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Dirk vom Lehn: Ethnomethodo­logische Interaktionsanalyse

Cover Dirk vom Lehn: Ethnomethodologische Interaktionsanalyse. Videodaten analysieren und die Organisation von Handlungen darstellen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 136 Seiten. ISBN 978-3-7799-3814-9. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.

Reihe: Standards standardisierter und nichtstandardisierter Sozialforschung.
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Thema

Die Forschungsinstrumente der Ethnologie nützen vor allem dort, wo das Interview, als früherer „Königsweg der empirischen Sozialforschung“ (René König), versagt. Bei vielen sozialen Situationen ist das der Fall: spontane Kaufentscheidungen vorm vollen Regal, Bestellungen aus dem Katalog bei großer Auswahl, körperliche Interaktionen (Sexualität, Sport), Gespräche in der Gruppe. Vor welchem Bild bleibe ich im Museum wie lange stehen? Welcher Platz wird im Restaurant angesteuert? Wenn viele Alternativen zur Wahl stehen und man nicht vorab festgelegt ist, steht die zur Entscheidung aufgerufene Person vor einem Dilemma.

Die Forschung will nun herausbekommen, wie die Entscheidung fällt. Untersuchen lässt sich das nur für vergangenes oder zukünftiges Verhalten. Eigentlich aber will man an das aktuelle Handeln heran, nur ist der Forscher nicht dabei und kann nicht mit einem Interview hineingrätschen. Hier kommt das Instrument der Beobachtung ins Spiel. Ist allerdings der Beobachter in der zu erforschenden Situation anwesend, verändert er diese. Also bietet sich eine Kamera an, die das Geschehen unauffällig aufnimmt; der entstandene Film kann anschließend in Ruhe analysiert werden.

Dieses Vorgehen umgeht ein weiteres Problem: Nur in den sogenannten Sprechakten vollzieht sich Handeln in sprachlicher Form. Die oben genannten Handlungen mögen zwar von verbalisierbaren Überlegungen angeleitet oder begleitet sein, erschöpfen sich aber keineswegs darin. Emotionen, Intuitionen und spontane Anwandlungen kommen über außersprachliche Kräfte zustande. Eine umfassende Beobachtung kann all dieses zum Datenmaterial machen, das dann einer Interpretation zugrunde gelegt wird.

Autor

Der Autor arbeitet als Dozent für Organisationssoziologie am King‘s College in London und ist vor allem mit einer überzeugenden Monographie über den als schwer zugänglich geltenden Soziologen Harold Garfinkel (1917-2011) hervorgetreten.

Aufbau

Der Inhalt wird in zwei großen Teilen dargestellt.

Im ersten Block wird die Ethnomethodologie vorgestellt. Früher als Anti-Soziologie gescholten gilt sie heute als anregende Spielart phänomenologischen Denkens in den Sozialwissenschaften. Herausragendes Merkmal dieses Ansatzes ist der Abschied an vorgefasste Begriffsschemata zur Analyse der Gesellschaftsordnung, die Absage an das Menschenbild des rational handelnden und objektiv beurteilbaren Individuums, an gesetzesartige Aussagen der Soziologie, wofür die ‚soziologische Orthodoxie‘ eines Talcott Parsons in den 1960er Jahren stand (13-16). Stattdessen wandten sich viele Neuerer den konkreten Situationen zu, dem Geschehen zwischen handelnden Menschen, ihrer Praxis und den Bedeutungen, die sie mit ihren Aktionen verbinden. Am anstößigsten mag damals vorgekommen sein, dass die Ethnomethodologie den Wissenschaften absprach, mit ihren Analysen den Leistungen der Akteure des Alltags überlegen zu sein. Von heute her ist vielleicht eher einleuchtend, wie begrenzt der generalisierte Gehalt soziologischer Studien ist, wie gering ihre prognostischen Fähigkeiten, wie abhängig von den Deutungsvorgängen der unmittelbar Beteiligten. Nach dem Verlust ihrer Starposition als Leitwissenschaft im späten 20. Jhdt. werden nunmehr die Forschungsansätze attraktiv, die den Mund früher nicht so voll genommen haben. Dazu gehört die Ethnomethodologie.

Nachdem das ethnomethodologische Vorgehen gut verständlich dargestellt und begründet worden ist, wendet sich der Autor dem im Buchtitel bezeichneten Thema sehr anschaulich anhand eigener Studien zu. In diesem zweiten Block werden Anwendungsbeispiele vorgeführt, eines davon in großer Ausführlichkeit.

