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Dauer Lisa, Scheller Gitta: Niedrigschwellige Soziale Arbeit

Dauer Lisa, Scheller Gitta: Niedrigschwellige Soziale Arbeit. Eine Illusion? Ergebnisse einer qualitativen Befragung von Nutzern und Nutzerinnen. Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (Hildesheim) 2018.

In: Soziale Arbeit und Gesundheit im Gespräch (Bd. 11), Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (Hrsg.), Hildesheim (ISSN 2510 –1722)
www.hawk.de.


Thema

Lisa Dauer und Gitta Scheller untersuchen in ihrem Forschungsprojekt, einer explorativen Studie, mit Hilfe einer qualitativen Befragung „Niedrigschwellige Soziale Arbeit“ vor allem in den Feldern Wohnungslosenhilfe, Opferhilfe sowie Lebensmittelversorgung (Tafel). „Das Ziel niedrigschwelliger Sozialer Arbeit“, so die Autorinnen, besteht darin, „Hilfsangebote so zu gestalten, dass keine – allenfalls sehr geringe – Hürden die Inanspruchnahme und Nutzung der Hilfsangebote einschränken.“ Sie untersuchen, ob diese Ansprüche in die Praxis der Sozialen Arbeit umgesetzt sind. Ihr Ergebnis ist: Es ließen sich „durchaus auch niedrigschwellige Zugänge zu den Hilfsangeboten erkennen“. Aber insgesamt gelte: „Niedrigschwellige Soziale Arbeit ist nach den Befunden unserer explorativen Studie eine Illusion.“ (S. 99)

Autorinnen

Gitta Scheller ist Verwaltungsprofessorin an der HAWK Hochschule Hildesheim/ Holzminden/ Göttingen, Lisa Dauer studentische Mitarbeiterin.

Die Studie ist in einer online gestellten Reihe der HAWK „Soziale Arbeit und Gesundheit im Gespräch“ veröffentlicht und kann kostenfrei herunter geladen werden.

Aufbau

  • Kapitel 1 Einleitung (3 Seiten)
  • Kapitel 2 setzt sich mit dem Begriff der Niederschwelligkeit auseinander (11 Seiten),
  • Kapitel 3.1 stellt die Ziele, Thesen und Methode des Forschungsprojekts vor (13 Seiten),
  • Kapitel 3.2 die Ergebnisse des Projektes (64 Seiten).
  • Angehängt wird der dreiseitige Leitfaden für die Interviews.

Inhalt

Niedrigschwelligkeit: Ansprüche, Konzeptgenese, Nutzende (Kap.2)

Die Ausgangsfrage ist: „Was bedeutet Niedrigschwelligkeit in der Sozialen Arbeit? Ist es eine professionelle Haltung, eine bestimmte Methode, ein Handlungsfeld, eine Form der Kontaktaufnahme oder ein grundlegendes Prinzip Sozialer Arbeit?“ (S. 3)

Da die Autorinnen weder in der Fachliteratur noch unter Sozialarbeiter*innen eine einheitliche Definition von Niedrig- oder Niederschwelligkeit finden, definieren sie diese für ihren Beitrag als einen „spezialisierten Teilbereich der Sozialen Arbeit“ mit zwei Kennzeichen: (1) es gibt „keine oder allenfalls geringe Zugangsschwellen zu den Hilfsangeboten“; (2) es sind „Angebote die sich so weit möglich an den Ressourcen und Bedarfen der Nutzenden orientieren.“ (S. 9)

Niedrigschwellige Arbeit sei das Resultat eines „funktionalen Differenzierungsprozesses innerhalb des Feldes der Sozialen Arbeit“.(S. 10) Sie verweise „auf einen Paradigmenwechsel in den 1980er Jahren, d.h. auf eine kritische selbstreflexive Haltung gegenüber der herkömmlichen Praxis der Sozialen Arbeit und mithin auf eine veränderte professionelle Haltung gegenüber den potenziellen Adressat*innen mit mehr Toleranz auch gegenüber ihren mitunter abweichenden Verhaltens- und Lebensweisen“. (S. 10)

Dabei beziehen sie auf die Entwicklung in der Drogenarbeit mit ihrem „Abstinenzparadigma, das drogenabhängigen Menschen die Bereitschaft zur Abstinenz aufzwang“ und denen, die nicht diese Bereitschaft zeigten, den Zugang zum Hilfesystem versagte. (S. 10). Mittlerweile seien niedrigschwellige Angebote u.a.in der Wohnungslosenhilfe, Drogenhilfe, Schuldnerberatung, offenen Jugendarbeit, Arbeit mit Rechtsextremen und Straffälligen sowie der Kriminalitätsopferhilfe zu finden.

Niederschwellige Arbeit sei kein kohärentes fachliches Konzept, sei aber geprägt von Grundhaltungen wie Freiwilligkeit, Nutzung mit geringem Aufwand sowie dem Abholen der Klientel dort, wo sie sich befindet. (S. 12) Niemand dürfe ausgeschlossen werden. Man müsse sich Hilfe holen können ohne Scham und Angst.

