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Bernd Heckmair, Werner Michl: Erleben und Lernen

Cover Bernd Heckmair, Werner Michl: Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2018. 8., überarbeitete Auflage. 339 Seiten. ISBN 978-3-497-02825-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Text und Kontext

Zwischen Text und Kontext besteht ein wechselseitiges Verhältnis. So erfahren wir aus den Texten des Neuen Testamentes einiges über das „Palästina“ des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, dessen Judentum und das römische Reich jener Zeit. Und andererseits werden uns die Personen, von denen uns das Neue Testament berichtet, Jesus allen voran, und die Menschen, die darüber schreiben (Evangelisten, Apostel und andere) in ihrem Denken und Handeln nur verständlich, wenn wir einigermaßen klare Kenntnisse, auch aus anderen Quellen als dem Neuen Testament stammend, über das „Palästina“ des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, dessen Judentum und das römische Reich jener Zeit haben. Wo dieser Zusammenhang zwischen Text und Kontext, aus welchen Gründen auch immer, (noch) nicht hergestellt ist, muss es zu Text-Missverständnissen kommen; die gegenwärtige Diskussion um eine fach- und sachgerechte Auslegung von Koranaussagen liefert dazu reichlich Anschauungsmaterial.

Das Verhältnis von Text und Kontext ist in der Regel ein dynamisches, wobei die Stärke der Dynamik von Fall zu Fall schwankt. Im vorliegenden Falle ist die Dynamik recht hoch: Bernd Heckmairs und Werner Michls Buch hat seit seiner ersten Auflage 1993 das Selbst- und Fremdbild der modernen Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Gebiet stark beeinflusst; nach meiner Einschätzung mehr als jedes zweite. Und umgekehrt hat dieses Buch von der ersten Auflage an den Versuch unternommen, die sich (auch) seither fortlaufend verändernde moderne Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Gebiet zu jeweiligen Zeitpunkten in ihrer Gesamtheit darzustellen.

Mit „die moderne Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Gebiet“ ist der Kontext benannt, mit dem das Heckmair-Michl-Buch als Text zu verstehen ist. Die umständlich klingende Formulierung bedarf der Erklärung. Da ist einmal „modern“, was die Doppelfrage aufwirft, ab wann von ihr zu sprechen sei und worin sie sich von einer älteren Erlebnispädagogik auf dem beschriebenen Gebiet unterscheide. Die Angaben über das „Geburtsjahr“ schwanken; in der Literatur finden sich unterschiedliche Begründungen für verschiedene Datierungen, die von Ende der 1970er bis Anfang der 1990er reichen. Ich möchte hier auf Folgendes hinweisen: Ab Mitte der 1980er entwickelt sich eine Erlebnispädagogik außerhalb der Institutionen, in denen sie im Nachkriegsdeutschland exklusiv betrieben worden war; also außerhalb der Landerziehungsheime (allen voran Salem) und der deutschen Kurzschulen, die eben damals organisatorisch dem internationalen OUTWARD BOUND angeschlossen wurden. Parallel dazu und sachlich damit zusammenhängend werden auf ideologischer Ebene in dieser modernen Erlebnispädagogik die Bindungen zur deutschen Reformpädagogik, der alten der Zwischenkriegsjahre und der neuen der Bonner Republik zunehmend lockerer, wenn nicht gar abgestreift.

Die regionale Begrenzung „im deutschsprachigen Gebiet“ markiert die Tatsache, dass die Erlebnispädagogik in diesem Gebiet ein Maß an Eigenständigkeit und Besonderheit aufweist, die sie als prägnante „Gestalt“ erscheinen lässt. Diese ist nach außen relativ klar konturiert und nach innen hinreichend strukturiert. Statt langer theoretischer Ausführungen (etwa über „Selbstreferenzialität“ und „operative Geschlossenheit“) nur zwei Indikatoren. Wenn man nachprüft, aus welchem geographischen und Sprachraum die Autor(inn)en des „Handbuchs Erlebnispädagogik“ (Michl & Seidel, 2018) stammen bzw. beheimatet sind, wird man feststellen: fast alle aus dem deutschsprachigen. Und wenn man die einzige noch existierende Fachzeitschrift „erleben & lernen“ seit ihrem Ersterscheinungsjahr durchsieht, wird man fast nur Autor(innen) aus dem deutschsprachigen Raum finden, während solche im Journal of Adventure and Experiential Outdoor Learning oder Journal of Experiential Education so gut wie nicht vertreten sind.