Inhalt

Zunächst also: Was ist Ethnomethodologie? Soziologisch zählt sie zur Denkschule der Handlungstheorien, wie sie von Max Weber begründet worden ist und sich seither in vielen Versionen entfaltet hat. Das Soziale ist uns nicht von außen vorgegeben, sondern erwächst aus dem Subjektiven (18). In den Kap. 2 bis 4 werden die Wurzeln aufgezeigt, die auf die allgemeine Philosophie (Pragmatismus und Phänomenologie), Gestaltpsychologie und Wittgensteins Sprachtheorie zurückgehen. Von hier aus versteht man, warum der ethnomethodologische Denkansatz nicht nur soziologische Forschung sondern auch die anderer Fachrichtungen befruchten will.

Die Bezeichnung Ethnomethodologie verwandte Garfinkel seit 1954; etwas Volksbezogenes meinte er damit nicht. Vielmehr geht es, wie überall in der Soziologie, um die Möglichkeit sozialer Ordnung (27), aber ohne dieses Problem philosophisch oder a priori zu lösen. Für Garfinkel sind die Antworten der Akteure maßgebend, die Soziologie muss sich nach ihnen richten. Tatsächlich also eine methodologische Lösung, eigentlich indessen der Verweis auf die Methoden der alltäglichen Akteure (und ‚ethnomethodologisch‘ nur insofern, als sozusagen dem Volk aufs Maul zu schauen sei). Dieser Vorschlag wurde anfangs überhaupt nicht verstanden, sogar als esoterisch abqualifiziert. Heute aber überzeugt er, als eine der Varianten empirisch-soziologischen Vorgehens. Soziale Ordnung ist kein Vernunftprodukt, kein stabiles Resultat rationalen Nachdenkens; vielmehr wird sie ständig durch die lebenden Menschen mit ihren Handlungen und Alltagsannahmen hervorgebracht.

Aus dem theoretischen Ansatz gehen Ideen für neue Wege empirischen Forschens hervor (Kap. 5). Nicht mehr das überkommene Instrumentarium, nämlich das Interview nach vorgegebenen Fragebögen und Leitfäden, nicht mehr die Inhaltsanalyse nach festgelegten Kodierschemata. Ganz anders wird hier vorgegangen: Am Anfang steht eine umfassende Dokumentation von Situationen und Handlungsabfolgen, erst daran schließt sich die Suche nach Strukturen und Intentionen an, nach den Hintergründen und Konfliktpunkten des Handelns.

Erläutert wird das an mehreren Fallbeispielen. Das erste davon bezieht sich auf die Situation, dass Besucherinnen in einem Kunstmuseum die ausgestellten Exponate betrachten (45-49). Ausführlich wird als zweites Beispiel vorgeführt, wie Fachoptikerinnen in britischen Firmen die Sehfähigkeit und Gesundheit der Augen ihrer Klienten prüfen (49-61). Dabei geht es für vom Lehn um die Praktiken von Professionen, d.h. fachlich ausdifferenzierten Berufen. Er und einige Projektbeteiligte sprachen in Londoner Optikergeschäfte vor und ließen ihre Augen untersuchen. Im Buch wird das Forschungsvorgehen detailliert geschildert: der Zugang, die Interaktionsordnung im Untersuchungszimmer, die durchgeführten Tests, die Beobachtung und filmische Aufzeichnung.

Der Schwerpunkt des Buchs liegt auf der Videotechnik, mit der Daten generiert werden (61-63, 75–83). Bei der Interpretation der Aufzeichnungen zieht vom Lehn die Konversationsanalyse von Harvey Sacks heran, die sich für den Alltagsgebrauch von Sprache interessiert (64-66). Als Ergebnisse seiner Studien nennt der Autor „wichtige Anhaltspunkte bezüglich der Organisation dieses Tests“; er vermag nunmehr „einige der Ressourcen zu identifizieren, die Optometriker benutzen, um Annahmen über das Sehvermögen von Klienten zu machen“ (75). Weiterhin werden die Bezüge zwischen vokalen und anderen, nicht hörbaren Äußerungen der Anwesenden untersucht.