Ansprüche an Niedrigschwellige Soziale Arbeit (Kap. 2.2)

Zu den Ansprüchen gebe es divergierende Vorstellungen. Die Autorinnen unterscheiden diese danach, ob niedrigschwellige Angebote weiterführende höherschwellige Angebote vermitteln sollen (unter Zitierung von Mayrhofer) oder ob Niedrigschwellige Soziale Arbeit ein eigenständiges Konzept Sozialer Arbeit sei (unter Zitierung von Höllmüller u.a.).(S. 14).

Bereichsspezifische Unterschiede (Kap. 2.3)

Die Autorinnen sehen bereichsspezifische Unterschiede, beispielsweise zwischen öffentlicher Verwaltung und kleineren relativ selbstbestimmten Einrichtungen (S. 15). Dies hänge mit unterschiedlichen Problembestimmungen und Bedingungen etwa bei der Finanzierung zusammen. „Niedrigschwelligkeit ist grundsätzlich ein Postulat im Bereich der Sozialen Arbeit. Trotzdem wird ihr nicht uneingeschränkt und überall die höchste Priorität zugeschrieben“. (S. 15)

Klientel niedrigschwelliger Angebote (Kap. 2.4)

Es gebe wenige Informationen über soziodemographische Merkmale der Nutzer*innen. Scheller und Dauer weisen auf Befunde zur Wohnungslosenhilfe, Schuldnerberatung und zu den Opfern von Straftaten hin und kommen zu dem Schluss: „Diese Ergebnisse legen nahe, dass alles in allem eher Menschen aus den ‚unterprivilegierten Volksmilieus‘ (Formulierung in Anlehnung an Vester…) von Notlagen betroffen sind, die in den Aufgabenbereich der niedrigschwelligen Sozialen Arbeit gehören und dass sie auch die Angebote niedrigschwelliger Sozialer Arbeit überdurchschnittlich häufig nutzen.“ (S. 19) Die Befunde zeigten aber auch Variationen des Sozialprofils der Nutzenden: „Während alleinstehende Männer die Angebote der Wohnungslosenhilfe eher nutzen als Frauen, sind Frauen unter den Nutzenden der Angebote der Opferhilfe überdurchschnittlich häufig vertreten.“ (S. 19)

Anforderungen an Sozialarbeiter*innen: Habitussensibilität (Kap. 2.5)

Um Klient*innen für niedrigschwellige Angebote „zu gewinnen bzw., sie zu halten“, sei „eine Orientierung an den Lebenslagen und -welten, dem kulturellen Kapital, dem Geschmack und dem Habitus der Zielgruppe … besonders wichtig“. (S. 19)

Die Autorinnen setzen dafür den Begriff der Habitussensibilität, wobei sie sich auf die Arbeiten von Finkeldey, Sander, Vester und vor allem Bourdieu beziehen. Wenn Vester als typisch für die Lebensführungs- und Bewältigungsstrategien der unterprivilegierten Volksmilieus „ihre Fähigkeit zur Spontanität und Improvisation, ihre Flexibilität bei der Suche nach Gelegenheiten, ihr Gefühl für herzliche menschliche Beziehungen (…) und ihre Fähigkeit, mit chaotischen Bedingungen und Schicksalsschlägen umzugehen“ hervorhebt, „dann bedeutet dies, dass niedrigschwellige Soziale Arbeit an diesem kulturellen Kapital anzuknüpfen hat. Eine Passung zum Habitus der Nutzer*innen herzustellen bedeutet im Bereich der niedrigschwelligen Sozialen Arbeit aber vor allem, die Menschen in ihrer Lebenswelt anzunehmen und auszuhalten, auch in ihren Normabweichungen, ohne sie (sofort) zu sanktionieren.“ (S. 19 f.)

Das Forschungsprojekt: Forschungsstand, Ziel, Thesen und Methode (Kap. 3.1)

Nach einer Darstellung des Forschungstandes benennen die Autorinnen die Ziele des Projektes, stellen Thesen dazu auf und erläutern ihr methodisches Vorgehen.

Thesenartig stellen sie in Frage, dass allen Adressat*innen niedrigschwelliger Angebote passgenaue Zugangs- und Nutzungschancen ohne Hürden eingeräumt werden. Als Schwellen genierende Strukturen sehen sie „a) dem Hilfesystem immanente Abwertungen, b) Unterschiede der Herkunftsmilieus der Sozialarbeiter*innen und Klient*innen, sowie c) Ökonomisierungstendenzen im Bereich der Sozialen Arbeit.“ (S. 26)