Das meint nun aber nicht, die moderne Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Raum würde nicht über den Tellerrand blicken. Sie hat in ihrer kurzen Geschichte immer Anstöße von außen aufgenommen und solche – je länger, je mehr – nach außen gegeben. Auch davon legt das vorliegende Buch beredtes Zeugnis ab.

Autoren

Bernd Heckmair (www.bernd-heckmair.de), Jahrgang 1953, Personalentwickler; gehörte schon früh zu jener Gruppe von Trainern, die systemisches Denken, erlebnispädagogisches Handeln und kommunikationstheoretisches Wissen kreativ zielgruppen- und situationsspezifisch kombinierten. Bis heute gehört er zu den reflektierten Beobachtern der erlebnispädagogischen Szene. Wer „auf den Geschmack“ kommen möchte, dem sei zur Lektüre empfohlen „Was treibt Erlebnispädagogen in die VUCA-Welt?“ (https://bernd-heckmair.de/). Ein Schmankerl (für Nicht-Baiern: ein Amuse-Gueule)!

Werner Michl (www.wernermichl.de), Jahrgang 1950, Professor im Ruhestand und Erlebnispädagoge im Unruhestand. Zuletzt hervorgetreten durch die Mitherausgabe des „Handbuch Erlebnispädagogik“ (Michl & Seidel, 2018) und ansonsten seit Jahrzehnten in mehrerlei Hinsicht und auf verschiedenen Ebenen einer der bedeutendsten Beweger der modernen Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Raum.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat gegenüber der 7. Auflage von 2012 (Heckmair & Michl, 2012; vgl. Heekerens, 2012) seine Grundstruktur nicht verändert. Nach einem knappen Vorwort, in dem auf Veränderungen zwischen 7. und 8. Auflage hingewiesen werden, folgen sechs Kapitel, deren Überschriften mit Variationen des „Sehens“ spielen, ohne doch Zweierlei zu beanspruchen: dass die Unterscheidung der Perspektiven die einzig mögliche und sie von Fall zu Fall trennscharf wäre. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In Rückblicke: Von Rousseau zur Risikogesellschaft (1. Kapitel) werden die von den Autoren als „Vordenker der Erlebnispädagogik“ eingeschätzten Jean-Jaques Rousseau und David H. Thoreau in ihren Grundzügen dargestellt, Kurt Hahn als „Urvater der Erlebnispädagogik“ in seinem Denken und Handeln skizziert, die Bedeutung von John Dewey heraus gearbeitet und schließlich mit Minna Specht auch eine Frau gewürdigt; genauer: die Frau gewürdigt, ohne die die Entwicklung der bundesrepublikanischen Erlebnis- und Reformpädagogik nur schwer vorstellbar wäre. Ferner wird die Entwicklung der deutschen Erlebnispädagogik insgesamt in den Kontext der deutschen Geistes-, Kultur- und politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gestellt.

Unter Rundblicke: Von Aberdovey bis Zimbabwe (2. Kapitel) würde man eine Darstellung der Verbreitungsgeschichte der Erlebnispädagogik von der walisischen Westküste der frühen 1940er, dem Exil Kurt Hahns, über alle Kontinente (mit Schwerpunkt auf den angelsächsischen bzw. angelsächsisch beeinflussten Ländern bis hin zu Simbabwe) erwarten. Diese Erwartung wird auch nicht enttäuscht, aber das 2. Kapitel wartet mit der Überraschung auf, dass (eben) dort (aus schwer einsehbaren Gründen) zwei systematisch bedeutsame Sachthemen der Erlebnispädagogik abgehandelt werden: das schon ältere Thema unterschiedlicher „Lehr-Lern-Modelle der Erlebnispädagogik“ und das relativ neue der Bedeutung der „konstruktivistischen Wende“ (namentlich in Pädagogik und Therapie) für die Erlebnispädagogik.

Kapitel 3 überrascht mit der Überschrift Einblicke: Grundlegung der Erlebnispädagogik, denn „Einblicke“, so die Variation 3 des Visuellen, „Einblicke“ hat der aufmerksame und geneigte Leser schon viele zuvor gewährt bekommen. Dennoch: Man ist in diesem (bei Weitem umfangreichsten) Kapitel des Buches im Zentrum der zeitgenössischen modernen Erlebnispädagogik im deutschsprachigen: als Methode der Sozialen Arbeit, als „Spielform“ der Betriebspädagogik, als Handlungsform der Schulpädagogik u.a.m

Wer jemals Erlebnispädagogik (beispielsweise als Hochschullehrer) lehrte oder in einer Präsentation (etwa als Personalentwickler) erklären musste, was Erlebnispädagogik mit wem zu welchem Zweck wann, wo und unter welchen Umständen erreichen kann, war froh (und dies wird auch künftig der Fall sein), die das Kapitel 4 Überblicke: Erlebnispädagogische Aktivitäten im Vergleich abschließende Tabelle und das darin verdichtete und zuvor ausgeführte Wissen, bei sich gehabt zu haben – als Powerpoint-Folie, als Tabelle im Kopf, als Handskizze oder in anderer Form.

