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Thomas Hehlmann, Henning Schmidt-Semisch u.a.: Soziologie der Gesundheit

Cover Thomas Hehlmann, Henning Schmidt-Semisch, Friedrich Schorb: Soziologie der Gesundheit. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2018. 288 Seiten. ISBN 978-3-8252-4741-6. D: 27,99 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 35,60 sFr.

Reihe: UTB - UTB-Nr. 4741.
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Thema

Die multi-disziplinäre, Anwendungs-orientierte Gesundheits-Wissenschaft Public Health, die bei uns erst 1989 ‚akademisch‘ wurde, ringt mit drei konzeptionellen Problemen: Dies betrifft zunächst ihre Beziehung zur traditionellen Medizin, in der ‚Gesundheit‘ stets nur als nicht weiter hinterfragtes Gegenüber bzw. Ziel einer zu behandelnden Krankheit verstanden bzw. aus der Diskussion ausgeklammert wurde: Gesundheit als Nicht-Krankheit. Sodann ist es ihr – multidisziplinär und Praxis-bezogen – bisher kaum gelungen eine eigenständige akademisch-theoretische Grundlage zu entwickeln. Und schließlich fällt es ihr – ebenso wie der Medizin – in doppelter Weise schwer, über die auf das Individuum bezogene Mikro-Ebene hinaus meso- oder gar makro-soziologische Ansätze in ihr Selbstverständnis zu integrieren; sei dies inner-medizinisch die Suche nach sozialen Ursachen und Bedingungen von Krankheit/Gesundheit, oder sei dies Professions-bezogen das reflexive Selbstverständnis über ihre Rolle und Funktion im gesamtgesellschaftlichen Miteinander.

Das Autoren-Trio folgt dieser Frage nach einer möglichen ‚Soziologie der Gesundheitswissenschaft‘ – anstatt einer kausal arbeitenden ‚Soziologie in der Gesundheitswissenschaft‘ – auf der Basis einiger zentraler kritisch-konstruktivistischen Konzepte. Wobei sie für ihr kurzgefasstes Lehrbuch auf ihre Lehrerfahrungen im Rahmen des 2005 gegründeten Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen zurückgreifen.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In den ersten beiden Kapiteln umreißen die Autoren den einschlägig historisch-soziologischen Rahmen: Wie also in Reaktion auf die tiefgreifenden sozialen Veränderungen im frühen 19. Jhd. die ersten ‚Soziologen‘ Comte und Marx die ‚kontingente‘ Gestaltbarkeit der sozialen Verhältnisse untersuchten; und in der zweiten Hälfte des 19. Jhd. die Ärzte Neumann und Virchow die sozialen Bedingungen der Krankheiten vor allem in der Armutsbevölkerung aufdeckten und bekämpften. Ein Ansatz in der Verbesserung der Lebensbedingungen, der einen weitaus größeren Anteil der Eindämmung der Infektions-Krankheiten erklären könne, als etwa der Rückgriff auf die Entdeckung der Bakterien durch Pasteur (52). Eine sozio-hygienische Wurzel der Gesundheits-Wissenschaften, die um die Jahrhundertwende wohlfahrtstaatlich aufgegriffen wurde. Um dann jedoch eugenisch, also medizinisch-biologisch, die relevanten sozialen Ungleichheits-Ursachen aus dem Blick zu verlieren. Bis hin zur nationalsozialistischen Perversion, die bei uns und in der DDR verhinderte, an die frühe Sozial-Hygiene anzuknüpfen. Erst die auf Antonovsky's Frage nach den Bedingungen der Gesundheit (Salutogenese, Kohärenzgefühl) zurückgreifende Ottawa-Charta der WHO (1986) – Gesundheit als ‚körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden‘ – gab bei uns den Anlass zum Aufbau einer nunmehr bio-psycho-sozial arbeitenden Public Health Wissenschaft.

Die drei Folgekapitel 3 – 5 erläutern das klassische Grundgerüst dieser soziologischen Perspektive: Und zwar zunächst – u.a. auch mit graphischen Abbildungen – die Krankheits-bedingende soziale Ungleichheit „als unvermeidbare Folge kapitalistischer Konkurrenzgesellschaften.“ (92). Eine Ungleichheit, die sich auch individuell im jeweiligen Lebensstil, also im widerständigen habitus (Bourdieu) als „Ergebnis einer schichtspezifischen Sozialisation“ niederschlage (93). Sodann die Bedeutung von gesetzten Werten und das Verhalten regulierenden Normen, die auch die Gesundheit als Wert mehr oder weniger kontingent – also begrenzt variabel – im Rahmen des jeweils gültigen Wertsystems festschreibe. Um nun ihrerseits durch soziale Kontrollen proaktiv und reaktiv, präventiv und kurativ garantiert zu werden; wobei die jeweiligen sozialen ‚Verhältnisse‘ zu Gunsten des individuellen ‚Verhaltens‘ zunehmend aus dem Blick gerieten. Eine Kontroll-Funktion, die, professionell getragen, im Rahmen einer immer weiter um sich greifenden ‚Medikalisierung‘ auch andere ‚abweichende‘ Verhaltensweisen ‚medizinisch‘ zu kontrollieren versucht, bis hin zu einem in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtigem ‚Healthismus‘ mit seinen willig befolgten Gesundheits-Forderungen und -Idealen.

