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Wolfgang Schmidbauer: Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus

Cover Wolfgang Schmidbauer: Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus. Seelische Verletzbarkeit in der Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. 234 Seiten. ISBN 978-3-608-89230-7. D: 30,00 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Begriff des Narzissmus hat Hochkonjunktur. Titel wie „Der narzisstische Vater“, „Die narzisstische Mutter“ (beide Sven Grüttefien, 2018), „Ein Narzisst packt aus“ (Leonard Anders, 2018) oder „Borderline-Störung und pathologischer Narzissmus“ (Otto Kernberg, zuerst 1985) spiegeln den Facettenreichtum seiner Ausprägungsformen und verdeutlichen, dass eine semasiologische Aufbereitung nicht unkompliziert ist. Mit seiner aktuell jüngsten Buchpublikation bewegt sich Wolfgang Schmidbauer also auf einem weiten Forschungsfeld, dessen Implikationen für die Theorie und Praxis der Arbeit mit Menschen zwar offensichtlich, aber dennoch schwer auszutarieren sind. Die nahezu banale Diagnose „Narzissmus“ mit der mitunter extremen Pathologie der narzisstischen Persönlichkeitsstörung trifft nicht nur viele Individuen in modernen und postmodernen Gesellschaften, sondern sie erstreckt sich auf politische und gesellschaftliche Fragestellungen des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, wie etwa die Untersuchungen von Christopher Lasch (Das Zeitalter des Narzissmus, 1986), Hans-Joachim Maaz (Die narzisstische Gesellschaft, 2012) und Bärbel Wardetzki (Narzissmus, Verführung und Macht in Politik und Gesellschaft, 2018 ) illustrieren. Zudem scheint der Begriff nahezu alle geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen zu durchwandern, sodass neue Publikationen den impliziten Imperativ in sich tragen müssten, nicht in noch stärkerem Maße die Bresche einer Multiperspektivität zu weiten, in der alle Festlegungen zu verschwinden drohen. Entweder sollten diese Neuerscheinungen eine Essenz, eine Art Substrat des Narzissmus für zukünftige Studien destillieren oder den Status quo so darstellen, dass sich die einzelnen Formen des Narzissmus entfalten.

Schmidbauer stellt sich sehr dezidiert der Vielfalt. Dabei verhandelt er nicht nur den Narzissmus in seinem ganzen Spektrum, sondern ebenso Kränkungen, die die Art und Weise des Umgangs mit Narzissmus indizieren. Die Formulierung des Titels, „Die Geheimnisse der Kränkung und die Rätsel des Narzissmus“, legt nahe, dass der Autor keine schnellen Lösungen für narzisstische Problematiken offeriert.

Autor

Nach seinem Studium der Psychologie in München promovierte Wolfgang Schmidbauer (geb. 1945) ebendort mit der Arbeit „Mythos und Psychologie – Methodische Probleme, aufgezeigt an der Ödipussage“. Seit 1973 ist Schmidbauer in eigener Praxis als Einzel- und Gruppentherapeut sowie Supervisor tätig. Bekannt geworden ist er als Autor einer Vielzahl von Werken zu psychologischen sowie psychotherapeutischen Themen, so etwa mit dem Titel „Die hilflosen Helfer“ (1977) oder „Jetzt haben, später zahlen“ (1995). Laut Wikipedia-Eintrag gehört Schmidbauer zu den „aktivsten Fachschriftstellern in Deutschland“ (www.wikipedia.de, 18.03.2019). Neben seinen Buchpublikationen schreibt Schmidbauer wöchentliche Kolumnen zu paartherapeutischen Themen im „Zeit-Magazin“. Er ist des Weiteren Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für analytische Gruppendynamik und Lehranalytiker der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse.

Aufbau und Inhalt

Zwischen einer ausführlichen Einleitung und einem knapp angelegten Schluss liegen 14 lose aneinandergereihte und durchaus auch einzeln lesbare Kapitel, in denen Schmidbauer unterschiedliche Teilaspekte des Narzissmus und der Kränkbarkeit fokussiert. Nahezu alle Kapitelüberschriften (Ausnahmen bilden lediglich Nr. 5 und Nr. 14) enthalten die Begriffe „Geheimnis“ oder „Rätsel“.

