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Kirstin Breitenfellner: Skandale, Selbstmord­attentäter und Sündenböcke

Cover Kirstin Breitenfellner: Skandale, Selbstmordattentäter und Sündenböcke. Wie können wir über Opfer reden? Passagen Verlag (Wien) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-7092-0335-4. D: 18,90 EUR, A: 19,40 EUR.

Reihe: Passagen Thema.
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Der Mensch ist Täter und Opfer zugleich

Wenn der französische Philosoph Albert Camus (1913 – 1960) in seiner Sammlung „Der Mensch in der Revolte“ (1951) schreibt, dass der Mensch das Opfer seiner Wahrheiten wäre, weist er darauf hin, dass die Opferwerdung eines Menschen immer relativ und gleichzeitig tragisch sei, weil Wahrheit Wirklichkeit ist und ebenso die Erfindung eines Lügners sein könne (Heinz von Foerster/​Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13980.php). In der Viktimologie, der wissenschaftlichen Opferforschung als Teil der Kriminologie, werden Straftaten, die Opfer bewirken, thematisiert und die Verbindungs- und Beziehungsstrukturen von Tätern und Opfern untersucht. Die dabei angewandten Theorien und Methoden unterscheiden sich und bewirken, dass die Ergebnisse der Opferforschung extrem different ausfallen. Im allgemeinen wird von der „primären Viktimisierung“ gesprochen, bei der durch eine strafbare Handlung Opfer erzeugt werden; von der „sekundären Viktimisierung“, wenn in der Folge einer Tat das soziale Umfeld das Opferwerden intensiviert; und von der „tertiären Viktimisierung“, wenn das Individuum bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung Opfererwartungen bewirkt. 

Entstehungshintergrund

„Opfer werden“, das gründet auf vielfältigen, historischen, mythologischen, weltanschaulichen, kulturellen und mentalen Ursachen. Anpassung und Widerstand sind dabei die Reaktionen auf diese scheinbar festgefügten Imponderabilien; Erdulden oder Protestieren die möglichen Auswege. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Opfer überall, lokal und global: „Es scheint keinen Lebensbereich zu geben, der keine Opfer produziert“. So wird der Opferbegriff zu einem Alles- und Nichtswort.

Autorin

Die österreichische Autorin und Yogalehrerin Kirstin Breitenfellner hat 2013 das Buch „Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt“ veröffentlicht. Die darin thematisierten Gründe zum Opferdiskurs haben sich seitdem, in den Zeiten der Globalisierung, der Momentanisierung, der medialen Allzeit-Bereit-Einstellungen, der Fake News-, Follower-Bereitschaften und des Populismus, verstärkt. In den kaum voneinander zu trennenden Verbindungslinien zwischen Täter und Opfer, dem Agieren und Reagieren, den Hoffnungen und Vorstellungen von einem guten, gerechten Leben und den lebensweltlichen Problemen (vgl. dazu auch: Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens. Versuch einer allgemeinen Anthropologie, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20386.php), kommt es darauf an, die Frage: „Wer wird zum Opfer?“ möglichst objektiv, historisch und aktuell zu reflektieren.

Aufbau und Inhalt

Mit der einleitenden Frage: „Wie können wir über Opfer reden?“ beginnt die Autorin ihren Versuch, den Prozessen der Opferwerdung im gesellschaftlichen Leben auf die Spur zu kommen. Sie konzentriert sich dabei vorwiegend darauf, die Verwendung des Opferbegriffs in der medialen Öffentlichkeit zu kritisieren. Sie diene den Opfern nur vordergründig, vielmehr würden sie durch die selbsternannten Retter, „die sich selbst ins Rampenlicht stellen“ und von den Medien eher eigensüchtig denn informierend und aufklärend präsentiert. In vier Kapiteln und dem Nachwort diskutiert Kirstin Breitenfellner die vielfältigen, differenzierten Zusammenhänge:

  1. „Der Ursprung des Opfers und der Beginn der Kultur“
  2. „Zur Geschichte des Opferbegriffs“
  3. „Medienskandale oder Wir verfolgen unsere Götter“
  4. „Selbstmordanschläge, Meinungsfreiheit und das Ende der Helden“.
  5. Im Ausblick fragt sie: „Kann man über Täter schweigen?“. 

Die Herleitung der Opferauswahl und -bestimmung aus den archaischen Mythen und den religiösen und kulturellen Entwicklungen der Völker, bis hin zu Messianisierungstendenzen und ideologischen Aufopferungssignalen bei den heutigen Tätern, bedingt Eigenschaften wie Rechthaberei, Unansprechbarkeit, Nichtüberzeugbarkeit, Schwarz-Weiß-Malerei, Egoismus und Neid. Es sind die Selbstmordattentäter und Amokläufer, die zu Tätern und Mördern werden; es sind die Terroristen, die mit ihrer Ideologie Unschuldige zu Opfern machen; es sind die Fanatiker, deren Denken und Handeln unmenschlich ist; und es ist die Morgensternsche unmögliche Tatsache, „was nicht sein darf, was nicht sein kann“, die Aufklärung verhindert. Wenn die Sündenböcke und die Täter immer nur die anderen sind, wird die Selbsterkenntnis versperrt. Der Psychologe Carlo Strenger nennt als eine der bedeutsamen Ursachen beim Täter-Opfer-Sein die Angst, die Seele aufzehren kann (Abenteuer Freiheit. Ein Wegweiser für unsichere Zeiten, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22486.php); und der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin fordert zum Perspektivenwechsel weg vom Homo oeconomicus hin zum Homo empathicus auf (Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein;, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php). „Der Tanz der Medien um das goldene Opferkalb“, wie auch unsere indifferente Haltung und Einstellung beim Täter-Opfer-Diskurs bewirken, dass die notwendige, kritische Auseinandersetzung mit Täter- und Opferwirklichkeit vielfach unterbleibt.

Kirstin Breitenfellner liefert zum Abschluss ihres Themas vier Ratschläge, die für die Auseinandersetzung und Bewältigung dieser Herausforderungen hilfreich sind:

  1. Uns um die Unterscheidung von Gut und Böse bemühen!
  2. Erkennen, dass auch Gewalt in uns wohnt!
  3. Den Tätern keine öffentliche Bühne bieten!
  4. Sich mit Opfern solidarisieren!

Fazit

Die Frage, wie wir über Opfer reden können, ist, das zeigen die vielfältigen, differenzierten Argumentationen von Kirstin Breitenfellner, nicht holzschnittartig zu beantworten. Sie ist vor allem nicht distanziert von den menschlichen Wirklichkeiten zu thematisieren. Es ist erforderlich, die Täter- und Opfer-Problematiken rational und emotional zu diskutieren und die Werte als Maßstab des eigenen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns zu nehmen, wie sie als „globale Ethik“ in der allgemeingültigen, nicht relativierbaren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte grundgelegt sind.

Als Replik, die Autorin nennt dieses Beispiel nicht in ihrer Untersuchung über den Täter- und Opferdiskurs, lässt sich die Kritik an der Verleihung des Literaturpreises an Peter Handke anführen, wenn er, wie nachgewiesen, den Müttern von Srebnenica ihre Glaubwürdigkeit abspricht, die in öffentlichen Protesten und Trauer auf die Opfer des serbischen Massakers aufmerksam machen. 


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.12.2019 zu: Kirstin Breitenfellner: Skandale, Selbstmordattentäter und Sündenböcke. Wie können wir über Opfer reden? Passagen Verlag (Wien) 2018. ISBN 978-3-7092-0335-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24946.php, Datum des Zugriffs 25.01.2020.


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