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Carl Leibl, Gislind Wach u.a.: Hilferuf Essstörung

Cover Carl Leibl, Gislind Wach, Ulrich Voderholzer: Hilferuf Essstörung. Rat und Hilfe für Betroffene, Angehörige und Therapeuten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 197 Seiten. ISBN 978-3-17-022127-7. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Die Autor*innen möchten in diesem Band das Wissen zu den häufigsten Essstörungen übersichtlich und verständlich zusammentragen, ihre (psycho-) therapeutischen Erfahrungen in diesem Bereich weitergeben und Betroffenen und ihren Angehörigen eine (erste) Orientierung ermöglichen.

Autor*innen

Die drei Autor*innen des Buchs sind alle Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie. Karl Leibl und Ulrich Vorderholzer sind oder waren in ärztlich leitender Stellung in einer spezialisierten Klinik tätig, während Gieslind Wach eine eigene spezialisierte Praxis unterhält.

Aufbau

Der Band zerfällt in 3 große Teile:

  1. Im ersten Teil werden die häufigsten Essstörung sowie die mit ihnen möglicherweise einhergehenden weiteren psychischen Störungen beschrieben.
  2. Im zweiten Teil geben die drei Autor*innen therapeutische Anregungen aus ihrer Praxis.
  3. Im dritten Teil erhalten Betroffene und ihre Angehörigen eine Orientierung für die nächsten Schritte zur Selbsthilfe.

Inhalt

Teil 1

Eingeleitet wird der erste Teil durch ein Kapitel, das Betroffenen, Professionellen und Angehörigen Hinweise auf eine Gefährdung oder bereits manifeste Essstörung gibt. Erste Warnzeichen sind die übermäßige Beschäftigung mit Gewicht, Aussehen und Körperform. Bei fast allen Essstörungen besteht das subjektive Gefühl zu dick zu sein.

Wo Menschen trotz negativer Folgen und gesundheitlicher Gefährdung ständig essen und zunehmen, besteht für die Umgebung klar eine Essstörung. Schwieriger wird es, wenn die Störung eher im Kontrollbereich liegt. Das Bedürfnis nach Kontrolle und die Angst vor dem Kontrollverlust manifestieren sich hier im Nicht-Essen, aber auch im Kalorienzählen, dem Beschäftigen mit Inhaltsstoffen der Nahrung und dem Ritualisieren von Essen.

Ernstere Alarmzeichen sind die negativen Folgen bereits bestehender Essstörungen wie Ausbleiben der Regel, Stimmungsschwankungen, Depression, Heimlichkeiten in Bezug auf Essen, Erbrechen, Einnahme von Abführmitteln und Kontrollverlust beim Essen. Diese Alarmzeichen sind zuverlässiger als die Figur – es gibt durchaus dicke und sehr dünne Menschen, die keine Essstörung aufweisen, während viele Normalgewichtige damit kämpfen.

Als psychosomatische Erkrankung tragen viele körperliche und seelische Faktoren zu einer Essstörung bei. Eine Gefährdung liegt vor bei einem grundlegenden Gefühl der Unzulänglichkeit, bei einer negativen Wahrnehmung der eigenen Körperformen, einer herabgesetzten Wahrnehmung von Körperempfindungen wie Hunger und Durst, aber auch Kälte und Schmerz.

Die Beschäftigung mit Essen und Nicht-Essen nimmt bei zunehmender Gefährdung einen immer größeren Teil des Tages ein und entscheidet über den emotionalen Zustand.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen gehen die Autor*innen auf die wichtigsten Essstörungen ein und beschreiben im Detail

  • Magersucht
  • Ess-/Brechsucht
  • Heißhungerstörung
  • Fettleibigkeit

Diese Störungen werden ausführlich mit den im ICD und DSM verzeichneten Merkmalen beschrieben, Warnzeichen aufgeführt und Symptome behandelt.

Kürzer behandelt werden weniger bekannte und verbreitete Essstörungen wie Pica (Essen ungenießbarer Stoffe), Ruminationsstörungen sowie weitere atypische Fütter- und Essstörungen.

