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Julian Schenke, Christopher Schmitz u.a.: Pegida-Effekte? Jugend zwischen Polarisierung und (...)

Cover Julian Schenke, Christopher Schmitz, Stine Marg, Katharina Trittel, Florian Finkbeiner: Pegida-Effekte? Jugend zwischen Polarisierung und politischer Unberührtheit. transcript (Bielefeld) 2018. 434 Seiten. ISBN 978-3-8376-4605-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Das besondere Interesse an Protest erklärt sich zum Beispiel daraus, dass hier vergleichsweise kleine, ressourcenschwache Gruppen vergleichsweise große Effekte erzielen. Der langfristige Erfolg von Protest besteht dabei seltener darin, die eigenen Anliegen in der gewünschten Form durchzusetzen als darin, den Modus von gesellschaftlichen Debatten zu beeinflussen und die Rahmung politischer Problembeschreibungen zu verschieben. Zugleich gehört es zu den schwierigeren und vielleicht auch deshalb selten versuchten Unterfangen, solcherlei Effekte empirisch zu untersuchen. Dies gilt auch im Bereich der Rechtsextremismus-Forschung, die sich in ihrem qualitativen Zweig in den vergangenen Jahrzehnten ganz überwiegend und sehr konsequent auf ‚abweichende‘ und sozial auffällige Protagonistinnen und Protagonisten konzentriert hat.

Nicht zuletzt das PEGIDA-Phänomen stellt die an einem solchen Minderheitenblick gestählte Forschung aufgrund seiner Größe, Zählebigkeit und politischen ‚Entgrenzung‘ auf eine harte Probe. Es setzt mit großer Vehemenz die eigentlich immer schon relevante Frage nach Abstrahleffekten auf die Tagesordnung. Sie aufgenommen zu haben, ist ein Verdienst der im Folgenden rezensierten Studie. Ihr Thema ist auf den ersten Blick, inwieweit und an welchen Punkten sich Beeinflussungen der PEGIDA-Proteste auf die „junge Generation“ aufzeigen lassen. Im Laufe der Lektüre erweist sich die Studie jedoch mehr als breit angelegte sozioklimatische Untersuchung einer ausgemachten Tendenz zur „identitätspolitischen Tribalisierung der Mitte“ (13), die sich – auf allerdings unterschiedliche Weise – sowohl in den PEGIDA-Protesten als auch in den geführten Interviews mit jungen Menschen ausdrückt.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt Ergebnisse eines zwischen 2016 und 2017 durch das Göttinger Institut für Demokratieforschung durchgeführten Forschungsprojekts vor. Es knüpft an die im selben Haus vorab durchgeführten Studien zu den PEGIDA-Protesten und -Gegenprotesten an, setzt diese in Form von Demonstrationsbegleitungen, Expertenbefragungen und einer Sozialraumanalyse fort und erweitert deren Perspektive schließlich um den Blick auf Nicht-Involvierte, die im Rahmen von Fokusgruppen befragt wurden.

Aufbau und Inhalte

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Band beginnt mit einem längeren, 40seitigen Abschnitt, in dem Problemstellung und Vorgehen der Untersuchung detailliert erläutert werden. In diesem Rahmen wird auch eine Verortung der Studie im Feld der Jugendforschung vorgenommen und das zugrunde gelegte soziologische Verständnis der Kategorie ‚Jugend‘ entfaltet.

Ein zweiter, rund 50 Seiten starker Abschnitt widmet sich in sehr ausführlicher Weise der Rekonstruktion der PEGIDA-Proteste und leistet eine vergleichende Darstellung der bislang dazu erschienenen empirischen Studien sowie der verschiedenen theoretischen Bestimmungen der Bewegung mitsamt ihrer Ausgründungen und Satelliten. Identifiziert werden dabei zentrale Themen, Topoi und Deutungsmuster des Protests, die auch die Perspektive der folgenden Darstellung und Auswertung strukturieren.

Im Rahmen des Projekts wurden an vier bundesdeutschen Orten – in Dresden, Leipzig, Nürnberg und Duisburg – zwölf Fokusgruppen mit insgesamt 88 Personen zwischen 16 und 35 Jahren durchgeführt. Die ‚Rekrutierung‘ der Gruppen erfolgte zu einem Teil eigenhändig durch Snowballsampling im Kontext von Schulen, Vereinen und Initiativen. Neben diesen „Freien“ (die sich überwiegend als explizit PEGIDA-kritisch und überdurchschnittlich politisch interessiert und engagiert erwiesen) wurden über ein Markt- und Meinungsforschungsinstitut weitere Teilnehmende geworben. Als Filterfrage fungierte hierbei die Haltung zum Postulat einer „Islamisierung in Deutschland“. Mit „Unbekümmerten“ und „Beunruhigten“ wurden auf diese Weise zwei weitere Gruppen gebildet.

