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Vitaly Malkin: Gefährliche Illusionen

Cover Vitaly Malkin: Gefährliche Illusionen. Für die Vernunft in unvernünftigen Zeiten. Wolff Verlag (Berlin) 2018. 462 Seiten. ISBN 978-3-941461-25-3. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Was geschieht, wenn wir denken?

Diese Frage treibt Menschen in ihrem alltäglichen Dasein, wie im wissenschaftlichen Denken um. „Dianoêsis“, das Denken als intellektuelle Erkenntnistätigkeit, wird in der antiken, aristotelischen Philosophie als Grundlage der dianoetischen Tugenden bezeichnet. Beim Denken geschieht Vergegenwärtigung, und zwar sowohl von Vergangenem, als auch Gegenwärtigem und Zukünftigem. Der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1876 – 1907) hat mit der fünffachen Charakterisierung des „stream of thought“ darauf verwiesen, dass 1., jedes Denken dahin tendiert, Teil des persönlichen Bewusstseins zu werden, 2., dieses im Bewusstsein verankerte Denken sich im ständigem Wandel befindet, 3., eine Kontinuität aufweist, 4., sich immer mit Situationen befasst, die vom Bewusstsein unabhängig sind, und 5., das Denken fortwährend zwischen den unterschiedlichen Bewusstseinszuständen auswählt (siehe dazu: Carl Friedrich Graumann, Hrsg., Denken, Köln / Berlin 1965, S. 19ff). Fassen wir diese Replik auf die denk-psychologischen Aspekte zusammen, so lässt sich lapidar sagen: Ein Mensch, der denkt, ist! Man ist versucht, dieser Feststellung durch das Wörtchen „richtig“ zu ergänzen, womit freilich das Problem bereits beginnt. Denn: Was ist richtig? Was ist Wahrheit und was sind Fake News? Gelingt es nicht, die Wahrheit in der Welt zu suchen, die Wahrheit, die aus der Aufklärung kommt und in der allgemeingültigen und nicht relativierbaren Menschenwürde grundgelegt ist, ist Denken eine Chimäre.

Autor

Einem Trugbild aufsitzen, also einer unwirklichen, das Denken behindernden Einbildung unterliegen, das fürchtet der als Unternehmer tätige, russische Philosoph und Philanthrop, Gründer der humanitären Stiftung „Fondation Espoir“, Vitaly Malkin. Es sind die unvernünftigen Zeiten, die bestimmt werden von Ego- und Ethnozentristen, von Nationalisten und Rassisten, von Fundamentalisten und Populisten, die die Frage erzwingt, ob wir gegenwärtig und zukünftig verstandesbestimmt oder chimärenabhängig leben wollen: „Heute sind die Hirngespinste in unser Leben zurückgekehrt… jene Ideologien, Traditionen und Bräuche, die nicht unserem Bewusstsein unserer individuellen Erfahrung oder der Überlebensnotwendigkeit in einer modernen Gesellschaft entspringen, sondern all das, was unserem Wesen, unserem Verstand, unserer Freiheit und dem irdischen Glück schadet“. Malkin bezeichnet seinen intellektuellen, lebensweltlichen Versuch, Luft zum Atmen zu finden, als „gestohlene Luft“, wie dies der Kämpfer für freie Meinungsäußerung in einem unfreien Land, Ossip Emiljewitsch Mandelstam (1891 – 1938), bezeichnete.

Vitaly Malkin war lange Jahre enger Vertrauter von Boris Jelzin und Senator in der russischen Republik Burjatien. Der Oligarch erwarb sein Milliardenvermögen durch Finanzspekulationen. Er verließ Russland wegen Kontroversen, die sich aus seiner russisch-israelischen Doppelstaatsbürgerschaft ergaben. Er lebt heute in Monaco und Paris. Aus seiner Sympathie für Nietzsche und der Überzeugung, Russland sei traditionell und transnational ein Teil des Westens, macht er kein Hehl; freilich auch nicht aus der Überzeugung, dass die Menschheit nicht gleich sei, sondern verschieden. Ob diese Auffassung kompatibel der sei, wie sie die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 zum Ausdruck bringt, dass die Menschheit in ihrer Vielfalt gleich sei, soll in der Lektüre des Buches deutlich werden.

Aufbau und Inhalt

Malkin gliedert sein Essay in acht Kapitel.

