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Jo Reichertz, Verena Keysers (Hrsg.): Emotion. Eskalation. Gewalt

Cover Jo Reichertz, Verena Keysers (Hrsg.): Emotion. Eskalation. Gewalt. Wie kommt es zu Gewalttätigkeiten vor, während und nach Fußballspielen? Juventa Verlag (Weinheim) 2018. 350 Seiten. ISBN 978-3-7799-3926-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Erkenntnisinteressen des Werks

Das Buch geht den Fragen nach, weshalb es vor, während und nach Bundesliga-Fußballspielen regelmäßig zu Gewalttätigkeiten kommt und ob man diese Prozesse frühzeitig erkennen kann, um ihnen rechtzeitig vorzubeugen, damit es nicht zum Äußersten kommt. Welche Dinge, sozialpsychologischer Natur vor allem, spielen eine Rolle, wenn Menschen massenhaft zusammenkommen, um, in gegnerische Fan-Lager unterteilt, ein Fußballspiel zu erleben und dabei nicht selten in einen von Cortisol- und Adrenalin-Ausschüttungen begleiteten Rauschzustand der „kollektiven Efferveszenz“ (Durkheim) geraten?

Entstehungsbedingungen und AutorInnen

Das Buch ist der Report eines interdisziplinären Forschungsprojekts, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über drei Jahre finanziert wurde. Die Forschungsgruppe bestand aus Sozialforschern vom Arbeitsbereich Kommunikationskultur am Kulturwissenschaftlichen Institut NRW (Essen) und Neuroinformatikern der Ruhr-Universität Bochum, die allerdings in dem Buch kaum zu Wort kommen. Herausgeber Jo Reichertz, emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, war der Kopf des Forschungsprojekts. Mitherausgeberin Verena Keysers, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut NRW, scheint für die empirische Bodenhaftung des Projekts zuständig gewesen zu sein.

Reichertz und Keysers bestreiten 250 der 350 Seiten des Buches. Fünf Kurz-Beiträge von sieben weiteren VerfasserInnen, die auch zur Projektgruppe gehörten, komplettieren den Band. Der von Reichertz mitbegründete „kommunikative Konstruktivismus“ bildet die theoretische Grundlage des Ganzen.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Gescheitertes Projekt

Letztendlich ist das Buch die Dokumentation eines gescheiterten Projekts, gemessen an den Ansprüchen, die es sich selbst gestellt hat:

  • Wie kann man die Anfänge, die Verlaufs-Etappen, die Steigerungs-Phasen von emotionalen Intensivierungs- und Aufschaukelungsprozessen in Menschenmassen erkennen und erklären?
  • Lassen sich diese Prozesse video- und computertechnisch detektieren?
  • Welche Erkenntnishilfe bietet das Experten- und Betroffenen-Wissen von Bereitschaftspolizisten und Fußballfans? (Beide Gruppen werden ausführlich interviewt.)
  • Was sind die peripheren, was die signifikanten Eskalationsanzeichen?
  • Was also sind die Geheimnisse des „Doing Escalation“?

Das Projekt erhoffte sich als Ergebnis „die Entwicklung einer videobasierten Eskalationsfrüherkennungs-Software“, um künftig präventiv tätig werden zu können, sodass der Turning Point, an dem Erregung und Unmut in Gewalt umschlagen, gar nicht erst erreicht wird. Aber das dazu notwendige Entwirren und Durchdringen gruppendynamischer, situativer und anderer mikrosoziologischer Komplexitäten ist dem Projekt nicht gelungen. Die Suche nach den „Universalien“ der Eskalation in Menschenansammlungen wurde abgebrochen, aber nicht eingestellt. Herausgeber Jo Reichertz stellt fest: „Eskalationsprozesse sind vorerst zu komplex, um sie angemessen erfassen und analysieren zu können.“ – Keine unwichtige Erkenntnis, wenngleich für die Forscher kein zufriedenstellender Ertrag ihrer Arbeit. Aber gut für weitere Forschungsvorhaben!

Erfolgreiches Projekt

Dennoch enthält das Werk interessante Erkenntnisse, en gros und im Detail.

