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Samuel Salzborn: Globaler Antisemitismus

Cover Samuel Salzborn: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 258 Seiten. ISBN 978-3-7799-3855-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Mit einem Vorwort von Josef Schuster.
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Thema

Am 27. Oktober erschoss ein weißer Erwachsener in Pittsburgh, Pennsylvania, während einer Namensgebungszeremonie in der Synagoge Tree of Life elf Menschen; mindestens sechs weitere wurden verletzt. Es handelt sich um die schwerste Attacke auf Juden in der neueren Geschichte der USA. In den sozialen und klassischen Medien begann sehr bald ein Wettlauf, das Massaker in Pittsburgh zu erklären. Für manche ist der einzig wirkliche Schuldige der US-Präsident Donald Trump, der mit seiner Demagogie die Gewaltspirale in den USA erst angeheizt habe. Andere dagegen sehen die Schuldigen bei jenen Jüdinnen und Juden, die sich in den USA gegen die Flüchtlingspolitik der US-Administration wenden, so wie die jüdische Flüchtlingshilfeorganisation HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society), die 1881 mit dem Ziel gegründet wurde, Jüdinnen und Juden bei der Einwanderung in die USA zu unterstützen. Seit 2015 hat sich HIAS auch für die Sorgen und Belange nichtjüdischer Flüchtlinge engagiert und sich so als Teil der Oppositionsbewegung gegen die Trump-Regierung etabliert. Dass das zweite Erklärungsmuster die im modernen Antisemitismus übliche Täter-Opfer-Umkehr widerspiegelt und die Jüdinnen und Juden für antisemitische Angriffe verantwortlich macht, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Dem Rezensenten fiel es schwer, nach Erklärungen für das Massaker in Pittsburgh zu suchen. Mehr noch, er weigerte sich, mit gestanzten Erklärungsmustern öffentlich Stellung zu beziehen. Er weigerte sich, weil die Ermordung von elf Jüdinnen und Juden für ihn keinen Sinn ergibt, weil er fassungslos und traurig war. Der Mord in Pittsburgh war eine durch Judenhass motivierte Tat, die letztlich nur die geistige und emotionale Armut des Täters bezeugt.

Der Rezensent wiederholt sich, wenn er aus einer eigenen Rezension zitiert, die sich einem früheren Buch von Samuel Salzborn (Salzborn, 2010) widmet: Die Antisemiten sind – psychologisch gesehen – elendes Gesindel und arme Würstchen, deren geistige Armut allerdings gefährlich und – für die Juden – tödlich sein kann sein. Warum muss man das noch weiter erklären? Die Antisemiten sind geistlos, schal, durchschnittlich, alltäglich, eben banal, aber auch böse. Allerdings bleiben Aussagen über die individuellen Besonderheiten der Antisemiten oder über das Verhalten antisemitischer Gruppierungen vage. So weigert sich Hannah Arendt (2001) überhaupt, psychologische Spekulationen über den Antisemitismus zu formulieren und Moishe Postone betont zwar, dass er sozialpsychologische oder psychoanalytische Erklärungen nicht negieren möchte, zunächst aber ein historisch-erkenntnistheoretischer Zusammenhang entwickelt werden müsse, „innerhalb dessen weitere psychologische Spezifizierungen stattfinden“ (Postone, 1995, S. 32) können.

Mit dem vorliegenden Buch beabsichtigt Samuel Salzborn, einen solchen historisch-erkenntnistheoretischer Zusammenhang mit psychologischen Spezifikationen zu entwickeln und zu präsentieren.

Autor

Samuel Salzborn ist Diplom-Sozialwissenschaftler, hat Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaft an der Universität Hannover studiert, 2004 an der Universität Köln promoviert und sich 2009 an der Universität Gießen im Fach Politikwissenschaft habilitiert (Salzborn, 2010). Lehr- und Forschungstätigkeiten führten ihn u.a. nach Marburg, Bielefeld, Prag, Jerusalem, Gießen und Göttingen. Gegenwärtig arbeitet er als Gastprofessor am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und außerplanmäßiger Professor am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er ist Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung, Redaktionsmitglied der „Politischen Vierteljahresschrift“ (PVS), Herausgeber der Schriftenreihe „Interdisziplinäre Antisemitismusforschung/Interdisciplinary Studies on Antisemitism“ (Nomos Verlag). Von 2015 bis 2017 war er Mitglied der Enquete-Kommission „Verrat an der Freiheit – Machenschaften der Stasi in Niedersachsen aufarbeiten“ (EKS) des Niedersächsischen Landtags (siehe auch: www.salzborn.de/; aufgerufen am 30.10.2018).