Es sei kaum möglich, eine Grenze zwischen gesundem Streben nach Bewunderung und narzisstischer Störung zu ziehen, denn sowohl die „Betrachter“ als auch die jeweils „Betrachteten“ reagierten auf Kulturen und Kontexte. Die in der Einleitung aufgeworfene Frage, „Was ist eine narzisstische Störung und wer benennt sie?“, lässt sich daher nur mit Einschränkungen beantworten. Als Freudianer kann Schmidbauer festhalten, dass „die narzisstische Störung als Bindung an Größenvorstellungen und primitive Liebesansprüche“ (S. 11) gilt. Nachdem das kleine Kind seine Libido auf Bezugspersonen gerichtet habe und dieses Streben nach Liebe möglicherweise enttäuscht worden sei, ziehe sich die Libido wieder auf das eigene Ich zurück. Das Individuum sei extrem kränkbar und ausschließlich auf sich selbst bezogen, eine Therapie ergebe nur dann einen Sinn, wenn der „narzisstisch Gestörte“ (S. 12) bereit sei, mit einem Therapeuten an der Störung zu arbeiten. Zum Problem werde die narzisstische „Bedürftigkeit“ vor allem dann, wenn sie mit „impulsivem Handeln“ verbunden sei (S. 14). Ein Charakteristikum der Störung sei die Unfähigkeit, die von Kränkungen ausgelösten „Impulse von Flucht oder Angriff (Angst oder Wut)“ zu steuern. Mit einem solchen automatisierten Handeln werde die Größenvorstellung des narzisstisch geprägten Menschen bedient, die er als Panzer um seine seelische Verletzlichkeit gelegt habe.

Auch Verhaltensweisen gesellschaftlicher Gruppen könnten als Narzissmus gedeutet werden, jedoch solle man sich in dieser Hinsicht vor einem vorschnellen Urteil hüten. Oftmals verwischten die Konturen zwischen Narzissmus und Egoismus. Während ein ausgeprägtes Anspruchsdenken ein Hauptmerkmal von Egoismus sei, gehe Narzissmus im klinischen Sinn so gut wie immer mit Depressionen, Ängsten und Instabilität in Beziehungen einher. Schmidbauer wendet sich darüber hinaus gegen Ferndiagnosen, wie sie etwa zu Trump vorgenommen worden sind und betrachtet Ansätze, die Gesellschaft als solche wie einen Patienten zu analysieren mit großer Skepsis.

Kapitel 1 („Das Geheimnis des verschleierten Bildes“) würdigt Sigmund Freuds grundlegende Schrift zum Narzissmus („Zur Einführung des Narzissmus“, 1914), weil sie den meisten folgenden überlegen sei. Freud konstruiere einen „primären Narzissmus“, basierend auf der Annahme, dass jeder Mensch in seiner frühen Entwicklung ein Narzisst sei. Jedes Kind glaube an die Allmacht der Gedanken und die magische Zauberkraft von Worten, was auch für Menschen mit Vorstellungen von Größenwahn prägend sei. Im Normalfall gründe das weiter entwickelte und schließlich erwachsene Selbstgefühl auf einem Balanceakt: Reste des primären, kindlichen Narzissmus halten sich die Waagschale mit der Erfüllung des von den Eltern initiierten Ich-Ideals und mit der Befriedigung der Objektlibido, der nach außen gerichteten Liebe.