Kapitel 5 Seitenblicke nimmt Vernachlässigte Themen der Erlebnispädagogik in den Blick. Dazu gehören nach Ansicht der Autoren u.a.: Kritische Anfragen an die Erlebnispädagogik (die von dem Vorwurf des latenten Faschismus bis zur alltagspraktischen Irrelevanz der Wirkungen reichen), die Gender- und Ökologiefrage, das Qualifikationsprofil des erlebnispädagogischen Leiters und die „Sicherheits“-Frage.

Das Buch schließt mit Ausblicke: Wiederentdeckungen, Wucherungen und Visionen (6. Kapitel). Angesprochen wird, was in der „modernen“ Erlebnispädagogik bei näherem Hinsehen Entdeckungen von gutem (!) Altbekannten ist, was wiederbelebt bzw. wiederentdeckt werden könnte und/oder sollte, und zuletzt finden sich vier mögliche Zukunftsszenarien sowie zehn Statements, die ihre von den Autoren gegebene Bezeichnung als „Provokationen“ vollauf verdienen.

Am Buchende findet sich zunächst einmal ein nach Namen bzw. Begriffen geordnetes Verzeichnis (möglicherweise) informativer Internetlinks, danach das Anmerkungsverzeichnis, darauf folgend das Literaturverzeichnis („Handbuch Erlebnispädagogik“ – Artikel von 2018 einbeziehend) sowie abschließend getrennte Personen- und Sachregister.

Diskussion

Die moderne Erlebnispädagogik im deutschsprachigen Raum ist nicht etwa „in die Jahre“, sondern ins beste Erwachsenenalter gekommen. Sie hat sowohl in professioneller als auch in disziplinärer Hinsicht an Kraft und Kontur gewonnen. Das vorliegende Buch ist in seiner inhaltlichen Überarbeitung Ausdruck dieser Neuerungen und zugleich deren Verkünder. Das Wechselspiel von Text und Kontext dauert an (und das, hoffentlich, noch lange).

Die Veränderungen der vorliegenden 8. Auflage gegenüber der 7. von 2012 beziehen sich nicht auf Grundsätzliches. Und sie verändern den Umfang des Buches nur unwesentlich, weil sich Streichungen und Einfügungen die Waage halten. Gestrichen wurde die in der 7. Auflage von 2012 zu findenden Abschnitte „Die internationale Entwicklung – Standards, Thesen, Trends“ (2.8) und „Wucherungen: Die Erlebnispädagogik boomt nicht mehr, sie wuchert“ (6.3); von der zweiten Streichung hat sich – aus welchen Gründen auch immer – in der Kapitelüberschrift der 8. Auflage das „Wucherungen“ dennoch erhalten. Dem gegenüber stehen Einfügungen, die man am besten unter dem Begriff „auf den neusten Stand bringen“ zusammenfasst.

Fazit

Das Buch gehört in mindestens einem Exemplar in die Bibliothek jeder Hochschule an der Erlebnispädagogik auf dem Lehrplan steht – und sei es auch nur im Umfang eines einzigen Moduls. Dozent(inn)en solcher Einrichtungen, die Erlebnispädagogik praktisch und/oder theoretisch im Lehrangebot haben, sollten für weitere Exemplare in ihrem Handapparat sorgen. Zur persönlichen Anschaffung empfohlen sei es jedem an Erlebnispädagogik vertieft Interessierten, der diese materialreiche Einführung nur in einer früheren und damit in mancherlei Hinsicht veralteten Version oder noch gar nicht besitzt.

Literatur

  • Heckmair, B. & Michl, W. (2012). Erleben und Lernen. München: Reinhardt.
  • Heekerens, H.-P. (2012.) Rezension vom 16.04.2012 zu Heckmair, B. & Werner Michl, W. (2012). Erleben und Lernen (7. Aufl.). München: Reinhardt. socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/12689.php).
  • Michl, W. & Seidel, H. (Hrsg.) (2018). Handbuch Erlebnispädagogik.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 22.02.2019 zu: Bernd Heckmair, Werner Michl: Erleben und Lernen. Einführung in die Erlebnispädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2018. 8., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-02825-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24926.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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