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Samuel Jahreiß: Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in Kitas

Cover Samuel Jahreiß: Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in Kitas. Eine empirische Studie zum Praxistransfer einer Weiterbildung für Erzieherinnen und Erzieher. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2018. 216 Seiten. ISBN 978-3-8309-3914-6. 29,90 EUR.

Reihe: Empirische Erziehungswissenschaft - 69.
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Thema

Angesichts anhaltender Migration und einer im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung weniger geringen Geburtenrate von Familien mit Migrationshintergrund, ist Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen mehr denn je zur Normalität geworden. In Deutschland hat rund jedes dritte Kind im Alter von null bis fünf Jahren ein oder zwei Elternteile, die selbst Migrationserfahrung gemacht haben – Tendenz steigend (Statistisches Bundesamt, 2018). In den betreffenden Familien wird häufig überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Vor allem in Großstädten und Ballungsräumen bringen viele Kinder eine nichtdeutsche Familiensprache in die Kita mit. Diese Entwicklung stellt frühpädagogische Fachkräfte in Kitas vor Herausforderungen. Ihnen obliegt es, situativ angemessen auf migrationsbedinge Mehrsprachigkeit in ihren Kitas einzugehen. Das schließt nicht zuletzt eine konstruktive Kommunikation und Zusammenarbeit mit zugewanderten Eltern mit ein. Um dies professionell leisten zu können, sind bestimmte pädagogische Kompetenzen erforderlich, die im Rahmen einer Ausbildung (insbes. Erzieherausbildung, Studium der Kindheitspädagogik) zwar ansatzweise vermittelt, jedoch nur begrenzt dauerhaft verankert werden können. Dazu gehören u.a. Wissen über die mehrsprachige Sprachentwicklung von Kindern, Reflexionskompetenzen bezogen auf eigene Haltungen gegenüber mehrsprachigen Kindern und Eltern sowie Handlungskompetenzen für eine sensible Interaktion mit ein- und mehrsprachigen Kindern und Eltern. Ausgehend von den Leitprinzipien der Interkulturellen Pädagogik soll dies unter der normativen Prämisse der Anerkennung und Wertschätzung ihrer herkunftssprachlichen Ressourcen erfolgen. Durch Fort- und Weiterbildungen, etwa in Form von Inhouse-Schulungen für die gesamte Kita, können sich frühpädagogische Fachkräfte zu diesem Themenkomplex weiterbilden.

Samuel Jahreiß setzt sich in seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in Kitas. Eine empirische Studie zum Praxistransfer einer Weiterbildung für Erzieherinnen und Erzieher“ differenziert mit dieser Thematik auseinander. Dabei geht er den sehr relevanten Fragen nach

  1. welches sprachpädagogische Handeln pädagogische Fachkräfte im Umgang mit Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen mit einem hohen Anteil (über 50 %) an mehrsprachigen Kindern zeigen und
  2. welche Veränderungen sich durch eine kompetenzorientierte Weiterbildung zum Thema Mehrsprachigkeit in Kitas in Bezug auf das pädagogische Handeln im Bildungsbereich Sprache und Mehrsprachigkeit ergeben.

Autor und Entstehungshintergrund

Samuel Jahreiß absolvierte vor seinem Studium der Bildung und Erziehung im Kindesalter (Bachelor) und der Sozial- und Bildungswissenschaften (Master) zunächst eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher. Von 2014 bis 2018 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Dort arbeitete er im Forschungsprojekt „Effekte einer aktiven Integration von Mehrsprachigkeit in Kitas“ (IMKi), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell gefördert wurde. Seit Januar 2018 ist Samuel Jahreiß hauptamtliche Lehrkraft an der Fachakademie für Sozialpädagogik der Inneren Mission München. Die hier besprochene Doktorarbeit ist im Rahmen des BMBF-Projekts IMKi erarbeitet worden. Sie wurde in der wissenschaftlich anspruchsvollen Reihe Empirische Erziehungswissenschaft des Waxmann Verlags veröffentlicht.

Aufbau

Im theoretischen Teil der Arbeit werden einführend grundlegende Wissensbestände zu Migration und Sprachenvielfalt in Deutschland zusammengetragen (Kapitel 1).

