. Dabei wird der (machtkritische) Fokus auf die Institution Schule gerichtet. Diesbezüglich werden die Erfahrungen zur Schulzeit sequenzanalytisch bearbeitet, interpretiert und teils miteinander in Beziehung gebracht.

  10. Im zehnten Kapitel folgt ein Fallvergleich und Kontrastierungen anhand von vier herausgearbeiteten Dimensionen:

    – Schulbiographischer Erfahrungsräume
    – Selbsttechniken
    – ‚biographischer Haftungen‘ von Subjektivierungsmustern
    – Erzählungen über schulische Selbstverhältnisse

  11. Anschließend werden im elften Kapitel zentrale Befunde einer tieferen Theoretisierung unterzogen, insbesondere im Spiegel bildungswissenschaftlicher und normalisierungstheoretischer Diskurse. Dadurch werden bisher eher vernachlässigte Effekte des Regelschulsystems und Behinderung herausgearbeitet, um diese Erkenntnisse stärker in den inklusionspädagogischen Diskurs einbringen und reflektieren zu können.

  12. Zur Ermöglichung eines kritischen Dialogs und zur Anbindung der Forschungsergebnisse an die Praxis folgen im zwölften Kapitel Schlussfolgerungen für die Professionalisierung von Lehrkräften und Konsequenzen für die Gestaltung von inklusiven Schulentwicklungsprozessen.

  13. Gefolgt von abschließenden Gedanken im 13. Kapitel.

Diskussion

Tobias Buchner schafft es durch die erhobenen biographischen Erzählungen in Kombination mit einem sehr komplexen heuristischen Rahmen Subjektivierungsprozesse sehr tiefgehend freizulegen und zu analysieren. So werden durch das detaillierte Eintauchen in bisher wenig beachtete individuelle Lebensgeschichten mit machtkritischem Blick und einem Verständnis von Behinderung als kulturellem Produkt, institutionelle Praktiken, wie die der Individualisierung und Normalisierung, enttarnt und die Beziehung zu den Peers analysiert. Darüber hinaus werden auch Technologien des Selbst sehr präzise herausgearbeitet. Damit liefert der Autor eine bisher weitgehend ignorierte Perspektive auf die Institution Schule, die insbesondere für den Inklusionsdiskurs höchstspannend erscheint, da sich hier zeigt, welche nachhaltige Rolle diese Institution bei der Formung der Schüler*innen spielt. Auch wenn der Blick sich auf Biographien der „ersten“ Integrationsgeneration und damit in die Vergangenheit richtet, zeigt sich die hohe Relevanz für aktuelle inklusionspädagogische Entwicklungen. Dies wird nicht nur, aber vor allem im vorletzten Kapitel unterstrichen, indem die theoretischen Schlussfolgerungen nochmals mit der aktuellen bildungswissenschaftlichen Praxis verwoben werden. Dem selbst gesetzten Anspruch „Aspekte von Subjektivierung im Kontext von Regelschule und Behinderung herauszuarbeiten“ (S. 152) gelingt dem Autor auf eine sehr beeindruckende und reflektierte Weise, womit er ein wichtiges Fundament liefert für weitere Forschungsarbeiten in diesem Kontext. Die Arbeit ist durchzogen von einer sehr intensiven Reflexionsleistung des Autors, sowohl hinsichtlich ethischer und machtkritischer Aspekte als auch der eigenen Rolle im dargelegten Forschungsprozess. Durch viele kleinere Zusammenfassungen und wiederholten Bezügen zum Forschungsanliegen kann der Analyse trotz der sehr komplexen Darstellungen gut gefolgt werden.

Fazit

Insgesamt ist die Veröffentlichung ein Grundlagenwerk bei der Offenlegung von Subjektivierungsprozessen im Kontext von Regelschule und Behinderung im deutschsprachigen Raum. In ihr werden Interpretationsansätze geliefert, die sicherlich einen hohen Stellenwert für zukünftige wissenschaftliche Arbeiten im Bereich biographischer Forschung haben werden. Durch den intensiven und machtkritischen Blick auf das Feld Schule werden auch Änderungsbedarfe hinsichtlich der Professionalisierung von Pädagog*innen und inklusiver Schulentwicklung allgemein deutlich. Der Bezug zu einem kulturell geprägten Behinderungsbegriff und den Disability Studies (in Education) zeigt auch den progressiven Charakter der Arbeit. Und nicht zuletzt erhalten auch die Biograph*innen durch diese Analyse eine Stimme innerhalb eines Diskurses, der auch heute noch mehr vom ÜBER als vom MIT geprägt ist.


Rezensent
Nico Leonhardt
wiss. Mitarbeiter an der Universität Leipzig
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Zitiervorschlag
Nico Leonhardt. Rezension vom 03.01.2019 zu: Tobias Buchner: Die Subjekte der Integration. Schule, Biographie und Behinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. ISBN 978-3-7815-2258-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24909.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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