In den folgenden Abschnitten gehen die Ärzt*innen auf die körperlichen Folgen der verschiedenen Essstörungen ein.

Dabei beklagen Sie, dass gegenwärtig die negativen Folgen von auch nur geringem Übergewicht in der öffentlichen Wahrnehmung übertrieben wahrgenommen werden, während die negativen Folgen von Unter- und Mangelernährung – dem aktuellen Schönheitsideal entsprechend – heruntergespielt werden. Fettleibigkeit ist natürlich ein Risikofaktor für die Gesundheit, der jedoch häufig bei weitem überschätzt wird. Häufig entsteht Fettleibigkeit ja erst auch erst durch Fasten und viele Diäten.

Die negativen Folgen von Unterernährung werden dagegen selten wahrgenommen, obwohl die Magersucht die Essstörung mit der höchsten Todesrate darstellt (Zahlen zwischen 10 und 20 Prozent). Auch bulimische Patient*innen sind in allen Körperfunktionen eingeschränkt, Kreislauf und Hormonsystem eingeschlossen. Wassereinlagerungen und entzündete Speicheldrüsen mit einem mumpsartigen Aussehen wirken geradezu dem gewünschten schlanken Eindruck entgegen. Erbrechen und Abführmittel rauben dem Körper wichtige Stoffe und Osteoporose ist nur eine der gravierenden Folgen. Auf einem Schaubild werden die negativen gesundheitlichen Gesamtfolgen bei Magersucht und Bulimie dargestellt.

Teil 2

Im zweiten Großkapitel werden psychische Störungen aufgeführt, die oft Hand in Hand mit Essstörungen gehen, wobei diese Störungen sowohl Ursache als auch Folge der Essstörung sein können.

Nicht nur Patient*innen mit Magersucht oder Bulimie leiden an depressiven Verstimmungen bis hin zu majoren Depressionen und Selbsttötung, sondern alle Essstörungen fördern Depressivität und Depressivität fördert Essstörungen.

Neben der Depressivität als übersignifikant häufigster Begleiterkrankung besprechen die Autor*innen dann Persönlichkeitsstörungen mit den Polen überimpulsives Verhalten (vor allem bei Bulimie und Binge Eating) und zwanghaftes Verhalten (bei Magersucht).

In jüngerer Zeit mehren sich die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen AD(H)S und Essstörung. Zwanghafte Elemente finden sich bei den meisten Essstörungen durch die zwanghafte Beschäftigung mit Körpergewicht und Essen. Essen vermeidende Essstörungen vermitteln ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit, auf das Zwangsgestörte nur schwer verzichten können.

Ein krankhafter Bewegungszwang und -drang der essgestörten Patient*innen ist von normaler sportlicher Betätigung zu unterscheiden. Er dient nicht der Freude an der Bewegung, sondern der Verbrennung von Kalorien. Die Patient*innen können auf die Bewegung nicht verzichten, auch wenn sie darunter leiden. In der Therapie ist es sehr schwierig, den Bewegungsdrang zu begrenzen oder in ungefährliche Aktivitäten überzuleiten.

Substanzkonsum tritt vor allem bei Essstörungen auf, die sich durch Kontrollverlust auszeichnen.

In kürzeren Kapiteln werden mögliche Zusammenhänge zwischen Essstörungen und Autismus, Angststörung, Trauma und posttraumatischer Belastungsstörung behandelt.

Suizidalität ist bei allen Formen von Essstörungen eine Gefahr, die in der Behandlung im Auge behalten werden muss.

Teil 3

Im dritten Großkapitel behandeln die Autor*innen die therapeutische Arbeit mit essgestörten Patient*innen, die – bei aller Ähnlichkeit der Symptome – bei der individuellen Geschichte der Essstörung bei der einzelnen Patientin beginnen muss. Die Essstörung selbst ist ein Symptom oder ein Selbsthilfeversuch. Von ihr wird erst befreit, wer die dahinter liegenden Nöte und Gründe gelöst hat. Symptomreduktion ist kein nachhaltiger Weg in die Heilung. Zu all diesen Ausführungen finden sich im Buch Fallbeispiele.