Als Erhebungsmethode haben die Autorinnen qualitative Interviews gewählt. Sie haben neun Personen, die alle über einen Hauptschul- oder Realschulabschluss verfügten, interviewt: acht Männer zwischen 45 und 57 Jahren, sechs davon in Treffpunkten der Wohnungslosenhilfe, einen Besucher einer Lebensmittelausgabe (Tafel) sowie einen, der die Opferhilfe aufgesucht hat. Hinzu kommt ein Interview mit einer 27jährigen Frau, die ebenfalls zur Opferhilfe gegangen war. Den Zugang zu den Interviewten stellten Sozialarbeiter*innen her. In der Wohnungslosenhilfe entwickelten sich die Einzelgespräche zu Gruppengesprächen, „weil spontan Bekannte der Interviewpartner hinzukamen und sich am Gespräch beteiligten. Dies interpretieren wir als Interesse der Befragten, wahrgenommen zu werden und Gehör zu finden und als Bedürfnis, auf die eigene Lebenslage aufmerksam zu machen. In einem Fall wurde die Gruppensituation beibehalten, im anderen das Gruppengespräch (wegen der zunehmenden Lautstärke in der Einrichtung) wieder in ein Einzelgespräch überführt“. (S. 30)

Als Grundlage für die Interviews entwickelten sie einen Leitfaden (Anhang des Buches) mit dem Einstieg: „Sie nutzen seit einiger Zeit den Tagestreff der Obdachlosenhilfe (die Opferhilfe/ die Tafel). Erzählen Sie mir doch bitte mal, wie Sie hierhergekommen sind und wie Sie das hier so finden.“ Die Anweisung dazu für die Interviewer*in lautete: „Hier viel Zeit zum Erzählen geben (‚Erzählen Sie gerne weiter. Ihre Sichtweise ist uns
wichtig‘), positiv bestärken (‚Das ist wichtig!‘) und auf Aspekte achten, die die Befragten als relevant für sich erachten.“

Es sollten dann vertiefende Frage gestellt werden, wie „Sie haben erzählt, dass…“, „Könnten Sie das noch etwas mehr ausführen?“, „Können Sie ein Beispiel nennen? Was bedeutet das für Sie?“ sowie Nachfragen zur Niedrigschwelligkeit der Einrichtung. Themen und Fragen sind dabei insbesondere

  • Wissen um die Einrichtung. Finden der Einrichtung bis Erstkonkakt
  • Erreichbarkeit
  • Bürokratie: Mussten Sie irgendwelche Belege als Voraussetzung, dass man ihnen hilft, vorlegen?
  • Anonymität: Wie wichtig ist Anonymität für Sie? Ist das hier gewährleistet?
  • Kosten: Entstehen Kosten? Sind die akzeptabel aus Ihrer Sicht?
  • Angebote: Helfen Ihnen die Angebote? Welche Angebote nutzen Sie?
  • Kompetenzen der Sozialarbeiter*innen: Haben Sie hier eine*n Sozialarbeiter*in zugewiesen bekommen, der/die sich um Sie kümmert? Ist das eine Frau/ein Mann?
  • Gebäude/Räumlichkeiten: Ist das für Sie ein angenehmes Gebäude oder eher nicht?
  • Nutzer*innen: Wer ist das? Haben Sie Kontakt zu anderen Nutzenden? Kommen Sie mit denen klar?
  • Was würden Sie hier anders machen, wenn Sie Chef*in wären?

Das Forschungsprojekt: Ergebnisse (Kap. 3.2)

Bei der Auswertung der Gespräche ordneten die Autorinnen die heraus gefundenen Hürden in elf Kategorien ein: ökonomisch, räumlich psychisch/emotional, bürokratisch, kognitiv, sozial, inhaltlich/ sprachlich, zeitlich, personell, normativ, sowie symbolisch/distinktiv. (S. 32).

Daraus entwickelten sie zehn Merkmale der Niedrigschwelligkeit, nämlich Niedrigschwelligkeit

  1. als Zugang zum Wissen über Hilfsangebote (Kap. 3.2.1)
  2. als räumliche Nähe von Hilfseinrichtungen (Kap. 3.2.2)
  3. als unbürokratische Hilfe (Kap. 3.2.3)
  4. als unmittelbare Hilfe: just in time (Kap. 3.2.4)
  5. als geschlechtssensible Passung (Kap. 3.2.5)
  6. als Hilfe ohne Scham und Beschämung (Kap. 3.2.6)
  7. als Angebote, die sich alle leisten können (Kap. 3.2.7)
  8. als Gewährleistung von Anonymität ((Kap. 3.2.8)
  9. als thematische Offenheit (Kap. 3.2.9)
  10. als angenehme Aufenthaltsorte (Kap. 3.2.10),

Exemplarisch: Niedrigschwelligkeit als angenehme Aufenthaltsorte (Kapitel 3.2.10)

Exemplarisch für die Arbeitsweise sollen an dieser Stelle Passagen aus dem umfangreichen Kapitel 3.2.10 (19 Seiten) dargestellt werden.

„Das Ziel, möglichst viele Adressat*innen niedrigschwelliger Sozialer Arbeit zu erreichen, ist vor allem davon abhängig, dass die Tagestreffs, Büros und Warteräume von den Adressat*innen als angenehme Aufenthaltsorte wahrgenommen werden.“. (S. 80) Drei Aspekte werden in gesonderten Unterabschnitten beleuchtet: Niederschwelligkeit als Willkommenskultur am Beispiel des Angebots von kostenlosem Kaffee (Kap.3.2.10.1) „als räumliche Aufenthaltsqualität“ (Kap.3.2.10.2) und „als Zielgruppenoffenheit“ (Kap.3.2.10.3).

