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Philipp Fuchs, Jan F.C. Gellermann u.a.: Die Ausbildungs­verlierer?

Cover Philipp Fuchs, Jan F.C. Gellermann, Stefan Kutzner: Die Ausbildungsverlierer? Fallstudien zu Entkopplungsprozessen von Jugendlichen beim Übergang in das Erwerbsleben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 166 Seiten. ISBN 978-3-7799-3964-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Laut Pressemitteilung 080 des Statistischen Bundesamtes vom 7.3.2019 begannen im Jahr 2018 insgesamt 274.000 junge Menschen ein „Bildungsprogramm im Übergangsbereich“. Andere Autoren gehen davon aus, dass sich ca. 60.000 Jugendliche in den Angeboten des Übergangsbereichs befinden und eigentlich eine Ausbildung anstreben.

Wie auch immer diese Daten erhoben und belegt, die Kriterien definiert wurden, die Problematik ist seit Jahrzehnten bekannt: Junge Menschen haben keinen Zugang zur beruflichen Ausbildung gefunden, großenteils auch nicht über Benachteiligtenprogramme und andere „Maßnahmen“.

Aus welchen Gründen das so ist, ist eine sozialpolitisch gewichtige Frage.

Autoren

Dr. Stefan Kutzner ist Professor für Soziologie an der Universität Siegen.

Dr. Jan Gellermann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen.

Dr. Philipp Fuchs ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik in Köln.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung geht auf eine Studie zurück, welche die Autoren im Auftrag des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), also der Bundesanstalt für Arbeit, 2014–2017 im Raum Worms-Ludwigshafen durchgeführt haben.

Aufbau

Die Autoren klären in den ersten fünf, jeweils kurzen Kapiteln die Begrifflichkeiten, nämlich

  • Entkoppelung,
  • Autonomie,
  • Habitus,
  • soziale Milieus,
  • Sozialisation.

Ebenso stellen sie die Wirtschaftsstruktur und den Arbeits- bzw. Lehrstellenmarkt in der Region vor.

Nach den Erläuterungen zur Datenerhebung beginnt auf Seite 52 bereits die Auswertung, d.h. Präsentation der „Fälle“ und deren Interpretation. Insgesamt sind es 11 Interviews, die teils als „Ankerfall“ ausführlich (an die 15 Seiten), teils kürzer oder als sog. Vignette vorgestellt werden. Alle Interviewees hatten noch keinen Zugang zur beruflichen Bildung gefunden oder ihre Ausbildung(en) abgebrochen.

Nach dem ersten, ausführlichen Interview wurden die jungen Erwachsenen noch zweimal danach befragt, wie sich ihr Leben in den letzten zwei Jahren verändert habe.

Die Fälle sind von vornherein in drei „Typen“ unterteilt, nämlich solche die „familiale Dynamik“, solche die „Traditionalismus“ und solche schließlich, die „Mischformen“ umfassen.

Das letzte Kapitel (S. 155- S. 161) fasst die Ergebnisse zusammen.

Inhalt

In den Interviews berichten die jungen Erwachsenen über ihren Lebensweg. Dieser ist auch durch tragische Ereignisse geprägt: Abiturient verliert in kurzer Zeit nacheinander beide Eltern und verwahrlost, verliert die Orientierung; mittlere Schwester rivalisiert mittels Zu- oder Abnahme des Körpergewichts mit jüngerer Schwester um die Aufmerksamkeit der Eltern, nachdem die ältere, behinderte Schwester gestorben ist.

In den meisten Fällen aber sind es die Trennung der Eltern und die Spannungen mit deren neuen Partnern, unter denen die Jugendlichen gelitten haben. Prototyp ist der prügelnde Stiefvater.

Während ein junger Mann als ältester Sohn glaubt, anstelle seines (invaliden) Vaters die Familie ernähren zu müssen und dazu mangels Ausbildung illegale Geschäfte tätigt, haben sich andere Jugendliche auf Anspruchslosigkeit und Passivität eines Lebens mit Hartz IV eingerichtet, ganz nach dem Muster, das ihre Eltern ihnen vorlebten.

Ein junger Mann hat, nach armseligen Jahren in einer Pflegefamilie, in einem Heim die „Freunde“ gefunden, mit denen er Drogenhandel und Einbrüche realisieren konnte; über Jahre hinweg war er wohnungslos, wohnte bei Freunden oder lebte auf der Straße.

