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Frauke Luckwaldt: Ich will selbstbestimmt sterben!

Cover Frauke Luckwaldt: Ich will selbstbestimmt sterben! Die mutige Entscheidung meines Vaters zum Sterbefasten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2018. 137 Seiten. ISBN 978-3-497-02750-7. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Auch nach der Gesetzesänderung zum assistierten Suizid wird das Thema weiterhin kontrovers diskutiert. Giger-Bütler (2018) fordert ein Recht auf Suizid nicht nur für Palliativpatienten, sondern auch für depressive und für ältere Menschen. Allgemein stellt sich die Frage, inwieweit und unter welchen Umständen Selbstbestimmung auch das Recht beinhaltet, sein Leben vorzeitig zu beenden. Welche Lebensbedingungen ein Mensch noch als akzeptabel akzeptiert, ist eine weitere Frage. Bei dem Buch handelt es sich um einen Erlebnisbericht in Tagebuchformat. Es enthält Texte der Tochter des Sterbenden, die auch das Buch herausgegeben hat, und Texte des Vaters. Der Vater war 88 Jahre alt, und lebte in einem Pflegeheim. Er kein Palliativpatient, aber nach einem Schlaganfall drei Jahre vorher schwer behindert.

Herausgeberin und eine Autorin

Frauke Luckwaldt stellt sich selbst nicht vor. Der Leser oder die Leserin erfährt einiges im Buch selbst über sie und ihre Emotionen, aber wenig über ihren Beruf und ihre Biographie.

Inhalt und Aufbau

Der Band enthält ein Vorwort von Michael de Ridder. Es folgt das Kapitel „Ein Erklärungsversuch“ Danach ist das Buch nach den 40 Tagen gegliedert, wobei jeweils über mehreren Tage eine inhaltliche Überschrift steht.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Vorwort

In seinem Vorwort behandelt der Arzt und Palliativmediziner Michael de Ridder das Thema Sterbefasten ( zu dem Thema vgl. auch de Ridder 2017, S. 73 ff. https://www.socialnet.de/rezensionen/23339.php)

Eingegangen wird auf den Sterbeprozess beim Sterbefasten, auf die Akzeptanz des Sterbefastens auch bei Ärzten, die ansonsten den assistierten Suizid ablehnen, auf Regeln, die beim Sterbefasten beachtet werden sollten und auf die Rechtslage. Nach Auffassung von de Ridder können sich Ärzte und Pflegeinrichtungen unter bestimmten Umständen strafbar machen, wenn sie beim Sterbefasten beraten oder Räume zur Verfügung stellen.

Ein Erklärungsversuch

Das Kapitel beginnt mit einer Darstellung des Vaters, der seine Entscheidung darstellt. Seine Frau war acht Monate vorher gestorben. Die Darstellung enthält auch Kritik an den Lebensumständen: „Duschen um 7:30 Uhr, Strümpfe anziehen um 8:15 Uhr. Dazwischen halbnackt auf dem Bett sitzen und warten. Frühstück wird gebracht. Wieder Personalwechsel – das Brot ist nicht vorgeschnitten – ich kann es so nicht essen und lasse es zurückgehen.“ Anschließend erzählt die Tochter die Geschichte ihrer Eltern im Jahr vorher. Der Vater hatte drei Jahre vorher einen Schlaganfall erlitten und wurde von der Mutter gepflegt. Dann hatte die Mutter Krebs im Endstadium um starb bei einer Operation. Der Vater kam dann ins Pflegeheim. Der nächste Abschnitt stammt von Claus Rethmann, ihrem Vater. Es geht um die Beziehung zu seiner Frau mit der er mehr als 60 Jahre verheiratet war. Dargestellt werden auch zwei Ausschnitte aus dem gemeinsamen Tagebuch des Ehepaars. Der Entschluss zum Sterbefasten steht auch in Zusammenhang mit dem Tod der Frau („Was soll ich ohne sie?“ S. 20) Es folgt ein argumentativer Text von Claus Rethmann, in dem er seinen Plan begründet. Er fordert unter anderem das Recht auf Selbstbestimmung. „Wer maßt sich an, für mich zu entscheiden, ob ich Pillen gegen Altersdepressionen brauche oder ob ich einfach finde – es ist alles gut und Ende. Steht diese Entscheidung nicht allein mir zu? Warum muss ich mein eigenes Leben nach den Vorstellungen anderer Menschen führen.“( S. 24) Eingegangen wird auch auf den Zustand der Hilflosigkeit und die Situation im Pflegeheim. Später wird deutlich, dass Texte wie diese dem Vorhaben einen weiteren Lebenssinn verleihen. Sie sind auch eine Botschaft an die Außenwelt. Es folgt ein Abschnitt, den die Tochter geschrieben hat. Dargestellt wird das Gespräch mit dem Vater über dessen Entschluss zum Sterbefasten sowie ihre gedanklichen und emotionalen Reaktionen auf dieses Gespräch.