  1. Im ersten geht es um die Gegenüberstellung von „Vernunft und Chimäre“;
  2. im zweiten um Fragen, wie das Böse beherrscht und eingehegt werden kann;
  3. im dritten werden Visionen vorgestellt, wie „unser erster Schritt ins Himmelreich“ aussehen könnte;
  4. im vierten geht es um das Paradoxon der „unerträglichen Freude des Leidens“;
  5. im fünften um den „großen Kampf gegen das Vergnügen“;
  6. im sechsten wird „der ärgste Feind Gottes“ identifiziert;
  7. im siebten wird es gebotsmäßig: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“; und
  8. im siebten Kapitel geht es um Fragen zur „Onanie“.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Betrachtet man die Titelwahl – „Gefährliche Illusionen“- und die Untertitelung des Buches mit der Aufforderung zum Denken, ist man zuerst einmal aufgefordert, semantisch und philosophisch den Begriff „Illusion“ zu betrachten, als falsche Wahrnehmung und Vorstellung, Sinnestäuschung, Selbsttäuschung, trügerische Hoffnung und Fiktion. Im Gegensatz zum Begriff „Vision“, mit dem wünschenswerte Gegenwarts- und Zukunftsvorstellungen und -wünsche zum Ausdruck kommen, wie sie sich in religiösen Weltanschauungen und gesellschaftspolitischen Programmen und Utopien artikulieren. Malkins Reflexionen, die von der inhaltlichen Zusammenfassung seines Essays einem „Rundumschlag“ des menschlichen Existierens und Wirkens gleichen, lassen sich dadurch erst einmal als den Versuch verstehen, Illusionen und Visionen in ihren gegensätzlichen (und ähnlichen?) Bedeutungen zu thematisieren. Die Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit, Mühsamkeit und Leichtigkeit des individuellen menschlichen Daseins führt leicht zu der Irritation, dass in den Beziehungen der Menschen zu- oder gegeneinander eine „erstaunliche Nichtübereinstimmung zwischen den aufgezwungenen Idealen und dem realen Leben (zu) entdecken“ ist.

Beim Drang und der Lust, sich in einem umfassenden Buch mit den vielfältigen Imponderabilien des Lebens auseinander zu setzen – und ziemlich unbescheiden, aber selbstbewusst sich mit dem Werk und der Bedeutung etwa der Bibel messen zu wollen – kommt dem Autor die Erfahrung zugute, dass (fast) alles, was im menschlichen Dasein Bedeutung hat, schon einmal oder mehrmals gedacht wurde und wieder und noch einmal reflektiert werden muss. Der spanische Maler Francisco Goya hat dies mit seinem Gemälde „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ eindrucksvoll ins Bild gebracht. Diese Vision ist sympathisch und mutig zugleich; denn Chimären und Hirngespinste sind überall. Gegen sie anzugehen muss nicht ein Kampf gegen Windmühlenflügel sein; es genügt, sich beim Denken bewusst zu machen, dass Illusionen niemals Idealvorstellungen wahrhaftig machen: „Das Ideal ist grundsätzlich unerreichbar, und ebendiese grundsätzliche Unerreichbarkeit wurde in der Geschichte der Menschheit zum Ursprung aller möglichen Illusionen und zur treibenden Kraft aller begangenen Missetaten“.

Es sind die traditionellen und aktuellen ideologischen Chimären und Einflüsse, die sich als Aberglaube, Intoleranz und Fanatismus ausdrücken (vgl. dazu auch: Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php). Und es ist die Ablehnung von monotheistischen und sonstigen ideologischen Formeln, die die Freiheit, die Integrität und Humanität des Menschen einschränken: „Ich spreche mich gegen eine idealisierte Wahrnehmung der Wirklichkeit aus“. Das klingt beinahe für Momentanismus. Es zeigt sich aber, dass Malkin darunter etwas anderes versteht. Beinahe, so die Vermutung des Rezensenten, eine „mundane“ Vorstellung von der Welthaftigkeit des Menschen (Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php). Dass dabei die Verzweiflung und vielleicht sogar der Frevel mitschwingt, wenn die Frage nach dem Theozidee und danach, ob es einen Gott gibt, der Böses zulässt, gestellt wird, verdeutlicht der Autor intellektuell und, wie im gesamten Buch, immer wieder mit zahlreichen literarischen Belegen. „Memento mori“, als Bewusstheit des Todes und der Unmöglichkeit, „ewigen Leben“ zu erlangen, verführt die Menschen allzu leicht dazu, sich leidend, duldend und gläubig zu wähnen, um die Todesangst zu überwinden. Kann da die Suche nach dem ewigen, zumindest aber langlebigem Lebenselixier zu suchen, gelingen? Warum fordern und motivieren Weltanschauungen zu fatalistischen, selbstleidenden Einstellungen und Taten auf? Im Gegensatz dazu aber auch zu asketischem, bescheidenem Leben? Ist es die „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, die Vergnügen, Lebenslust und Freude so verdächtig machen und, um mit Nietzsche zu sprechen, der Schönheit und dem positiven Erleben entgegen setzen das „Missrathen, Verkümmern, am Schmerz, am Unfall, an der willkürlichen Einbuße, an der Entselbstung, Selbstgeißelung, Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden und gesucht wird“.