Bei der räumlichen Aufenthaltsqualität (Kap.3.2.10.2) betonen die Autorinnen den Anspruch, bei der baulichen Gestaltung der Räumlichkeiten eine „Distinktion zur Zielgruppe zu vermeiden und stattdessen bei der Gestaltung der Räumlichkeiten eine Orientierung am Geschmack der Adressat*innen zu gewährleisten“ (S. 82). „Dass der Geschmack als ästhetisches Wohlempfinden nach Klassenzugehörigkeit variiert“ (S. 83) stellen sie unter Berufung auf Bourdieu dar.

„Durch die ästhetische Orientierung der Einrichtung an einem ‚legitimen‘ Geschmack (im Sinne Bourdieus), der nicht ihrer ist, fühlen sie sich ausgegrenzt. Damit wird das Ziel der Niedrigschwelligkeit verfehlt und in den Bereich der Illusion verwiesen“ (S. 85). Festgemacht wird dies besonders an dem Einbau einer Glastür vor den Büros, der in dieser Aussage eines Interviewten scharf kritisiert wird:

„A: ‚Vor die Büros wurden wunderschöne Glastüren montiert. Wenn die erste vollstramme Krachlatte da langläuft, irgendwann geht diese Glasscheibe kaputt, weil man nicht mehr erkennt: Ist die Tür offen oder nicht? Denn wir Wohnungslosen werden auch nicht gerade jünger. Das Augenlicht lässt mit der Zeit auch nach. Ohne Sinn und ohne Verstand. Einfach nur auf Optik getrimmt. Bei der Eröffnung sind natürlich auch reihenweise die Onorationen (Honoratioren, d.V.) der Stadt durchgewandert: ‘Ja das ist ja alles so schön‘. Ja, aber es ist nicht zweckmäßig!'“ (S. 85)

Als angenehm würden Sitzgelegenheiten betrachtet, die einen Rückzug ermöglichen. „In einigen Einrichtungen gäbe es dagegen fast nur große Tische, an die sich alle setzen könnten. Das aber wird als Zwangskohäsion, d.h. als unfreiwillig erzeugte soziale Nähe zu anderen Nutzenden der Einrichtung, empfunden: Man müsse mit Menschen zusammensitzen, die man nicht kenne und die ihnen auch nicht immer gefallen. Viel angenehmer seien kleinere Tische, die Rückzugsmöglichkeiten von anderen Nutzer*innen böten. Z: ‚Manchmal möchte man ja auch mal seine Ruhe haben. Oder nicht schon wieder dasselbe hören wie gestern und darum ist das eigentlich schon ganz gut, dass es mehrere kleine Tisch gibt.'“ (S. 86)

Als Unterbringungsmöglichkeiten für Kleidung und andere Besitztümer gebe es Fächer, aber diese seien zu klein:

„A: ‚Aber ich hab‘ festgestellt: Mit einem Fach komm‘ ich bald schon nicht mehr hin. Die Fächer sind 50x50x50 cm groß, ’n Meter. Das ist zu kein. Und die Hälfte von meinen Klamotten sowieso steht draußen. Also mein Zelt steht, immer. Ich bin Dauerzelter. Da liegt ‘ne Isomatte drin, da liegt ‘n Schlafsack drin, mein Kocher, meine halbe Küche, meine ganze Küche, Ersatzschuhe, ‘Pipapo Firlefanz‘ bleibt alles draußen stehen. Alles andere liegt in meinem Zelt und meine Anziehsachen habe ich unten im Fach und mittlerweile ist das so viel, dass ich noch anbauen muss. Mehr Platz für die Klamotten wäre schön.'“ (S. 86)

„Insgesamt wird kritisiert, dass die Einrichtung für die Menschen ohne Wohnung nicht genügend Platz zur Verfügung stellt, um ihre Besitztümer zu lagern.“ (S. 86)

Im Abschnitt „Niedrigschwelligkeit als Zielgruppenoffenheit“ (Kap.3.2.10.3) unterhalten sich die interviewten Männer über unterschiedliche Regeln des Ausschlusses in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Hingewiesen wird auf Einrichtungen zum Übernachten mit strikten Verhaltensregeln. Nicht jede*r Wohnungslose könne dort übernachten.

„Y: ‚Natürlich werden da auch, sind da auch gewisse Kriterien, die da erfüllt werden müssen. Man sollte da nicht alkoholisiert hinkommen. ‘Z: ‚Das interessiert aber überhaupt nicht in der X Straße … Das spielt nirgendwo ‘ne Rolle.‘ Y: ‚Ja gut, aber gesagt wird es aber, dass man da nicht alkoholisiert…‘Z: ‚Du darfst keinen Alkohol mit reinnehmen … aber im Blut nimmt ihn dir niemand weg.‘Y: ‚Ja gut, das kann dir ja keiner wegnehmen.' 'Z: Ne, aber es könnte sein, dass man draußen bleiben muss und das ist da nicht so.'“ (S. 91)