Freuds Theorie des Narzissmus müsse indessen um eine wesentliche Komponente erweitert werden, nämlich um die Dimension der existenziellen Bindung, die sich durch die Triebtheorie nicht fassen lasse. Hier sei die Angst des Kindes, nicht allein überleben zu können, zu berücksichtigen. Während diese Angst im Normallfall durch die Mutter gestillt werde, könne man bei Heimkindern insofern Distanzlosigkeit beobachten, als sie oft bereit seien, jedes weibliche Wesen als Mutter zu akzeptieren. Umgekehrt werde in symbiotischen Liebesbeziehungen die Idealisierung der Mutter repetiert, wobei das geliebte Gegenüber zum Selbstobjekt mutiere. „Das Selbstobjekt wird in den meisten Fällen durch Verliebtheit introjiziert und zum Aufbau eines erweiterten Selbstgefühls verwendet“ (S. 31). Der „Rückbau“ sei unendlich schmerzhaft und resultiere in Eifersucht, Stalking und destruktivem Handeln.

Geschlechtsunterschiede, so zeigt Schmidbauer, bedingen, dass ein Junge das Anderssein seiner Mutter wahrnehme und Angst habe, dass sein Penis zu klein sein sei, um den Mangel bei der Mutter auszugleichen. Die Angst, aus diesem Grund verlassen zu werden, könnte für Störungen im Selbstgefühl erwachsener Männer verantwortlich zeichnen. Viele Männer verwandelten diese Angst des Kindes in aktives Handeln. Demgegenüber sei der Aufbau eines guten Selbstgefühls ein dynamischer Prozess. Die Libido richte sich nach außen, werde aber wieder zurückgezogen, wenn „die Versuche scheitern, ein Selbstobjekt zu besetzen“ (S. 34). Dann drohe die Regression auf die Bastion eines primitiven Narzissmus, von wo aus auf jede Kränkung maximal reagiert werde. Aus Angst vor Kränkung entwickle die betreffende Person großes Misstrauen gegenüber anderen. In der offensiven Variante könne hier Stalking entstehen, in der Variante der defensiven Verarbeitung zeige sich eventuell eine Depression.

Im zweiten Kapitel, „Das Geheimnis der unterschiedlichen Kränkbarkeit“, geht Schmidbauer auf Spurensuche in puncto Genese der Kränkbarkeit. Der Mensch sei von Anfang an ein Kontaktwesen und, so wie John Bowlby herausgefunden habe, verfüge er von Geburt an über Verhaltensmodi, die der Mutter seine Bedürfnisse nach Beziehung verdeutlichten. In der Fähigkeit der Erwachsenen, eine frühe Dysfunktionalität in der Mutter-Kind-Beziehung zu kompensieren, gebe es immense Unterschiede. Kaum würden dafür ererbte Kompetenzen allein entscheidend sein, sondern ein wechselseitiger Interaktionsprozess von Vererbung und Umwelt. Neben dieser Art genetischer Heredität gebe es auch eine seelische insofern, als eine traumatisierte und verunsicherte Mutter nicht in der Lage sei, ihrem Kind genug Sicherheit zu geben, was die Mutter in ihrer Selbstbeurteilung und in den Augen des Kindes ganz folgerichtig nicht als gute Mutter bestätige. Wenn die Mutter keine stabilisierende und schützende Haltung einnehmen könne, dann folgten daraus massive Störungen in der Art und Weise, wie Kränkungen verarbeitet werden.

„Das Rätsel der Suche nach Unlust“ (Kap. 3) lässt sich kaum lösen, geht aber einher mit dem Verlust von Sicherheit und dem Streben, diese zu restaurieren. Dieses Streben sei bei narzisstisch belasteten Menschen so stark, dass allen anderen Impulsen der Garaus gemacht werde. Es bestehe in diesen Menschen der Wunsch, dass die Liebesbeziehung perfekt und harmonisch sei, Zielvorstellung sei ein ideales Gegenüber, ein „Selbstobjekt“, das durch seine Liebe von allem Mangel erlöse. „Das Selbstobjekt hat die Funktion einer Plombe, die das verletzte Ich stabilisiert. Der Teufelskreis unverarbeiteter Kränkungen entfaltet sich, wenn die so entstandene Abhängigkeit frustrierende Einschränkungen auferlegt. Aus ihnen wachsen Wutphantasien, das einschränkende Objekt zu zerstören. Diese lösen Panik aus, es zu verlieren“. (S. 66 sq.). So wachse die Panik weiter und damit gleichermaßen die Angst, das Objekt einzubüßen.