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Dem Text von Samuel Salzborn ist ein Vorwort von Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland vorangestellt. Josef Schuster fragt, warum eine irrationale Menschenfeindlichkeit, wie der Antisemitismus, nach der Aufklärung und der massenhaften Judenvernichtung in den Jahren von 1933 bis 1945 überhaupt noch Bestand haben kann (S. 8). Heute gebe es einerseits glücklicherweise wieder jüdisches Leben in Deutschland. Andererseits lasse sich tagtäglich beobachten, wie der Rechtspopulismus in Deutschland und Europa wieder erstarke, das Wort „Jude“ als Schimpfwort in Schulen verwendet werde, die antisemitischen Vorurteile in antisemitische Handlungen umschlage und der israelbezogene Antisemitismus die neue Form des Antisemitismus darstelle, die von Rechtsextremen, von Linksextremen und von Islamisten kultiviert werde (S. 11 f.).

Nach dem Vorwort folgen eine Einleitung und acht Kapitel.

In der Einleitung markiert Samuel Salzborn gleich zu Beginn den Rahmen, innerhalb dessen er nach den Spuren des globalen Antisemitismus sucht. Es handelt sich um die – um mit Shmuel Eisenstadt (1998) zu sprechen – Antinomien oder Ambivalenzen der Moderne (Bauman, 1992) bzw. schlicht und abstrakt genug um die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer & Adorno, 1947). Mit der Subjektgewordenheit der Menschen, den Möglichkeiten also, Individualität und Freiheit durch Aufklärung zu gewinnen, sind immer auch die Gefahren verbunden, dass die Einen ihre Vernunft und Einsicht nutzen, um die Individualität und Freiheit der Anderen einzuschränken. Mit der Aufklärung konnte Gott zwar als tot erklärt werden; gleichzeitig wurde qua naturwissenschaftlich-instrumenteller Vernunft die Möglichkeit geschaffen, Ungleichheit der Menschen zu legitimieren, Frauen, Sklaven und Juden als die Anderen, Ungleichen zu stigmatisieren. Samuel Salzborn nutzt dafür den bekannten Begriff der halbierten Aufklärung (S. 19). Aber weil in diesem Sinne der Antisemitismus in die Dialektik der Moderne eingeschrieben ist, liegt der Entscheidung eines Einzelnen, Antisemit/in zu sein oder auch nicht, immer die Freiheit des Subjekts zugrunde. Demzufolge, so Salzborn, sei es unvermeidbar, dass jedes Individuum einen Prozess der Selbstreflexion durchleben muss, „um sich von der ohnmächtigen Allmachtsphantasie, die der Antisemitismus blind verspricht, zu emanzipieren“ (S. 22).

Am Schluss der Einleitung stellt Samuel Salzborn die These auf, Antisemitismus sei die Unfähigkeit und Unwilligkeit, „abstrakt zu denken und konkret zu fühlen“ (S. 23, Hervorh. im Original). Diese These, die Salzborn bereits in früheren Publikationen formulierte, wird in den weiteren Kapiteln mehrfach aufgegriffen. In früheren Arbeiten bezieht sich Salzborn (z.B. Salzborn, 2010), um seine These, die auch eine Definition ist, zu fundieren u.a. auf Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, auf Hannah Arendt und Jean-Paul Sartre sowie auf Detlef Claussen. In der Abstraktheit der Salzbornschen These von Antisemitismus stecken, anders als bei den genannten Gewährspersonen, etliche Stolpersteine: Auch wenn Salzborn genügend politisch-soziologische Gründe für seine Definition liefert, besteht die Gefahr, die Unfähigkeit und Unwilligkeit, abstrakt zu denken und konkret zu fühlen, ausschließlich als (schizoide) Persönlichkeitsstörung zu interpretieren. Damit würde der Antisemitismus von gestern und heute auf die Geistesstörungen, auf psychopathologische Strukturen oder auf andere individuelle „Normabweichungen“ potentieller Antisemiten zurückgeführt. Für Hannah Arendt wären solche Erklärungen „überstürzt hingeworfenen Arbeitshypothesen“ (Arendt, 2001, S. 34; Original: 1951).