Hierzu werden auch Antworten auf die Frage wiedergegeben, was sie besser machen würden, wenn sie Chef der Einrichtungen wären. „Weil die Sozialarbeiter*innen ihrer Ansicht nach in einzelnen Einrichtungen nicht ausreichend für Ordnung und Sicherheit sorgen, wünschen sich mehrere Befragte einen fest angestellten 'Aufpasser, der regelmäßig die Leute rausschmeißt’, vor denen sie sich nicht selbst schützen könnten.“

Die Autorinnen interpretieren dieses als Ohnmachtserfahrung: „Die Forderungen verdeutlichen die Erfahrung der Ohnmacht der Befragten. Ihnen ist bewusst, dass sie sich in den für alle Zielgruppen offenen und damit für sie auch teilweise unberechenbaren Situationen in den Tagestreffs nicht ohne fremde Hilfe behaupten können. Deshalb kultivieren sie – so lässt sich in Anlehnung an Vester (…) argumentieren – die Anlehnung an Stärkere. Und wenn es die Sozialarbeiter*innen ‚nicht bringen‘, dann muss eben ein Aufpasser her: B: ‘Naja, also eine Person, die wirklich aufpasst, wäre wirklich nicht schlecht.'“ (S. 94)

Aus dem Gespräch zwischen den Interviewten zitieren die Autorinnen eine Passage:

„A: ‚Wer irgendjemanden hier zusammenschlägt, weil die letzte Drogenlieferung nicht gestimmt hat: raus. Und zwar alle beide, raus (…). Wer sein Geschirr nicht in die Spülmaschine reinstellt: raus. Wir haben jahrelang ein Schild hängen ‘Gebrauchtes Geschirr nach Gebrauch bitte in die Spülmaschine einräumen.‘ Die Wenigstens hier können noch lesen. Ich hab‘ ‘ne ganze Zeit lang – hier wurde Mittagessen angeliefert – ich hab‘ mich dann bereit erklärt, nach Tisch die Spülmaschine leer zu räumen. Da haben wir dann an die Spülmaschine ‘nen großen Zettel drangehängt: ‘Spülmaschine läuft – Bitte nicht öffnen!‘ Punkt zwei Uhr war diese Spülmaschine geöffnet, weil: ‘Ist mir doch scheißegal, ich brauche ‘ne Tasse, verdammt, laber mich nicht voll oder was, ich will jetzt ‘ne Tasse haben!‘ Rüttel rüttel. Und unten lief das Wasser raus. Sie können nicht lesen. Also machen wir das anders: raus.‘ B: (ironisch) ‚Lautes Furzen: raus.‘ A: (ironisch) ‚Kleckern auf dem Fußboden: raus. “

Die Befragten kritisieren das Niedrighalten der Anforderungen in der Einrichtung: Ein eintägiger Rausschmiss bei Regelwidrigkeiten erscheint ihnen dabei eine gerechte Maßnahme zu sein. In dieser Zeit könnten sich die Leute auf die Grundregeln des sozialen Zusammenlebens besinnen.

„Interviewer: 'Das wird ja jetzt schon ein bisschen hart.‘ A: ‚Nein! Ich hab‘ auch nicht gesagt für immer. Für den einen Tag. Einfach, um die mal in Gang zu setzen: Es gibt so gewisse Grundfertigkeiten, die kann ich mal wieder anwenden“. (S. 96)

Die Autorinnen interpretieren dies unter Berufung auf Mayrhofer als Zielgruppenunverträglichkeit. „Es besteht ein Spannungsverhältnis zwischen Ansprüchen und Bedürfnissen der verschiedenen Hilfesuchenden. Auf der einen Seite geht es darum, gerade auch Menschen mit abweichendem Verhalten zu erreichen, die von höherschwelligeren Einrichtungen der Sozialen Arbeit bereits ausgeschlossen wurden. … Auf der anderen Seite stößt das Zusammenkommen mit diesen Nutzer*innen bei jenen auf Widerstand, die sich als ‚normal‘ erleben. Diese Befragten, die sich selbst als ‚normal‘ definieren und versuchen, eine bestimmte gesellschaftlich anerkannte Position aufrechtzuhalten, werden nach unseren Analysen durch die Nutzenden, die dealen, klauen und schreien, daran gehindert, ihr positives Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten. Für sie werden Einrichtungen der niedrigschwelligen Sozialen Arbeit mit diesem Publikum zu unattraktiven Orten und Niedrigschwelligkeit wird für sie zur Barriere und zur Illusion“. (S. 96 f.)

Fazit und Ausblick (Kap.4)

Im Fazit fragen die Autorinnen noch einmal: „Ist Niederschwelligkeit in der Sozialen Arbeit eine Illusion?“ (S. 97) Sie stellen fest, dass„ Schilderungen der Befragten durchaus auch niedrigschwellige Zugänge zu den Hilfsangeboten erkennen lassen. … als gut bewertete Erreichbarkeit der genutzten Einrichtungen (Kap. 3.2.2) sowie die für sie im Großen und Ganzen finanzierbaren Angebote von Lebensmitteln, warmen Mahlzeiten bis hin zu den Freizeitangeboten (Kap. 3.2.7). … recht positiv bewertete Offenheit gegenüber den diversen Sorgen und Anliegen der Nutzenden (Kap. 3.2.9) ebenso wie die Offenheit gegenüber verschiedenen Zielgruppen (Kap. 3.2.10.3) sowie das Angebot von kostenlosem Kaffee (Kap. 3.2.10.1), das insbesondere für wohnungslose Menschen einen Anreiz bietet, die Tagestreffs der Wohnungslosenhilfe aufzusuchen“. (S. 98).

