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Hansjörg Znoj: Ratgeber Trauer. Informationen für Betroffene und Angehörige

Cover Hansjörg Znoj: Ratgeber Trauer. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. 62 Seiten. ISBN 978-3-8017-1780-3. 8,95 EUR, CH: 14,90 sFr.

Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie Bd.7.
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Ratgeber - kein Lehrbuch

Der Ratgeber von Herrn Znoj ist kein Lehrbuch für Fachleute, sondern wendet sich an Betroffene und Angehörige. Diesem Anspruch wird es in der Diktion, der verständlichen Sprache und dem ganzen Aufbau des Ratgebers sehr gut gerecht. Über weite Strecken des Buches schimmert die fundierte Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur dennoch durch.

Aufbau und Inhalt

Zunächst geht Znoj auf emotionale Belastungen wie Angst, Wut, Schuld, Trauer, emotionale Leere, Kälte, aber gelegentlich auch Erleichterung ein. Er vergisst dabei auch nicht darauf hinzuweisen, dass der Verlust eines geliebten Menschen auch eine Reihe kognitiver Umstrukturierungen notwendig macht.

In weiteren Abschnitten geht er auf Annahmen und Mythen, verschiedene Formen der Trauer, unterschiedliche Dauer derselben, unterschiedliche Intensität und den Begriff der "komplizierten" Trauer ein. An jedermann nachvollziehbaren Beispielen wie dem Unfalltod von Lady Diana macht er deutlich, dass nicht immer direkte persönliche Betroffenheit notwendig ist, um Trauer auszulösen, sicherlich Trauer, die in irgendeiner Form bereits vorhanden war. Ausgesprochen nachvollziehbar erscheint mir die Zusammenfassung dieses Abschnitts: "Das Vermeiden und das Unterdrücken von Gefühlen und mit von starken Gefühlen begleiteten Gedanken und Erinnerungen ist die Triebfeder für eine ganze Reihe von emotionalen Störungen. Daher kommt es bei manchen Personen, die trauern, zusätzlich zu psychischen Problemen."

Nach einem kurzen Ausflug in Richtung posttraumatische Belastungsstörung geht Znoj auf weitere Symptome wie Angsstörungen, Depression, Substanzmissbrauch, Suizidrisiko ein, um schließlich beim Thema Schizophrenie sehr fundiert und für Betroffene sicherlich hilfreich darzulegen, dass es sich bei den oft als "Halluzinationen" bezeichneten Gefühlen, der Verstorbene sei noch immer gegenwärtig, keineswegs um Anzeichen einer beginnenden Geisteskrankheit handelt. Auch dass Znoj die Auswirkung von Trauer und die Reaktion der Umwelt hierauf wie z.B. sich zurückziehen anschneidet, kommt vielen Trauernden sicher erleichternd entgegen. Nach Darstellung von "normalen" Trauerverläufen, "komplizierter Trauer" und den entsprechenden Hintergründen stellt Znoj ein Aufschaukelungsmodell der komplizierten Trauer dar, in dem die verschiedenen Faktoren miteinander im Bezug dargestellt werden. Immer wieder wird auf die konkrete Situation Betroffener Bezug genommen. So bei den Fragen "leide ich an einer komplizierten Trauerreaktion?", "wann sollten Sie Hilfe beanspruchen?" oder der Darstellung der Symptome "komplizierter" Trauer.

Es folgen Trauerphasen und Traueraufgaben, weitgehend an Worden orientiert. Gelegentlich sind die Ausführungen durchsetzt von konkreten Hinweisen oder Vorschlägen, so bezüglich der Einrichtung eines speziellen Erinnerungstages, der dann auch entsprechend begangen werden soll, wofür Möglichkeiten angeboten werden.

Ein Beispiel aus der Praxis und Hinweise auf Beratungsangebote, Selbsthilfegruppen, Internetangebote ergänzen das Werk.

Kommentar

An zwei Punkten habe ich Schwierigkeiten gehabt, die ansonsten sehr einfühlsamen Schilderungen von Znoj wissenschaftlich nachzuvollziehen.

