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Moritz von Stetten: Verfremdungsspiele

Moritz von Stetten: Verfremdungsspiele. Zur Unterscheidung von vier Formen des systemtheoretischen Denkens. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. 520 Seiten. ISBN 978-3-95832-157-1. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
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Thema

Das Buch versteht sich nach eigenen Angaben als Beitrag zu einer Strukturierung der Rezeptionsgeschichte, als Analyse und typologische Systematisierung der kultur- und sozialtheoretischen Wirkungsgeschichte der Systemtheorie. Es zeichnet nach, auf welch unterschiedliche Art und Weise an das Spätwerk Niklas Luhmanns angeschlossen wurde. Dabei wird die Idee verfolgt, dass die soziologische Systemtheorie zuvorderst alstheoretische Verfremdungverstanden werden sollte – ungeachtet aller behaupteten oder unterstellten Geltungsansprüche (S. 10).

Autor

Moritz von Stetten ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Soziologie der Universität Bonn. Neben der Sozial-, Gesellschafts- und Medientheorie liegen seine Schwerpunkte in den Bereichen Medizinsoziologie sowie Soziologie psychischer Erkrankungen.

Entstehungshintergrund

Bei diesem Buch handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die am Institut für Medienkultur und Theater der Universität zu Köln im September 2017 eingereicht und im Dezember 2017 verteidigt wurde. Der Großteil des Buches ist im Rahmen eines Promotionsstipendiums der a.r.t.e.s. Graduiertenschule der Universität zu Köln entstanden.

Aufbau

Die Struktur des Buches wird von zwei Thesen vorgegeben.

  • Die erste These besagt, dass der Systemtheorie eine Theorietechnik der Verfremdung zugrunde liegt. Der Autor versteht diese Theorietechnik der Verfremdung als den eigentlichen Kern der Systemtheorie.
  • Eine zweite These des Buches lautet, dass sich vier Formen des systemtheoretischen Denkens unterscheiden lassen.

Die Verbindung zwischen beiden Thesen ist die gemeinsame Verwurzelung und Verwobenheit in einem Spiel der theoretischen Verfremdung. Der spielerische Charakter der systemtheoretischen Architektur bildet demnach die Brücke zwischen der Theorietechnik der Verfremdung einerseits, und den verschiedenen Formen des systemtheoretischen Denkens andererseits.

Inhalt

Das Buch behauptet zwei gegenläufige Rezeptionsstränge: ist die Systemtheorie eine konservativ-modernistischen Gesellschaftstheorie? Oder handelt es sich um ein experimentierfreudig-innovatives Denkabenteuer?

Die erste These versucht den spielerischen Charakter des systemtheoretischen Denkens anhand der Theorietechnik der Verfremdung zu belegen. Mithilfe von Luhmanns Systemtheorie lasse sich die Moderne als eine Sphäre von Verfremdungspraktiken begreifen, die die Alltäglichkeit lebensweltlicher Zusammenhänge hinter sich lässt. Die Theorietechnik der Verfremdung versuche bestehende Strukturen radikal aufzubrechen, ohne eindeutige Hinweise auf mögliche Alternativen zu geben. Unter Verfremdung versteht das Buch eine begriffliche und argumentative Distanzierung vom vorherrschenden, interdisziplinär angelegten Theoriediskurs. Das Ziel der Verfremdung bestehe vorrangig darin, einen Horizont an neuen Denkmöglichkeiten zu eröffnen, der sich noch durch weit reichende Unbestimmtheit auszeichnet.

Das Buch versteht sich explizit auch als ein Beitrag zur historischen Reflexion des Selbstverständnisses von kultur- und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der Autor stellt vier Formen des systemtheoretischen Denkens mit jeweils eigenen Kapiteln vor, in denen Besonderheiten und Merkmale diskutiert werden.

