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Richard Sennett: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens

Cover Richard Sennett: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens. Hanser Berlin (Berlin) 2018. 400 Seiten. ISBN 978-3-446-25859-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.

übersetzt von Michael Bischoff.
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Thema

Egal ob im globalen Norden oder in den explosionsartig wachsenden Metropolen des globalen Südens: immer mehr Menschen leben in Städten. Soziale, technologische und architektonische Brüche in der Stadtentwicklung, die das Verhältnis zwischen der gelebten und der gebauten Stadt fragmentieren und auseinanderdriften lassen, führen zu vielfältigen Herausforderungen – nicht nur für die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte, sondern auch für die Stadtplanung. Als Vision und Gegenpol zu einer geschlossenen Stadt, die isoliert, reglementiert und überwacht, wird in dem Band deshalb die offene Stadt konstruiert. Diese kann „Absonderliches, Seltsames und Mögliches zusammenfügen“ (S. 14) und stellt als solche „einen komplexen Ort“ dar, der voller Widersprüche und Mehrdeutigkeiten ist. Richard Sennett analysiert, woher die Stadtplanung kommt, was sie heute darstellt und wohin sie sich seiner Meinung nach und auf der Basis des Prinzips der Öffnung entwickeln sollte. All diese Gedanken münden in eine Ethik des Bauens und Wohnens.

Autor

Richard Sennett, 1943 geboren, lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economics und an der New York University. Er gilt – populär ausgedrückt – als „Star-Soziologe“ (Tagesspiegel, 08.07.2014) und wird auch in intellektuellen Kreisen als einer „der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit“ (Sternstunde Philosophie, 24.11.2018) anerkannt und geschätzt. Professor Sennetts Hauptforschungsgebiete erstrecken sich von Verstädterungsphänomenen, zu Fragen nach der Veränderung der Arbeitswelt hin zu kultursoziologischen Fragestellungen. Zu seinen wichtigsten Werken gehören Autorität(1990), Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität (1987), Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus (1998) sowie Respekt im Zeitalter der Ungleichheit (2004).

Übersetzer

Michael Bischoff, 1949 geboren, übersetzt seit 35 Jahren philosophische, kulturhistorische und sozialwissenschaftliche Literatur aus dem Französischen und Englischen, darunter Werke von Émile Durkheim, Michel Foucault und Roland Barthes.

Entstehungshintergrund

Im Zentrum von Richard Sennetts Schaffen steht der Mensch und die Frage, was der Kapitalismus, die Arbeitswelt und die Verstädterung mit uns machen. Beim Band „Die offene Stadt“ handelt es sich um den letzten von drei Bänden, die unter der Homo-Faber-Triologie erschienen sind – der Mensch wir dabei als „Macher“ von Dingen, d.h. auch von Stadt, betrachtet. Wie kann „Homo Faber in der Stadt eine stärkere Rolle spielen“ (S. 17)? Der erste Band Handwerk (2008) beschäftigt sich entsprechend mit der Frage, wie Arbeitsbedingungen wieder so gestaltet werden können, damit der Eigenwert der praktischen Arbeit wiederhergestellt wird – angesichts eines den Menschen fragmentierenden Kapitalismus, indem Konkurrenzdruck, vermehrte Jobwechsel und unsichere Anstellungsbedingungen wichtige menschliche Tugenden wie Vertrauen, Fleiß und Verlässlichkeit verdrängen. Der zweite Band Zusammenarbeit (2012) dreht sich um die Frage, was unsere Gesellschaft zusammenhält. In dem Band werden die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit herausgearbeitet, die nötig sind, um „gute Arbeit“ leisten zu können. Die Tatsache, dass bis zum Jahr 2050 zwei Drittel aller Menschen in Städten leben werden, bildet den Hintergrund für den dritten Band: Die offene Stadt. Wie gelingt es, dass die Bewohnerinnen und Bewohner mit unterschiedlichen kulturellen, religiösen und ethnischen Hintergründen in städtischen Kontexten miteinander ohne Konflikte koexistieren können? Und wie kann das Gebaute im Verhältnis zum Gelebten stehen, wenn die erlebte Realität immer komplizierter, chaotischer und lebendiger wird? Indem sowohl Vielfalt, Unordnung als auch Veränderung zu den Grundprinzipien urbaner Planung wird, so Sennet. Aber auch, indem das gebaute Umfeld es den Menschen ermöglicht, die Fähigkeit zum Umgang mit Widersprüchen und Unsicherheiten zu entwickeln.