Darauf aufbauend werden Ansätze, Programme und Forschungsbefunde zu Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen aufgezeigt und eingeordnet (Kapitel 2).

Das dritte Kapitel nimmt eine theoretische Rahmung frühpädagogischer Weiterbildungen zu sprachlicher Bildung im Kontext von Mehrsprachigkeit vor. Hierzu behandelt Jahreiß zum einen thematisch fokussiert das Konstrukt der pädagogischen Qualität in der frühpädagogischen Fachdiskussion. Zum anderen setzt er sich mit der Konzeptualisierung frühpädagogischer Professionalität im Kontext von Weiterbildungen für Kita-Fachkräfte auseinander. Zu beiden inhaltlichen Schwerpunkten werden zudem für das Thema relevante Forschungsbefunde aufgezeigt.

Die daran anknüpfenden Forschungsfragen (Kapitel 4) werden im empirischen Teil der Studie systematisch operationalisiert und untersucht (Kapitel 5 und 6). Im letzten Kapitel (7) folgt eine zusammenfassende Diskussion der Befunde in der zentrale Inhalte des Theorieteils systematisch aufgegriffen werden.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die empirische Studie ist dem quantitativen Paradigma zuzuordnen. Sie umfasst ein Treatment-Vergleichsgruppen-Design mit zwei Interventionsgruppen.

  • Die erste Gruppe (Treatmentgruppe) bestand aus frühpädagogischen Fachkräften, die eine gezielte manualisierte Inhouse-Weiterbildung zum pädagogischen Umgang mit Mehrsprachigkeit in Kitas erhielten. Inhaltlich war die Weiterbildung auf die Vermittlung der oben genannten pädagogischen Kompetenzen ausgerichtet: Wissen über mehrsprachige Sprachentwicklung von Kindern, Reflexionskompetenzen hinsichtlich eigener Haltungen gegenüber mehrsprachigen Kindern und Eltern sowie Handlungskompetenzen für eine sensible Interaktion mit ein- und mehrsprachigen Kindern und Eltern.
  • Die zweite Gruppe (Vergleichsgruppe) bestand aus Fachkräften, die eine nicht-manualisierte, individualisierte Inhouse-Weiterbildung zur Thematik erhielten.

Insgesamt nahmen 19 Kitas und 54 Kita-Gruppen an der Studie teil. Beide Weiterbildungen wurden von externen, unabhängigen Referent*innen durchgeführt und umfassten in einem Zeitraum von ca. zwei Jahren zusammengenommen jeweils zwölf Tage. Beide Gruppen wurden unmittelbar vor, während und gegen Ende der Weiterbildung hinsichtlich ihres sprachpädagogischen Verhaltens im Kontext von migrationsbedingter Mehrsprachigkeit von Kindern in den Kitas untersucht. Dabei wurden das sprachliche Interaktionsverhalten der Fachkräfte mit den Kindern, die räumliche Ausgestaltung der Kitas und das zur Verfügung gestellte Material in den Kitas über standardisierte Beobachtungen (Ratings) erfasst. Das Forschungsprojekt beinhaltete zudem eine Dokumentation des Implementierungsprozessess der beiden Weiterbildungen über standardisierte Prozessbegleitungsprotokolle und Online-Umfragen.

Zur Erhebung des sprachbezogenen Interaktionsverhaltens der Fachkräfte wurden ausgewählte Items des standardisierten Beobachtungsinstruments Dortmunder Ratingskala zur Erfassung sprachförderrelevanter Interaktionen (DO-RESI) eingesetzt. Die Räumlichkeiten und das Material in den Kitas wurden durch das im Rahmen des IMKi-Projekts entwickelten standardisierten Ratingverfahren zur Erfassung der Sprachenvielfalt in Kindertageseinrichtungen (REVK) eingeschätzt. In bzw. zu beiden Instrumenten wurden die Erheber*Innen vorab geschult und hinsichtlich ihrer Interrater-Reliabilität geprüft.

Die Ergebnisse der empirischen Studie sind überraschend: Obwohl es sich um eine sorgfältig angelegte Interventionsstudie mit Treatment- und Vergleichsgruppe handelt, die aktuelle Erkenntnisse über zentrale Merkmale effektiver Interventionsstudien gezielt berücksichtigt, zeigten sich zum zweiten und dritten Messzeitpunkt keine förderlichen Wirkungen der beiden Weiterbildungen. Stattdessen fielen die Ergebnisse während und gegen Ende der Weiterbildungen teilweise sogar signifikant schlechter aus als vor den Weiterbildungen.

