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Monika Streule: Ethnografie urbaner Territorien

Cover Monika Streule: Ethnografie urbaner Territorien. Metropolitane Urbanisierungsprozesse von Mexiko-Stadt. Verlag Westfälisches Dampfboot 2018. 338 Seiten. ISBN 978-3-89691-294-7. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.

Reihe: Raumproduktionen - Band 32.
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Die Auseinandersetzung mit der spezifischen städtischen Entwicklung stellt Wissen her

Beim Diskurs darüber, wie der Mensch in der Biosphäre nachhaltig leben und menschenwürdig überleben kann, kommt der Frage, wie eine menschliche Stadt als Lebens- und Arbeitsort aussehen und gestaltet werden solle, eine grundlegende, humane Bedeutung zu. Vom britischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts, Samuel Johnson (1709 – 1784) ist der Spruch überliefert: „Wenn man der Stadt London müde ist, so ist man des Lebens müde“ (MAB 1990). Diese Auffassung verdeutlicht, dass städtisches Leben besondere Erwartungshaltungen, Einstellungen und Kompetenzen für ein urbanes Leben erforderlich macht, das sich im Allgemeinen vom ruralen Dasein unterscheidet. Eine der 17 Ziele, die von den Vereinten Nationen als „Sustainable Development Goals“ für nachhaltige, zukünftige Entwicklung der Menschheit formuliert wurde, benennt die nachhaltige Verstädterung (11), also die Tatsache, dass global immer mehr Menschen in Städten leben. Es ist die Rede von der „Macht der Städte“ (Michael Gehler, Hrsg. Die Macht der Städte. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10743.php), und vom „Magnet Stadt“ (Einhard Schmidt-Kallert, Magnet Stadt. Urbanisierung im Globalen Süden, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20952.php) Die Stadtforschung fokussiert ihre Blickpunkte auf architektonische, infrastrukturelle, ethische, philosophische, ästhetische, moralische und lebensweltliche Herausforderungen. Beim Wachsen und Entwickeln von Städten gerät die Stadtplanung in zunehmendem Maße in Definitionsschwierigkeiten; zumal dann, wenn z.B. von „Megastädten“ die Rede ist, von Agglomerationen und Ballungsräumen. Als megaurbane Räume werden Territorien und Regionen bezeichnet, in denen mehr als 10 Millionen Einwohner leben, wie etwa in Asien Tokio, Dehli und Shanghai, in Afrika Lagos und Kairo, in Europa Paris und London, in Südamerika São Paulo und Rio de Janeiro und in Nordamerika New York und Mexiko-Stadt.

Entstehungshintergrund und Autorin

In der sich immer interdependenter, entgrenzender und global sich bildenden (Einen?) Welt wird es immer bedeutsamer und wichtiger, die Entwicklungen auf den zahlreichen Wissensbereichen auszutauschen. In der Stadtforschung stellen urbane Phänomene einen (neuen) interessanten Vergleichsgegenstand dar: „Das Städtische kann so als ein komplexer und vielschichtiger sozialer Prozess verstanden werden, in dem sich Dimensionen der Wissensproduktion, der Produktion von Bedeutung und Dimensionen materieller Gegebenheiten gegenseitig durchdringen“. Als Forschungsfeld hat die an der Zürcher Universität lehrende Stadtethnologin Monika Streule metropolitane Urbanisierungsprozesse in Mexiko-Stadt ausgewählt. In diesem megaurbanen Territorium leben aktuell rund 21 Millionen Menschen. Die administrativen, strukturellen, baulichen, räumlichen, kulturellen, historischen, mobilen und sozialen Phänomene und Probleme, die sich in diesem ausgewählten urbanem Forschungsort zeigen, können entweder als unbesteigbare steile Wand, oder als raumbezogenes, teilnehmendes Territorium wahrgenommen werden. Die Autorin wählt letzteren Bezugsrahmen, indem sie auf der architektonischen „Thesenkarte“ alle die Fragen, Entwicklungen und Problembereiche skizziert, die sich ihr als professionelle Passantin an dem „fremden“ Ort darstellen. Mit diesen „Wahrnehmungsspaziergängen“ (Recorridos Explorativos), mit Explorationen, Interviews und Vergleichen gelingt es der Autorin, über die architektonischen, fachbezogenen Aspekte hinaus Aufmerksamkeit für „soziale Produktion im Raum“ zu gewinnen. Das „mobile Verfahren der metropolitanen Ethnografie“ bietet die Möglichkeit, „Wahrnehmung sowie Deutung und Wertung des Urbanen“ vorzunehmen (vgl. dazu auch: Karsten Michael Drohsel, Das Erbe des Flanierens. Der Souveneur – ein handlungsbezogenes Konzept für urbane Erinnerungsdiskurse, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20872.php).