Mehrere Jugendliche, so wird aus den Interviews ersichtlich, haben die Ablösung von den Eltern, speziell der Mutter nicht bewältigt. In einem Fall ging es soweit, dass die Mutter von ihrem (volljährigen) Sohn erwartete, bei ihr im selben Bett zu schlafen. Andererseits zeichnen sich einige junge Frauen durch Passivität und Unselbstständigkeit aus, sie lassen ihre Partner entscheiden und für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Einige Personen tragen an heftigen Erfahrungen von Mobbing, Feindseligkeit, Ablehnung. Sie machen dies an ihrem Aussehen, der ausländischen Herkunft, Übergewicht fest.

Diskussion

Die theoretisch-begrifflichen Grundlagen werden recht knapp aufgebaut. Für den Begriff des Entkoppelns liefern die Autoren kaum eine andere Begründung als die, dass er im Anschluss an „Connectedness“ weit verbreitet sei. Wer koppelt da wen wovon ab?

Sie nehmen auch Bezug auf Oevermann, der mit dem Begriff der Autonomie auf die Handlungsoptionen des Individuums, besonders in Krisenzeiten und in der Unsicherheit neuer Entwicklungen eingeht. Wenn, so die Hypothese, Jugendliche nicht nur ein Elternteil erleben, sondern von Mutter und Vater unterschiedliche Orientierungen erfahren, lernen sie, Unterschiede wahrzunehmen, zu bewerten, sich zu entscheiden und dafür Verantwortung zu übernehmen.

Je mehr andererseits die Heranwachsenden auf die traditionellen Handlungsmuster und Rollen eingestellt bleiben, desto weniger Autonomie, Selbstbestimmung, d.h. auch Initiative, Aktivität, Power können sie entfalten. Der Übergang von der Schule in die Ausbildung setzt nun mal eine gewisse Autonomie voraus, die viele Jugendliche in ihrer Familie und ihrem Milieu nicht erworben haben,

Dies ändert allerdings nichts daran, dass die jungen Erwachsenen, die hier vorgestellt werden, wie auch viele ihrer Altersgenossen bundesweit, unter miserablen Bedingungen aufgewachsen sind, sodass es schon etwas Besonderes ist, wenn sich einige am eigenen Schopf aus diesem Sozialisationssumpf herauszuziehen beginnen. Ein Beispiel dafür ist „Cem“, der trotz (allerdings schwachen) Realschulabschlusses in einer Berufsfachschule geparkt wird, aber dort Selbstbewusstsein und Initiative aufnimmt, dann aus einem Praktikum in ein Ausbildungsverhältnis wechseln kann und dank eines vorbildlichen Chefs und guten Betriebsklimas beste Berufsaussichten hat.

Wenn man die Lebensgeschichten so betrachtet, fällt auf, wie wenig Hilfe die Familien und ihre Kinder in jungen Jahren, wie wenig Ermutigung, Bestärkung, Förderung die jungen Leute dann in der Schule, in den Ausbildungsbetrieben und Bildungsmaßnahmen erhalten haben bzw. sich daran erinnern. Selten genug erwähnen sie einen Ausbilder oder Vorgesetzten, praktisch nie pädagogische Fachkräfte der Jugendhilfe oder Jugendberufshilfe!

Was also haben all diese Praktika, Projekte, Kurse gebracht?

Fazit

Die Autoren machen uns mit elf Persönlichkeiten bekannt, deren Lebenswege nicht geradlinig oder nur in Ansätzen oder gar nicht zur einer Ausbildung und Berufstätigkeit führten oder führen werden. Die Gründe dafür, ohne gleich monokausale Verbindungen behaupten zu wollen, liegen einerseits in den Familienverhältnissen, welche die Heranwachsenden überfordern oder verwirren und einengen, sodass sie zu wenig Selbstvertrauen oder Selbstverantwortung gewinnen. Traditionalismus kann andererseits, nicht zuletzt auch im Kontext von Migration, so stark sein, dass die Heranwachsenden an Milieus und Autoritäten gebunden sind, statt ihre Lebensgestaltung selbst und progressiv anzugehen.

Es mag ja sein, dass die Probleme der Jugendlichen im Übergang auf die familiären und subkulturellen Verhältnisse verweisen: Es bleibt indes die Herausforderung auch an das Übergangssystems, den jungen Menschen Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 30.04.2019 zu: Philipp Fuchs, Jan F.C. Gellermann, Stefan Kutzner: Die Ausbildungsverlierer? Fallstudien zu Entkopplungsprozessen von Jugendlichen beim Übergang in das Erwerbsleben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3964-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24944.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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