Kapitel 4, „Das Rätsel der Rachsucht“, positioniert Rache und mit ihr Affekte der Wut als „Symbol und Signal“ (S. 69) der menschlichen Bedürftigkeit nach Bindung und Nähe. Versuche, die sich in der Rache Ausdruck verschaffende Aggression in kulturell kodierte Über-Ich-Gebote zu kanalisieren brächten kaum den gewünschten Erfolg. Narzisstisch geprägte Personen neigten dazu, in Racheakten, in extremster Form in Selbstmordanschlägen, ihr belastetes Selbstwertgefühl paradoxerweise qua Vernichtung auf das Podest medialen Interesses zu erheben.

Das menschliche Selbstgefühl sei in Realität und Imagination verankert – so die grundlegende These in Kapitel 5, „Ein Modell des Selbstgefühls“. Größenfantasie sei insofern normal, als sie uns vor den Schrecken des Lebens schütze und den notwendigen Mut zu Risiken bzw. ein Vertrauen in das Gelingen eines Projekts bereitstelle. Daraus erwachse ein Selbstgefühl, das von außen unterstützt werde, durch Freundschaft und Liebe einerseits sowie beruflichen Erfolg andererseits. Eine solche „primäre Grandiosität“ müsse aber vor einem „primitivem Narzissmus“ bewahrt werden, in dem das Objekt der Liebe nur „ganz gut oder ganz böse“ sein könne (S. 77). Außerdem seien Übergangsobjekte wertvolle Stützen des Selbstgefühls, da sie eine Verbindung von innerer und äußerer Welt darstellten. Ein Kleinkind übertrage einem Kuscheltier die Eigenschaften der Mutter, später wandle sich das Übergangsobjekt zu einem „Symbol für die menschliche Kultur“, lenke den Menschen von seinem existenziellen Elend ab, sei eine Hilfskonstruktion, die allerdings die Gefahr einer Verlagerung des Wesentlichen auf Unwesentliches in sich berge. Haustiere seien für viele Erwachsene unverzichtbare „Übergangs- und Selbstobjekte“, sie böten vor allem traumatisierten Menschen ein Modell für einen konfliktfreien Umgang mit Bedürfnissen.

Mit einer fiktiven Fallgeschichte verfolgt Kapitel 6 „das Rätsel der Frau, die nicht essen konnte“. Die von ihrem Mann getrennt lebende und unter Panikattacken leidende Frau L. vermeide systematisch das gemeinsame Essen mit ihren Eltern. Als Kind habe sie unter der Depressivität ihrer Mutter gelitten und sich vorgestellt, dass sie die Mutter mit Essen heilen könne. Doch die Mengen, die zu diesem Ziel geführt hätten, habe sie gar nicht verschlingen können, was zu einer mangelnden emotionalen Regelung von Hunger und Sättigung geführt habe. In ihrer Ehe habe Frau L. bemerkt, dass ihr Mann ihrer Mutter sehr ähnlich sei, er als Identifikationsobjekt mit der Mutter hergehalten habe. Er sei depressiv gewesen und habe mit Selbstmord gedroht. Durch die Ehe habe Frau L., so folgert Schmidbauer, sowohl ihr Selbstgefühl als auch ihre erotischen Bedürfnisse stabilisiert, dabei aber keine Autonomie erlangt. Sobald ihr Ehemann „seine Rolle als Plombe für einen Mangel an einer Identifizierung mit der Mutter“ verloren habe, seien die Panikzustände in Erscheinung getreten.

