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Fredy Gareis: König der Hobos

Cover Fredy Gareis: König der Hobos. Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas. Piper Verlag GmbH (München) 2018. 251 Seiten. ISBN 978-3-89029-482-7. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 20,50 sFr.
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Thema

Der Hobo ist als Gestalt der amerikanischen Sozial- und Kulturgeschichte nicht zu unterschätzen. Als „Abenteurer des Schienenstrangs“ (Jack London) reist er illegal auf Güterzügen der Arbeit hinterher. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schreibt Nels Anderson seine ethnographische Studie „The Hobo“ (1923), in den 1960er/70er Jahren kehrt der Hobo als Aussteigerfigur zurück und wird u.a. von Bob Dylan und Woodie Guthrie besungen. Ein filmisches Denkmal setzt ihm Robert Aldrich mit „Emperor of the North Pole“ (1973). Und auch heute ist der Hobo noch eine Figur, die die Vorstellungskraft befeuert, wie die Bücher von William T. Vollman „Hobo Blues“ (2009) oder von Tamina-Florentine Zuch „Supertramp: Als blinde Passagierin mit dem Güterzug durch das Herz Amerikas“ (2018) und eben Gareis‘ „König der Hobos“ zeigen.

Über den Autor

Fredy Gareis studierte in Berlin und Hamburg US-amerikanische Literatur und absolvierte im Anschluss die Journalistenschule in München. Seit 2007 arbeitet er als freier Journalist und schreibt Reportagen, z.B. 2008 eine Undercover-Geschichte für den stern, für die er fünf Monate lang verdeckt bei Scientology recherchierte. Er war 2009 Arthur F. Burns-Stipendiat und erhielt 2012 für eine in DIE ZEIT erschienene Reportage »Ein Picasso für Palästina« den Journalistenpreis PuK des Deutschen Kulturrats. Seit 2010 berichtet er als freier Korrespondent aus Israel und dem Nahen Osten u.a. für Der Tagesspiegel, DIE ZEIT und Deutschlandradio. (siehe: Literarische Agentur Simon)

Aufbau und Inhalt

Der Reporter strukturiert sein Buch anhand seines Wegs ins Feld. Der Sprachgebrauch der ethnographischen Forschung, insbesondere der teilnehmenden Beobachtung passt sehr gut, um Gareis‘ Unterfangen zu beschreiben. Zunächst stellt er den Kontakt zum Untersuchungsfeld her und beschreibt, wie er den Einstieg in die Hobo-Szene schafft.

  • Kontaktaufnahme: Das Buch beginnt damit, dass der Autor sich aufmacht zu den Hobo-Tagen in Britt, Iowa. Der Leser erfährt seine Beweggründe und wird mit den ersten Kontrasten zwischen Durchschnitts-Ami und Hobo-Kultur konfrontiert. Die Kontaktaufnahme mit den skurrilen Typen wird geschildert, die Journalisten eher skeptisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen.
  • Initiationsreise: Schließlich wird der Autor von Hobo Tuck auf das train riding vorbereitet und macht mit diesem auch seinen ersten Trip auf einem Güterzug.
  • Suche nach einem neuen Mentor: Viele Hobos hegen Vorurteile gegenüber Journalisten. Anschluss zu finden fällt Gareis in der Hobo-Szene nicht leicht und so sucht er lange Zeit nach einem neuen Hobo-Mentor. Diesen findet er in Shoestring.
  • Abenteuer: Nach dieser Begegnung berichtet das Buch von den gemeinsamen Abenteuern auf und neben den Schienen, in den Obdachlosencamps, den so genannten Dschungeln, die mal mehr, mal weniger drogendurchseuchte Orte mit auf ihre Art sehr freien und doch teilweise ziemlich verrückten – jedoch immer liebenswürdigen – Typen sind.
  • Reflexionen: Zwischendurch streut der Autor immer wieder kulturhistorisches Wissen über Hobos ein und reflektiert über die Konsequenzen dieser Art zu Leben: Ganz unten ist die Freiheit zwar groß, doch auch der Kampf gegen Süchte, um eine Schlafstatt und die Sorge, von den Autoritäten beim Auf- und Absteigen von Güterzügen erwischt zu werden.