Daneben gebe es unterschiedliche Bewertungen bei der Gewährleistung von Anonymität: „Der hohe Stellenwert von Anonymität für die Nutzenden der Opferhilfe ließ z.B. die räumliche Nähe zu einer Einrichtung zu einer potentiellen Gefahr werden.“ Für die Nutzer des Tagestreffs träte dagegen der Anspruch auf Anonymität „gegenüber der Pflege solidarischer, sozialer Kontakte unter den Betroffenen in den Hintergrund“ (S. 98).

Das Gesamtergebnis der Studie aber wird von den Autorinnen so zusammen gefasst: Alles in allem lasse sich festhalten, dass die „Schwellen des Zugangs zu den Hilfsangeboten nicht umfassend abgebaut sind. Niedrigschwellige Soziale Arbeit ist nach den Befunden unserer explorativen Studie eine Illusion.“ (98 f.)

Zugangsbarrieren entstünden u.a.

  • dadurch dass „der Zugang zu den Hilfseinrichtungen nicht ausreichend an den kulturellen Praktiken und am kulturellen Kapital orientiert ist“;
  • durch „zu hohe Anforderungen an die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub und psychischen Überwinden von Angst, insbesondere bei Gewalttaten“;
  • „wenn Hilfesuchende nicht zwischen einem Mann oder einer Frau als beratende Person wählen können“;
  • „durch organisatorische Abläufe von Hilfeprozessen“;
  • „durch zu geringe Orientierung an den kulturellen Praktiken der Klientel“, das sich „insbesondere an den Raumstrukturen der Hilfseinrichtungen erkennen“ ließe. „Sie greifen aus Sicht der befragten Nutzer der Tagestreffs nicht ausreichend den von ihnen favorisierten bescheidenen Geschmack auf.“ (S. 99)

In einem Abschnitt zu der Frage „Was ist zu tun?“ (S. 101 f.) werden Vorschläge zur praktischen Arbeit zusammengestellt wie Ausweitung der Angebote, Ergänzung der Einzelberatungen um Gruppenberatungen, Möglichkeiten der räumlichen Separierung, sowie Beschäftigung von Männern und Frauen zur Ermöglichung der Wahl durch die Klienten.

Bei den professionellen Kompetenzen fordern sie eine „stärkere Bezugnahme auf die Bedürfnisse, Lebensführung- und Bewältigungsstrategien sowie die kulturellen Kompetenzen der Klient*innen“. Die verschiedenen Adressatengruppen müssten „in ihren divergierenden Lebenslagen und mit ihren unterschiedlichen Kapitalausstattungen (kulturell, ökonomisch, sozial)“ (S. 102) berücksichtigt werden.

Weiterhin folgen Anregungen für die Ausweitung der Forschung u.a. auf andere Bereiche der Sozialen Arbeit. 

Diskussion

Die Autorinnen schließen das wenig erforschte Feld niederschwelliger Sozialer Arbeit auf und legen besonderen Wert auf die Perspektive der Nutzer*innen dieser Angebote. Durch eine offene Frageweise, gelingt es ihnen, auch in Themen und Fragestellungen zu gelangen, die über das erarbeitete Konzept hinaus gehen, wie bei der Ausdifferenzierung des Themas der Aufenthaltsqualität. Dank ihrer Bereitschaft, den Fragemodus von Einzelbefragungen anzupassen an die Interessen einiger Klienten, im Gruppenkontext zu bleiben, werden auch Unterschiede und Konflikte der Klienten erkennbar. So entstehen aus der Exploration Anforderungen an künftige Forschung, die teilweise von den Autorinnen angeführt werden, teilweise aber auch an die Autorinnen heran getragen werden könnten. Dieses, denke ich, ist gerade der Sinn einer öffentlich und kostenfrei zugänglichen Studie.

Nutzer, Habitus und Lebenssituation

Über die neun befragten Nutzer*in erfahren die Leser*innen trotz der sehr ausgiebigen Interviews außer dem Geschlecht und der Altersspanne wenig. Äußerungen zeigen: Die Nutzer der Wohnungslosentreffs sind wohl schon seit langem in diesem Bereich unterwegs, der Tafelnutzer kennt noch die Regeln aus der DM-Zeit, also dem letzten Jahrhundert. Sie sind vertraut mit verschiedenen Einrichtungen und kennen sich als Insider und Experten gut mit dem System aus. Mindestens einer ist nicht akut wohnungslos, aber an dennoch an dem Wohnungslosentreff und dem Zugang zu den Sozialarbeiter*innen interessiert: „B: Ich bin vielleicht so ’n bisschen anders. Ich denke mir so: ‘Die (gemeint sind Sozialarbeiter*innen, mr) halte ich mir warm, die kann ich immer gebrauchen.‘“ (S. 51)