Aufbau

Der 370-seitige Hauptteil des Buches wird mit einer Einleitung mit dem Titel Krumm, offen, bescheiden eröffnet. Darauf folgen vier Teile (die sich insgesamt in 9 Kapiteln gliedern):

  1. In „Die zwei Städte“ (erster Teil mit zwei Kapiteln) wird die Entwicklung der Urbanistik genauer betrachtet. Während Städtebauer im 19. Jahrhundert versuchten, „Gelebtes und Gebautes miteinander zu verbinden“ (S. 28), geht die Art und Weise, wie Städtebauer ihre Arbeit verstanden und ausführten, getrennte Wege: auf der einen Seite Gelebtes (cité), auf der anderen Gebautes (ville).
  2. In „Die Problematik des Wohnens“ (zweiter Teil mit drei Kapiteln) führt uns Richard Sennett in den globalen Süden, in Städte, die von gewaltigem Wachstum betroffen sind.
  3. In „Die Öffnung der Stadt“ (dritter Teil mit drei Kapiteln) skizziert der Autor, wie eine Stadt aussehen könnte, die sich nicht verschließt und die Menschen nicht einschließt (geschlossene Stadt).
  4. Im letzten Teil „Eine Ethik für die Stadt“(vierter Teil mit einem Kapitel) greift Sennett schließlich die Frage auf: Kann Ethik die Gestaltung der Stadt prägen?

Abgeschlossen wird der Hauptteil mit einem Schluss, der den Titel „Einer unter vielen“trägt. Ergänzend folgen die Danksagung, die Anmerkungen (anstatt eines Literaturverzeichnisses) sowie der Bildnachweis. Das Buch endet mit einem ausführlichen Register, welches Namen erwähnter Denkerinnen und Denker, im Buch vorkommende Ortschaften und Städte, sowie viele stadtsoziologisch und stadtplanerisch relevante Stichworte enthält.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

