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Martina Brandt, Jennifer Fietz u.a.: Methoden der empirischen Alter(n)sforschung

Cover Martina Brandt, Jennifer Fietz, Sarah Hampel, Judith Kaschowitz, Patrick Lazarevič u.a.: Methoden der empirischen Alter(n)sforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 120 Seiten. ISBN 978-3-7799-3752-4. D: 15,95 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Autor*innen

Autor*innen sind Martina Brandt, Jennifer Fietz, Sarah Hampel, Judith Kaschowitz, Patrik Lazarevic, Monika Reichert und Veronique Wolter.

Enstehungshintergrund

Alter und (Alter(n) als Forschungsthema haben nicht zuletzt vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Megatrends „demografischer Wandel“ in den letzten Jahren wie kaum ein anderes an Bedeutung gewonnen. Das kann man unschwer an der Zahl dazu vorliegender Veröffentlichungen, gutachterlichen Stellungnahmen etc. erkennen. Wichtige Belege dafür sind auch die regelmäßige Altenberichterstattung des Bundes (und auch einiger Länder).

Auffallend ist, dass viele der dazu vorliegenden Arbeiten und Publikationen, die mit „wissenschaftlichem Anspruch“ daherkommen, nicht unbedingt von gerontologischen Expert*innen stammen, sondern von Angehören fachfremder Disziplinen oder gar von völlig gerontologiefernen „Laien“, die sich munter den für sie eher neuen Fragen widmen, ohne sich für einen kritischen Umgang für die richtige methodische Herangehensweise gewappnet bzw. Auskunft darüber zu geben, auf welcher Grundlage sie zu ihren Erkenntnissen und noch besser – „Empfehlungen“ – gekommen sind. Nicht selten stammen deren methodische Zugänge – wenn überhaupt – aus anderen Disziplinen, deren Übertragbarkeit auf die Alternsforschung zumindest erklärungsbedürftig ist. Ein Beleg dafür ist auch die vielfach unkritische Verwendung von Daten, Zahlen und dgl., ohne deren methodische Stimmigkeit geprüft zu haben (z.B. im Kontext demografischer „Krisenszenarien“).

Die vorliegende Arbeit von aus dem Umfeld der beiden namhaften Dortmunder Alternswissenschaftlerinnen Martina Brandt und Monika Reichert kommt just in time. Sie ist längst überfällig angesichts des Bedeutungsaufschwungs von Altern(n)sthemen und der Zahl derer, die sich mit wissenschaftlichem Anspruch damit beruflich beschäftigen. Denn Lehrbücher und dgl. zu Methoden der empirischen Alter(n)sforschung liegen nur ganz wenige vor, und wenn, dann sind sie veraltet oder potenziellen Nutzern nicht zugänglich.

Aufbau

Das Buch besteht aus insgesamt 6 Kapiteln.

  • Das erste Kapitel geht ganz allgemein auf methodische Herausforderungen in der empirischen Alter(n)sforschung ein.
  • Kapitel 2 bis 5 befassen sich am Beispiel ausgewählter Forschungsfelder (Selbsteinschätzung der Gesundheit, Netzwerke älterer Migrant*innen, Interviews mit Menschen mit Demenz und ihren pflegenden Angehörigen, Evaluation von Interventionsprogrammen) mit den „Fallstricken“ quantitativ wie qualitativ orientierter empirischer Sozialforschung.
  • Das 6. Kapitel widmet sich schließlich Lösungsansätzen innovativer empirischer Alter(n)sforschung.

Inhalt

Das Buch des Dortmunder Autor*innenteams macht nicht den Fehler, den man neuerdings aus anderen Disziplinen so leidvoll kennt, nämlich einen „Methodenkrieg“ um den „richtigen“ Ansatz zu führen. Vielmehr plädiert es erfreulicherweise und zugleich fachlich höchst überzeugend für die speziell in der Alternsforschung so angemessene Verknüpfung unterschiedlicher Methoden. Damit wird nicht nur der Komplexität und Multidimensionalität des hoch voraussetzungsvollen Forschungsthemas individuelles wie kollektives Alter(n) entsprochen, sondern auch – und gerade auch – der vor allem der sozialen Gerontologie wie kaum einer anderen Disziplin inhärenten Interdisziplinarität. Von daher plädieren die Autor*innen zu Recht für die Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden im Sinne eines „Methoden Mixes“ – je nach Forschungsgegenstand. Das verdeutlichen sie in ganz überzeugender Weise an aktuellen Themen der angewandten sozialen Gerontologie, so u.a. am Beispiel der Forschung zu älteren Migrant*innen, pflegenden Angehörigen von demenziell erkrankten Älteren oder zu Interventionsprogrammen. Dabei begründen sie ihre Erkenntnisse und Aussagen – und das ist das Erfreuliche an diesem Buch, das es mit zu einem „Unikat“ macht – mit eigenen empirischen Forschungsarbeiten und -ergebnissen, von denen sie wahrlich eine stattliche Anzahl vorzuweisen haben. Insofern zeichnet sich diese Arbeit durch ein hohes Maß an wissenschaftlicher Authentizität aus, die in der „scientific community“ erst einmal gefunden werden muss.

