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Jens Borchert (Hrsg.): Für eine Familien­orientierung im Strafvollzug

Cover Jens Borchert (Hrsg.): Für eine Familienorientierung im Strafvollzug. Grundlagen, Praxisansätze, Konzeptionsentwicklung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2018. 120 Seiten. ISBN 978-3-7841-3106-1. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

Der Sammelband thematisiert die Bedeutung von Angehörigen im Strafvollzug und mögliche Hilfen für Angehörige innerhalb und außerhalb des Strafvollzugs. Grundlage für diese Publikation sind die Fachtage „Familienorientierung im Strafvollzug“ an der Hochschule Merseburg 2017 und 2018.

Herausgeber und AutorInnen

Jens Borchert, Dr. phil. studierte Erziehungswissenschaften in Leipzig und arbeitete u.a. als Sozialarbeiter in den Justizvollzugsanstalten Torgau und Regis-Breitingen. Er untererrichtete als Professor für Pädagogik und Handlungslehre der Sozialen Arbeit an der Technischen Hochschule Georg-Simon-Ohm Nürnberg und seit 2014 als Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Kriminologie an der Hochschule Merseburg.

Die sieben Einzelbeiträge wurden neben dem Herausgeber von KollegInnen aus der Praxis und Studierenden der Hochschule Merseburg verfasst.

Aufbau und Inhalt

Der schmale Tagungsband umfasst neben einem Vorwort und dem AutorInnenverzeichns sieben Einzelbeiträge die nicht weiter gegliedert sind.

Familienorientierung im Strafvollzug

Der umfangreiche Eröffnungsbeitrag von Herausgeber Jens Borchert umfasst ca. die Hälfte des Buchumfangs und vermittelt den aktuellen Forschungsstand zur Familienorientierung im Strafvollzug, zu verschiedenen Settings der Familienarbeit in der JVA, den Aspekt Delinquenz von Kindern und Jugendlichen, Unterstützungsformen und -angebote für Eltern, PartnerInnen und Kinder von Inhaftierten, sowie einen Einblick in die aktuelle Forschung zur Situation von Familien im Zusammenhang von Haft eines Familienangehörigen. Borchert macht deutlich, dass die Familienorientierung im Strafvollzug, die unterschiedlichen Ansätze und Projekte in Deutschland höchst heterogen aufgegriffen wird. Ein einheitliches Vorgehen oder gar Standards sind nicht in Sicht, was auch mit der wenig ausgeprägten Forschung in diesem Themenbereich zusammenhängt. Strukturelle Befunde zur Situation von Familien Inhaftierter oder zur Wirkung von z.B. Elternseminaren, Väter-Kind-Gruppen in Haft, Langzeitbesuchen und anderen Ansätzen stecken in den Anfängen und müssen dringend ausgebaut werden (44), einzelne Angebote (z.B. für die von Eltern junger Inhaftierter) sind schlicht zu selten verwirklicht. Schließlich gehören stationäre (in Haft) und ambulante Angebote vernetzt um die Situation von Familien nachhaltiger fördern zu können (45) und Resozialisierung unter Bezugnahme auf die Ressource Familie konsequenter verfolgen zu können.

Familientage im Jugendstrafvollzug

Ein Beispiel praktischer Umsetzung familienorientierter Arbeit im Strafvollzug wird im nächsten Kapitel dargestellt. Das Gruppentraining „Verantwortung übernehmen, Abschied von Hass und Gewalt“ enthält Elemente des etablierten Antigewalttrainings und formuliert Kriterien auf den Ebenen Veränderungsmotivation, personale und soziale Fähigkeiten und Zielformulierung, z B. Gewaltprävention. Neben den Trainingsaspekten für Gefangene beinhaltet das Programm auch spezielle Familientage die im Umfang von ein bis zwei Tagen durchgeführt wurden. Die praktischen Erfahrungen beziehen sich auf ganz unterschiedliche Familientypen (abwesende Familien, sprachlose Familien, externalisierende Familien, hilflose und bedürftige Familien, distanzbedürftige Familien etc.), welche unterschiedliche Interventionen benötigen. Als Fazit in Bezug auf das vor allem für jugendliche Straftäter konzipierte Gruppentraining beschreibt Peter Anhalt die Notwendigkeit der Auftragsklärung und Zielformulierung, um die komplexen Aufgabenstellungen (z.B. Moderation von Familiengesprächen, Loslösungsprozesse von der Familie, Integrationsstärkung etc.) bewältigen zu können.

Unterstützung von Angehörigen

Hilde Kugler, langjährige Leiterin eines Beratungs- und Unterstützungsangebots für Angehörige von Inhaftierten in Nürnberg (Treffpunkt e. V.) geht im Folgebeitrag auf die besondere psycho-soziale und ökonomische Situation von Familiensystemen mit inhaftierten Angehörigen ein. Es finden sich hier viele Folgeprozessen, welche z.B. finanzielle Probleme, sozialen Statusverlust, Wohnprobleme, rechtliche Fragestellungen und psychische Aspekte (z.B. Scham-, Schuld- und Angstgefühle) umfassen können. Entsprechend breit ist das Themenspektrum in der Beratung für Angehörige formuliert, das als internes (in der JVA) und externes Angebot (freie Beratungsstelle) konzipiert werden kann und auch die Durchführung von Vater-Kind-Gruppen in Haft umfasst. Die Autorin weist auf die Notwendigkeit verlässlicher Strukturen und ausreichender finanzieller Mittel hin, die eine solche Arbeit benötigt und, so die Autorin (75) auf Bundes- und Länderebene zur Verfügung gestellt werden muss.