„Das Rätsel der Grenze zwischen Egoismus und Narzissmus“ (Kap. 7) erläutert Schmidbauer, indem er eine Unterscheidung zwischen „gesundem“ und „krassem“ Egoismus trifft. „Gesunder Egoismus“ sei „reifer Narzissmus“, „krasser Egoismus“ hingegen „eine Reaktionsbildung gegen die narzisstische Sehnsucht, durch altruistische Hingabe mit dem Selbstobjekt zu verschmelzen“ (S. 121). Die hier gewählten Beispiele beleuchten Frauen, deren Ehemänner jeweils ihre Mütter symbolisierten, weil jene den Mangel an früher Mutter-Kind-Symbiose ausglichen. Alle Frauen hätten daneben Liebhaber, von denen sie sich Kinder wünschten. In der außerehelichen Beziehung fänden sie den „idealisierten Vater“ (S. 125), den sie nie gehabt hätten.

Heinrich von Kleist und Henriette Vogel können als repräsentativ für „das Geheimnis der Todespartnerschaft“ (Kap. 8) gelten. In diesem Fall habe die Emanzipation von den Eltern als Selbstobjektverlust gewirkt, der vom „Scheitern in den Ansprüchen des aktiven Selbstgefühls“ (S. 130) noch verstärkt worden sei. Seine suizidalen Impulse habe Kleist quasi abgesichert, indem er einen Partner für den Tod gesucht habe. Henriette Vogel sei eine Art „Zwilling“ für die Transition vom Leben in den Tod, eine Variante eines Übergangsobjekts gewesen und habe in seiner Fantasie seine inneren Spannungen lösen können.

Mit dem sogenannten „Machiavelli-Fehler“ könne man „das Rätsel der Undankbarkeit“ (Kap. 9) analysieren. Für einen Fürsten sei es ein Trugschluss anzunehmen, dass die Untertanen ihm mehr Dankbarkeit zeigten, wenn er sie zu Beginn seiner Herrschaft an seiner Macht und seinem Reichtum großzügig partizipieren ließe. Hier liege eine paradoxe Logik, denn für alle Wirbeltiere gelte das Gesetz der „intermittierenden Verstärkung“ (S. 141). Jeder Mensch verfolge ein Ziel hartnäckiger, wenn der Erfolg nicht sicher sei. Dankbarkeit sei eine Illusion, wenn die Güter a priori zur Verfügung stünden. „Der Machiavelli-Fehler wurzelt in der Illusion einer Symmetrie der Erwartungen. Der Fürst, welcher alles schenkt, was er hat, lebt in einer Erwartung, die wir symbiotisch nennen dürfen: Er wird durch sein Geben die Beschenkten dazu bewegen, dass sie ihm mit ebenso großer Aufopferung begegnen wir er ihnen“ (S. 142 sq.).

„Das Rätsel der Blutsbrüder“ (Kap. 10) lässt sich mit einem Rekurs auf Karl May erhellen. Das Erbe der Symbiose eines frühen, primären, Narzissmus sei die „Selbstobjektbeziehung“. Ein Mensch erweitere sein eigenes Selbst in eine andere Person hinein, wobei das Resultat im besten Fall zwei Partner seien, die sich in ihrer Reziprozität gegenseitig bräuchten, um ihr Selbstgefühl zu steigern. Blutsbrüderschaften schließen Old Shatterhand und Winnetou. Winnetou sei ein „Spiegel-Zwilling“, der es Shatterhand (und umgekehrt auch Winnetou) erlaube, die korrigierende Erfahrung einer guten Bezugsperson zu machen und damit die früher durch reale Bezugspersonen zugefügten Verletzungen post festum zu heilen. Die dahinter dräuende Unsicherheit im Selbstgefühl habe Karl May selbst gespürt und ihn in letzter Konsequenz zum Hochstapler und Betrüger werden lassen.

„Negative capability“ (S. 162) sei der Kern des „Geheimnisses der Inkompetenz-Kompetenz“ (Kap. 11). Mit ihm geht ein Plädoyer dafür einher, sich Inkompetenz einzugestehen, mit anderen Worten „Kompetenzlosigkeits-Kompetenz“, die moderne Spielart des Sokratischen „scio nescio“ zu akzeptieren. Dazu seien viele Menschen nicht in der Lage. Möglich werde dies gleichwohl in einem reifen Narzissmus, der mit einem stabilen Selbstgefühl und mit Ambivalenztoleranz verquickt sei.