Die Autorinnen orientieren sich bei der Beschreibung der Klienten sehr an deren sozialer Herkunft und ordnen sie den „unterprivilegierten Volksmilieus“ zu. Dies lässt sich am Beispiel der „Glastür“ (S. 85) zeigen: Die an der Gruppendiskussion beteiligten Männer monieren den Einbau der Glastür vor dem Beratungsraum. Die Forscherinnen übernehmen die Kritik und beziehen sie auf die Nicht-Berücksichtigung des Geschmacks der unterprivilegierten Volksmilieus. Gut möglich ist aber, dass die Glastür genau eingebaut war, um den Zugang zu den Sozialarbeitern zu erleichtern, im wörtlichen Sinne ihre Arbeit transparent zu machen: man sieht von außen was sie tun, ob sie alleine sind und ob man hinein gehen kann. Die langjährigen Besucher haben wahrscheinlich keine Scheu, zu den Sozialarbeitern zu gehen, aber vielleicht die neuen, unsicheren Klienten.

Die Zuordnung der Nutzer zu einem Milieu steht in einem Spannungsverhältnis zu der Feststellung, die die Autorinnen unter Berufung auf Paegelow treffen: „Die Adressaten*innen der Wohnungslosenhilfe kommen zwar nach wie vor überwiegend aus eher bildungsfernen Schichten. Gleichwohl wird die Gruppe heterogener, denn Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit können heute nahezu jeden und jede treffen“ (S. 17). Auch aktuelle Statistiken legen eine Differenzierung nahe: So ist nach Neupert, 2017, S. 125 der Anteil mit einem niedrigen Bildungsabschluss gesunken und der Anteil von Geflüchteten und anderen Migranten gestiegen. Es werden eben durchaus auch höher Qualifizierte wohnungslos.

Stärker beachtet werden sollte die reale Lebenssituation der Nutzer*in, und die Existenznotwendigkeiten, die die Erwartungen und Erfordernisse der Nutzer bestimmen: Ein Opfer von Straftaten braucht kompetente und angstfreie Beratung und konkrete Unterstützung. Dafür steht das Gespräch mit einer Sozialarbeiter*in in geschützter Umgebung im Vordergrund. Eine Tafel dagegen hat eine ähnliche Funktion als wie billigerer Aldi-Markt. Man will dort von den Mitarbeiter*innen wie den anderen Kunden anständig und diskriminierungsfrei behandelt werden, aber sucht nicht unbedingt Beratung. Für einen Wohnungslosen schließlich ist ein Tagestreff ein halböffentlicher Raum, der private Wohnfunktionen (Ausruhen, eigene Gegenstände aufbewahren, Hygiene) wenigstens minimal ebenso erfüllen soll wie die Pflege sozialer Beziehungen in einem relativ geschützten Raum. Die Möglichkeit, auch mit einem Sozialarbeitern zu sprechen, ist wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist der halbwegs vertraute Kontakt zu anderen Besucher*innen und damit auch die Abwehr von störendem Verhalten.

Notwendig erscheint auf der Seite der Mitarbeiter*innen daher nicht nur Habitussensibilität sondern auch Sensibilität für die Lebenslage und die konkrete Lebenssituation der Nutzer. Dies gehört auch zu dem Kompetenzprofil, dem sich Studierende annähern sollten.

Niedrigschwelligkeit – eine Illusion?

Die Niedrigschwelligkeit definieren die Autorinnen einerseits als „spezialisierten Teilbereich der Sozialen Arbeit“ (S. 9), andererseits schreiben sie „Niedrigschwelligkeit ist grundsätzlich ein Postulat im Bereich der Sozialen Arbeit“ (S. 15).

Die Ausgangsfrage der Arbeit: „Was bedeutet Niedrigschwelligkeit in der Sozialen Arbeit? Ist es eine professionelle Haltung, eine bestimmte Methode, ein Handlungsfeld, eine Form der Kontaktaufnahme oder ein grundlegendes Prinzip Sozialer Arbeit?“ (S. 3) richtet sich, wie auch der Interviewleitfaden, vorrangig auf das Verhältnis zwischen den Professionellen und den Nutzern. Für Beratungseinrichtungen wie die Opferhilfe ist das sicherlich passend. Beim Wohnungslosentreff als Ort für Individuen und zugleich für Gruppen aber wird deutlich, dass die Niedrigschwelligkeit oder Hochschwelligkeit nicht nur von den Sozialarbeitern bestimmt wird. Ausgrenzungsprozesse gehen auch von Betroffenen aus; gerade weil ihnen ein Wohnraum fehlt, in dem sie das „Hausrecht“ haben, versuchen sie sich Raum „anzueignen“. Niedrigschwelligkeit oder Hochschwelligkeit ist daher eine „Ko-Produktion“ von allem Beteiligten – Stammnutzer und neue Klienten, Alte und Junge, Sozialarbeiter, Hausmeister usw. Erforderlich ist eine bewusste Arbeit mit Gruppen, die auch räumlich Differenzierungen ermöglicht, wie es auch Nutzer fordern (S. 96).