Das Kernstück des Bandes stellt die in drei Kapitel gegliederte und ca. 200 Seiten umfassende Darstellung der Befunde aus diesen Fokusgruppen dar, deren Diskussionen durch Vorlage von Bildmaterial stimuliert und thematisch strukturiert wurden. Hierbei werden in einem ersten Kapitel in einer Art soziologischer Grundierung mit Bezug auf den Wertewandel-Diskurs die generellen „Relevanzsysteme, Werthaltungen und normative[n] Bindungen“ der Befragten untersucht. Im anschließenden Kapitel wird an das Kernthema der Untersuchung herangerückt, indem unter der Überschrift „Politikdistanz und Polarisierungsresistenz“ konkrete Positionen zu PEGIDA und deren Themen als auch allgemeine Deutungsmuster von Politik, Demokratie und Gesellschaft untersucht werden. Im dritten Kapitel werden darauf aufbauend „politisch-soziale Orientierungs- und Deutungsmuster“ aufgegriffen und exemplarisch an den Aspekten ‚Leistung‘, ‚Fremdheit‘, ‚Medien‘ und ‚Sicherheit‘ behandelt.

Jeweils werden in den einzelnen Kapiteln Unterschiede zwischen den Gruppen, aber auch Similaritäten bezüglich der Orientierungen der Befragten herausgearbeitet. Durchgehend werden die Befunde zudem abgeglichen mit Befunden aus anderen (Jugend)Studien, die die hier aufgemachten Themenkomplexe berühren. Gegenüber einer aus den meisten empirischen Untersuchungen bekannten strikten Trennung zwischen Darstellung des Forschungsstandes und eigener Erhebung wird hier also auf eine Vorgehensweise der direkten Kontrastierung gesetzt.

Mit einem weiteren Kapitel wird die Darstellung ergänzt um eine sozialraumanalytische „Lokalinspektion“ eines Dresdner Stadtteils und die dort zwischen 2015 und 2017 stattfindenden Auseinandersetzungen um die Unterbringung von Geflüchteten.

Der Band schließt mit einer insgesamt knappen Zusammenfassung der Resultate, gefolgt von einigen kurzen Überlegungen zur Verfasstheit der politischen Kultur und zu praktischen (politischen) Konsequenzen, die sich aus den Befunden ableiten.

Diskussion

Wohl zustimmen kann man den Autor/innen, wenn sie feststellen, dass tiefergehende (v.a. qualitative) aktuelle Befunde zu gesellschafts- und politikbezogenen Deutungsmustern bei Jugendlichen eher „rar“ sind (17). Die Studie stellt in ihrem Material- und Facettenreichtum insofern eine gute und wichtige Ergänzung des Forschungsstandes dar. Ein Wermutstropfen ist dabei allenfalls, dass – vielleicht auch im Dienste der Originalität der eigenen Befunde – etwas zu leichtfertig auf eine Würdigung der zwar wenigen, aber eben doch vorhandenen Studien verzichtet wurde, die bereits zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind, sich also als Referenzmaterial geeignet hätten.

Blendet man von diesem ‚Nebenschauplatz‘ weg und wendet sich der Empirie zu, so mag auf den ersten Blick die relativ breite thematische Anlage der Untersuchung erstaunen. Zum Teil kann sogar der Eindruck entstehen, dass die Darstellung mehr um den Titel ‚kreist‘ als direkt auf die Beantwortung der dort angedeuteten Forschungsfrage hinzustreben. Allerdings lässt sich dies genauso auch als Qualität der Studie verstehen: Durch die Weitung und Kontextualisierung der u.a. mit PEGIDA in Verbindung gebrachten Diskurse wird im Kernteil die Konzentration auf das Protestphänomen zurückgenommen und die Komplexität veranschaulicht, mit der sich Proteste in die politische Kultur einbetten, andersherum politische Kultur den ‚mentalitären‘ Rahmen für deren Entstehung und Verbleib bietet. Politischer Konflikt wird so nicht mehr allein von seinem Zentrum – den hier agierenden Akteuren – her betrachtet, sondern auch als Raunen in einer spezifisch strukturierten politischen Kultur eingeordnet.

Die erste Pointe der Untersuchung besteht so darin, dass sie die erwartete Perspektive nachgerade umdreht. Sie behandelt eben nicht im engeren Sinne gesellschaftliche Effekte, sondern beschäftigt sich mit Kongruenzen und gesellschaftlicher Rahmung. Stark zusammengefasst erweisen sich die Befragten zu einem großen Teil weder als Sympathisant/innen noch als Gegner/innen, sondern scheinen klar positioniert vor allem in ihrer subjektiv unpolitischen, auf Konformität ausgerichteten Haltung, in deren Mittelpunkt individualisierte, selbstunternehmerische Lebensgestaltungsmodelle stehen. Diese im weitesten Sinne politisch desinteressierte oder allenfalls situativ interessierte Haltung, so der zweite Teil der Pointe, nutzt zugleich aber jenen politischen Programmatiken, die von Protestakteuren wie PEGIDA repräsentiert werden. Deutlich wird zugleich, dass die konkreten Werthaltungen und vor allem die Positionierungen zu den -gida-Phänomenen kontextabhängig sind, sich in ihnen auch weiterhin Ost-West-Unterschiede zeigen. Demgegenüber stehen geschlechterbezogene oder migrationsbezogene Differenzen und Spezifika eher im Hintergrund der Betrachtung. Dies gilt erstaunlicherweise auch für Differenzen zwischen den Gruppen, die es – so scheint es mitunter – vor allem auf der Oberfläche gibt.