  1. EinleitungKrumm, offen, bescheiden“: Stadt kann zwei Dinge bedeuten – „einen physischen Ort und eine aus Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Glaubensüberzeugungen bestehende Mentalität“ (S. 9). Im ersten Kapitel werden die beiden Ideen von Stadt eingeführt und anhand der aus dem Französisch stammenden Begriffen der ville, der gebauten Stadt, und der cité, der gelebten Stadt, dargelegt und ausführlich begründet. Für Sennett stehen ville und cité in einer rätselhaften Beziehung – die stadtplanerisch durch das Prinzip der Offenheit „gelöst“, d.h. zusammengeführt werden kann. „Der Stadtplaner sollte Partner, nicht Knecht des Städters sein – sowohl kritisch hinsichtlich der Lebensweise der Menschen als auch selbstkritisch hinsichtlich des von ihm Gebauten. Wenn sich solch ein Verhältnis zwischen citéund villeherstellen lässt, kann die Stadt offen sein“ (S. 27).
  2. Kapitel „Unsichtbare Fundamente“:Mit dem zweiten Kapitel wird der erste Hauptteil des Buches Die zwei Städte eröffnet. Das moderne Leben erfordert ein neues Verständnis von Stadt – mit dieser Erkenntnis erlebte „Stadtplanung“ Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Geburtsstunde. Entsprechend versuchte „die große Generation der Stadtplaner (…) die villezu formen, um die Stadt zu mobilisieren“ (S. 69). Die Wege dahin waren jedoch ganz unterschiedlich, wie in diesem Kapitel anhand der drei herausragenden Persönlichkeiten und Stadtplaner aufgezeigt wird: der spanische Architekt Ildefons Cerdà entwickelte eine Rahmenplanung für Barcelona mit dem Ziel der Gleichheit. Baron Haussmann baute Paris zu einem Netzwerk für eine mobile Stadt mit der Absicht, die Stadt zugänglich zu machen. Und Frederick Law Olmsted entwickelte bei der Planung des Central Parks in New York gewisse Prinzipien des Bezugs der gebauten Form zur natürlichen Umwelt mit dem Ziel der Geselligkeit (S. 43/69). Nachdem in diesem Kapitel verschiedene weitere Grundsteine (Fundamente) modernen Stadtlebens mit den entsprechenden stadtsoziologischen Konzepten und Begriffen gelegt werden, resümiert Sennett: „Die große Generation versuchte, der Stadt verschiedene Formen von Ordnung aufzudrücken, aber keine dieser Formen genügte, um die angesprochenen Probleme zu lösen“ (S. 82): wachsende soziale Ungleichheit, räumliche Ausgrenzung und Abspaltung bzw. Isolation bestimmter Gruppen.
  3. Kapitel„Die Trennung zwischen cité und ville“: Während die große Generation der Stadtplaner noch um die Verbindung zwischenGelebtem und Gebautemkämpften, gaben ihre Erben diesen Kampf auf. „Gewiss, die Stadtplaner in Chicago, die die Lebenswelt der citéerforschten, waren sprachlich sehr versiert, aber eben nicht visuell. Jene, die davon träumten, die Moderne zu bauen, waren kühn, aber sie achteten nicht auf die Stimme der Menschen, die in ihren Träumen leben sollten. Le Corbusiers Charta von Athen war eine (…) Vision der rationalen, funktionalen Stadt, die für Menschen geschaffen wurde statt von ihnen. Der Bruch zwischen Chicago und Paris endete in einem Konflikt zwischen New Yorkern über die Frage, ob eine Stadt sich durch gezielte bauliche Eingriffe öffnen lässt“ (S. 114). In diesem Kapitel wird die Entkoppelung vom Menschen mit dem Ort rekonstruiert und aufgezeigt, wie sich die planerischen Denktraditionen von Chicago und Paris ignorierten. Schließlich werden Alternativen zur damaligen offiziellen Stadtplanung rekonstruiert, „bei der die gelebte Komplexität der Stadt Eingang in deren gebaute Form fand“ (S. 101). Anhand der Frage, wie sich die Stadt öffnen lässt, wird der Streit zwischen dem Architekturkritiker Lewis Mumford mit der Architekturkritikerin Jane Jacobs nachgezeichnet. „Für Mumford bedeutet ‚offen‘ umfassend – eine umfassende Vision, die wie in der Gartenstadt alle Aspekte des menschlichen Lebens berücksichtigt. Jacobs versteht ‚offen‘ eher im Sinne moderner offener Systeme. Sie favorisiert eine Stadt, in der es Inseln der Ordnung gibt, eine Stadt, die ergebnisoffen in nichtlinearer Weise wächst“ (S. 112).
