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Julia Bee: Gefüge des Zuschauens

Cover Julia Bee: Gefüge des Zuschauens. Begehren, Macht und Differenz in Film- und Fernsehwahrnehmung. transcript (Bielefeld) 2018. 390 Seiten. ISBN 978-3-8376-3670-3. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Medien - Kultur - Analyse - Band 9.
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Thema

Mit dem Titel „Gefüge des Zuschauens“ macht die Autorin Julia Bee bereits deutlich, dass sie in ihrer Studie über Begehren, Macht und Differenz in der Film- und Fernsehwahrnehmung weder die Produktion noch die Rezeption in den Mittelpunkt stellt. Zwar wird Zuschauen als Substantiv genannt, jedoch als in einem Gefüge verwickeltes Tun vorgestellt, das in ihrem Buch inklusive seiner Verwicklungen genauer betrachtet wird. Sie selbst beschreibt ihr Vorgehen als eine „Methodik zur Erforschung audiovisueller Medienerfahrung aus der Perspektive eines spezifisch medienkulturwissenschaftlichen und medienphilosophischen Zugangs“ (9).

Autorin

Die Autorin Julia Bee promovierte 2015 am Institut für Medien- und Kulturwissenschaften der Heinrich-Heine-Universität. Ihre Dissertation, aus der das hier zu besprechende Buch hervorgeht, wurde 2016 als „Beste Dissertation der Phiolosophischen Fakultät“ der Heinrich-Heine-Universität ausgezeichnet. Seit Oktober 2016 ist sie als Juniorprofessorin für Bildtheorie an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender und Medien, Bild als Forschungsmedium bzw. Bilder der Forschung, Visuelle Anthropologie, Theorien von Wahrnehmung und Erfahrung, Zuschauer_innenforschung sowie Postkoloniale Theorie.

Aufbau

Das Buch beinhaltet neun Kapitel, die nicht zwingend aufeinander aufbauen.

  • Kapitel 1 umfasst die Einleitung, die bestimmte Termini definiert, aber auch in das Thema und Vorhaben Bees einführt.
  • Im darauffolgenden Kapitel „Diskussionen, Entwicklungen, Forschungsgegenstand“ erörtert die Autorin ihren theoretischen Rahmen, in dem Texte verschiedener Autorinnen und Autoren vorgestellt und mit ihrer Arbeit in Bezug gesetzt werden. Dieses Kapitel könnte auch als theoretische Einführung gelesen werden, obwohl Bee selbst in ihrer Arbeit den Anspruch hat, Theorie und empirische Beispiele nicht zu trennen, sondern gemeinsam zu diskutieren. Das theoretische Überblickskapitel verhilft jedoch im umfangreichen Forschungsgebiet und in den vielfältigen Ansätzen der Studie eine Übersicht zu bewahren. Sie schreibt darin selbst: „Dieses Vorhaben hat also ganz heterogene Einflüsse, die einerseits Methoden und andererseits kulturwissenschaftliche Theorien, Feminismus und feministische Science Studies, aber auch Philosophien von Wahrnehmung und Erfahrung miteinschließen.“ (31)
  • In ihrem dritten Kapitel geht Bee Philosophien von Wahrnehmung und Erfahrung nach.
  • Die letzten sechs Kapitel verschränken die theoretischen Bezüge sehr stark mit dem empirischen Material. Insbesondere hier wird das Gefüge deutlich, das sich aus den verschiedenen Elementen wie „Kontexten, Milieus, der Medialität der Forschungsapparatur und den Akteur_innen“ (10) zusammensetzt.

Inhalt und Diskussion

Als mediale Diskussionsartefakte wählt Bee den Film „The Dark Night“ unter der Regie Christopher Nolans und die erste Episode „Strange Love“ der Fernsehserie „True Blood“ des Regisseurs der Folge und Schöpfers der Serie Alan Ball. Als Vorbereitung organisierte sie mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Screening und ließ alle im Nachhinein eine Collage aus dem von ihr zur Verfügung gestellten Material aus Zeitschriften und Katalogen erstellen.

Diese von den TeilnehmerInnen erstellten Collagen versteht die Autorin als „Karten des Werdens“, die eigenständig mitwachsen sowie -wuchern und somit De- und Reterritorialisierungen sind. „Die Collage eines Teilnehmers lässt sich in der Anordnung als Beforschung von Stereotypen und Klischees sehen und zugleich als Kommentar auf die kulturelle Praxis der Serialisierung und der fast magischen Bildpraktiken der Verlebendigung […]“ (89, FN 184). Für die Erstellung der Collagen hatten sie 30 Minuten Zeit. Sie sind in Bees Arbeit von besonderer Bedeutung, da diese die ForschungsteilnehmerInnen dazu verhelfen, Artikulationsprozesse sichtbar zu machen. Die Collagen können hybrid verstanden werden, da sie etwas repräsentieren aber auch visualisieren, zudem sind sie Ausdrucksform nichtsprachlicher Intensitäten. Sie sind gleichzeitig „rezeptiv und produktiv“ (157). So rückt die Collage in die Nähe des Diagramms, das sich dadurch auszeichnet, nicht nur Medium einer Darstellung zu sein, sondern Neues darzustellen.

