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Ronny Jahn, Andreas Nolten: Berufe machen Kleider

Cover Ronny Jahn, Andreas Nolten: Berufe machen Kleider. Dem Geheimnis berufsspezifischen Anziehens auf der Spur. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 92 Seiten. ISBN 978-3-525-40625-0. D: 12,00 EUR, A: 13,00 EUR.

Reihe: Beraten in der Arbeitswelt.
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Thema

„Was ziehe ich bloß heute im Büro an?“ Diese Frage kommt sicher vielen bekannt vor. Die am weitesten verbreitete Internetsuchmaschine verzeichnet hierzu rund 152 Millionen Suchergebnisse, was zum einen die Größe des Internets und zum anderen die Relevanz der Frage aufzuzeigen scheint. Ronny Jahn und Andreas Nolten zufolge ist berufsspezifische Kleidung jedoch nicht allein eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern immer auch eine Antwort auf berufsspezifische Notwendigkeiten bzw. Herausforderungen. Die beiden Autoren legen hierzu eine kompakte „Theorie der Berufskleidung“ vor, die es ermöglicht, einen „Mythos des Alltags“ (Roland Barthes) zu lüften. So machen Kleider (nicht allein nach Gottfried Keller) Leute. Aber zudem „machen“ auch Berufe Kleider, wie die beiden Autoren zeigen.

Autoren

Dr. Ronny Jahn ist Soziologe, Organisationsberater und Supervisor. Er lehrt an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin, der Evangelischen Hochschule Freiburg und der Deutschen Hochschule der Polizei.

Andreas Nolten ist Volkswirt, Organisationsberater und Supervisor. Er ist als Dozent an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin und der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) tätig. Beide sind geschäftsführender Gesellschafter des Beratungsunternehmens „Person und Organisation“ in Berlin sowie Mitglied der Redaktion bzw. Mitherausgeber der Fachzeitschrift „Supervision – Mensch. Arbeit. Organisation“.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in der Reihe „Beraten in der Arbeitswelt“, welche von Stefan Busse, Rolf Haubl und Heidi Möller herausgegeben wird. Die Reihe richtet sich primär an Praktikerinnen und Einsteiger in den arbeitsweltlichen Beratungsfeldern „Supervision“, „Coaching“ und „Organisationsberatung“, die durch neue Konzepte angeregt werden möchten. Bis heute (Juni 2020) sind elf Bücher erschienen, die kompakt theoretische und konzeptionelle Grundlagen zum Beraten im arbeitsweltlichen Kontext aufgreifen, z.B. zu Themen wie „Emotionen bei der Arbeit“, „Geschlechtergerechtigkeit“ und (in diesem Falle) berufsspezifischer Kleidung.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren entfalten in sechs Kapiteln ihre „Theorie der Berufskleidung“:

Im ersten Kapitel legen die Autoren die theoretischen Grundlagen ihres Gedankengangs dar. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Annahme der objektiven Hermeneutik, der zufolge Welt grundsätzlich sinnstrukturiert ist – so auch die (unbewusste) Kleiderwahl. Doch was ist Kleidung und was wird mit einer bestimmten Kleiderwahl intendiert? Jahn und Nolten unterscheiden drei Sinndimensionen von (berufsspezifischer) Kleidung:

  • Eine instrumentelle Dimension
  • Eine individuelle Dimension
  • Eine soziale Dimension

Während die erste Dimension dem Schutz des Körpers vor äußeren Einflüssen dient (wie der Schutzanzug der Feuerwehr vor zu großer Hitze), betont die zweite Dimension Kleidung als Ausdrucksmittel von persönlichen Vorlieben und die dritte Dimension sieht Kleidung als Antwort auf soziale Herausforderungen. Diese Unterteilung kann den Autoren zufolge jedoch nicht als trennscharf angesehen werden, da sich die Perspektiven auch gegenseitig bedingen. Im Folgenden erläutern die Autoren die individuelle und die soziale Dimension der Kleiderwahl näher.

Das zweite Kapitel differenziert zu Beginn zwischen drei Arten berufsbezogener Kleidung: der Dienst-, der Berufs- und der Schutzkleidung. Erstere ist auf Anordnung des Arbeitgebers während der Arbeitszeit zu tragen und lässt geringe Freiheitsgrade bei der individuellen Ausgestaltung zu (wie z.B. Uniformen), während Berufskleidung in der Regel einen spezifischen Zweck erfüllt und vom Träger freier gestaltet werden kann. Derweil dient eine Schutzkleidung primär dem Gesundheitsschutz des Trägers (wie der oben erwähnte Schutzanzug der Feuerwehr). Auch hier können die Grenzen zwischen den Arten berufsbezogener Kleidung fließend sein. Die Autoren legen zudem dar, worin grundsätzlich die Funktion von Kleidung liegt: in der Regulierung der Grenze zwischen (nackter) Person und (berufsspezifischer) Rolle.