  4. Kapitel „Klees Engel verlässt Europa“: Mit dem vierten Kapitel beginnt der zweite Hauptteil des Buches Die Problematik des Wohnens. Ebenso, wie die Zeichnung Angelus Novus, die der Maler Paul Klee im Jahr 1920 schuf und „die eine hagere, gequälte Gestalt mit erhobenen Armen zeigt“ (148) im Reisegepäck des deutschen Philosophen Walter Benjamin Europa verlassen hat, verlässt Sennett in diesem Buchteil die städtischen Phänomene auf der nördlichen Hemisphäre: Shanghai, Mumbai und Delhi und ihre explosionsartigen städtischen Entwicklungen mit den damit verbundenen komplexen Problemen geraten in den Blick. Benjamin setzt sich im Aufsatz „Über den Begriff der Geschichte“ mit den „Verwerfungen des Wachstums, der aus der schöpferischen Zerstörung erwachsenden Nostalgie und den durch informelle Aktivitäten stimulierten Energien auseinander“ (148) indem er von Moskau zurück nach Europa blickt. „Vom Wandel vorangetrieben, blickt Klees Engel zurück“ (149) – und Sennett tut es in diesem Kapitel gleich, indem er sich bspw. im indischen Delhi mit der informellen Art des Wohnens auseinandersetzt. „Viele von armen Leuten kolonialisierte Orte waren zuvor für spezielle Zwecke gebaut worden – als Parkhöfe für Lkw, als Fabriken oder dergleichen. Diese Räume verloren aus irgendeinem Grund ihren Wert, wurden aufgegeben und anschließend kolonialisiert. Der Nehru Place steht für eine Form solcher Aneignung“ (S. 119). Mit dem Nehru Place lernt der Leser/die Leserin auch Mr. Sudhir, eine Zufallsbekanntschaft Sennetts bei einem Delhi-Aufenthalt und Handy-Verkäufer auf einem informellen Markt, kennen. Im weiteren Verlaufe des Buches dient nicht nur Mr. Sundhir, sondern auch Madame Q aus Shanghai als (imaginäre und den normalsterblich verkörpernden Menschen in der Mega-City) Folien, um die visionären Gedanken Sennetts weiter spinnen zu können. Anhand der Begegnungen mit Frau Q greift Sennett das Phänomen gigantischer Bauprojekte und die Rolle des Staats als Core-Investor im Rahmen des Baurausches auf. „Sie belegen Wohnraum, aber sie wohnen nicht“, so Frau Q.
  5. Kapitel„Das Gewicht der Anderen“: „Eine geschlossene Stadt begegnet Menschen anderer Religion, Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung mit Feindseligkeit, während eine offene Stadt sie akzeptiert“ (S. 151). Das Phänomen PEGIDA in Dresden, sowie die europäische Flüchtlingskrise 2015 und deren Konsequenzen anhand der Entwicklungen in Deutschland und Schweden bilden den Ausgangspunkt, um sich philosophisch mit unterschiedlichen Formen der Meidung von Fremden auseinanderzusetzen: Der deutsche Philosoph Martin Heidegger, der aus der Stadt flieht und in eine Hütte zieht, steht dabei für Sennett auf der einen Seite. Auf der anderen zeichnet Sennett nach, wie jüdische Bürgerinnen und Bürger und damit soziale Unterschiede im Venedig der Renaissance eingemauert wurden – als moderne urbane Form: dem Ghetto. „Was die Unterdrücker betrifft, stehen Hütte und Ghetto für zwei Möglichkeiten, Menschen zu meiden. Der vereinfachte Raum, wie Heideggers Hütte ihn auf extreme Weise repräsentiert, lässt nichts als eine äußerst reduzierte Existenz zu. Die gebaute Form ist frei von jeglicher Komplexität, ganz wie das soziale Ethos, das behauptet, an einem