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Asmus Finzen: Normalität (Psychiatrie und Gesellschaft)

Cover Asmus Finzen: Normalität. Die ungezähmte Kategorie in Psychiatrie und Gesellschaft. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. 144 Seiten. ISBN 978-3-88414-939-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Psychiatrische Erkrankungen gelten immer noch im öffentlichen Bewusstsein als a-normal. Das vorherrschende Bild des psychisch Kranken besteht aus einem kranken Menschen, der zu wahnsinnigem, gefährlichem und gesellschaftsfeindlichem Verhalten neigt.

Die Fakten sprechen eine andere Sprache, insofern diese Erkrankungen- wie alle anderen Erkrankungen auch- zum normalen Leben gehören und nur selten und in besonderen Fällen für andere gefährlich sein können. Es gibt keine Verhaltensweisen psychisch Erkrankter, die nicht auch bei psychisch Gesunden vorkämen (Goffman).

Nur wenn man die Normalität als völlige Gesundheit definiert und von der Krankheit als Anomalie strikt trennt, kann man überhaupt das Bild einer psychiatrischen Erkrankung entwerfen, die zur einer von der Norm abweichenden und gefährlichen Erkrankung führt.

In der Wirklichkeit sind aber bei allen Erkrankungsformen die Übergänge von dem Pol der Gesundheit zum Pol der Erkrankung fließend. Ja, diese Übergänge können sich bei psychiatrischen Erkrankungen sogar schnell und sporadisch verändern, sodass solche Einteilungen wohl eher keinen anderen Gewinn bringen, als Vorurteile zu bestätigen und Ausgrenzungen zu ermöglichen.

Autor

Prof. Asmus Finzen ist Psychiater, Nervenarzt und Wissenschaftspublizist. Er war leitender Krankenhausarzt in Wunstorf (1975-1987) und in Basel (bis 2003). Vielen ist er auch als langjähriger, in vielen Artikeln um öffentliche Psychiatrie-Aufklärung sorgender Mitarbeiter der FAZ bekannt. Lesenswert und mit wichtigen Arbeiten bestückt: www.finzen.de

Als Psychiatrie-Koordinator des damaligen in Herne durchgeführten Modellprogramms Psychiatrie (1980-1985) habe ich immer gerne und mit Gewinn für meine Aufgabe die in der FAZ veröffentlichten Artikel unseres Autors gelesen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat neben der Einführung insgesamt zehn Kapitel und ein Literaturverzeichnis. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die ersten fünf Kapitel beschäftigen sich mit Fragen der Relativität der Normen und Erwartungen, des Normalen als gesund und dem gesund als Normalität, der Problematisierung der Normalitätsmodelle, der Beurteilung der Normalität des Verhaltens und der Normalität als Gegenstand psychiatrischer Untersuchung.

Meine kurze Einführung zum Thema ist aus diesen Kapiteln gewonnen worden und gibt einen Eindruck von den Ausführungen von Asmus Finzen. Wie schwierig es allerdings für den Psychiater ist, Verhalten als normal oder anormal zu erkennen, auch wenn im Einzelfall ein unberechenbares und gefährliches Verhalten vorliegt, machen die Untersuchungsschritte deutlich, die zur Abklärung notwendig sind:

  • Motivation des Handelnden
  • Soziale Situation der Handlung
  • Kultureller Hintergrund
  • Stabiles Verhalten oder verändertes Verhalten
  • Kompetenz des Beurteilers

Kommt man zu dem Ergebnis, dass das Handeln durchaus aus der Normalität fallen könnte, reicht diese Einschätzung noch keineswegs dafür aus, den Menschen als anormal und psychisch gestört zu bezeichnen. Es erlaubt nur dem Psychiater, eine fachliche Untersuchung durchzuführen. Wenn sein Urteil dann anders ausfällt als die Erwartungen der Öffentlichkeit, dann trifft es Kritik, Unglauben und Spott.

Wenn man als untersuchender Arzt Symptome festgestellt und in einen fachspezifischen Zusammenhang eingeordnet hat, bedeutet das nicht, dass die Grenzen der Normalität des Verhaltens überschritten sind. Krankheit gehört in das Kategoriensystem der Normalität.