Die Freiheit der Entscheidung

Tag 1. Claus Rethmann beschreibt den ersten Tag des Sterbefasten, den er als angenehm erlebte, so als ob er nach dem Entschluss erleichtert war. Dargestellt wird auch eine Nahtoderfahrung bei einer Herzoperation und ein Gespräch mit einer Pastorin. Von Ihrer Meinung, er solle dankbar sein für jede Stunde, weil er geistig so rege sei, grenzt er sich ab: „Wie kann sie auch nur erahnen, was in mir vorgeht? Mein Leben lang habe ich frei und selbstbestimmt gelebt, wenigstens sofern es ging. Diese Freiheit werde ich mir am Ende sicher nicht nehmen lassen.“ (S. 31). Tag 2. Dies ist eine Darstellung der Tochter. Ein Gespräch über den Entschluss des Vaters, an dem ihr Vater, Ihr Bruder, ihr Ehemann, die Ärztin, der Leiter der Pflegestation und der Palliativbeauftragte teilnahmen, wird ausführlich dargestellt. Deutlich werden unterschiedliche Emotionen und Probleme. Die Ärztin lehnte zum Beispiel aktive Sterbehilfe ab und diagnostizierte eine „schwere Altersdepression“. Es ging um die Frage, inwieweit die Duldung von Sterbefasten schon aktive Sterbehilfe ist und um Sturzprophylaxe. Deutlich wird eine angespannte Atmosphäre, durch die der Vater auch unter Druck geriet. Die Entscheidung des Vaters wurde jedoch akzeptiert. Anschließend gingen die Tochter und der Schwiegersohn mit dem Vater an einen Fluss. Der Vater habe sich dabei gefreut. Tag 3. Der Abschnitt beginnt mit einer Darstellung der Tochter. Sie machte mit der Familie eine Segeltour, sprach aber mit dem Vater am Telefon. Die Darstellung enthält auch eine allgemeine Stellungnahme. „Wieso konnte ein alter Mensch sich nicht einfach zurückziehen, um in Ruhe sterben zu dürfen […] Nur sobald ein alter Mensch in der Obhut eines Heimes oder – noch schlimmer – in einem Krankenhaus ist, da setzt eine Hilfsmaschinerie ein, deren Ziel die unbedingte Vermeidung des altersbedingten Todes ist.“ (S. 41) Es folgt eine Darstellung von Claus Rethmann, in der er eine Geschichte mit seiner Frau erzählt.