Diskussion

Das Buch ist durchgehend klar strukturiert ausgearbeitet. Die im Theorieteil erarbeiteten Inhalte werden im Empirie- und Diskussionsteil gezielt aufgegriffen. Das forschungsmethodische Vorgehen wird gut nachvollziehbar dokumentiert. Genauere Angaben zu den Inhalten der Weiterbildung für die zweite Interventionsgruppe und zur Stichprobe – z.B. hinsichtlich (Nicht-)Randomisierung und statistischer Power – wären darüber hinaus wünschenswert gewesen. Die statistischen Auswertungen im Ergebnisteil sind trotz einiger kleinerer Inkonsistenzen elaboriert. Angesichts der systematisch durchdachten und fundierten Anlage der Untersuchung stellt sich die Frage nach den Ursachen der unbefriedigenden Befunde. Denkbar ist u.a., dass die verwendeten Beobachtungsinstrumente nicht sensitiv genug sind, um Veränderungen in der sprachpädagogischen Performanz von Fachkräften in Kitas im Kontext migrationsbedingter Mehrsprachigkeit erfassen zu können. Bei DO-RESI könnte dies an einer unzureichenden Passung an die Thematik der Mehrsprachigkeit in Kitas liegen. Bei REVK erscheinen die nahezu durchgehend niedrigen Werte messtechnisch problematisch, da die Ermittlung statistisch bedeutsamer Gruppenunterschiede eine hinreichende Streuung der Messwerte voraussetzt. Der Autor verweist darüber hinaus auf Erkenntnisse aus anderen Evaluationsstudien, in denen signifikante Veränderungen erst in Follow-up-Erhebungen ermittelt werden konnten.

Zu berücksichtigen ist, dass Jahreiß mit der empirischen Studie Neuland betreten hat. Ausgehend vom zusammengetragenen Forschungsstand konnte er weder auf vergleichbare Studien noch auf bereits bewährte Erhebungsverfahren zur Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen zurückgreifen. Ungeachtet der wenig ergiebigen Befunde – die auch einen Erkenntnisgewinn darstellen –, ist der hohe Innovationsgehalt der Untersuchung daher ausdrücklich herauszustellen. Zudem gelingt es dem Autor, die komplexe Studie verständlich und nachvollziehbar zu vermitteln. Hierbei sind insbesondere die prägnant ausformulierten Zusammenfassungen äußerst hilfreich.

Fazit

Die Doktorarbeit von Samuel Jahreiß behandelt – vor dem Hintergrund des hohen und voraussichtlich weiter steigenden Anteils an mehrsprachig aufwachsenden Kindern in Kindertageseinrichtungen und des Bedarfs an wissenschaftlichen Evaluationen zu frühpädagogischen Weiterbildungsangeboten – Themen von erheblicher Bedeutung für die Frühpädagogik. Die Anlage der empirischen Untersuchung ist sehr durchdacht und fundiert. Zudem ist die Arbeit klar strukturiert und prägnant ausformuliert. Als Leserkreis kommen insbesondere Wissenschaftler*innen und Dozent*innen in Betracht, die sich fachlich mit den Themengebieten Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen, Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte und/oder Evaluation von Interventionsstudien in der (Früh-)Pädagogik auseinandersetzen möchten. Über die genannten Zielgruppen hinaus ist der Arbeit ein breiter Leserkreis zu wünschen.

Literatur

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2018). Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Ergebnisse des Mikrozensus 2017. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.


Rezensent
Dr. Thilo Schmidt
Universität Koblenz-Landau, Institut für Bildung im Kindes- und Jugendalter
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Zitiervorschlag
Thilo Schmidt. Rezension vom 21.02.2019 zu: Samuel Jahreiß: Migrationsbedingte Mehrsprachigkeit in Kitas. Eine empirische Studie zum Praxistransfer einer Weiterbildung für Erzieherinnen und Erzieher. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2018. ISBN 978-3-8309-3914-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24930.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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