Bee verwendete für die Collagenerstellung Zeitschriftenmaterial, da die TeilnehmerInnen dadurch einen niedrigschwelligen Zugang bekamen, der es ihnen ermöglichte, die Collagen zu erstellen. Die Erstellung erfolgte so kreativ und kollaborativ, man brauchte keine Vorkenntnisse. Die Collage wurde zu einem Diagramm, zu einem Medium einer Darstellung, aber auch von Relationen. Sie ist auch hybrid, da sie nicht sprachliche Intensitäten ausdrückt. Die Collagen bergen sowohl medien- als auch kunstkritische Dimensionen in neuen Relationen. Bee beschreibt, wie die Collage im künstlerischen und wissenschaftlichen Bereichen beispielsweise von Sher Doruff und Corinna Dertnig verwendet wird. Text- und Bildcollagen sind dabei ein „point of entry“, also ein Eintrittspunkt in die Thematik, der die Entstehung von neuen Beziehungen ermöglicht.

In zwei Gruppenwerkstätten wurden der Film „The Dark Knight“ und die erste Episode der ersten Staffel der Serie „True Blood“ angesehen. Bei der Serie wurde im Anschluss die Collage hergestellt und eine Gruppendiskussion geführt, in der alle ihre Collagen vorgestellt haben. Letztere wurden beim Film erst in Einzelinterviews eine Woche nach der Erstellung besprochen. Die unterschiedlichen Vorgehensweisen sind der Absicht einer Methodenentwicklung geschuldet. Die Autorin ist selbst Teil der diskutierenden Gruppe, die sich über die Collagen austauschen und ihre Interpretationen erklären. Bees Interpretation wird demnach den anderen gleichgestellt, obwohl sie durch ihre Teilnahme an der Diskussion, diese manchmal in unterschiedlichen Ausmaß prägt.

Im Vordergrund steht dabei die Bewegung oder ein Dazwischensein im Gefüge des Zuschauens. Dies geht nicht primär von den Körpern aus, sondern von der Dauer, die die Körper umfasst. „Der Film, seine (Mikro-)Schocks und Resonanzen übertragen sich nicht als das, was sie 'sind', sie sind dem Anders-Werden immanent. Im Denken einer nicht genalogischen, sondern differenzierenden und schöpferischen Zeit, muss sich etwas immer anders ausdrücken, als es war […].“ (355) Auf den Gedanken William James' aufbauend, begreift sie Erfahrung als ein nicht subjektives Empfinden. Das affektive Erleben ist nicht nur auf der Seite des Subjekts sondern auch bei den Medien zu finden. So entsteht ein Gefüge. „Mediale Erfahrungen ereignen sich in einem Gefüge, welches sich in der daraus folgenden Analyse zunächst nicht in aktiv und passiv, Produktion und Rezeption aufspalten lassen wird. Praktiken und technische Apparate und Mediendispositive bilden vielmehr transitorische Netzwerke, deren Dis-/Kontinuitäten zu neuen Erfahrungen führen.“ (117) Auf der Basis von Bruno Latours ANT nähert sich Bee dem Gefüge, indem sie ihre Studie als ein Netzwerk von KollegInnen, TeilnehmerInnen, Filmen und Fernsehserien vorstellt. Ein Netzwerk, das einer produktiven Maschine gleicht, die sich stets erneuert und umverteilt. „Der Prozess, in sich vielfältig verzweigt, drückt nicht etwas aus, er ist reine Aufführung, Raumzeitlichkeit.“ (34)

Dabei geht es Bee nicht um eine Repräsentation von Ereignissen oder gar Meinungen, sondern um Artikulationsprozesse, die „transversal laufen und differieren quer zu den genannten Entitäten und darüber hinaus“ (36). Dabei verbindet Bee, Karen Barad diskutierend, feministische Theorie und die Holymorphismus-Kritik. Wichtig ist dabei die performative Hervorbringung von Differenz, die Bekanntes in Frage stellt und Wissen produziert: „Eine schöpferische Wissensanordnung geht von heterogenen Zusammenschlüssen differentieller und transversaler Gefüge, der Entanglements aus, die menschliche und nichtmenschlicher Akteur_innen auf der Ebene wellenförmiger Intra-aktionen, also unterhalb ihres Status als Entitäten, beschreiben und konstituieren.“ (38) Das produzierte Wissen kann nicht von der Existenzweise der Apparate aber auch nicht von ihrer Position getrennt werden. Es erweitert das Gefüge, das zudem von der Zeit und dem Ort der Wissensanordnung beeinflusst wird. „Performativität ist eine nichtmenschliche Intra-aktion, eingedenk der materiellen Prozesse, die allererst ein wissens-Phänomen als eine spezifische Handlungsweise ans Licht bringen und ins Licht setzen – womit eine Existenzweise gemeint ist, die mit der Wellenförmigkeit oder Teilchenfömigkeit des Lichts ontologisch korrespondiert.“ (39) Bee kritisiert mit Luciana Parisi, dass Barad nicht Wahrnehmung und Erfahrung mitdenkt und mit Virtualität verknüpft. Dramatisierung, wie Deleuze und Guattari den Begriff gebrauchen, meint die prozessuelle und transversale Entfaltung eines Milieus.