Bestimmter Abschied

Tag 4: Es handelt sich um eine Darstellung der Tochter. Vor allem geht es um die Beziehungen der Enkelkinder ( ihre Kinder und Kinder des Bruders) zu ihrem Opa. Die Kinder des Bruders waren noch nicht über den Entschluss ihres Großvaters informiert. Deutlich werden auch unterschiedliche Emotionen der Kinder zum Vorhaben des Großvaters, der für die Kinder auch eine Belastung ist. Tag 5, Begonnen wird mit einer Darstellung der Tochter. Ihr Vater teilte ihr seinen Leitsatz mit: „Es gibt genug Menschen, die auf den Tod warten – später. Ich erwarte ihn nicht, ich gehe auf ihn zu – jetzt.“ Sie schob dann ihren Vater im Rollstuhl durch das Gelände und berichtet über die Fröhlichkeit und Freundlichkeit des Vaters nach seinem Entschluss [1] Nach zwei Tagebucheinträgen von Claus Rethmann und seiner Frau aus dem Jahr 1951 folgt eine argumentative Darstellung von Claus Rethmann. „Ich habe das Gefühl, ich muss die Argumente für meinen 'Selbstmord' erläutern“ (S. 51) „Das Problem liegt in der gesetzlichen Situation für alle Beteiligten“ (S. 53) Es folgen zwei Tagebucheinträge von ihm und seiner Frau aus dem Jahr 1952.

Auf dem Weg

Tag 7. Es handelt sich um eine Darstellung der Tochter. Der Vater bittet sie, einen Text, den er geschrieben hat, am PC zu korrigieren. Frau Luckwaldt fragt: „Warum musste sich Vater, der sich so deutlich die Beendigung seines Lebens in Würde wünschte, sich auf den langen Leidensweg der Nahrungsverweigerung begeben?“ Vater und Tochter sprechen, über den Plan alles aufzuschreiben und der Vater sagt, er wünsche sich das, sein Tod solle nicht umsonst gewesen sein. Der Vater verabschiedet sich von der Tochter und seinem Schwiegersohn („ Gott schütze Euch“, S. 58). Tag 8. Wiederum handelt es sich um eine Darstellung der Tochter. Zunächst geht es um die Antwort eines Sterbehilfeverein aus der Schweiz auf eine Anfrage nach Sterbehilfe. Diese Prozedur hätte zu lange gedauert. Der Vater gibt den Plan auf. Ein weiteres Thema ist, wie viel Flüssigkeit der Vater zu sich nicht. Die Tochter hat ambivalente Gefühle. Einerseits will sie ihm nicht das Trinken verbieten, andererseits befürchtet sie, dass das sein Sterben verlängert. Sie spricht mit dem Vater darüber. Tag 9. Die Tochter berichtet über einen gescheiterten Suizidversuch des Vaters. Er hatte sich mit vielen Herztabletten das Leben nehmen wollen. Tag 10. Die Tochter stellt ein Gespräch mit dem Vater dar. Er hatte im Internet recherchiert und sprach jetzt über Menschenwürde und Sterben. Dabei folgte er seinem Anlegen: „Ich habe in den letzten Monaten mit so vielen gesprochen! Die meisten wollen sterben, können es aber nicht. Mein Ansinnen ist, den Wünschen der nicht so mitteilsamen Personen hier eine Brücke zu schlagen. Kranke und Alte haben eben keine Lobby“ ( S. 67). Tag 12. Die Tochter berichtet von einem Besuch zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Mann bei dem Vater. Der Vater hatte sich schon telefonisch von der Enkelin verabschiedet sie wollte ihn aber noch einmal sehen. [1] Kritisiert werden Zustände in Heimen, die ein „boomender Wirtschaftsfaktor“ seien. Am Ende des Gesprächs bitte der Vater seine Enkelin nicht mehr zu kommen und ihn so wie sie ihn kenne, in Erinnerung zu behalten.

Doch nur ein Hilferuf?