Im Paradies, im glückseligen Jenseits steht Glück auf der obersten Skala des Wohlseins. Das verkünden die monotheistischen Religionen unisono. Sie reichen vom Schlaraffenland, bis hin zu den sexuellen Freuden und Gelüsten, die bereitwillig und in Fülle zur Verfügung stehen. Jungfräulichkeit, Keuschheit sind überwundene religiöse Gebote? Mit dem Plädoyer – „Gebt uns das sexuelle Begehren zurück, und wir geben euch Gott zurück“ – will der Autor einen gerechten Tausch vorschlagen. So ist es auch mit dem „Heiligen“ im lebendigen Dasein der Menschen. Nicht die religiöse Institution soll es sein, die Heilige auf ihr Schild hebt, sondern die Humanität, die „Außergewöhnliche“ in ihrer Mitte weiß: „Jeder Mensch ist eigenverantwortlich und beachtenswert. Jeder Mensch ist Gott“. Die Unterscheidung zum anthropologischen, antiken Verständnis des „anthrôpos“ als Mittler zwischen theos und zoon schwingt hier mit. Malkin greift im letzten Kapitel auf, was in den monotheistischen Religionen als „Sünde“ verurteilt wird: Die Onanie als Selbstbefriedigung. Gegen den evolutionären, natürlichen Vorgang gingen in der Geschichte der Menschheit nicht nur die Weltanschauungen vor, sondern auch die institutionalisierten staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen. Diese Allianz bewirkte, dass Masturbation zu einem Schuldtitel wurde, der das Selbstbewusstsein und die sexuelle, individuelle und kollektive Entwicklung von Menschen beeinträchtigt(e).

Er kommt zum Schluss zu Auswirkungen, die in nicht wenigen Gesellschaften und Kulturen bis heute praktiziert werden und zu deren Aufklärung und Abschaffung Vitaly Malkin mit seiner Initiative „Fondation Espoir“ beitragen will: Der Beschneidung von Jungen und der Amputation der Klitoris bei Mädchen.

Fazit

Der Anspruch, dass die gewissenhafte und intensive Lektüre des Buches dem Leser viel Zeit bei der Suche nach dem Sein, nach seiner Existenz und seiner und der Menschheit Identität einspart, ist sicherlich überzogen, weil unrealistisch und zudem verführerisch. Niemals kann es gelingen, durch Argumente allein Aufklärung zu erreichen (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen! In: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 – 373). Das Essay mit der Aufforderung „Denkt!“ jedoch ist ein lobenswerter Versuch, den schädlichen und gefährlichen, alltäglichen und ideologischen Chimären, Missverständnissen und Hirngespinsten durch zahlreiche literarische, künstlerische und wissenschaftliche Belege die Stirn zu bieten. Sein Rat, sein Leben nicht den Chimären, sondern sich selbst zu widmen, und damit zu erkennen, dass Selbstsein nicht Egoismus bewirkt, sondern Sozialität und lokale und globale Gemeinsamkeit, ist aktueller denn je!

Das auch buchbinderisch und vom Design wohlgefällig gestaltete, mit zahlreichen Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen ausgestattete, umfangreiche Buch zum bemerkenswert angemessenen Preis kann dazu beitragen, den fundamentalistischen und fanatischen, lokalen und globalen Einflüssen und Ideologien ein Bollwerk von Argumentationen und bedenkenswerten Positionen entgegen zu setzen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.10.2018 zu: Vitaly Malkin: Gefährliche Illusionen. Für die Vernunft in unvernünftigen Zeiten. Wolff Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-941461-25-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24924.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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