Die nächsten vier Kapitel beschäftigen sich mit folgenden Themen:

  • Die Kolonisierung des Normalen durch Diagnostik und Klassifikation?
  • Krank zu sein ist normal-auch psychisch krank zu sein
  • Die Rückeroberung des Normalen durch Prävention?
  • Die Nagelprobe forensischer Psychiatrie

Die Ausführungen zu den Klassifikationssystemen, ihrer Geltung, ihrer Reichweite und Geschichte dürfte für jeden Leser aufschlussreich sein. Der Tendenz, mit diesen Systemen Diagnostik zu betreiben, widerspricht der Autor entschieden. Sie sind ein Hilfsmittel der Diagnostik, nicht selbst Diagnostik. Die Verbindung von psychiatrischer Erkrankung mit Gewalt ist ein besonders von den Medien betriebenes Vorurteil und ein Hindernis der Normalisierung psychischer Krankheiten. Was die weiteren neuen Entwicklungen in der Präventions- und Risikodiagnostik angeht, so wird vor den Risiken und Nebenwirkungen gewarnt. Viele von einem Verdacht Betroffene werden verunsichert und in ihrer weiteren Entwicklung gestört. Auch die Stigmatisierung kann eine weitere negative Folge sein. Die Suche nach potentiellen Kranken, während sie noch gesund sind, sollte ad acta gelegt werden. Die forensische Psychiatrie, die Menschen, die Straftaten begangen haben, auf ihre Normalität hin untersucht, die aus juristischer Sicht durch eine schwere psychische Krankheit infrage gestellt wird, kann ebenfalls nur eingeschränkt, ein Urteil über die Normalität oder Nicht-Normalität, also die Schuld(un)fähigkeit des kranken Täters, fällen. Normale deutsche Männer haben die Massenmorde an den Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, psychisch Kranken und geistig Behinderten begangen. Die Taten waren freilich nicht normal, aber die Täter waren es. Wir sträuben uns dagegen, solche Taten als Taten normaler Menschen zu betrachten. Normalität ist gesund und nicht krank, so definieren wir entgegen allen Tatsachen die Normalität.

Das letzte Kapitel zeigt an, wohin sich die Psychiatrie entwickeln sollte. Das Schema von gesund und normal bzw. krank und anormal ist ein Modell der Ausgrenzung und Stigmatisierung. Das Normale ist das Normale und zu dem gehören auch psychische Krankheiten.

Diskussion

Mir gefallen nur einige, unbedeutend erscheinende Anmerkungen nicht, die sich im Buch finden lassen:

So wird etwa gesagt, dass die Regeln und die Konventionen unserer Gesellschaft nicht von der Natur, sondern von der Kultur abhängen. Die Bereiche der individuellen Freizügigkeit und der Mode wären in unserer multikulturellen Gesellschaft im Zustand des Anwachsens. Der Bürger, der sich um die zunehmenden Formen der Einengung der im Grundgesetz verbürgten Freiheiten Gedanken macht, wird als Angsthase psychiatrisiert, der von Überfremdung, von dunklen Mächten, vom Zerfall der Kultur und Gesellschaft und zur Rückkehr zu alten Werten und einer deutschen Leitkultur faselt und sich völlig unberechtigterweise ängstigt. Hier grenzt der Autor aus und stigmatisiert selbst.

Hierzu passt es auch, wenn der Autor das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst als Zeichen der Intoleranz wertet. Die Kopftücher haben weniger mit der Ursprungskultur ihrer Trägerinnen zu tun als mit einer politischen Demonstration für die Belange des Islam, der nicht nur Religion ist, sondern zugleich ein politisches Programm formuliert. Politische Demonstrationen sind aber im öffentlichen Dienst nicht angebracht. Übrigens sind die schariarechtlichen Regelungen so flexibel, dass eine Anpassung der Erfüllung dieser Pflicht an das Leben in nicht-muslimischen Ländern möglich und schariarechtlich unbedenklich ist.

Auch das Morden aus Gründen der Familienehre findet Legitimation durch Hinweise auf die Ursprungsländer und der dortigen Gebräuche.

Allerdings gibt es auch gegenteilige Leseweisen: So wird die Behandlung vieler Tötungen und Morde als Ausdruck psychiatrischen Krankheitsverhaltens problematisiert und auch als im gegebenen normalen Rahmen der menschlichen Möglichkeiten gestellt, die auch Schuldfähigkeit einschließen.

Fazit

Ich habe einige Bücher von Asmus Finzen im Regal stehen, die ich gelesen habe und öfter benutze. Auch dieses informative, aufklärerische und lesenswerte Buch wird einen Vorzugsplatz erhalten. Für eine Orientierung in der gesamten Psychiatrie-Landschaft ist es bestens geeignet. Aber auch für Fortgeschrittene und psychiatrisch Ausgebildete ein Muss. Was soll man sonst noch schreiben, damit Sie bestellen oder zu einer Bibliothek gehen?


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 17.12.2018 zu: Asmus Finzen: Normalität. Die ungezähmte Kategorie in Psychiatrie und Gesellschaft. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2018. ISBN 978-3-88414-939-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24950.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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