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J. Adam Tooze: Crashed

Cover J. Adam Tooze: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben. Siedler Verlag (München) 2018. 800 Seiten. ISBN 978-3-8275-0085-4. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 47,90 sFr.

Norbert Juraschitz, Karsten Petersen und Thorsten Schmidt (Übersetzer).
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Weltenkrise – Krisenwelt

Krisen sind Brüche, Stürze, Veränderungen im Individuellen, Alltäglichen und Lokal- und Globalgesellschaftlichen. Mit Krisen verbunden und Auswirkungen darauf zeigen sich immer Infragestellungen von Gewohntem und Gelebtem. Sie erfordern meist eine Neuausrichtung und einen Perspektivenwechsel. Identitätskrisen vollziehen sich meist als individuelle und ethnozentrierte Prozesse, während Krisen im Weltmaßstab  sowohl lokale als auch globale Bedeutung haben. Zu diesen gehören Wirtschafts- und Finanzkrisen. Als am 15. September 2008 die US-Großbank Lehman Brothers zusammenbrach, hatte dies Auswirkungen auf die gesamte Finanzwelt. Es schien, dass diese Krise einen grundlegenden Perspektiven- und Systemwechsel weg vom kapitalistischen, hin zu einem globalen sozialistischen Wirtschaftssystem bewirken, und damit der Perspektivenwechsel  sich vollziehen würde, wie ihn spätestens seit dem ersten Bericht an den Club of Rome, 1972, sieben junge Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology (MIT) anmahnten, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien, und 1987 erneut die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Bericht) darauf verwies, dass wirtschaftliches Denken und Handeln nicht mehr nach dem Motto „business as usual“ funktioniere, sondern „sustainable development“, tragfähige Entwicklung, einsetzen müsse. Im Menschheitsdiskurs werden immer wieder auch Fragen danach gestellt, wer die Welt regiert ( Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/12186.php ), und wer die Welt beherrscht  ( Noam Chomsky, Wer beherrscht die Welt? Die globalen Verwerfungen der amerikanischen Politik, 2016, http://www.socialnet.d/rezensionen/22197.php ).

Entstehungshintergrund und Autor

Doch welche Erkenntnisse und Lehren haben sich lokal und global in den zehn Jahren nach dem Bankencrash ergeben? Hat der Perspektivenwechsel stattgefunden? Haben sich alternative Formen des weltweiten wirtschaftlichen Handelns gebildet? Die Feststellung – „Nichts ist heute mehr so, wie es vor der Finanzkrise war“ – lässt sich unterschiedlich lesen. Wie, das zeigt der Historiker und Volkswirtschaftler von der Columbia University in New York, Adam Tooze, in seinem umfangreichen, informativen Buch „Crashed“ auf. Weil vielerorts  Politiker und Banker erneut nach dem kapitalistischen und egoistischen Prinzip „Immer-mehr“ handeln, der Ego- und Ethnozentrismus, der Nationalismus, Rassismus und Populismus zunehmen, kommt es darauf an zu begreifen,  wie die Finanzkrise von 2008 entstehen konnte, welche Ursachen sie befördert haben, und welche Maßnahmen notwendig sind, damit sie sich nicht wiederholt.  Nicht wenige Menschen sagen, dass solche Analysen sinnlos wären, weil der Mensch eben doch ein Homo Immodestus und ein Homo Egoisticus sei ( vgl. dazu: Hans Lenk, Kreative Aufstiege. Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Ffm 2000, S. 18ff ). Adam Tooze hat eine dezidierte  Meinung. Sein historischer Blick richtet sich auf die nahen, vergangenen Ereignisse, die für die Krisen in der Finanzwelt verantwortlich waren und sie befördert haben. Seine Überzeugung, dass wir uns gegen zukünftige, globale Krisen dann besser wappnen können, wenn wir begreifen, wie die Finanzkrise 2008 zustande gekommen ist, bestimmt seine Zeit-Analyse, „dass die Krise … in Wirklichkeit noch nicht vorüber ist“. Die nächste Krise wird sich zwar nicht in gleicher Weise wiederholen wie die von 2008; vielmehr werden Mutationen und Metastasen auftreten und Faktisches durch Postfaktisches, News durch Fake News rationale Entscheidungen eintrüben.