Tag 13. Pastoraler „Beistand“. Es handelt sich um eine Darstellung der Tochter zu einem Besuch bei ihrem Vater. Der Vater sei voller Elan gewesen und hatte einen Ausflug mit einer Dame gemacht, die sich um Sterbende kümmert. Der Tochter kommen Zweifel,: „Wollte er Aufmerksamkeit und war diese Aktion vielleicht nur ein Hilfeschrei?“ ( S. 73) Dann kam die Pastorin zum Vater. Sie machte Herrn Rethmann Vorwürfe und wollte ihm den Entschluss ausreden. Herr Rethmann verteidigte sich. Die Tochter berichtet von eigenen Zweifeln. Tag 14: Die Tochter berichtet von einer Urlaubsplanung. Ihre Familie und die Familie des Bruders wollen Weihnachten gemeinsam Urlaub machen. Die Tochter hat Skrupel. Darf sie sich wünschen, dass „die Sache“ bis dahin abgeschlossen ist? 15. Tag. Die Tochter berichtet von einem Besuch bei ihrem Vater. Sie hatte den Eindruck, dass er nicht wie ein Sterbender wirkte. Ein Thema ist die Frage, ob der Vater noch zu viel trinkt und damit das Sterbefasten verlängert. Es geht auch um sein Vermächtnis an sie, „dass sein Tod am Ende etwas bewirken solle“. Auch ging es um mangelnde Sensibilität von Pflegerinnen und lange Wartezeiten, wenn er Hilfe braucht. Der Vater bittet sie, Schmerzmittel an sich zu nehmen, die früher seine Frau bekommen hatte. Vielleicht könnten die ihm mal helfen. Tag 18. Es beginnt wieder mit einer Darstellung der Tochter in der es um unterschiedliche Gefühle und Zweifel geht. Ihr Bruder vermutet, dass es sich um eine Inszenierung des Vaters handele, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die Ärztin geht in Urlaub undstellte fest, das ihr Vater 400 – 500 mg pro Tag trinke und wahrscheinlich noch lebe, wenn sie zurück sei- Es folgt ein Text von Herrn Rethmann im Stil eines Abschiedsbriefes. Er bedankt sich bei seinen Kindern. Er äußert den Wunsch, Gott möge ihm die Gnade eines würdevollen Heimgangs erweisen. Er glaube an das Weiterleben seiner Seele. Tag 19. Die Tochter berichtet über einen Besuch bei dem Vater. Sie hat Skrupel, ob es richtig ist, den Vater verhungern zu lassen. Der Vater ist deutlich schwächer geworden. Er bleibt bei seinem Entschluss und trinkt nur noch ein Glas Wasser am Tag. Weniger schaffe er nicht Der Vater fragte nach Schmerzmittel, die Altenpflegerin wollte ihm keine ohne Anweisung eine Arztes geben. Tag 20. Die Tochter berichtet. Die Pastorin war beim Vater und gab ihm viel Wasser zu trinken. Der Vater erzählt von einem Traum vom Jenseits, der sehr schön gewesen sei. Die Tochter bittet im Schwesternzimmer, dem Vater Schmerzmedikamente gegen Krämpfe zu geben. Tag 21. Die Tochter berichtet. Der Vater sei sehr viel schwächer geworden und konnte nur mühsam reden. Es ging um den Besuch der Ärztin, die wenig Zeit für ihn hatte. Sie verordnete ein Mittel gegen Krämpfe.