Kapitel 1 trägt den Titel „Der globale Antisemitismus und die antisemitische Revolution“. Die islamistischen Terroranschläge von 9/11 interpretiert Salzborn als „den Auftakt für eine weltweite antisemitische Revolution“ (S. 25; Hervorh. im Original). Zwei Seiten weiter stützt sich Salzborn auf eine Formulierung der russischen Zeitung Iswestija (die den islamistischen Terrorismus als ersten „echten Weltkrieg“ bezeichnete), um von einem „antisemitischen Weltkrieg“ (S. 27) zu sprechen. Beide Formulierungen (antisemitische Revolution und antisemitischer Weltkrieg) sind bedeutungsmächtige Begriffe, die gründliche und nachvollziehbare Explikationen voraussetzen. Es handele sich um einen antisemitischen Weltkrieg, „weil der Hass auf die Aufklärung und die mit diesem verbundene antisemitische Regression quer zu allen politischen Kategorialisierungen anzutreffen ist“ (S. 27). Und 9/11 war der Auftakt der antisemitischen Revolution; mit 9/11 habe die antisemitische Internationale ihren initialen Impuls erhalten, um eine Neuordnung der Welt entlang antisemitischer Prämissen zu versuchen (S. 43); die antisemitische Revolution richte sich gegen Rationalität, Vernunft und Verstand (S. 51). Bekanntlich handelt es sich bei politischen Revolutionen, allgemein und vereinfacht gesagt, um grundlegende und nachhaltige Veränderungen staatlicher Ordnungen und gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Antisemiten streben solche radikalen Veränderungen an; das ist keine Frage. Auch dass sich die Antisemiten schon längst als Internationale wahrnehmen und präsentieren, stellt der Rezensent nicht in Abrede. Er befürchtet aber, dass die bedeutungsmächtigen Begriffe, auf die Samuel Salzborn zurückgreift, kaum geeignet sind, um den Mut zum Widerstand gegen die international und transnational agierenden Antisemiten zu befördern, sondern eher das Desinteresse und die Resignation jener verstärken könnten, die schon immer meinten, „wir schaffen das nicht“. Auch Samuel Salzborn ist ob seiner bedeutungsmächtigen Begriffe und Interpretationen skeptisch, „… da es nach wie vor im Weltmaßstab keine antisemitische Revolution gibt“ (S. 56). Nichtsdestotrotz ist der Rezensent mit Salzborn der Meinung, dass der Kampf gegen die Antisemiten und den rechten, linken und islamistischen Antisemitismus unverzichtbar ist.

Im Kapitel 2 („Rechter Antisemitismus: Vernichtung, Leugnung, Opfer-Umkehr“) wird der Antisemitismus im Nationalsozialismus und der rechte Antisemitismus nach 1945 behandelt. Die im Titel enthaltenen (und in der Antisemitismusforschung hinreichend empirisch begründeten) Begriffe dienen dabei als Hauptmarker, um das primäre Ziel der NS-Politik, die Massenvernichtung von Jüdinnen und Juden, zu erklären und den Geschichtsrevisionismus, den Antiglobalismus sowie die Verknüpfung von Antisemitismus und Antiamerikanismus in den Worten, Taten und Attacken der rechten Antisemiten aufzudecken.