In Kap. 6 zeigt vom Lehn, wie eine ethnomethodologische Interaktionsanalyse dargestellt wird, sodass ein Publikum die Analyseschritte nachvollziehen und kritisch darauf antworten kann (84-96). Das erhobene Material zeigt, in welch hohem Ausmaß die Augenmessung interaktiv abläuft statt eine bloß mechanische Angelegenheit zu sein. Der Klient trägt mit vokalen und nichtvokalen Handlungen zum Arbeitsergebnis bei (93). Der tatsächliche Ablauf des Sehtests entspricht oftmals nicht den formalen Instruktionen; vieles ist hier keineswegs institutionell vorbestimmt. Das bestätigt die in anderen ethnomethodologischen Studien gewonnenen Einsichten, wie prekär der Konnex zwischen Regeln und Handlungen ist (94). Die formalen Vorgaben können Selbst in streng geregelten Verfahren nicht den Ausgang determinieren, schon weil sie nicht detailgenau bestimmen, was wie wann zu geschehen hat (98).

In Kap. 7 wehrt sich vom Lehn gegen die Behauptung, die Ethnomethodologie leiste keinen relevanten Beitrag zur soziologischen Erkenntnis. Die im Buch referierten Studien bereichern die Arbeits- und Organisationswissenschaften, indem sie die praktischen Tätigkeiten genau vorführen. Damit lässt sich das Erreichen von Organisationszielen verbessern (99 f., mit Beispielen). Die Optikerstudie zeigt, „dass das Sehen keinesfalls ein kognitiver und subjektiver Prozess ist, sondern dass es soziale Praktiken involviert“ (101). Ethnomethodologie Forschung wird in den Technikwissenschaften rezipiert (105). Hier bietet sie sich dazu an, den einseitigen Fokus auf einen Apparat durch Erkenntnisse zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu ergänzen. Die Herausforderungen durch Computer und KI werden solche Forschungen unabdingbar machen.

Nachdem der Autor auf die ihm bekannten Bedenken gegen sein Vorgehen erwidert hat (Kap. 8), empfiehlt er abschließend, (Kap. 9) sich an die Arbeit zu machen und „selbst Daten zu erheben und zu analysieren“. Zumal in der Technik-, Management- und Organisationsforschung bestünden gute Möglichkeiten (S. 117). In vier Anlagen gibt vom Lehn praktische Hinweise, wie beispielsweise die praktische Arbeit von Optikern mit ihren Kunden beobachtet und besser verstanden werden kann (S. 129–136).

Diskussion

Worin besteht der Erkenntnisgewinn des ethnomethodologischen Vorgehens? Nicht bei allen angeführten Beispielen drängen sich überraschende Einsichten sofort auf, so etwa bei den Fußgängergruppen, die eine Straße überqueren (34). Der Autor widmet ein ganzes Kapitel der Frage nach der Relevanz seines Ansatzes (107-116). Dabei listet er fünf typische Einwände gegen die Ethnomethodologie auf und erwidert kraftvoll auf sie (108-111). An manchen Stellen fragt man sich, ob die vorgeführten Beispiele zu mehr taugen als dazu, die Vorgehensweise der Ethnomethodologie zu demonstrieren. Dieses allerdings gelingt eindrucksvoll.

Fazit

Das Buch führt in die Forschungsrichtung der Ethnomethodologie ein und informiert gründlich über Anwendungsbeispiele, insbesondere unter Einsatz der Videotechnik. Die Empfehlungen richten sich vor allem an die Technik-, Management- und Organisationsforschung. Die Ethnomethodologie war seit jeher darauf konzentriert, die Unfruchtbarkeit des herrschenden Soziologiebetriebs zu kritisieren, und musste infolgedessen ständig ihre Grundgedanken verteidigen. Daher hat sie wohl zu wenig vorzeigbare Resultate hervorgebracht. Vielleicht ändert sich das mit diesem Buch. Beherzigenswert ist der ethnomethodologische Imperativ, die „soziologische Einstellung“ betreffend: Wir müssen viel näher die Objekte unserer Analysen herangehen, ja möglichst an den untersuchten Situationen selber teilnehmen. Erst dann werden sich die Rätsel bislang unverstandener Handlungsweisen auflösen - teilweise.


Rezensent
Dr.phil. Dr.jur. Rüdiger Lautmann
Jg. 1935, arbeitete von 1971 bis 2010 als Professor für Soziologie an der Universität Bremen und lebt jetzt in Berlin. Zahlreiche Publikationen zu Recht und Kriminalität, Geschlecht und Sexualität.
Homepage www.lautmann.de
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Zitiervorschlag
Rüdiger Lautmann. Rezension vom 17.09.2019 zu: Dirk vom Lehn: Ethnomethodologische Interaktionsanalyse. Videodaten analysieren und die Organisation von Handlungen darstellen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3814-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24940.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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