Diskussion

Die klassische Reportage möchte beim Leser Kopfkino erzeugen und eine Art Blick über die Schulter des reisenden Reporters ermöglichen. Insbesondere bildhafte Beschreibungen, treffende Vergleiche und die Wiedergabe von Sinneseindrücken stellen dabei unverzichtbare Mittel dar. Doch gerade was die treffenden Beschreibungen und Vergleiche angeht ist Gareis Text nicht sehr gelungen, viele Vergleiche sind schlichtweg unpassend und plump: „Die Main Avenue schnitt durch den Ort wie ein Messer durch warme Butter“, „das Portemonnaie (ist) mager wie ein Supermodell“ und „Um zu überleben, musste er (der Hobo) vielseitig sein wie ein Schweizer Armeemesser“. 

Gareis gelingt es trotzdem durch die Schilderung der eigenen Gefühle und seiner Verwandlung in einen Hobo, die Faszination für seinen Gegenstand dem Leser immer wieder aufs Neue nahezubringen: als Leser merkt man dem Buch jederzeit an, dass es sich um eine erlebte Abenteuergeschichte handelt.

Obwohl die Freiheit der Bindungslosigkeit immer wieder in Geschichten und Erlebnissen thematisiert wird, merkt man auch, wie sehr Menschen, selbst die Hobos, auf eine Art Gemeinschaft angewiesen sind. Deutliches Zeichen dafür sind die Hobo Days mit der Krönung der neuen Hobo-Majestäten oder die Arbeit, die die Hobo-Ikone Train Doc immer wieder in seine Gebrauchsanweisung zum Fahren auf Güterzügen steckt. Aber auch der Einzelgänger Shoestring stellt seine Abenteuer auf YouTube und Facebook aus und erfreut sich einer Fangemeinde. Völlig ohne Kontakt und Beachtung durch andere, ohne ihre Anerkennung, scheint das Leben auch als moderner Hobo nicht gut möglich zu sein.

Sympathisch ist, dass der Autor seinen Reisebericht weder mit philosophischer Selbstbespiegelung über das richtige Leben überfrachtet, noch unablässig über den Hobo als Gestalt in der amerikanischen Kultur schwadroniert und dauernd Anleihen in Literatur und Musik macht. Die Mischung aus sozialen, historischen und kulturellen Informationen und eigenen Erlebnissen ist mehrheitlich gut gewählt: wobei man sich zeitweise wünscht, nicht schon wieder auf Johnny Cash verwiesen zu werden.

Wem der Sinn nach mehr sozial-historischen Erkenntnissen steht, kann nach wie vor zur Studie von Nels Anderson (The Hobo, 1923) greifen – die viele Aspekte bereits aufzeigt, die sich auch bei Gareis finden. Und für diejenigen, die der Hobo v.a. als kulturelle Figur interessiert, sei das Buch von William T. Vollman (Hobo Blues, 2009) empfohlen.

Diskutiert werden könnte, ob es sich bei denjenigen, die sich in Gareis‘ Buch selbst als Hobo bezeichnen, nicht eher um Tramps handelt, die den Hobo-Begriff jedoch aufgrund seiner schillernden Aura gerne für sich reklamieren. Unbedingt sollten am Thema Vagabundentum Interessierte Josiah Flynts „Tramping with Tramps“ (1899) lesen. Weiterhin ist auch das Webblog „Philosophy of Tramping“ empfehlenswert.

Fazit

Eine gut recherchierte – sprachlich jedoch verbesserungsbedürftige – Insider-Reportage über den Eintritt in eine Subkultur, ihre Geschichte und aktuelle Ausprägung, über die Freiheit der Ungebundenen, ihr trotz allem bestehendes Bedürfnis nach Gemeinschaft und die Gefahren und Freuden der Straße und Schiene.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 18.12.2018 zu: Fredy Gareis: König der Hobos. Unterwegs mit den Vagabunden Amerikas. Piper Verlag GmbH (München) 2018. ISBN 978-3-89029-482-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24962.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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