Aufbau und Inhalt

Tooze gliedert seine umfangreiche Studie, nach einer ausführlichen Einleitung, in vier Teile. Den ersten Teil titelt er: „Ein Sturm zieht auf“, den zweiten: „Die globale Krise“, den dritten: „Eurozone“, und den vierten Teil: „Nachbeben“. 80 Seiten umfassen die Anmerkungen mit den Quellenangaben; und auf fünf Seiten wird im Namensverzeichnis auf die entsprechenden Fundstellen verwiesen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Mit der Kennzeichnung „Die ‚falsche‘ Krise“ verdeutlicht der Autor die gesellschafts-, finanz- und haushaltspolitischen Aktivitäten, wie sie von den Demokraten und den Republikanern in den USA veranlasst wurden: Bush, Clinton, der frühe Obama, Finanzminister Robert Rubin, das Hamilton Project…  Die Regierungen und Institutionen vertrauten auf der einen Seite der traditionellen, geostrategischen Bedeutung der USA; sie ignorierten auf der anderen Seite die nationalen und makroökonomischen Veränderungsprozesse, die zu einer Überschuldung des Staatshaushalts, zu einer steigenden Hypothekenlast, zur Dollarkrise, zum unkontrollierten und ungebremsten Zufluss von ausländischem Kapital auf den US-Markt und zur Macht der Investmentbanken: „Der ‚ungezügelte‘ Finanzkapitalismus war… Teil einer toxischen, angloamerikanischen Lesart der Moderne“. Diese (scheinbar erfolgreiche) Strategie ermunterte auch die Finanzpolitiker aus anderen Ländern – China, Japan, EU – es den Amerikanern gleichzutun: „Der Gedanke, das ‚soziale Europa‘ sei wesentlich von der Logik des turboaufgeladenen ‚Finanzkapitalismus‘, wie er von Amerika versinnbildlicht wurde, abgewichen, war eine Illusion. In Wirklichkeit war Europas Finanzkapitalismus noch spektakulärer aufgebläht, und er verdankte sein Wachstum zum großen Teil  der tiefen Verflechtung mit dem amerikanischen Boom“. Als ein weiterer, globaler Akteur im Geflecht des Weltkapitalismus zeigt sich Russland, das mit seinen Öl- und Gasreserven den Weltmarkt aufmischt.

Die überall auf den Märkten vorherrschenden überhitzten Immobilienblasen und Kreditverramschungen mussten zum Crash führen. Doch die Verursacher und Profiteure der Krise suchten die Gründe dafür nicht bei ihren spekulativen, kapitalistischen Aktivitäten. Ihre zynische Kehrtwende war bemerkenswert: „Während die Fürsprecher der Finanzindustrie in den 1970er Jahren unaufhörlich das Mantra von freien Märkten und zurückhaltenden Regulierungen wiederholt hatten, forderten sie jetzt die Mobilisierung sämtlicher staatlichen Ressourcen, um die Finanzinfrastruktur der Gesellschaft vor einer drohenden systematischen Implosion zu bewahren“. Die teils hektischen, teils stümperhaften, in jedem Fall aber machtdominierten Reaktionen der im Parlament gespaltenen und verfeindeten US-amerikanischen Politiker gossen nur noch mehr Öl ins Feuer der globalen Krise. Und sie verhinderte mögliche Gegenreaktionen etwa der Europäer, weil deren wirtschaftlichen,  finanz- und währungspolitischen Abhängigkeiten von den US-dominierten Weltmärkten im Wege standen. Die sich ankündigenden künftigen geopolitischen und makroökonomischen Konflikte zwischen den USA und Russland verschärften sich noch dadurch, dass mit China ein neuer Wind aus dem Osten zu wehen begann. Die enormen, steigenden Exporterfolge Chinas. Die Furcht der US-Amerikaner, dass die zunehmende Wirtschaftsmacht der Chinesen könnte eines Tages auch zu einer militärischen Macht und damit zur Infragestellung der US-Hegemonie in der Welt führen, hat schließlich Trump mit seinem „America first“ hervorgebracht.