Im Folgenden widmen sich Jahn und Nolten drei ausgewählten Stücken beruflicher Kleidung: dem weißen Kittel des Arztes, der Zwischenkleidung des Lehrers und dem Dresscode des Bankers. Ihre ausführliche Analyse nach der jeweils instrumentell schützenden Funktion, nach der jeweiligen professionellen Haltung (die sich in der Kleidung ausdrückt) und nach der sozialen Herausforderung (auf die die berufliche Kleidung jeweils eine Antwort ist) führt zu erhellenden Antworten.

Die Autoren analysieren im dritten Kapitel das berufsspezifische Anziehen in der Beratungspraxis. Eingangs ordnen sie diese Praxis näher ein und unterscheiden drei Ebenen von Beratung: die Beratung von einzelnen Rollenträgern (wie Einzelberatung), die Beratung von Gruppen beruflicher Rollenträger (wie Supervision) und die Beratung von Organisationen (wie Unternehmensberatung). Ferner differenzieren sie zwischen der Fokussierung auf psychosoziale oder sachbezogene Fragen der Beratung. Ihren zuvor am Beispiel des Arztkittels und anderer Kleidungsstücke dargelegten Gedankengang nach Schutzfunktion, Habitus und sozialer Herausforderung führen sie hier an drei verdichteten Bildern berufsspezifischer Kleidung von Beraterinnen und Beratern fort: an einer Supervisorin, an einem Trainer für Gruppendynamik und an einer Unternehmensberaterin.

Im vierten Kapitel berichten Jahn und Nolten von missglückten Erstgesprächen, geglückten Krisengesprächen und „Blitzlichtern“ in ihrer Beratungspraxis. Die Autoren zeigen, in welchen Situationen ihre Kleiderwahl eine besondere Rolle spielt oder sie Thema im Gespräch mit Klienten bzw. Kunden wird.

Die Autoren legen in den letzten beiden Kapiteln dar, warum Auflösungserscheinungen tendenziell zu einer „Verkomplizierung“ der berufsspezifischen Kleiderwahl führen und warum die Bedeutung der „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) zunimmt. Zuletzt geben die beiden berufspraktische Empfehlungen, welche sich aus dem Buch ableiten lassen.

Diskussion

„Was ziehe ich bloß heute im Büro an?“ Wer sich die Frage stellt, findet nach der Lektüre dieses Buches neue Antworten, denn Jahn und Nolten gelingt es, einem an sich viel beachteten sowie (bisher) zugleich übersehenen Phänomen die nötige Aufmerksamkeit und die theoretische Schärfe zu schenken. Zum einen entwickeln sie auf knapp hundert Seiten eine überzeugende „Theorie der Berufskleidung“, welche sich fundiert in den Wissenschaftsdiskurs einfügt. Diese bringt einige Aha-Momente und Überraschungen mit sich – sei es dank neuer Perspektiven auf das Handtuch beim Saunabesuch oder auf rasierte Beine professioneller Radrennfahrer (und was das jeweils mit berufsbezogener Kleidung zu tun hat). Zum anderen sind ihre Ausführungen praxisnah und bieten eine theoretisch informierte Handreichung zur berufsbezogenen Kleiderwahl, wie anhand von Jahns und Noltens Reflexion ihrer eigenen Beratungspraxis im vierten Kapitel. Der Schreibstil der Autoren ist dabei sowohl differenziert und fachlich genau als auch locker und leicht.

Fazit

„Dass ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält.“

Diesem Zitat aus Goethes Faust wird das Buch voll und ganz gerecht, denn die Lektüre ermöglicht es, ein viel beachtetes und zugleich übersehenes Phänomen sichtbar zu machen. Jahn und Nolten entwickeln sowohl eine überzeugende „Theorie der Berufskleidung“, als auch eine praxisnahe Handreichung zur berufsbezogenen Kleiderwahl – nicht allein für Beraterinnen und Berater.


Rezension von
Till Witzleben
Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke als Organisationsberater und systemischer Coach tätig
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Zitiervorschlag
Till Witzleben. Rezension vom 06.07.2020 zu: Ronny Jahn, Andreas Nolten: Berufe machen Kleider. Dem Geheimnis berufsspezifischen Anziehens auf der Spur. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-40625-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24974.php, Datum des Zugriffs 27.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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