  • En gros: Eskalation ist immer ein Produkt der (oft zufällig zustande kommenden) Interaktion zwischen Antipoden, im Fußballzusammenhang: zwischen Zuschauern mit einem hohen Grad an Leidenschaftlichkeit (Fans) und den Sicherheitskräften (Polizei, Ordnerschaft). Beide Großgruppen sind intern differenziert. Friedliche, gewaltbereite und gewaltsuchende Fans werden auf der einen Seite unterschieden. Die Gegenseite ist weniger gut ausgeleuchtet. Aber auch hier dürfte man „Bürger in Uniform“ von autoritären Haudraufs unterscheiden können. Beide Großgruppen sind der ständigen Gefahr ausgesetzt, von imponderablen Faktoren übermannt zu werden, sodass strategisch-taktische Vorsätze ausgehebelt werden und die Rationalität des Vorgehens auf der Strecke bleibt.
  • En détail (I): Man fand heraus, dass die bei Fußballspielen eingesetzte Bereitschaftspolizei oft selbst ein pro-aktiver Akteur im Eskalationsprozess ist, freilich unter dem objektiven Vorsatz und der subjektiven Beteuerung, der Deeskalation zu dienen, Stichwort „Solidarisierungseffekt“. Wird ein einzelner Fan wegen straftatverdächtigen Verhaltens von Polizeibeamten aufgegriffen, solidarisieren sich sofort viele andere, selbst nicht betroffene Fans mit ihrem Kameraden. Einerseits, um ihm beizustehen, andererseits, um den polizeilichen Eingriff lautstark zu skandalisieren und aus der gegebenen Ohnmacht gegenüber der überlegen ausgerüsteten Polizei eine Demonstration der Gegenmacht zu machen, was die Polizei nicht selten mit gesteigertem Einsatz von Zwangsmitteln beantwortet. – Schon ist die Eskalation im Gang, ohne dass dies von den Parteien intendiert war.
  • En détail (II): Der regelmäßige Besuch großer Fußballspiele gewinnt im Buch eine zivilisationshygienische Aufwertung. Der Fußballfreund, namentlich der leidenschaftliche Fan, nimmt sich beim Gang ins Stadion eine Auszeit von den Banalitäten des Gewohnten. Das Zum-Fußball-Gehen wird im Buch als ein „Mittel zur Entbanalisierung des Alltags“ genannt. Der Besucher genießt die „Elektrizität“, die entsteht und sich entlädt, wenn Menschen in großer Zahl auf kleinem Raum zusammenkommen, um mit ihrem Verein mitzufiebern, gar miteinander zu „verschmelzen“ (zur „gelben Wand“ werden, wie auf Dortmunds Südtribüne) und dabei beglückende Gemeinschaftsgefühle empfinden, die nach Wiederholung verlangen und sich nicht erschöpfen. Der Besuch eines Fußballspiels ist eine Erholung vom Alltag und eine Regeneration für den Alltag in der individualisierten und singularisierten Gesellschaft. Das moderne Eventmanagement lebt heute davon, solche überbordenden Gemeinschaftserlebnisse systematisch herbeizuführen und zu verkaufen.

Was aber im sozialen Nahbereich zwischen den Menschen in der Masse vor sich geht, wie es kommunikativ zur „Gleichschaltung“, zur „Synchronisierung“ des Fühlens und Handelns kommt, das ist noch nicht befriedigend erforscht; also jene Prozesse, die man „Ansteckung“, „Resonanz“, „Spiegelung“, „Magnetismus“, „Schwarmverhalten“ etc. nennt.

Diskussion

Wenn Fußballfans sich zu maskieren beginnen, die Kapuzen schließen, die Handschuhe überziehen und den Mundschutz einlegen, ist offensichtlich der Frieden in Gefahr. Warum aber muss die Polizei mit gleicher Symbolik antworten: Die Visiere schließen, den Schlagstock zeigen, Reizgas, Gummigeschosse und Wasserwerfer „klarmachen“? Und dann nimmt alles seinen Lauf. Begleitet von Schauergeschichten über die Untaten der Gegenseite, werden auch die letzten Bedenken unter den Zögerlichen beider Seiten beseitigt und man geht hasserfüllt aufeinander los. Ein gefundenes Fressen für die sensationslüsternen Medien. „Bad News are good News“ für die Einschaltquote. Fans und Polizei arbeiten ohne es zu wollen den Interessen der Unterhaltungsindustrie entgegen. Und besorgen sich darüber hinaus eine eigene Medienpräsenz – für manche vielleicht ein willkommener Kollateralgewinn!

Alternative Polizei-Methoden der „paradoxen Intervention“ und der „gewaltfreien Konfliktlösung“ werden in dem Buch nicht verhandelt.

Fazit

Das Ziel des Forschungsprojekts war es, eine „videobasierte Eskalationsfrüherkennungs-Software“ zu entwickeln. Sozialwissenschaftler möchten Gewaltausbrüche in Menschenmengen vorhersagen können wie Meteorologen das Wetter von morgen. Zu welchem Zweck will man das? Allein um die Gewalt aus dem Umfeld des Fußballs zu verbannen? Und damit jungen testosterongesteuerten Männern ein letztes Ventil zu nehmen, sich körperlich zu messen? Solange die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet ist – das allerdings ist Conditio sine qua non –, sollten junge Männer sich prügeln und wieder vertragen dürfen, um beim nächsten Treffen erneut aufeinander loszugehen. Wäre es nicht wichtiger, diese Adoleszenten-Gewalt zu kanalisieren und einzuhegen statt sie unterbinden zu wollen? Die soziale Physik und Chemie emotionaler Intensivierungsprozesse in Menschenmassen kann auch unabhängig von diesem fragwürdigen Ziel erforscht werden.

 


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 28.12.2018 zu: Jo Reichertz, Verena Keysers (Hrsg.): Emotion. Eskalation. Gewalt. Wie kommt es zu Gewalttätigkeiten vor, während und nach Fußballspielen? Juventa Verlag (Weinheim) 2018. ISBN 978-3-7799-3926-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24941.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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