„Linker Antisemitismus: Antiimperialismus, Postmodernismus, Identitätspolitik“ ist das Kapitel 3 überschrieben. Für Salzborn ist die antiimperialistische Ideologie der Schlüssel zum Verständnis des linken Antisemitismus (S. 85). Auch wenn die Mehrheit der Linken nicht antisemitisch sei, müsse der Antiimperialismus im Kern als antiemanzipatorisches Projekt verstanden werden. Das wird vielen Linken, wer auch immer und wo auch immer sie sind, kaum schmecken. Auch der Rezensent ist skeptisch. Sicher, sowohl hinter vielen antiimperialistischen Aktionen der Linken in der alten Bundesrepublik als auch hinter den antiimperialistischen Losungen und Handlungen im „Realsozialismus“ stand immer auch ein Anti-Israelismus, dessen Kern nicht nur antizionistisch, sondern eben auch antisemitisch war. In der DDR-Geschichtsschreibung spielte die massenhafte Verfolgung und Vernichtung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus keine zentrale Rolle. Das änderte sich erst in den 1980er Jahren. Dazu gibt es mittlerweile genügend empirische Belege (z.B. Haury, 2002; Zuckermann, 2002). Der Rezensent hätte sich deshalb mehr Erklärungen und Begründungen von Samuel Salzborn gewünscht. Auch der Abschnitt 3.4 im Kapitel 3 („Sehnsucht nach Identität: Postmoderner Antisemitismus“, S. 98 ff.) scheint dem Rezensenten etwas schnell „gestrickt“ zu sein. Der Postmodernismus stelle, so Salzborn (S. 100), „den regressiven Rekurs auf kulturalistische Identitätskonzeptionen in den Mittelpunkt und meinte, die Dialektik der Aufklärung auflösen zu können, indem er sie gänzlich verwarf“. Der von Salzborn in manchen postmodernen oder poststrukturalistischen Konzeptionen zu Recht entdeckte Kulturrelativismus, etwa in den Arbeiten und Vorträgen von Judith Butler, hat wenig oder gar nichts mit den Auffassungen der explizit postmodern denkenden und sich artikulierenden Wissenschaftler/innen zu tun (z.B. Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Umberto Eco, Michel Foucault, Paul Feyerabend, Kenneth und Mary Gergen, Sarah Kofman, Jean-Francois Lyotard u.v.a.). In den einflussreichen Konzeptionen dieser und anderer postmoderner Denker/innen geht es eben nicht darum, die Dialektik der Aufklärung gänzlich über Bord zu werfen, sondern um die gleichberechtigte Existenz unterschiedlicher Ideen und um einen praktizierten Pluralismus, der eben auch zu den Ambivalenzen der Moderne gehört. Der Rezensent hält es für verwegen, von den antizionistischen und antiisraelischen Entgleisungen, wie sie z.B. von Judith Butler geäußert werden, auf einen pauschalen Postmodernen Antisemitismus als soziale Bewegung zu schließen.

Im Kapitel 4 widmet sich Samuel Salzborn dem Islamischen Antisemitismus („Islamischer Antisemitismus: Djihadismus, Okzidentalismus, Opferinszenierung“). Spätestens seit der „Al-Aqsa Intifada“ im Jahre 2000, dem 11. September 2001 und dem sog. Mohammed-Karikaturenstreit wird über die Zunahme antisemitischer Propaganda in islamisch geprägten Ländern wissenschaftlich reflektiert und unter den Muslimen in Europa und Deutschland ein „islamistischer Antisemitismus“ diagnostiziert (vgl. u.a. Amadeu Antonio Stiftung, 2009; Dantschke, 2010; Holz & Kiefer, 2010). Samuel Salzborn zeigt in diesem Kapitel 4 überzeugend, a) dass es diesen islamistischen Antisemitismus gibt, der b) ein genuiner Bestandteil des religiösen Islam und nicht nur ein Merkmal radikal-islamistischer Gruppierungen und Organisationen ist und c) nicht nur als eine Folgeerscheinung des Palästinakonflikts interpretiert werden kann. Antisemitische und anti-israelische Einstellungen sind auch bei muslimischen Migrant/innen weitverbreitet (Feldman, 2018).

„Die antisemitische Integrationsideologie: der Hass auf Israel“, so der Titel von Kapitel 5. Der Argumentation von Samuel Salzborn, dass der Hass auf Israel die Verbindungslinien und den Kulminationspunkt zwischen rechtem, linkem und islamischen Antisemitismus markiert, hat der Rezensent nichts hinzuzufügen. In diesem Hass treffen sich die international vernetzten und kooperierenden Antisemiten, um Jüdinnen und Juden zu delegitimieren und zu dämonisieren. Die so genannte BDS-Kampagne (das Kürzel steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“), die das Ziel verfolgt, Israel international zu diskreditieren, ist das zentrale Beispiel (S. 148 ff.).