Ort sei kein Platz für Fremde: Wer ausschließen will, der vereinfache. Das Ghetto ist ein komplexer Raum, der dazu bestimmt ist, den Anderen in praktischer Hinsicht zu nutzen und ihn zugleich in sozialer Hinsicht fernzuhalten: Wer ausschließen will, der schließe ein“ (S. 167). Aufbauend auf diesen Gedanken wird im Kapitel weiter dargelegt, wie heute auf Klassenunterschiede bezogen, Menschen nebeneinander im Sinne einer gettoisierten villekoexistieren. „In gemischten Gemeinschaften sorgen Rituale dafür, dass man miteinander auskommt, aber dabei wird Wahrheit für Vertrauen geopfert“ (S. 178). Um in einer immer diverser werdenden Stadt überleben zu können, zieht man sich eine Maske der Höflichkeit an, wie Sennett dies darlegt.
  6. Kapitel„Tocqueville in Technopolis“: Moderne Technologien schaffen das, „was die Soziologie nicht zu leisten vermag, nämlich die Beziehungen zwischen den Menschen zu ordnen und zu glätten“ (S. 179). In diesem Kapitel zeigt Sennett auf, dass sich die smarte Stadt in zwei Arten von Städten entwickelt hat: „Die geschlossene smarte Stadt verdummt uns, die offene macht uns klüger“ (S. 198). Die fortgeschrittene Technologie schreibt den Menschen vor, wie sie die von ihnen bewohnten Räume zu nutzen haben: „Die villediktiert der cité (S. 179). „Die vorschreibende smarte Stadt richtet physische Schäden an; sie verdummt ihre Bürger“ (ebd.). In der anderen, offenen Stadt wird die Koordinierung zwar von Hightech unterstützt, jedoch werden chaotischere Aktivitäten in der citénicht unterbunden. Sie stimuliert den Menschen. Diese beiden Formen smarter Städte werden anhand folgender Elemente dargelegt: den Gedanken des Schriftstellers Alexis de Toqueville, der Bauformen von Googleplex-Anlagen als eine neue Form von Ghetto, sowie mit Ausführungen zu „reibungsfreien Technologien“.
  7. Kapitel „Der kompetente Städter“: Das siebte Kapitel leitet den dritten Hauptteil des Buches „Die Öffnung der Stadt“ ein. In diesem Teil erkundet Sennett die Möglichkeiten, wie Städter sich stärker für diecité engagieren können. „Er (der Städter, ChR) ist ortskundig; er vermag sich in unbekannten Umgebungen zu orientieren; er weiß mit Fremden umzugehen; er hat als Migrant die Lektionen der Ortveränderungen gelernt. Sein Leben hat sich geöffnet“ (S. 255). In diesem Kapitel werden diese Kompetenzen bildlich und alltagsnah (weniger theoretisch) anhand praktischer Beispiele aus dem breiten Fundus von Sennetts eigenen (Lebens- und Lese-)Erfahrungen hergeleitet: Ortskunde – einen Ort berühren, hören, riechen (anhand der Erfahrung in Medellín, Kolumbien).Fußgängerwissen – Orientierung an unbekannten Orten (anhand der stadtsoziologischen Tradition des städtischen Flaneurs). Dialogpraktiken- Mit Fremden sprechen (anhand der Tradition der Chicago School of Sociology). Bruchmanagement – Der Migrant als Vorbild des Städters (anhand der imaginären Geschichte einer jungen Frau aus Medellín, welche migriert ist).
  8. Kapitel„Fünf offene Formen“: Eine offene villekennzeichnet sich durch Formen, die eine komplexecité ermöglichen. Der öffentliche Raum ist so zu konzipieren, dass gleichzeitige Aktivitäten gefördert werden. „Er gibt Säumen den Vorzug gegenüber Grenzen und bemüht sich, die Beziehungen zwischen den Stadtteilen durchlässig zu gestalten. Er markiert die Stadt in zurückhaltender Weise durch die Verwendung einfacher Materialien und indem er bewusst Merkzeichen einsetzt, um ansonsten unscheinbare Orte hervorzuheben. Er greift bei den Bauten auf Typenformen zurück (…). Und schließlich erhalten die Themen selbst (…) die Möglichkeit, sich im Sinne der saatähnlichen Planung unabhängig in der gesamten Stadt zu entwickeln (…)“ (S. 298). Im Zentrum dieses Kapitels steht die Herleitung dieser fünf offenen Formen: Protagonist ist der aus dem vierten Kapitel bekannte Mr. Sudhir, dem imaginär die Macht verliehen wird, eine offene Stadt zu konzipieren. Mr. Sudhir denkt sich: Wie soll die Stadt als Ganzes gestaltet sein: „als ein einziges Bild der Stadt schlechthin oder als eine Vielzahl in unterschiedlichster Art zusammengefügter Bilder?