Das längste Kapitel des Buches (12 „Das Rätsel der Paarbindung“) hebt an mit der Definition von Verliebtheit als „schöpferische Illusion“. Mit ihr sollten sexuelle Anziehung und fürsorgliche Bindung vereint werden (vgl. S. 174). Die Entstehung des Paars sei sowohl in der biologischen als auch kulturellen Evolution zu verorten. Am Anfang der Paarbindung stehe die Bindung zwischen Mutter und Kind. Im Laufe der Evolution habe diese eine Sexualisierung durchlaufen. Während das Paar in früheren Epochen der Menschheitsgeschichte durch Sippe und Familie gestützt worden sei, hätten viele Paare heute „kein gemeinsames Außenskelett“ (S. 179) mehr. Zudem seien beide Partner für das Gelingen ihres Zusammenlebens verantwortlich. Theoretisch könne das dafür erforderliche Maß an Empathie ausgebildet werden, was aber in der Lebenspraxis oftmals nicht gelinge. Paare, die von einer Blase der Symbiose umschlossen würden, seien immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert, hätten Enttäuschungen zu verarbeiten und Gefühle der Wut zu dämpfen. Oftmals sei ein Partner nicht dazu in der Lage, das Verhalten seines Gegenübers mit dessen Ängsten zu verknüpfen. Im Gegensatz dazu könnten Aggression und Entwertung problemlos benannt werden. Zentrale Aufgabe einer Paaranalyse sei es, den Partnern die steinzeitliche, den Menschen der Moderne unbewusste „fight“- oder „flight“-Alternative zu vergegenwärtigen und sie in eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Ängsten münden zu lassen.

Um die pflegebedürftigen Eltern kümmere sich meistens das erwachsene Kind, so laute sein eigenes Urteil und oft auch das der Geschwister, das am wenigsten geliebt worden sei. So lasse sich „das Rätsel der paradoxen Gegengabe“ (Kap. 13) auf den Punkt bringen. Eine Fallgeschichte offenbart eine Rolleninversion: die Tochter strenge sich an, die Mutter vor Widernissen zu bewahren, könne aber nicht alle Angst und Kummer von ihr fernhalten. In einer normalen Mutter-Tochter-Beziehung hätte die Mutter für ihre Tochter gesorgt, in diesem Fall sei es umgekehrt. Die Tochter sei bestrebt, der mangelnden Bindung aus der Kindheit ein positives Modell entgegenzusetzen.

Kapitel 14, „Der Narzissmus und das Bild“, führt mitten hinein in aktuell virulente Debatten um den (Un-)Wert von Bildern als Sprachersatz. Die alltägliche Gegenwart von Bildern, sei es in sozialen Netzwerken oder in eher „traditionelleren“ Medien wie Fernsehen, nehme allen existenziellen Fragestellungen, aller Sinnsuche oder auch Selbstkritik, den Wind aus den Segeln. Medien, so Schmidbauer, kreierten eine simplifizierte Welt, Bilder böten eine „prekäre Sublimierung regressiver Bedürfnisse“ (S. 221).

In seinem kurzen Schluss betont der Autor unter anderem die positiven Aspekte von Kränkbarkeit. Diese unterscheide, genauso wie das Atmen, den Menschen von jeder künstlichen Intelligenz. Da man sich in modernen Gesellschaften nicht von Kränkungen aus der Bahn werfen lassen dürfe, hätten viele Menschen gelernt, psychische Verletzungen zu leugnen. Sehr schnell würden außerdem Erwachsene, die wie Festungen jede Emotionalität von sich fernhielten, als Narzissten abgestempelt. In einem psychoanalytischen Prozess, der das Entwicklungsmodell der menschlichen Psyche zugrunde lege und sich gleichzeitig von ihr distanziere, könnten Kränkungen verarbeitet werden.