Essstörungen ermöglichen Spannungsreduktion und Kontrollerleben und beginnen deshalb häufig in der schwierigen Zeit der Pubertät. Aber auch andere große Rollen- und Lebensabschnitts-Übergänge sind gefährdet, in eine Essstörung zu führen.

Häufig werden die eigentlichen Ursachen erst deutlich, wenn durch ein Normalgewicht am untersten Rand eine gewisse Stabilität erreicht ist, denn lang anhaltender Hunger ruft Essstörungen oft erst hervor und verdeckt den Blick auf die eigene Befindlichkeit.

Danach widmen die Autor*innen ein Kapitel der Achtsamkeit. Achtsamkeitsübungen mit ihrer Mischung aus Meditation und Akzeptanz dessen, was ist im Augenblick ist, spielen heute eine große Rolle in der Therapie von Essstörungen. Auch Imaginationsübungen in der Tradition z.B. von Susie Orbach (einer amerikanischen Therapeutin – „Das Anti-Diät-Buch“) haben einen festen Platz in der Therapie. Kernpunkt einer Therapie sollte nicht die Abstinenz sein, sondern die Qualität eines Lebens ohne die Droge der Essstörung sollte locken. Diese Qualität kann in Imaginationsübungen beschworen werden.

Teil 4

Im 4. Teil ihres Buches wenden sich Leibl, Wach und Voderholzer direkt an Betroffene und raten ihnen zu kurz- und langfristigen Schritten. Sie skizzieren einen idealtypischen Therapieverlauf:

Eine Patientin, die ihr essgestörtes Verhalten zunächst als Befreiung von ihren Sorgen um Figur und Körpergewicht erlebt, wird in der Regel durch negative körperliche Folgen der Störung eine Praxis aufsuchen. Gemeinsam mit eine*r Therapeut*in kann nach lebensgeschichtlichen Phasen des gestörten Essverhaltens geforscht werden; ein Esstagebuch oder Essprotokolle können die akuten Muster und Auslöser aufzeigen.

Neben den ambulanten Möglichkeiten werden auch Vorteile und Schwierigkeiten der stationären Therapie von Essstörungen behandelt.

Ob ambulant, Tagesklinik oder stationäre Behandlung: überall gibt es Phasen im therapeutischen Prozess, die sich ähneln und die im Buch beschrieben sind.

In diesem Kapitel findet sich auch eine ausführliche Beschreibung der Behandlung in der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee, in der zwei der Autor*innen tätig sind bzw. waren.

Danach werden zunächst Vor- und Nachteile einer medikamentösen Therapie nach heutigen Standards diskutiert und weiterhin werden noch spezielle Therapieelemente dargestellt, die sich als hilfreich erwiesen haben, z.B. Ernährungsberatung, Anti-Diät-Programme, Lehr- und Versuchsküche, Körpervideo, Entspannungs- und Bewegungstherapie, Kunst, soziale Gruppentherapie und Familientherapie.

Am Schluss des Buches wenden sich die Autor*innen explizit an Betroffene und deren Angehörige und geben Ratschläge zum Finden der richtigen Selbsthilfegruppe und der passenden Therapeut*in. Ein Adressverzeichnis ebnet den direkten Weg in die Hilfe.

Fazit

Ein knappes, aber umfassendes Kompendium der Essstörungen und ihrer Therapiemöglichkeiten für eine breite Leserschaft aus Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten. Diese Heterogenität der Zielgruppe spiegelt sich manchmal in der Heterogenität der Texte, die sich an Komplexität und vorausgesetztem Fachwissen sehr unterscheiden, aber sicher für Fachleute wie Betroffene eine Fülle wichtiger Informationen und Anregungen enthalten.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 01.04.2019 zu: Carl Leibl, Gislind Wach, Ulrich Voderholzer: Hilferuf Essstörung. Rat und Hilfe für Betroffene, Angehörige und Therapeuten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-022127-7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24976.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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