Das entstehende Bild der Orientierungen von jungen Menschen weicht nicht grundsätzlich von anderen aktuellen Befunden der Jugendforschung ab; es fällt allerdings letztlich düsterer, an manchen Stellen fast schon deprimierend aus. Vor diesem Hintergrund lassen sich einige Nachfragen und Anmerkungen platzieren. Sie betreffen weniger die Qualität der Befunde, sondern mehr die Gestaltungslogik der Studie, welche wiederum natürlich Einfluss auf die Ergebnisse hat. Zum einen ist anzumerken, dass bereits die Sampling-Strategie in Teilen Gruppen vorkonstruiert, deren Positionierungen in gewisser Weise auch erwartbar scheinen. Interessant wäre hier sicherlich die Frage gewesen, ob sich aus dem Material selbst andere, ggf. auch differenziertere Typenbildungen ableiten ließen, die quer zum Ordnungsmuster von „Freien“, „Unbekümmerten“ und „Besorgten“ liegen. Zum anderen mag für die Kontur der Ergebnisse auch die relative Weite des zugrundelegten Jugendbegriffs eine moderierende Rolle gespielt haben. Zwar ist die Verwendung eines Jugendbegriffs, der sich am Stand der sozialisatorischen Einfindung und nicht als Erstes am Alter orientiert, naheliegend. Allerdings führt der Umstand, dass das Sample Personen bis 35 Jahren berücksichtigt, die zudem zum Teil bereits berufstätig sind, auch dazu, dass sich die Befunde nur mit einer gewissen Vorsicht mit anderen Jugendstudien vergleichen lassen.

In diesem Zusammenhang kommt ein weiterer Aspekt zum Tragen, der die entwicklungsbezogenen Momente der Jugendphase betrifft. Ein für die Jugendforschung sehr zentraler und immer wieder betonter Umstand ist die relativ hohe Beweglichkeit von Positionierungen und auch die vergleichsweise stark ausgeprägte Ambivalenz, mit der junge Menschen Deutungsmuster entwickeln und artikulieren. Genau jene Beweglichkeiten, Gebrochenheiten und Widersprüche werden jedoch in der Analyse eher nachrangig und vor allem zum Ende hin aufgegriffen und in das Gesamtbild eingefügt. Dasselbe gilt auch für die Frage der altersbezogenen Spezifität von Politikverständnissen. Dadurch (und durch den Duktus) entsteht mitunter der Eindruck einer gewissen Ferne der Forschenden zu ihrem Gegenstand. Oder anders ausgedrückt: die Zugrundelegung eines recht „erwachsenen“, zudem bildungsbürgerlich-akademischen Modells politischer Partizipation birgt die Gefahr, Haltungen von jungen Menschen ohne einen solchen Hintergrund vorschnell als ‚unpolitisch‘ wahrzunehmen oder ihnen die ‚Widersprüchlichkeit‘ ihrer Wahrnehmungen und Deutungen nachgerade vorzuhalten. Gegebenenfalls hätte es der Analyse hier an manchen Stellen gut getan, sich stärker auf die Eigenlogiken jugendlicher Politikgestaltung und Gemeinschaftsbildung einzulassen. Man hätte die Chancen erweitert, neben – sicherlich nicht falschen – Befunden zur hohen Verbreitung einer „Ego-Shooter“-Mentalität auch Fluchtpunkte für eine von Solidarität und Engagement geprägte Gesellschaftlichkeit identifizieren zu können.

Fazit

Die stringent argumentierende und insgesamt auch gut lesbare Studie entwirft weniger das Bild bestimmter darstellbarer „Effekte“ als das Bild einer sozialen und mentalitären Rahmung, aus der heraus die PEGIDA-Proteste bzw. die hier artikulierten Positionen diskursive Wirkung erzeugen können. Die Befragten erweisen sich subjektiv mehr als ‚unberührt‘, denn als Teil eines Polarisierungszusammenhangs. Genau darin liegt auch die politische Herausforderung, denn es scheint vor allem jenes Gewebe aus Unberührtheit und Ich-Bezug zu sein, das der Weiterentwicklung demokratischen Bewusstseins und Miteinanders entgegensteht. Dieser pointierten Essenz der Studie kann einerseits zugestimmt werden. Andererseits darf aber auch gesagt werden: ein etwas höheres Maß an Zugewandtheit hätte etwas weniger stark den Blick für vorhandene gegenläufige Tendenzen verstellt.


Rezensent
Dr. rer. pol. Nils Schuhmacher
Wiss. Mitarbeiter Universität, Hamburg Kriminologische Sozailforschung
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Zitiervorschlag
Nils Schuhmacher. Rezension vom 26.02.2019 zu: Julian Schenke, Christopher Schmitz, Stine Marg, Katharina Trittel, Florian Finkbeiner: Pegida-Effekte? Jugend zwischen Polarisierung und politischer Unberührtheit. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-4605-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24957.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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