Diskussion

Gleich zu Beginn der Monografie fällt die heftige Kritik auf, die Schmidbauer an Studien äußert, die mit unterschiedlicher disziplinärer Grundierung Narzissmus als gesellschaftliches Phänomen analysieren. Der Narzisst gesellschaftskritischer Texte bewege sich im Abseits der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, weil er in der Tradition des Mythos lediglich als egoman gelte, die weiteren Implikationen der Persönlichkeitsstörung, so etwa Depressionen, Ängste und instabile Beziehungen, keine Berücksichtigung fänden. Ob diese Kritik im jeweiligen Einzelfall berechtigt ist oder nicht, müsste zwar überprüft werden, stutzig macht jedoch, dass Schmidbauer zum einen selbst das Syndrom des Narzissmus in gesellschaftlichen Entwicklungen – die natürlich immer Entwicklungen der die Gesellschaft formenden Individuen sind – erblickt, zum anderen seine Skepsis nur sehr kursorisch, quasi „im Vorbeigehen“ vorbringt, so etwa nach dem Motto „das musste jetzt aber auch noch einmal gesagt werden“. Ohne hier in Details gehen zu können, erscheint es unangebracht, die vielbeachtete, gerade in fünfter Auflage veröffentlichte Analyse von Hans-Joachim Maaz über die „normopathische Gesellschaft“ (Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft, 5. Aufl. 2019) zu stigmatisieren, wenn man sich selbst in eine ähnliche Richtung bewegt, etwa mit dem Psychogramm einer überforderten Gesellschaft (Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft, 2017).

Wie stark Erscheinungsformen des Narzissmus in die Gesellschaft hineindiffundieren, unterstreicht Schmidbauer am Ende seines ersten Kapitels, als er die Ausschreitungen junger Männer gegenüber Frauen in das Zentrum seiner Betrachtungen stellt. Obwohl es plausibel klingt, dass sexualisierte Gewalt das Selbstgefühl entlaste, „indem sie eine Dominanz über Frauen bestätigt, die in der geordneten sozialen Realität nicht mehr funktioniert“ (S. 40) und obwohl es auch wahrscheinlich anmutet, dass Männer „in phallisch-exhibitionistischen Aktionen […] ihre Angst vor Frauen“ kompensieren (S. 42), wirkt dieses psychoanalytische Fazit mehr als reduktionistisch. Es verkennt schlichtweg die kriminelle Übergriffigkeit und lässt weitestgehend außer Acht, dass in erster Linie schwere Verbrechen begangen werden. Ohne Möglichkeiten der Therapie und des Strafvollzugs aufzuzeigen wirken diese Ausführungen wie blanker Hohn.

Obgleich Schmidbauer mit dem Rekurs auf Freud und Bowlby eine tragfähige Basis für seine Überlegungen zum Narzissmus skizziert, muss man sich fragen, weshalb „die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus“ methodisch nicht breiter aufgestellt werden. Die große Vielfalt weiterer Studien zum Thema bleibt leider zu vermissen. An einigen Punkten hätten den Ausführungen des Weiteren mehr Systematisierung und mehr Prägnanz gutgetan: So etwa wird die Unterscheidung zwischen primitivem und primärem Narzissmus nicht durchgängig deutlich und auch die reiferen Formen des Narzissmus hätten in noch stärkerem Maße differenziert werden können. Vermutlich sind die Grenzen zwischen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit pathologischem Wert und einem noch als normal geltenden Narzissmus, der wiederum von Egoismus abzugrenzen wäre, auch für einen Experten nicht leicht zu ziehen. Der vorliegende Text jedoch tendiert in Sachen Deduktion und Modellbildung zu einer Lakonie, die auch vor den Fallvignetten nicht Halt macht. Bei diesen wäre zwar ein extensives Aufrollen der Hintergründe genauso fehl am Platz gewesen, aber die Informationen zur Historie des jeweils fiktiven Falles bleiben meistens sehr bruchstückhaft.