Es ist genau dieses Milieu, das nicht anhand von (Re-)Präsentationen analysiert werden kann. So betont Bee mit Massumi, dass innerhalb der Cultural Studies am Textparadigma festgehalten wurde und alle Phänomene als kulturelle Konstruktionen angesehen wurden (54). Ob Massumis Kritik haltbar ist, muss woanders diskutiert werden. Schließlich ist für Raymond Williams, der durch seinen Aufsatz „culture is ordinary“ durchaus einen kulturalistischen Ansatz der Cultural Studies gestärkt hat, der Erfahrungsbegriff für seine Überlegungen zentral – unter anderem taucht dieser in seinen Keywords auf und darüber hinaus wäre sein Konzept der Gefühlsstruktur ohne einen Erfahrungsbegriff wohl nicht denkbar. Lawrence Grossbergs Arbeiten zur Populärkultur stärkt im Anschluss an Williams den Kulturbegriff, der bei ihm allerdings ebenso immer als ein Prozess verstanden werden muss. Daraus resultieren die verschiedenen Bedeutungen, die eben nicht in einem Text verankert sind, sondern vielmehr durch ihre affektive Dimension verstanden werden können. Hier nähern sich Grossberg und Massumi in gewisser Weise also an, wenn auch Grossberg den Affekt nicht als autonom verstanden wissen möchte, sondern als kontextuell.

Für Bee ist der Affekt nicht ausschließlich ein menschlicher Prozess. „Der Affekt funktioniert nicht ausschließlich für menschliche Prozesse der Rezeption und ist daher für eine Perspektive des Gefüges sehr fruchtbar, der er die unterhalb der Einheiten stattfindenden transversalen Austausch- und Emergenzprozess fokussiert.“ (56) In ihrer Mikroempirie geht Bee nicht nur Affekten und Perzepten nach, sondern diskutiert auch deren Konzepte. Auf den Schriften von Williams James aufbauend, diskutiert sie wie Mediatisierung und Erfahrung verbunden werden können. Dabei gibt es nicht-anthropozentrische Empfindungen und Wahrnehmungen, die in Erfahrungen münden. Die Erfahrungen sind virtuell und wirklichkeitsschaffend sowie einem laufenden Wandel unterzogen. Sie sind transversal und ein Prozessereignis, denn sie werden nicht durch das Subjekt zusammengesetzt. Um ihre theoretischen Zugänge zu veranschaulichen zeichnet Bee anhand des Intros von „True Detective“ Ausstauschprozesse zwischen menschlichen und nicht-menschlichen AkteurInnen nach. Die menschlichen Körperfiguren lassen im Vorspann in die Landschaft blicken und erzeugen mit der Atmosphäre ein Milieu aus unterschiedlichen Mikronarrationen, die durch ein Bild angedeutet werden, die bereits durch ein neues Bild neue Narrationen entstehen lassen. Die Umwelt entfaltet sich hier prozessual wie in einem 'stream of consciesness'. Im Vorspann und der Interpretation desselben erkennt man die Inszenierung von Erfahrung. Es ist die Erfahrung, die in den Medien eingeht, durch sie jedoch nicht repräsentiert wird, sondern die Medien werden „selbst zur Form der Mobilisierung von Erfahrungskonzepten“ (119).

Fazit

Bees Buch „Gefüge des Zuschauens“ beinhaltet einen sehr erfrischenden Zugang der Medienforschung, da sie nicht differenzierenden Charakteristiken von Produktion und Rezeption nachgeht, sondern zeigt, wie die beiden Begriffe ineinander verschränkt sind und somit nach neuen Ansätzen verlangen. Durch ihren experimentellen Zugang mittels Collage zeigt Bee eine Möglichkeit vor, wie Affekte und Perzepte als Gefüge, Prozesse und Kräfte verstanden werden können. Zuschauen emanzipiert sich von der dichotomen Gegenüberstellung einer aktiven und passiven Seite und offenbart Zuschauen als „eine eigene Praxis, eine Mikropolitik: Ganz anders und doch im medialen Gefüge zu verstehen – eine Autonomie des Zuschauensals Relationalität des Ereignisses“ (355).


Rezensent
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
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Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 23.04.2019 zu: Julia Bee: Gefüge des Zuschauens. Begehren, Macht und Differenz in Film- und Fernsehwahrnehmung. transcript (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-8376-3670-3. Reihe: Medien - Kultur - Analyse - Band 9.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24975.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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