Die Forschungsfrage nach der Niedrigschwelligkeit ist laut Leitfaden nicht an die Nutzer gestellt worden, gerade weil Niedrigschwelligkeit eine Ko-Produktion ist, wäre aber ein Dialog mit den Nutzern dazu notwendig.

Niedrigschwellig ist ein relativer Begriff: (niedrig versus hoch), anders als bei absoluten Begriffen wie „unbürokratisch“ oder „barrierefrei“ oder „schwellenlos“. Insofern ist die Frage, ob die Niederschwelligkeit eine Illusion sei, schwer zu beantworten und die Antwort, sie sei eine Illusion, nicht ganz klar. Es ist auch nicht deutlich, wessen Illusion eigentlich gemeint ist, die der Sozialarbeiter*innen, der Öffentlichkeit oder der Klient*innen.

Hochschwellige Forschung zu niedrigschwelliger Sozialer Arbeit?

Die qualitativen Interviews bedeuteten lange Gespräche von 1–2,5 Stunden (S. 31). Dazu mussten Interviewpartner*innen gesucht werden, die von Sozialarbeiter*innen vermittelt wurden. Es dürfte sich bei der Wohnungslosenhilfe und der Tafel vorwiegend um Langzeitklienten handeln. Da die Sozialarbeiter diese angesprochen haben, ist auch davon auszugehen, dass sie gegenüber den Sozialarbeiter*innen keine großen Hemmschwellen haben.

Mayring schlägt in dem von den Autorinnen herangezogenen Band als Erhebungsverfahren neben Interviews die Methode der Gruppendiskussion vor und schreibt: „es ist schade, dass sie so selten verwendet wird“ (Mayring, S. 78). Tatsächlich gehen bei Dauer und Scheller die eigentlich geplanten Einzel-Interviews gerade in spannenden Passagen in Diskussionen über und es gibt dabei offenbar mehr Bereitschaft an den Gesprächen teilzunehmen als erwartet. Eine weitere Form ist die von Mayring angeführte Teilnehmende Beobachtung (Mayring, S. 80ff), bei der die Forscher*innen auch mitbekommen, wenn jemand kurz hineinschaut, wieder unsicher geht oder auch durch die besagte Glastür blickt: Was sind diese Sozialarbeiter für Leute? Wie reden sie mit den Nutzern? Trau ich mich dort hineinzugehen?

Gruppendiskussionen und Teilnehmende Beobachtungen sind für die Forschenden im Ablauf mit mehr Risiken verbunden und schwieriger als auf Recorder aufgenommene Einzelgespräche auszuwerten, die Distanz zum Geschehen ist für die Forschenden geringer. Zugleich wäre aber das Gespräch weniger durch das kommunikative Gefälle zwischen Forscher*innen und Klientel figuriert. Man traut sich, wie die Dialoge zeigen, untereinander auch zugespitzter zu reden als im Einzelgespräch mit einer Professorin oder Studentin. Damit käme das Forschungsvorhaben den Anforderungen der „Habitussensibilität“, die die Autorinnen von den Sozialarbeiter *innen fordern, näher.

Fazit

Die explorative Studie von Lisa Dauer und Gitta Scheller auf der Basis von qualitativen Interviews beleuchtet das wenig bearbeitet Feld niederschwelliger Sozialer Arbeit. Sie bezieht sich vorrangig auf die Bereiche der Kriminalitätsopferhilfe und der Wohnungslosenhilfe,. Plastisch, ausführlich und auch Widersprüche nicht verdeckend stellt sie die selten erforschte Perspektive der Nutzer*innen und auch deren Vorschläge in den Vordergrund. Die Arbeit stellt begründet in Frage, dass die Niederschwelligkeit den Charakter der Arbeit hinreichend beschreibt und sieht diese eher als Illusion an. Die anschauliche und wissenschaftlich gut fundierte Arbeit gibt Anstoß zu tieferer Untersuchung und zudem zur Evaluation Sozialer Arbeit unter Partizipation der Nutzer*innen.

Literatur

Mayring, Philip: Einführung in die Qualitative Sozialforschung, 5. Aufl. 2002, Weinheim und Basel

Paul Neupert 2018, Wohnungsnot im Wandel?, Aktuelle Daten und Entwicklungen aus dem Dokumentationssystem zur Wohnungslosigkeit,, http://bagw.de/media/doc/STA_Statistikbericht_2017_Beitrag.pdf (13.06.2019)


Rezensent
Prof. Michael Rothschuh
Professor an der HAWK-Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Lehrgebiete Sozialpolitik, Gemeinwesenarbeit. Pensioniert.
Homepage www.rothschuh.de
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Zitiervorschlag
Michael Rothschuh. Rezension vom 05.07.2019 zu: Dauer Lisa, Scheller Gitta: Niedrigschwellige Soziale Arbeit. Eine Illusion? Ergebnisse einer qualitativen Befragung von Nutzern und Nutzerinnen. Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (Hildesheim) 2018. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24933.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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