Das, was dieses Buch weiterhin zu einem zur Nutzung äußerst empfehlenswerten Methodenratgeber macht, ist nicht nur ihr in diesem Sinne praxis- und zielgruppenbasierter Ansatz, sondern auch der von eigenen Forschungserfahrungen in verschiedenen gerontologischen Praxis- und Handlungsfeldern geprägte umsichtig-kritische Umgang mit den jeweiligen Pro und Kons unterschiedlicher methodischer Zugänge. Hier wird nicht für ein „Methodenmonopol“ plädiert, sondern für eine dem jeweiligen Forschungsgegenstand angemessene Herangehensweise – jenseits z.B. von der üblichen Praxis reiner „Quanties“ oder reiner „Qualis“. Dabei beruht das überzeugendes Plädoyer für die Bündelung der jeweiligen Stärken und Schwächen einer Methode auf einem reichen und umfangreichen Erfahrungsschatz aller Autor*innen, die jede/r für sich empirisch zu Alter(n)sthemen gearbeitet haben und in unterschiedlichen Methoden ausgewiesen sind. Es macht das Buch umso authentischer, da damit auch unterschiedliche, in der sozialen Gerontologie beteiligte Disziplinen mit jeweils unterschiedlichen Forschungstraditionen beteiligt sind. Gerade die Empfehlungen für die Forschungspraxis (z.B. zur Fragenkonstruktion, zur vorsichtigen Auswertung und Interpretation von Aussagen älterer Menschen in Interviews (z.B. zur Gesundheit oder – oder zur Lebenszufriedenheit – von vorliegenden Datensätzen, zur Vermeidung gängiger Interviewer*innenfehler, zur Durchführung und Auswertung von Fokusgruppen etc.) können insbesondere jüngeren Wissenschaftler*innen helfen, Fehler zu vermeiden und die in der empirischen Sozialforschung durchaus üblichen Fallstricke zu vermeiden. Ein weiteres dafür tut die einfache und leicht verständliche Sprache, in der das Buch geschrieben ist.

Diskussion

Es liegt in der Natur der Sache, dass die auf eigenen Forschungserfahrungen beruhende Herangehensweise die Themen, Praxisfelder und Zielgruppen, die die Grundlage des Buches sind, eingrenzt. Als jemand, der sich in seiner aktiven Forscherzeit stark um politiknahe Themen in der angewandten sozialen Gerontologie gekümmert hat, hätte ich mir natürlich gewünscht, mehr zum Anwendungsfeld „gerontologische Politikberatung“ und das dafür erforderliche methodische Rüstzeug aufzugreifen, vor allem wenn es um den von mir präferierten „pragmatisch-reflexiven“ Zugang (Gerhard Weisser) gemeinsam mit den Nachfrager*innen geht. Sekundäranalysen amtlicher Statistiken, Aktenanalysen, Experteninterviews mit wichtigen politiknahen Schlüsselpersonen und dgl. haben meinen Forschungsalltag mitgeprägt und zählen m.E. gerade heute zum notwendigen methodischen Standardrepertoire in einem Umfeld, das auch das Alter(n) der Bevölkerung immer stärker in einen politischen Gesamt- und Gestaltungszusammenhang rückt. Dies gilt auch für die zunehmend wichtigeren Themen im Umfeld von Ältere-Arbeitnehmer*innen-Forschung oder zur Digitalisierung der Altersumwelten, wo es ebenfalls darauf ankommt, Themen in einen neuen, nämlich ökonomisch wie technikgeprägten Zusammenhang einzuordnen, wo nicht nur z.T. andere Gesetze und Regeln gelten, sondern auch andere Methoden Anwendung finden müssen (z.B. teilnehmende Beobachtung, Fallstudien). Auch hätte man sich eine ausführlichere Einschätzung der Autor*innen zur von vielen Forscher*innen empfohlene aktive Beteiligung der Zielgruppe selbst im Forschungsprozess gewünscht. Vielleicht lässt sich das in einer hoffentlich zweiten Auflage nachholen.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Naegele
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Zitiervorschlag
Gerd Naegele. Rezension vom 04.10.2019 zu: Martina Brandt, Jennifer Fietz, Sarah Hampel, Judith Kaschowitz, Patrick Lazarevič u.a.: Methoden der empirischen Alter(n)sforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3752-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24942.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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