Schulmüde Kinder und ihre Eltern

Unter dem Begriff „Familienklassenzimmer“ beschreibt Stephanie Schöne im nächsten Beitrag die Integration und Mitarbeit von Eltern(teilen) im Schulklassenverband. Gegenstand ist die Einbeziehung von natürlichen Erziehungspersonen bei auftretenden Motivationsproblemen von Schulkindern, wobei Bildungsaspekte, familiendynamische Aspekte und allgemein pädagogische Themen bearbeitet werden. Das Schulangebot richtet sich vor allem an Familien mit Problemlagen, z.B. auch bei Inhaftierung einer elterlichen Erziehungsperson und damit im Zusammenhang stehenden Schulproblemen

Angehörigenarbeit im Strafvollzug

Als konkretes Beispiel für die Angehörigenarbeit in JVAs beschreibt Katrin Schaefer das Angebot in der JVA Dresden. Die Maßnahmen umfassen strukturelle Aspekte (z.B. ein Spielzimmer für Kinder, die Ernennung von Angehörigenbeauftragten) und spezielle Angebote wie Angehörigentage, familienorientierte Wohngruppen für Väter mit regelmäßigem Kinderbesuch oder zu dessen Anbahnung.

Jugendstrafvollzug

Das letzte Kapitel beschreibt ein Peer-to-Peer-Projekt im Jugendstrafvollzug des Landes Sachsen-Anhalt. Das freiwillige Angebot zielt auf die Begegnung inhaftierter Jugendlicher mit externen Peers (hier Studierende der Sozialen Arbeit) im Rahmen von erlebnispädagogischen Projekten welche z.B. die Themenbereiche Perspektiventwicklung („Was tun am Tag der Entlassung und danach?“), Freizeitgestaltung, Jobsuche oder gesunde Ernährung aufgreifen. Das Angebot ist als Pilotprojekt konzipiert, soll also möglichst breit und dauerhaft, in Abhängigkeit zu positiven Evaluationsergebnissen (Evaluation in progress) im Vollzug installiert werden.

Ausblick

Erste Angebote für Angehörige von Inhaftierten und die Einbeziehung von Familien im (Jugend)strafvollzug unter pädagogischen Aspekten bestehen seit Jahren. Diese sind nicht breit gefächert und oft nicht nachhaltig abgesichert. Die Öffnung der traditionellen Vollzugsformen für die Angehörigenarbeit bedeutet, dass formale Aspekte der Justizvollzugsanstalten (Abschottung, starre Regeln, Konformität etc.) mit der Dynamik von Angehörigenbedürfnissen und informellen Lern- und Verhaltensstrukturen konfrontiert werden, was zu gewissen Reibungspunkten führt. Welche positiven Effekte von der Angehörigeneinbindung und die Gestaltung von pädagogischen Angeboten zu erwarten sind hängt auch vom Engagement sozialwissenschaftlicher Forschung ab die „Familie dann auch stärker als bisher als Ressource betrachte(n) wird“ (115).

Diskussion

Freiheitsentzug ist ein gravierender Einschnitt in das Leben der Verurteilten und deren Angehörige. Vielfältige soziale, ökonomische, psychische, rechtliche und körperliche Folgen stehen im Kontext von Inhaftierung für die weiter „draußen“ lebenden PartnerInnen, Kinder oder Eltern. Begreift man die Justizvollzugsanstalt als Lernort (Reflektion des eigenen Verhaltens, Entwicklung von Perspektiven, Aufbau von Fähigkeiten) sind Angehörige, z.B. die Eltern jugendlicher Straftäter als Kooperationspartner unverzichtbar. Der vorliegende Tagungsband greift all dies auf schmalen 116 auf und entwirft einen Kosmos an Grundlagen, Konzeptionen, praktischen Ansätzen und berichtet konkrete Erfahrungen aus dem Bereich der Angehörigenarbeit. Damit ist der Band mehr als ein reiner Tagungsbericht, mehr als die Verschriftlichung von Vorträgen, bietet wichtige Hinweise und Informationen für die Gestaltung angehörigenzentrierter Angebote im und um den Strafvollzug. Deutlich wird aber auch, dass seitens der (angewandten) Sozialwissenschaften deutlich mehr Forschungsbemühungen anstehen, um einerseits den Bedarf an Beratung und Unterstützung auf Grundlage empirischer Daten einschätzen zu können, andererseits die Wirkeffekte einer Familienorientierung im Strafvollzug nachweisen zu können.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das die oft vergessene Gruppe der Angehörigen von Strafgefangenen in den Mittelpunkt rückt. Zahlreiche konzeptionelle und praktische Tipps und Erfahrungen in komprimierter Form ergeben eine für die Praxis unerlässliche Hilfe. Ein Grundlagenbuch für (Sozial-)pädagogische Fachkräfte in den Justizvollzugsanstalten und MitarbeiterInnen in der freien Straffälligenhilfe und Bewährungshilfe.


Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 18.02.2020 zu: Jens Borchert (Hrsg.): Für eine Familienorientierung im Strafvollzug. Grundlagen, Praxisansätze, Konzeptionsentwicklung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3106-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24973.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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