Der Antisemitismus ist, so Salzborn, der schmerzhafteste Ausdruck der Unwilligkeit und der Unfähigkeit, sich der eigenen Vergangenheit als eine Vergangenheit der unerträglichen Verstörung zu stellen (S. 169 f.). Das Kapitel 6 („Emotionale Erbschaften und die Wiederkehr des Verdrängten“) widmet sich dem psychischen Erbe des Antisemitismus und den „Antisemitischen Tiefen im Unbewussten“, der Kastrationsangst, der Kastrationsdepression und der antisemitischen Selbstentlastung. Der Rezensent gesteht, dass er sich schwer mit psychoanalytischen Erklärungen des Antisemitismus tut und mit Jakob Katz der Meinung ist, dass sich diese Art von Theorie weder beweisen noch widerlegen lässt (Katz, 1993, S. 123). Dennoch gehören, soweit der Rezensent dies zu überschauen vermag, paranoide Projektionen eines unbewussten Schuldgefühls und einer tiefen narzisstischen Kränkung auch in den aktuellen psychoanalytischen Ansätzen nach wie vor zu den zentralen psychischen Ursachen für das Entstehen antisemitischer Einstellungen. Leserinnen und Leser müssen also selbst entscheiden, inwiefern sie den Argumenten von Samuel Salzborn zu folgen vermögen.

Das gilt auch für die Lektüre von Kapitel 7 („Geheimnis und Tod: Ein theoretischer Versuch über den modernen Antisemitismus“). Salzborn greift in diesem Kapitel noch einmal die schon an früheren Stellen seines Buches thematisierten Ambivalenzen und Antinomien der Moderne und der Aufklärung auf. Die moderne Gesellschaft habe in den Seelen der Menschen eine tiefe narzisstische Wunde gerissen, die Wunde der „Entzauberung“ (S. 189). „Gott ist todt! Gott bleibt todt!“, so Friedrich Nietzsche (Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 125). Mit dem vermeintlichen Tode G'ttes wurde sich Mensch nicht nur seiner Subjekthaftigkeit bewusst, sondern auch seiner Sterblichkeit. „Diese Todesangst nun versuchen regressive, gemeinschaftsorientierte Bewegungen wie der Nationalsozialismus, der Antiimperialismus oder der Islamismus durch das Paradigma menschlicher Allmacht zu kompensieren“ (S. 207). Dagegen hilft nur „Akzeptanz von Ambivalenz“ und „Demut vor der eigenen Nichtigkeit“ (S. 211).

Das Kapitel 8 („Mordechai und Esther in Athen, Karthago und New York: Universalistische Perspektiven gegen Antisemitismus“) enthält eine ganz überraschende und spannende Idee: Samuel Salzborn liest die Geschichte von Esther und Mordechai aus dem Tanach (den normativen Texten des Judentums) neu. Zur Erinnerung: Ahasveros, eigentlich Artaxerxes (möglicherweise 464 bis 424 v. u. Z.), hatte die Jüdin Esther, die als Waise von ihrem Onkel Mordechai aufgezogen worden war, zu seiner Frau genommen, ohne von ihrer jüdischen Herkunft zu wissen. Mordechai weigerte sich, nachdem er ein Mordkomplott gegen Ahasveros aufgedeckt hatte, vor Haman, dem Oberpriester, die Knie zu beugen, ihm also die Ehrerbietung zu erweisen. Haman, der wiederum vom Jüdischsein Mordechai erfahren hatte, beschloss daraufhin, „alle Juden, die im ganzen Königreich des Ahasveros waren, zu vertilgen“ (Esther, 3: 6-7). Mit der Behauptung, dass die Juden den König und seine Gesetze missachteten, gelang es Haman den König zu einem Erlass zu überreden, der die Vernichtung der Juden vorsah. Auch Mordechai erfuhr vom Erlass und setzte alles daran, seine Ziehtochter Esther von der geplanten Ermordung der Juden zu informieren. Ihr gelang es schließlich, den Perserkönig zu überzeugen, seinen Erlass zu widerrufen. Haman wurde am Galgen gerichtet und der König ließ den Erlass umkehren; die Juden durften nun sich an ihren Feinden im ganzen Reich rächen; sie töteten „fünfundsiebzigtausend von ihren Feinden; aber an die Güter legten sie die Hände nicht“ (Esther, 9: 17). Das Purimfest, der Festtag der jüdischen Errettung, erinnert an diese Geschichte. Samuel Salzborn nimmt diese Erzählung zum Anlass, um auf das im Judentum verankerte Paradigma von Freiheit und Gleichheit, von Demut und Souveränität aufmerksam zu machen. Wahrlich, im Judentum finden sich die positiven Utopien, die eine Welt ohne Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit prognostizieren: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Jesaja, 2, 4-5).