Kein Weg zurück

Tag 22 In dieser Darstellung der Tochter beschreibt sie ihre Versuche, für den Vater dämpfende Medikamente zu bekommen. Die Vergabe von Morphium wird von einem Internisten und der Hausärztin abgelehnt. Sie stellt fest: „Aber seitens der Mediziner war keine Hilfe zu erwarten.“ Tag 25. Die Tochter hat Selbstzweifel. Sie besucht den Vater und hat in ihrer Handtasche die Schmerzmittel, die ihre Mutter einmal bekam. Der Vater ist verärgert über die Pflegeorganisation und den Zeitmangel des Personals. Auch äußert er: „Diese letzten Wochen, das ist die schlimmste Zeit meines Lebens. Das ist wirklich furchtbar. Wann ist das endlich vorbei.“ Da die Situation ungünstig ist ( der Vater soll geduscht werden) nimmt sie die Tabletten wieder mit. Tag 27: Der Vater äußert im Gespräch mit der: „Weißt Du, jedes Tier darf man von seinen Qualen erlösen. Was ich hier machen muss, das ist wie Folter“ (S. 103) Es geht dann um die Schmerzmittel. Die Tochter hat den Eindruck, dass es dem Vater nicht gefällt, dass er nach der Einnahme einer Tablette doch wieder aufwacht. Gesprochen wird auch darüber, dass der Vater noch viel trinkt. Der Ehemann der Tochter hat den Eindruck, dass es sich um eine Selbstinszenierung handelt

Sterben nach Plan?

Tag 28: Die Tochter berichtet von einem Gespräch mit dem Vater. Er bat sie, über die Witwe eines Freundes eine Tablette zu besorgen, durch die er sterben könne. Die Tochter kann diesen Wunsch nicht erfüllen. Der Vater bedauert später, dass er das seiner Tochter zugemutet habe. Tag 29: Die Tochter berichtet von einem Besuch ihres Mannes im Heim. Er sprach mit der Nachtschwester. Sie sagte in allen Religionen sei Freitod oder Suizid eine Todsünde. Am Nachmittag besuchte sie mit ihrem Mann den Vater. Sie bat ihn, er solle der Ärztin sagen, er habe Schmerzen, damit er Morphium bekäme. Tag 30: Der Schwiegersohn besucht Herr Rethmann, der jetzt sehr schwach geworden ist und gibt ihm eine Schmerztablette. Er kann erreichen, dass der Vater zusätzlich ein Morphium-Pflaster bekommt. Nachmittags besucht ihr Bruder den Vater. Er sei ansprechbar gewesen und habe nichts mehr getrunken. Kritisch fragt die Tochter: „Konnte es wirklich keinen anderen legalen Weg in Deutschland für einen Menschen geben, der sein Leben beschließen wollte, als diesen langsamen qualvollen Tod durch Verhungern und Verdursten mit allen Begleiterscheinungen? Wie belastend für den Betroffenen, für die Angehörigen und vor allem für das Pflegepersonal.“ (S. 118). Tag 31: Die Tochter besucht den Vater, der jedoch tief und fest schläft. Sie hofft das er bald schlafend in den Tod gleitet.

Hilflos dem Tod entgegen

Tag 32: Die Tochter besucht ihren Vater. Er öffnet die Augen, sie ist aber nicht sicher, ob er sie erkennt. Die Tochter reflektiert die Situation. Tag 33: Die Tochter ruft morgens in der Station an und erfährt, der Vater sei unruhig. Er bekam eine Beruhigungsmittel und ein neues Morphium-Pflaster. Mittags bekommt er nach Absprache mit der Ärztin eine höhere Medikamentendosis. Tag 35 Der Bruder und ihre Familie empfehlen ihr, den Vater weniger zu besuchen. Eine Frau wird auf eigene Kosten eingestellt, um den Vater zu versorgen. Die Tochter besucht noch einmal ihren Vater. Tag 40: Der Vater wurde sediert und war nicht mehr ansprechbar. Um 8 Uhr bekommt die Tochter die Nachricht, dass ihr Vater gestorben ist. Dargestellt wird ein Gespräch mit der Frau, die ihn betreut hat und wie sich die Familie im Zimmer des Vaters trifft.

Epilog

Die Familie ist über Weihnachten in der Karibik. Die Tochter hat einige Gedanken, die für Trauersituationen wohl typisch sind. Sie erinnert sich an den Wunsch des Vaters.„Vielleicht kann mein Tod dazu beitragen, anderen alten Menschen dieses Leid zu ersparen. Es muss doch irgendwann ein juristisches Einsehen geben, das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist doch ein Menschenrecht!“ Sie beginnt mit dem Schreiben.