Während also diese drei Kapitel eher auf die traditionelleren soziologischen Konzepte zurückgreifen – soziale Ungleichheit, Werte, Normen und soziale Kontrolle sowie professionelle Interessen – erläutern die folgenden vier Kapitel 6 – 9, stärker ‚postsoziologisch‘-konstruktiv ausgerichtet, Fragen des individuell zu vertretenden ‚Risikos‘ und der von Akteuren vorangetriebenen Konstruktion und Etablierung ‚sozialer Probleme‘ (Schetsche), sowie die ‚gouvernementale‘ Rolle des neoliberalen Staates, der bestrebt ist, das gesundheitliche Verhalten ‚biopolitisch‘ (Foucault) eher indirekt anzureizen und durchzusetzen: „Das unternehmerische Selbst organisiert seinen Körper, seine Gesundheit, seine Psyche, sein Berufs- und Privatleben maximal effizient.“ Es „fungiere als Problematisierungsformel für menschliches Verhalten und diene so als Ausgangspunkt der politischen ökonomischen Verhaltenssteuerung.“ (196, 197). Zentrales Moment dieser Perspektive ist der ‚Diskurs‘, also die durch Sprache vermittelte und angeleitete Konstruktion einer Wirklichkeit, die auch die Art und Weise definiere, wie wir Krankheit und Gesundheit wahrnehmen und behandeln: „Es stellt sich nämlich die Frage, ob nicht auch Krankheit und Gesundheit diskursiv erzeugte Begrifflichkeiten sind, die als vermeintlich natürliche Gegebenheiten nur deshalb zu existieren scheinen, weil sie diskursiv hervorgebracht werden.“ (219). Ein Macht-durchsetzter, Diskurs-theoretischer Ansatz, der schließlich auch die Art und Weise erfasst, wie wir den körperlichen ‚Leib‘ und den gestaltbaren ‚Körper‘ bis hinein in den Wechselbezug von ‚sex and gender‘ nicht nur begreifen, sondern auch – etwa bei der unterschiedlichen Lebenserwartung der Geschlechter – realisieren: „Insgesamt zeigt sich, dass das soziale Geschlecht bzw. die entsprechenden Geschlechterrollen gerade im Kontext von Gesundheit, Krankheit und Gesundheitsversorgung überaus wirkmächtig sind.“ (258).

Diskussion

Wie so oft bei solchen soziologischen Analysen insbesondere der kritischen Art – und Soziologie ist als solche kritisch – stellt sich die ‚politische‘ Frage: So what?, insbesondere dann, wenn sie von vorneherein gegenüber dem historisch hoffnungsvollen Anliegen ihre geringe Gestaltungswirksamkeit betont (18). Und zwar in doppelter Hinsicht: Soweit die Autoren – völlig zu Recht – mehrfach die Chance und Notwendigkeit unterstreichen, ‚reflexiv‘ im Bewusstsein der eigenen Rolle und Funktion zu handeln, so bleibt das Problem, wie die im Buch angesprochenen Public-Health-Adepten mit diesem auf der Theorie-Ebene aufgezeigtem Problem künftig in der Praxis umgehen können und sollen. Wofür sie sodann, entsprechend aufgefordert, ‚innovativ‘ zu handeln, mehr über das ‚Wie‘ als über das ‚Dass‘ erfahren müssten, wie und wo man also strategisch einsetzen müsste und könnte, um die dem ganzen Public-Health-Geschäft innewohnende Ambivalenz sinnvoll zu ertragen und zu nutzen. Denn, so endet das Buch: „Im Kontext der Multidisziplin Public Health kann so auch eine Soziologie der Gesundheit ein wichtiger Bestandteil einer reflexiven Professionalität sein – einer Professionalität, die ihre eigenen Problemdeutungen bewusst hält, Partizipation ermöglicht und dadurch ihre eigenen Handlungsoptionen vermehrt.“ (274).

Fazit

Man muss dieses Lehrbuch, das gesundheits-wissenschaftlich Studierende in die Grundlagen soziologischen Denkens einführen will, warm empfehlen. Es ist didaktisch lern-technisch ausgesprochen gut aufgebaut (Lernziele, Zusammenfassungen, Stichwortverzeichnis), verständlich geschrieben, und erklärt jeweils mit Hilfe einiger einschlägig bekannter Autoren grundlegende Konzepte und rezentere soziologische Perspektiven für die Entwicklung, Rolle und Funktion der noch jungen Public-Health-Profession.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 11.10.2018 zu: Thomas Hehlmann, Henning Schmidt-Semisch, Friedrich Schorb: Soziologie der Gesundheit. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2018. ISBN 978-3-8252-4741-6. Reihe: UTB - UTB-Nr. 4741. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24925.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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