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Hannes Hofbauer: Kritik der Migration

Cover Hannes Hofbauer: Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. 256 Seiten. ISBN 978-3-85371-441-6. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR.
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Homo migrans?

Was wird dem Menschen als Eigenschaften, Imponderabilien, Existenzen und Zwängen nicht alles zugeschrieben: Homo sapiens, homo erectus, homo permanente sexualis, homo ratiocinans, homo subjecticus, homo ego disens, homo quaerens, homo loquens, homo dialogicus, homo imitans, homo natura, homo clemens, homo demens, homo faber, homo mundanus, homo creator, homo ludens, homo quaerens, homo errans, homo sperans, homo furens, homo indicans, homo peccator, homo patiens, homo semper major, homo politicus, homo flexibilis, homo mundanus… (siehe dazu: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, stw1456, Ffm 2000, S. 13ff; sowie ders. Human zwischen Öko-Ethik und Ökonomik, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23859.php).

Im anthropologischen Diskurs gilt, dass der Mensch ein mobiles, auf Bewegung und Veränderung hin orientiertes Lebewesen ist. Wanderungsbewegungen und Veränderungsprozesse gelten als humane Entwicklungsschübe und Fortschrittsmarker. Wer sich nicht geistig, physisch und psychisch verändert, steht still, ist immobil und rückschrittlich. So wird im philosophischen und anthropologischen Diskurs der homo migrans als das wünschenswerte und antriebhafte Existente betrachtet. Der Sesshafte gilt dabei als das Zielprodukt eines guten, gelingenden Lebens; der Beharrende, Uneinsichtige, homo bellicosus, homo ad odium pronus und homo flegmaticus allerdings als ein Produkt der Unmenschlichkeit. Wer Migrations- und Wanderungsprozesse aus egozentristischen, nationalistischen, rassistischen und populistischen Gründen verneint, hat in einer Kritik an der Migration keinen Platz! „Migration war immer“, und es kommt darauf an, nach den meist menschengemachten Ursachen und Gründen Ausschau zu halten: „Die Zerstörung von Lebensgrundlagen, Kriege und Vertreibungen sowie Umweltkatastrophen gehören seit Jahrhunderten zu den entscheidenden Ursachen von Wanderungsbewegungen“.

Autor

Der an der Wiener Universität tätige Wirtschafts-, Sozialwissenschaftler und Publizist Hannes Hofbauer fragt mit seiner „Kritik der Migration“ nach den nachteiligen Entwicklungen, die sich durch die weltweiten, zunehmenden Wanderungsbewegungen ergeben: „Wer es moralisch und politisch verwerflich findet, dass bengalische Näherinnen in einsturzgefährdeten Fabriken zusammengepfercht um einen Hungerlohn für den Weltmarkt roboten, kann den ständigen Import von Menschen aus dem ‚globalen Süden‘ in die Zentralräume dieser Welt nicht positiv konnotieren“.

Aufbau und Inhalt

Die Studie „Kritik der Migration“ wird neben dem Vorwort und der Begriffserklärung in die folgenden Kapitel gegliedert:

  1. Im ersten werden in einem geschichtlichen Überblick „Migrationsursachen“ aufgezeigt.
  2. Im zweiten Kapitel werden „Zäsuren der europäischen Migrationsgeschichte“ dargestellt.
  3. Im dritten nimmt sich der Autor den historischen Komplex „Arbeitsmigration“, beginnend mit der Besiedelung Amerikas bis zum Gastarbeiterimport vor.
  4. Viertens geht es um Fragen nach den „Folgen der EU-Erweiterung“, wie sie sich als Mobilisierung durch Kriege und Krisen zeigen.
  5. Im fünften Kapitel wird die „große Wanderung der Muslime“ thematisiert.
  6. Sechstens werden in einem Dreischritt die gesellschaftlichen Auswirkungen der Migration mit Hinweisen daraufhin reflektiert, sich „die soziale Differenz ökonomisch nutzbar zu machen“, machtpolitisch und hegemonial „den Diskurs (zu) beherrschen“, und die Auswirkungen in Richtung auf „zerfallende Gesellschaft“ zu lenken.
  7. Im letzten Kapitel schließlich wird der „Mythos Mobilität“ infrage gestellt und der natürliche, humane Prozess der menschlichen Veränderungsbedürfnisse als „erzwungene Mobilität“ entlarvt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Wenn „Wanderung als menschliche Konstante“ zu betrachten ist, kommt es darauf an, diese natürlichen und humanen Prozesse kritisch zu betrachten und Ursachen und Wirkungen miteinander zu vergleichen. Wenn gleichzeitig feststeht, dass das Ziel von Wanderung die Suche nach einem guten, gelingenden (sesshaften) Leben ist, stellt sich die Frage nach den Gründen, warum Menschen ihre Heimat verlassen, um anderswo, im Unsicheren und Ungewissen eine neue Heimat zu finden. Da ist zum einen der Verlust der Subsistenzfähigkeit zu nennen, also die Entwicklung, von dem, was die ökonomischen Grundlagen und wirtschaftlichen, zivilisatorischen und kulturellen Daseinsstrukturen anbieten, nicht (über)leben zu können. Diese überwiegend menschengemachten, historischen und aktuellen Entwicklungen verdeutlichen sich in dem Haben- und Macht-Dilemma, wie es die Geschichten der Besitznahme zahlreich verdeutlichen; etwa wenn der Häuptling der Suquamish-Indianer 1854 auf das Ansinnen der Siedler reagierte, ihnen Land zu verkaufen: „Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde“ (MAB, Der Mensch und die Biosphäre, Bonn 1990, S. 10).

Weil sich meist die Jungen, Fitten, Gesunden und Leistungsfähigen auf den Weg machen, haben Brain Drain und Brain Gain erhebliche, gegensätzliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Aus- und Einwanderungsregionen. Die verschiedenen Migrationsformen – Arbeits-, Zwangsmigration, Hunger-, Armuts- und Fluchtbewegungen – haben ihre Ursachen in ökonomischen und politischen Macht- und Hegemonialentwicklungen seitens der (europäischen) Aufnahmeländer und in den wiederum von diesen verantworteten, strukturellen Entwicklungen in den Failed States. Die vermeintlichen, unbestimmten, tatsächlichen und gefaikten Kontroversen zwischen Asylberechtigten und illegalen Migranten, und zwischen Einwanderung und Sicherheit hat im Migrationsdiskurs zu einer Schräglage von Vertrauen und Misstrauen, von Willkommenskultur und Angst geführt.

Die in der Migrationsforschung benutzten Pull- und Push-Phänomene dienen als Marker für die Ökonomisierung und Kapitalisierung der Migration: „Migration bewirkt neben Lohndruck auch die Teilung von Arbeitsmärkten“ (vgl. dazu auch: Andrea Komlosy, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17372.php). Obwohl bereits vor mehr als einem Jahrzehnt die globalen Entwicklungstheorien als erledigt signalisiert wurden, zeigt sich in der Migrationsthematik der Fortbestand der lokalen und globalen strukturellen Ungleichheiten. Die machtvollen, hegemonialen und pseudo-fortschrittlichen, kapitalistisch interessengeleiteten Positionen sehen in der Instrumentalisierung der Migrantinnen und Migranten die eine (assimilierte) Aufgabe der Integration.

Fazit

Es bleibt die Frage: „Integration wohin?“. Es sind einerseits die in dieser Studie kritisch hinterfragten, wissenschaftlichen und alltagsrelevanten Positionen, dass Migration ein natürlicher und ethnografisch vorgegebener Entwicklungsprozess sei und deshalb als unabdingbar und wünschenswert zu betrachten wäre, die menschliche Mobilität auf das Schild der Conditio Humana heben. Erzwungene Mobilität aber, die durch menschengemachte, kapitalistische, machtpolitische und hegemoniale Entwicklung zustande kommt, verweist auf das grundlegende, strukturelle Übel der globalen Ungleichheit und Ungerechtigkeit! So lässt sich feststellen: Die weltweiten Wanderungs- und Fluchtbewegungen sind auf ausbeuterische, dominante Strukturen zurückzuführen und haben mit den natürlichen Veränderungs- und Wanderungskompetenzen der Menschen nichts zu tun!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.10.2018 zu: Hannes Hofbauer: Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2018. ISBN 978-3-85371-441-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24927.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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