Diskussion

Mit dem Buch wird das Ziel verfolgt, für ein selbstbestimmtes Sterben auch durch Suizid zu werben. Es handelt sich um eine Fallbeschreibung, also um einen Einzelfall, der insgesamt nicht verallgemeinerbar ist. Einiges ist jedoch verallgemeinerbar. Es ist auch ein sehr persönliches Buch, in dem intime übermächtige Gefühle beschrieben werden. Der Sterbeverlauf dauert 40 Tage und es entsteht nicht der Eindruck, dass es sich um ein selbstbestimmtes und würdevolles Sterben handeln. Das kann auch daran liegen, dass Herr Rethmann noch in relativ guter körperlicher Verfassung war und er durch das Trinken den Verlauf verlängerte. Aber eine palliativmedizinische Versorgung wurde ihm zunächst nicht zuteil und es gab einige Widerstände gegen sein Vorhaben. Das Sterbefasten wurde ihm schwerer gemacht. Die Situation älterer multimorbider Menschen sollte ein wichtiges Thema sein. „Die namhafte Palliativmedizinerin Cicely Saunders gibt zu: ‚Ich habe mich bewusst der Versorgung von Tumorpatienten gewidmet. Ich wusste, dass es mir nicht gelingt, die Misere in der Versorgung unserer alten Mitbürger aufzugreifen. Das Problem war mir zu groß.‘“ (Becker-Ebel 2017, S. 11) Ein Teil dieser älteren Menschen lebt in Pflegeheimen. Ein alter, multi-morbider Mensch unterscheidet sich nicht wesentlich von einem Menschen mit einer stark lebensverkürzender Krankheit, er ist jedoch rechtlich kein Palliativpatient. Die durchschnittliche Verweildauer von männlichen Pflegeheimbewohnern beträgt zum Beispiel nur 18 Monate (vgl. Techtmann 2015) Bei Frauen sind es 36 Monate. Der Aufenthalt in einem Pflegeheim könnte lebensverkürzend sein. Der Tod gehört damit zum Alltag in Pflegeheimen. Es stellt sich auch die Frage nach der Lebensqualität im Alter. Unter welchen Bedingungen ist ein Mensch bereit, weiter zu leben? Das kann individuell unterschiedlich sein und hängt von unterschiedlichen Bedingungen ab. Einige davon sind biographisch bedingt. Der Tod des Partners oder eine schwere Erkrankungen können zum Beispiel die Lust am Leben verringern. Andere Bedingungen, etwa die Situation in der stationären Pflege, sind systembedingt.

Fazit

Es handelt sich um eine interessante und wichtige Darstellung. Auf Emotionen des Sterbenden und auf Emotionen der Angehörigen wird ausführlich eingegangen


Literatur

  1. Jochen Becker-Ebel (Hrsg.): Palliative Care in Pflegeheimen und -diensten. Wissen und Handeln für Pflegende. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2017. 5., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 213 Seiten. [Rezension bei socialnet].
  2. De Ridder, Michael, (2017) Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin, München: Pantheon Verlag
  3. Giger-Bütler, Josef (2018), Wenn Menschen sterben wollen. Mehr Verständnis für einen selbstbestimmten Weg aus dem Leben., Stuttgart
  4. Techtmann, Gero (2015): Die Verweildauern sinken. Statistische Analysen zur zeitlichen Entwicklung der Verweildauer in stationären Pflegeeinrichtungen. Verfügbar unter: www.alters-institut.de

[1]Zur Situation nach dem Entschluss vgl. auch Giger-Bütler 2018, S. 175


Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 18.10.2018 zu: Frauke Luckwaldt: Ich will selbstbestimmt sterben! Die mutige Entscheidung meines Vaters zum Sterbefasten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-497-02750-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24954.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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