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der die Autorin von der Anstrengung spricht, Neues und Innovatives im urbanen Forschungsdiskurs zu denken und die Zielsetzung ihrer Forschungsarbeit erläutert, und im Schlussteil Perspektiven für ein zeit-, lokal- und globalsituatives Megastadt-Entwicklungsforschen aufzeigt, wird die Forschungsarbeit in weitere vier Kapitel gegliedert:

  1. Vom Gegebenen zum Möglichen: Experimentelle Techniken empirische Stadtforschung
  2. Trayectorias: Periodisierung der sozialen Produktion von Mexiko-Stadt
  3. Patrones: Neun dominante Urbanisierungsprozesse urbaner Konfigurationen von Mexiko-Stadt
  4. Skizze des gegenwärtigen Urbanisierungsregimes von Mexiko-Stadt.

In der im Buch beigefügten „Thesenkarte“ – eine interessante, informative und ausbaufähige Forschungsmethode – lassen sich die Grundzüge der „mobilen Ethnographie […] als zentrales Instrument zur Analyse von Urbanisierungsprozessen“ erkennen. Es sind die methodischen und empirischen Zugänge der „Wahrnehmungsspaziergänge“ (Recorridos Explorativos) und die daraus entstehenden „Leitfadeninterviews“ (Entrevistas en Movimiento), die als Leitfaden der Forschungsarbeit gelten. Die Autorin wendet die Methoden in einer 28-monatigen Feldforschung in Mexiko-Stadt und in Zürich an. Erforderlich sind dafür triangulatives und reflexives Kartieren und die Ausdifferenzierung der hegemonialen Urbanisierungsregime als Konsequenz von historisch entstandenen, kulturell-, mentalitätsgeprägten, objektiven, subjektiven und politischen Raumempfindungen und -wahrnehmungen.

Die verschiedenen Analysekonzepte betrachten die urbane Entwicklung aus den unterschiedlichen Blickrichtungen: von der vorkolonialen, kolonialen bis hin zur modernen. Es sind zentralistische, durch die offizielle Stadtplanung veranlasste und vorgegebene Modelle und dezentrale Selbsthilfe-Initiativen. Es geht um die Entwicklung von Stadtvierteln, in denen die Wohlhabenden und Besitzenden wohnen, um den seriellen Massenwohnungsbau und um ausufernde und ungesteuerte Slumbildungen für die Besitzlosen und Habenichtse. Es werden Beispiele von „Pueblos Urbanizados“ gezeigt, von selbstverwalteten Dörfern in Naturschutzzonen vorgestellt; ebenso industrialisierte Zonen. Die Rede ist von guten und schlechten Stadtvierteln, von Kriminalität und Bürgersinn. Immer sind es die Erzählungen in den Interviews, die Hoffnung und Resignation vermitteln. Deutlich wird auch, dass – und hier kann Mexiko-Stadt exemplarisch für die Megastadt-Entwicklung überall in der Welt gelten – das Leben von vielen Menschen in einem urbanem Territorium nicht mehr hinreichend mit den traditionellen Maßnahmen einer Stadtverwaltung geregelt werden kann, sondern dass es anderer Formen von individueller und kollektiver Selbstorganisation bedarf, sollen nicht kapitalistische oder interessen- und gruppenspezifische Mächte die Stadtregierung übernehmen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Fazit

Die Studie „Ethnografie urbaner Territorien“ kann als ein eindrucksvolles, interdisziplinäres Beispiel dafür gelten, wie megastädtische Forschung auf die globale Entwicklung der Verstädterung der Welt reagieren kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.12.2018 zu: Monika Streule: Ethnografie urbaner Territorien. Metropolitane Urbanisierungsprozesse von Mexiko-Stadt. Verlag Westfälisches Dampfboot 2018. ISBN 978-3-89691-294-7. Reihe: Raumproduktionen - Band 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24932.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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