  1. Die Systemtheorie fungiert im Rahmen einer konstruktivistisch-universalistischen Epistemologieals sozialtheoretische Denkform. Das zentrale Motiv der sozialtheoretischen Deutung bestehe in der Entwicklung einer universell gültigen Theorie des Sozialen sowie einer damit verbundenen Theorie der modernen Gesellschaft.
  2. Die orthodoxe Denkform der Systemtheorie nimmt die zentralen Bausteine der sozialtheoretischen Systemtheorie auf und radikalisiert das damit verbundene Verständnis von Theorie. Sie versuche eine Steigerung der theoretischen Komplexität mithilfe einer radikal konstruktivistischen Weiterentwicklung. Mithilfe innovativer Begriffe, Denkfiguren und Argumentationen wird der universelle Geltungsanspruch des systemtheoretischen Denkens zu garantieren versucht. Den besonderen Wert der Systemtheorie sieht sie in ihrer Sperrigkeit gegenüber jeder externen Verortung.
  3. Die poststrukturalistische Denkform beinhalte Versuche der dekonstruktiven, poststrukturalistischen, materialistischen, ontologischen und auch ästhetischen Interpretation, sowie die Verbindung von Luhmanns autopoietischer Wände mit ökologischen Denkfiguren und posthumanistischen Ethiken. In der poststrukturalistischen Lesart verabschiedet sich das systemtheoretische Denken endgültig vom Phantomschmerz eines modernistischen Korsetts und verfolgt einen fröhlichen Nihilismus mit weitgehend anti-normativer Ausrichtung.
  4. Die realhistorische Denkform distanziert sich laut von Stetten vom systemtheoretischen Anspruch einer universellen Sozialtheorie, um den Fokus auf die empirisch-historische Gestalt moderner Sozialordnungen zu legen. Die Systemtheorie wird in den Rahmen einer realistischen Epistemologie eingebettet, die die Zuständigkeit für einen Ausschnitt der sozialen Realität beanspruchen kann und gewisse Einsichten in die Funktionsweise der modernen Gesellschaft ermöglicht.

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile. Zunächst wird die Theorietechnik der Verfremdung erläutert. Die folgenden Kapitel behandeln anschließend jeweils eine der genannten Formen des systemtheoretischen Denkens. Im Laufe dieser Kapitel werden die daran anschließenden Deutungsmöglichkeiten und Rezeptionslinien der Luhmannschen Systemtheorie entfaltet.

Nach Lesart dieses Buches bestünde ein unaufhebbarer Zusammenhang zwischen Verfremdung und Deutungsvielfalt, zwischen systematischer Irritation und mehrdimensionaler Systematik.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Diskussion

Das Buch von von Stetten möchte dazu beitragen, dass die Systemtheorie besser verstanden werden kann. Mit der Theorietechnik der Verfremdung hat das Buch eine interessante Methode der Systemtheorie identifiziert. Hierbei geht es um den Versuch Perspektiven zu verschieben, ohne dass zugleich die Notwendigkeit einer Rechtfertigung besteht. Der Autor kann zeigen, dass bestimmte Techniken der Verfremdung bereits bei Sokrates als dialektisch eingesetzte Ironie, bei Brecht und Bloch und vielen anderen Verwendung finden. Der Einsatz von Verfremdungseffekten beispielsweise bei Brecht 1967 darin begründet, den Zuschauer eine untersuchende, kritische Haltung gegenüber den darzustellenden Vorgang zu verleihen. Brecht schlägt folgende Definition zum Verfremdungsbegriff vor: „Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden es zunächst einfach, den Vorgang oder den Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen.“ Folglich fungiert die Verfremdung als Mittel der Irritation und der Perspektivverschiebung, um den bestehenden Realitäten die Selbstverständlichkeit zu nehmen.

Lesenswert sind die Erläuterungen der vier verschiedenen Denkformen. Vom Volumen und vom Inhalt fallen diese Erläuterungen recht unterschiedlich aus. Die erste Denkform beansprucht knapp 100 Seiten, die zweite Denkform 40 Seiten, die dritte Denkform wiederum 100 Seiten und die vierte Denkform knapp 80 Seiten. Dem Autor würde ich eine gewisse Vorliebe für Kulturwissenschaft und Philosophie bescheinigen, die sich auch in der Weise der Durcharbeitung der vier Denkformen niederschlägt.

Fazit

Das Buch ist ein lesenswerter Beitrag zum Verstehen der Luhmannschen Systemtheorie in ihren Lesarten, Rezeptionsformen und -linien, und insbesondere der Verfremdungstechnik, die ich mit Gewinn gelesen habe. Das Buch ist dicht geschrieben und glänzt nicht unmittelbar mit seiner Verständlichkeit in seinen vielen Verwendungen von Fremdworten. Zweifellos ist es für alle gut geeignet, die die Luhmannsche Systemtheorie bereits ein wenig kennen, vielleicht ausbauen oder in Anwendung bringen wollen. Dass dieses Anwendungs-Potenzial in Fülle vorhanden ist, zeigt dieses Buch.


Rezensent
Dr. Jan V. Wirth
Studiendekan „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit" (M.A.) an der DIPLOMA Hochschule, Praxisberater / Supervisor (SYSTEAMS.ORG), Dipl.-Sozialpädagoge/-arbeiter (FH), Homepage www.systeams.org
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Zitiervorschlag
Jan V. Wirth. Rezension vom 28.12.2018 zu: Moritz von Stetten: Verfremdungsspiele. Zur Unterscheidung von vier Formen des systemtheoretischen Denkens. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2018. ISBN 978-3-95832-157-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24966.php, Datum des Zugriffs 21.01.2019.


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