Die „Eurozone“, die im Weltspiel der wirtschaftlichen Konkurrenzen theoretisch eine Balance zwischen den Währungssystemen ermöglichen könnte, ist allerdings dafür zu schwach und zu uneinig. Die jahrzehntelangen Krisen- und Anpassungssituationen der (westlichen) PIIGS-Länder – Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien – und die osteuropäischen, euroskeptischen und populistischen Regierungen – Ungarn, Polen, Tschechien – wie auch der Brexit verhinder(te)n eine Stabilisierung der Finanz- und Wirtschaftsmärkte. Schuldenmachen überall, das schien (und scheint?) der einzige Strohhalm zu sein, an dem sich alle klammern wollen. Als Korrektiv zum Regierungshandeln soll(t)en die nationalen Zentralbanken dienen, wie z.B. das „Federal Reserve System“ der USA (FED), die Europäische Zentralbank (EZB).  Abgesehen von der „People‘ Bank of China“ und anderen Banken in autoritären Staaten, die abhängig vom Staatsapparat sind, gibt es auch in den demokratischen Ländern immer öfter Versuche,  die operationelle Unabhängigkeit der Einrichtungen in Frage zu stellen. Es wird nicht besser! „Am 21. Juli 2016 ging eine korpulente Gestalt mit ausgreifenden Schritten über ein Podium, das so drapiert war, dass es allem Anschein nach gezielt Erinnerungen an Captain America, Citizen Kane oder eine faschistische Massenkundgebung der 1930er-Jahre wachrufen sollte“. Trump mit seiner Ignoranz, Unberechenbarkeit, seiner fehlenden Sozial- und Beratungskompetenz ist das Ergebnis einer bis heute nicht bewältigten Weltkrise des Vertrauens und der Demokratie.Die Frage, wie es möglich war, dass die US-amerikanischen Wähler, unterstützt von einem unlogischen Wahlsystem „einen unberechenbaren, narzisstischen Nationalisten (zu ihrem Präsidenten wählten), der keinerlei  Interesse zeigte, die internationale Ordnung aufrechtzuerhalten“, wird nicht beantwortet; es sei denn, wir richten einen Blick in die (nahe) Zukunft und hoffen, dass Trump in den USA eine böse Episode war; vor allem aber, wenn wir darauf aufmerksam werden, wie sich die finanz-, wirtschafts- und geopolitische Entwicklung in China und in den Schwellenländern vollzieht.

Fazit

Es sind Fragen, die Historiker immer schon stellen. Die Antworten sind oftmals unvollständig und unbefriedigend. Weil nicht zu erwarten ist, dass die Lage der Welt sich automatisch verbessert, auch nicht, dass plötzlich alle Menschen entdecken und leben, was Immanuel Kant mit seinem Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – erreichen wollte, kommt es darauf an, das individuelle und lokal- und globalgesellschaftliche, ökonomische Leben darauf auszurichten, dass Menschenwürde und Menschenrechte endlich Wirklichkeit werden. Das ist eine Hoffnung, die jedoch nur dann eine Chance hat, wenn man sich der Mühe unterzieht, nach den Ursachen von Menschheitskrisen zu suchen. Adam Tooze bietet uns Einblicke und Aha-Erlebnisse dafür an!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.11.2018 zu: J. Adam Tooze: Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben. Siedler Verlag (München) 2018. ISBN 978-3-8275-0085-4. Norbert Juraschitz, Karsten Petersen und Thorsten Schmidt (Übersetzer). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24965.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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