“ (S. 255). In diesem Gedankenspiel, bei dem sich Mr. Sudhir für die zweite Möglichkeit entscheidet, greift Sennett die bisherigen Darstellungen im Buch erneut auf und führt sie bezogen auf die offenen Formen weiter aus.
  9. Kapitel„Durch Bauen und Herstellen geschaffene Bande“: In diesem Kapitel greift Sennett seine Grundgedanken auf, die er in Zusammenarbeit, dem zweiten Teil der Homo-Faber-Triologie, dargelegt hat, und wendet sie auf die Planung einer offenen Stadt an. Folgende Elemente werden dabei ein- und ausgeführt: Koproduktion anstatt Konsultation. Die Verabschiedung des Expertentums und der Abgang der Experten. Kooperativ, aber nicht geschlossen (das Ideal Handwerksbetrieb). Sozialität, als „ein Gefühl begrenzter Brüderlichkeit mit anderen, das auf einer gemeinsamen, unpersönlichen Aufgabe basiert“, da in der cité „Sozialität ein emotionales Gegenstück zur Unpersönlichkeit“ darstellt (S. 321). Der Ausweg aus dem Verhältnis von Herr und Knecht sieht Sennett schließlich in einer offenen, interaktiven Form der Gestaltung unserer gebauten Umwelt. „Das Ergebnis mag vieldeutig bleiben und die Menschen nicht abschließend befriedigen, dennoch ist diese Art des Bauens demokratischer und wahrhaftiger als der geschlossene, von oben oktroyierte, ganz auf die Kosten ausgerichtete Ansatz“ (S. 325). Zur Illustration der verheerenden Konsequenzen einer von oben vorgegebenen Vorgehensweise in der Stadtplanung greift Sennet die Ereignisse der Londoner Grenfell Tower in den frühen Morgenstunden des 14. Juni 2017 auf, als über 70 Menschen den Feuertod fanden.
  10. Kapitel „Die Schatten der Zeit“: Das zehnte Kapitel bildet zugleich den vierten und letzten Hauptteil „Eine Ethik für die Stadt“ und widmet sich aktuellen ökologischen Herausforderungen: Klimawandel, Luftverschmutzung und vor allem das „unheilvolle“ Wasser. Diese führen uns permanent vor Augen, dass der Bau der ville ständig von gewollten und ungewollten Brüchen betroffen sind. Brüche sind notwendig und normal in städtischen Zeiten, so Sennett. Bei seinen Überlegungen zum Unterschied von Brüchen und Ablagerungen als Möglichkeit, Gebäude und Räume nach und nach hinzuzufügen, greift er nochmals die Gedanken Le Corbusiers auf: „In seinen Augen bestand der Bruch mit der Vergangenheit darin, sie auszulöschen, einzureißen und zu überbauen, damit die Stadtbewohner jedes Gefühl verloren, was dort früher einmal gewesen war. Ein guter Bruch – in der Kunst wie im Leben – löscht nicht einfach nur aus“. Vielmehr sollte er „Bewusstsein für einen Ort schaffen, indem er den Kontext hervortreten lässt“ (S. 350). Sennett sieht den Kontext in einer modernen villeals „eine Standardisierung ohne jeden Charakter“ (ebd.). Das Kapitel endet mit den Ausführungen zur These: „Wie im Handwerk ist eine gut gebaute Umwelt eine, die sich reparieren lässt“ (S. 353).
  11. Schluss„Einer unter vielen“: Entlang seiner persönlichen Erfahrungen auf der Berliner Kantstraße, seiner Ausführungen in diesem Buch und den Überlegungen des Philosophen Immanuel Kant sucht Sennett nach einem Schluss für diesen Band und findet einen – gleichzeitig ist es nur einer unter vielen möglichen. Was bleibt, ist Offenheit!