Fazit

Das Buch ist für Menschen geschrieben, die sich mit dem Antisemitismus, seiner Erforschung und seiner Bekämpfung beschäftigen. Für allgemein Interessierte ist es keine leichte Lektüre. Die Argumentationsstränge, die Samuel Salzborn entwickelt, sind nicht immer leicht nachzuvollziehen. Sätze, die über 15 oder 17 Zeilen verlaufen, stellen zusätzliche Anforderungen dar. Eines aber ist offensichtlich: Mit Hochachtung ist das Engagement zu würdigen, mit dem Salzborn seine Spurensuche in den Abgründen des Antisemitismus betreibt. Menschen in der Mitte der Bevölkerung fühlen sich zunehmend mit rechtsextremen, linksextremen oder islamischen Antisemiten verbunden. Deshalb ist ein solches Engagement wichtig und notwendig. Josef Schuster schließt sein Vorwort zum vorliegenden Buch mit der Hoffnung, der sich der Rezensent unbedingt anschließt, dass die Lektüre von Büchern, wie das von Samuel Salzborn, irgendwann nicht mehr von Nöten sein werde. „Denn dies würde bedeuten, wir hätten den Antisemitismus ein für alle Mal besiegt“ (S. 13).

Zitierte Literatur

  • Amadeu Antonio Stiftung (2009). „Die Juden sind schuld“. Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus. Berlin.
  • Arendt, H. (2001; Original 1951). Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München, Zürich: Piper.
  • Bauman, Z. (1992). Moderne und Ambivalenz. Hamburg: Junius.
  • Dantschke, C. (2010). Feindbild Juden. Zur Funktionalität der antisemitischen Gemeinschaftsideologie in muslimisch geprägten Milieus. In W. Stender, G. Follert, & M. Özdogan (Hrsg.), Konstellationen des Antisemitismus (S. 139–146). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Eisenstadt, S. (1998). Die Antinomien der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Feldman, D. (2018). Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa. Gibt es einen Zusammenhang? Berlin & London: Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.
  • Haury, T. (2002). Antisemitismus von links. Hamburg: Hamburger Edition.
  • Holz, K., & Kiefer, M. (2010). Islamistischer Antisemitismus. In W. Stender, G. Follert, & M. Özdogan, (Hrsg.), Konstellationen des Antisemitismus (S. 109–137). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Horkheimer, M. & Adorno, T. W. (1969, Original 1947). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a. M.: Fischer.
  • Katz, J. (1993). Messianismus und Zionismus. Zur jüdischen Sozialgeschichte. Frankfurt a. M. Jüdischer Verlag.
  • Nietzsche, F. (2000; Original: 1887). Die fröhliche Wissenschaft. Stuttgart: Reclam.
  • Postone, M. (1995). Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In M. Werz (Hrsg.), Antisemitismus und Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Verlag Neue Kritik.
  • Salzborn, S. (2010). Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt: Campus Verlag.
  • Zuckermann, M. (Ed.). (2002). Zwischen Politik und Kultur-Juden in der DDR. Göttingen: Wallstein Verlag.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 12.11.2018 zu: Samuel Salzborn: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3855-2. Mit einem Vorwort von Josef Schuster. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24934.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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