  1. Warum er, nachdem er die gesamte Breite der Literatur aufgearbeitet und als Hintergrund mit eingebracht hat, sich ausgerechnet beim Thema Therapie auf die einseitige Aussage, dass konfrontative Verfahren die Methoden der Wahl seien, festlegt, bleibt mir fachlich unverständlich und ich habe es auch als Bruch im gesamten Werk empfunden. Sicherlich bezieht sich Znoj hier, ohne dies explizit auszuführen, auf gängige Metaanalysen. Eben dies trifft sicher auch auf seine Aussage zu, dass bei "normalen" Trauerfällen Trauertherapie oder Trauerberatung keinen besonderen positiven Effekt zeige. Er enthält dem Leser allerdings die Problematik der Metaanalysen, auf die er sich bezieht und der diesen Analysen zugrunde liegenden Untersuchungen, vor. So beruhen entsprechende Ausführungen oft auf dem problematischen Vorgehen, experimentalpsychologische Untersuchungsmethoden auf klinisch-psychologische Fragestellungen anzuwenden. Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn ich Trauernde nach dem Zufall einer Behandlungsgruppe und einer nicht behandelten Kontrollgruppe zuordne, so komme ich zu anderen Ergebnissen als wenn ich die Personen untersuche, die sich einer Trauerberatung freiwillig und auf eigenen Wunsch unterzogen haben und sie mit denen vergleiche, die dies nicht getan haben. Nur ist die letztere Situation natürlich die Situation, in der der Trauerberater üblicherweise ist, da niemand auf die Idee kommen würde, zwangsweise Personen zur Trauerberatung zu verpflichten, die dies gar nicht wünschen. Insofern ist in der praktischen Realität der Effekt von Trauerberatung natürlich ein sehr viel positiverer, auch bei normalen Trauerverläufen, als in Untersuchungen, die mit rigider zwangsweiser Zuordnung zu der einen oder anderen Gruppe verfahren.
  2. Zum anderen ist sicher die Frage, wieweit Ausführungen für Betroffene, noch dazu für Betroffene in so hoch emotionalen Zuständen, von diesen immer richtig aufgenommen werden können. Möglicherweise ist hier doch der menschliche Berater als Gegenüber bedeutend hilfreicher als noch so einfühlsame Ausführungen in einem Buch. Dies ist aber keine Kritik an dem vorliegenden Werk, sondern eher eine Überlegung, die alle psychologischen Ratgeber betrifft. Die Gefahr, dass Personen, die in irgendeiner Form blinde Flecken haben, Äußerungen in Büchern missverstehen und sich genau das, was zu ihrem blinden Fleck bzw. zu ihrer Fehleinschätzung passt, als Bestätigung derselben heraussuchen und anderes ignorieren, erscheint mir nicht von der Hand zu weisen. Hier kann der psychologische Berater als Gegenüber eingreifen, korrigieren, auf manche Dinge hinweisen, anderes infrage stellen. Beim Lesen eines Buches fallen Interaktionen dieser Art leider notgedrungen weg.

Fazit

Insgesamt halte ich das Buch von Znoj für ausgesprochen lesenswert, in den genannten Grenzen für hilfreich für die Betroffenen, noch mehr vermutlich für die Angehörigen. Bezüglich konfrontativer Therapieansätze hätte Znoj vielleicht nicht seine persönlichen Vorlieben zum allgemeinen Maßstab deklarieren sollen.Erfreulich ist der sich durch das Buch ziehende Trend, Trauer nicht zu verharmlosen oder positive Aspekte derselben nicht überzubetonen.


Rezensent
Prof. Dr. Arnold Langenmayr
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
FB Bildungswissenschaften


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Zitiervorschlag
Arnold Langenmayr. Rezension vom 28.06.2005 zu: Hansjörg Znoj: Ratgeber Trauer. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2005. ISBN 978-3-8017-1780-3. Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie Bd.7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2495.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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