Vor Augen halten sollte man sich indessen, dass Schmidbauer an keiner Stelle den Anspruch erhebt, eine umfassende Darstellung von Kränkung und Narzissmus liefern zu wollen. Dies wäre ohnehin ein schier unüberschaubares Unterfangen, das nur mit rigorosem methodischem Blick von mehr als einem/r ForscherIn in Angriff genommen werden sollte. Schmidbauer entscheidet sich vielmehr für eine phänomenologische Herangehensweise, mit der die facettenreiche Palette des Narzissmus oder eher der „Narzissmen“ gewürdigt werden kann. Dies schärft unter anderem den Blick auf die Dynamiken aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen, in denen sich ausnahmslos die Dominanz von Bildern gegenüber Worten manifestiert. Dabei gelte jedoch nicht mehr das Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, sondern vielmehr der Slogan „Ein Bild saugt mehr als tausend Worte“ (S. 217). Dieser Satz mit seinem kleinen parodierenden Vokalunterschied hat das Zeug zu einem neuen Aphorismus und ist einer der gelungensten des Buches.

Dass die einzelnen Kapitel auch unabhängig voneinander Sinn ergeben, ist ein eindeutiges Plus der hier auszumachenden Makrostruktur. Der sprichwörtliche Teufel steckt jedoch im Detail bzw. in der Mikrostruktur, die von Mikrotransitionen profitiert hätte. Beim Lesen entsteht oftmals der Eindruck, dass zwischen den einzelnen Abschnitten eine Überleitung fehlt. Dies bedient die Neigung zum Eklektizistischen, das per se mit dem phänomenologischen Ansatz korreliert. Außerdem oszilliert der Text selbst nicht selten zwischen den Polen einer angemessenen wissenschaftlichen Sprache und einem in diesem Kontext eher inadäquaten Plauderton. Es ploppt punktuell eine Bildlichkeit auf, die tatsächlich das Risiko in sich birgt, Sinn aufzusaugen. All das führt schließlich weg von der Rolle des „Weltweisen“, die Tilmann Moser, einem „unserer erfolgsverwöhntesten psychotherapeutischen Schriftsteller“ mit ironischem Augenzwinkern zuerkennt (https://www.aerzteblatt.de/archiv/200280/Wolfgang-Schmidbauer-Vom-Psychoanalytiker-zum-Weltweisen, Ausgabe September 2018). Zum derart definierten „Weltweisen“ wiederum passt eine generische Sprachreduktion, die zum einen gänzlich ohne Gendern auskommt, zum andern zusätzlich recht intensiv mit Etikettierungen arbeitet. Durch den Text mäandern etwa „der Neurotiker“, „der Psychopath“, „der narzisstisch Gestörte“, „der Depressive“ (S. 12) oder „der depressive Perfektionist“ (S. 36). Solche Beurteilungen bewegen sich nah am Abgrund politisch inkorrekter Sprache.

Fazit

Trotz deutlicher Schwächen hat Wolfgang Schmidbauer ein wertvolles und hilfreiches Buch für alle vorgelegt, die sich für das weite Spektrum narzisstischer Erscheinungsformen interessieren. Wenn er die unterschiedlichen, in ihrer Substanz dennoch sehr ähnlichen Manifestationen im Umkreis von Kränkung und Narzissmus benennt und erläutert, berücksichtigt er zwar auch in ausreichendem Maße die Ursachen und die Genese dieser nicht selten pathologischen Erscheinungsformen, pointiert aber in erster Linie ihre innere Logik. Vor diesem Hintergrund gibt er neue Impulse und kann in der Folge Diskussionen anstoßen, deren Anschlussfähigkeit sowohl in den Disziplinen der Psychologie/Psychotherapie als auch der Soziologie zu finden ist.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 18.04.2019 zu: Wolfgang Schmidbauer: Die Geheimnisse der Kränkung und das Rätsel des Narzissmus. Seelische Verletzbarkeit in der Psychotherapie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-608-89230-7.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24979.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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