Diskussion

Erfrischend ist es, ein Fachbuch zu lesen, welches erstmal nicht wissenschaftlich daherkommt: Richard Sennett kümmert sich wenig um das tradierte und für viele Leserinnen und Leser mühsame wissenschaftliche Zitierspiel. Dies hat zur Konsequenz, dass nur an ganz wenigen Stellen im Buch Zitate vorkommen, auch die Verweise sind sparsam eingeflochten und führen in der anglo-amerikanischen Tradition alle in die Anmerkungen. Dennoch gelingt es Sennett, seine eigenen Gedanken redlich einzubauen in die Traditionen und dem vorhandenen Wissen der stadtsoziologischen und stadtplanerischen Diskurse. In seiner Position und mit seinem Standing darf er das. Man merkt, wie belesen, weitgereist und reflektiert der Autor ist. Auch wird seine positiv-konstruktive Haltung dem Menschen und der (städtischen) Zukunft gegenüber sicht- und greifbar, auch wenn er die Welt, die städtische Entwicklung aber auch seine Zunft überaus kritisch betrachtet. Mitunter lässt er sich allerdings zu persönlichen Bemerkungen, Wertungen und zu (zu)vielen biographisch-anekdotischen Ausführungen hinreißen. Gewisse Konstruktionen, wie diejenigen des Mr. Sudhir und der Madame Q sind zwar nett gedacht, gehen jedoch dramaturgisch nicht immer auf. Diese fiktiv-biographischen Elemente sind zwar abwechselnd für den Leser, die Leserin, führen jedoch im Laufe des Buches dazu, dass die Erzählstränge komplexer, auch chaotischer und dadurch die Argumentation undurchsichtiger werden. Hinzu kommt, dass zwischen dem ersten und dem zweiten Hauptteil ein deutlicher Bruch in der Konsistenz und im Duktus des Buches feststellbar ist. Dieses „Ausfransen“ wird stärker, je mehr sich die Geschichte des Buches entwickelt – entsprechend passt natürlich der Titel „Einer unter vielen“ gut für den Schluss. Die Grundhaltung der Offenheit – oder Sennett plädiert selbst in der Einleitung für Bescheidenheit – ist zwar sympathisch und macht die Vorschläge zur „Lösung“ städtischer Herausforderungen viel nahbarer, als wenn sie besserwisserisch, wissenschaftlicher daherkämen. Gleichzeitig entpuppen sich viele dieser Vorschläge bzw. Beispiele als ziemlich trivial. Skeptisch bleibt offen: Kann man damit wirklich einen Gegenpol zu den sich radikalisierenden, schließenden und den Menschen kontrollierenden Entwicklungen setzen? Und gelingt es über diese Elemente, Gelebtes und Gebautes miteinander zu verbinden?

Fazit

Eine Stadt voller Widersprüche engt das urbane Erleben nicht ein, sondern bereichert es! Im gleichnamigen Werk skizziert Richard Sennett die Idee einer offenen Stadt, die Vielfalt, Unordnung und Veränderung nicht nur zulässt, sondern durch die enge Zusammenarbeit von Planenden und Bewohnenden die Voraussetzungen dafür erst schafft. Entlang zentraler stadtsoziologischer und stadtplanerischer Meilensteine, Gedanken und Visionen in der Entwicklung moderner Städte, sowie angereichert mit dem breiten Fundus eigener praktischer Erfahrungen, setzt der US-amerikanisch-britische Grandseigneur der internationalen Stadtsoziologie das Gelebte und das Gebaute des urbanen Raums zueinander ins Verhältnis. Historisch informiert und analytisch brillant, rekonstruiert er, wie sich diese Beziehung im Laufe der Zeit gewandelt hat. Heute tritt uns die Verstädterung, egal ob im globalen Norden oder in den explodierenden Metropolen des globalen Südens, meistens als geschlossene Stadt entgegen, d.h. sie isoliert, reglementiert und überwacht die in Städten lebenden Menschen. Als Gegenpol und Plädoyer erarbeitet Sennett eine Ethik des Bauens und Wohnens, welche sich am Prinzip der Öffnung in den unterschiedlichen Dimensionen orientiert.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 27.02.2019 zu: Richard Sennett: Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens. Hanser Berlin (Berlin) 2018. ISBN 978-3-446-25859-4. übersetzt von Michael Bischoff. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24947.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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