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Lars Meier, Silke Steets u.a.: Theoretische Positionen der Stadtsoziologie

Cover Lars Meier, Silke Steets, Lars Frers: Theoretische Positionen der Stadtsoziologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 226 Seiten. ISBN 978-3-7799-2617-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Grundlagentexte Soziologie.
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Thema

Die Stadtsoziologie hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt und ausdifferenziert. In dem Maße wie die Stadt selbst als Lebensraum in das Blickfeld der Sozialwissenschaften und des öffentlichen Interesses gerückt ist, hat auch die Stadtsoziologie an Bedeutung für die Erklärung spezifischer Strukturprobleme und -entwicklungen der Stadt gewonnen. Die soziologischen Diskurse drehen sich längst nicht mehr nur um die Charakteristika, Strukturentwicklungen und Probleme der europäischen Stadt. Vielmehr zeigen sich auch in den Vereinigten Staaten von Amerika – dem Ursprungsland der Stadtsoziologie – bestimmte Strukturentwicklungen in den Städten, die die stadtsoziologische Debatte um die Frage neu entfachten, was eine Stadt ist, was sie ausmacht, und welche Entwicklungen ihr „gut tun“ und welche nicht. Und die Urbanisierungsprozesse in anderen Kulturkreisen und die damit zusammenhängenden Probleme gewinnen immer mehr an Bedeutung für stadtsoziologische Analysen.

Diese Entwicklungen spiegeln sich in den inzwischen sehr entfalteten theoretischen Positionen wider, die sich neben und nach der klassischen Chicagoer Schule und ihren Vertreterinnen und Vertretern entwickelt haben und die in neuster Zeit die stadtsoziologische Diskussion prägen.

Autorin und Autoren

PD Dr. Lars Meier lehrt Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

PD Dr. Silke Steets ist Heisenberg-Stipendiatin am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig.

Prof. Dr. Lars Frers lehrt Gesellschaftswissenschaften an der University of South-Eastern Norway.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in vier größere Kapitel mit jeweils einigen Beiträgen:

  1. Transformationen
  2. Wachstum und Schrumpfung
  3. Zentrum und Peripherie
  4. Soziale Ungleichheit

Der Einleitung vorangestellt sind ein Verzeichnis der Exkurse und Begriffserklärungen sowie ein Abbildungsverzeichnis.

Das Verzeichnis der Begriffserklärungen verweist auf Begriffe, die in den jeweiligen theoretischen und historischen Zusammenhängen virulent werden, die mit bestimmten theoretische Positionen verbunden sind.

Die jeweiligen Beiträge schließen nach einer Zusammenfassung und einer kritischen Würdigung der Positionen mit Lernfragen, Lektüreempfehlungen und einer Literaturliste ab.

Innerhalb der jeweiligen Beträge, die bestimmten Theoretikern gewidmet sind, findet man einen Lebenslauf und eine wissenschaftsgeschichtliche Verortung der jeweiligen Autorinnen und Autoren, die die Einordnung der jeweiligen theoretischen Positionen erleichtert.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Einleitung

In seiner Einleitung zeigt das Autorenteam Wege der Annäherung an die stadtsoziologische Perspektive auf die Stadt und das städtische Leben auf. Als relativ junge Wissenschaft war die Soziologie von Anfang an die kritische Begleiterin der Urbanisierungs- und Verstädterungsprobleme im Zuge der Industrialisierung. Die industrielle Großstadt war als ein neuer Stadttypus das Kernthema der aufkommenden Wissenschaft Soziologie. Nach der ausführlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Soziologie fragt das Autorenteam, was eine Stadt ist und was die zentralen Themen sind, die die Stadtsoziologie bearbeitet und die dann unter bestimmten Kapitelthemen gebündelt werden, die die jeweiligen Kapitel des Buches sind. Dies wird wie folgt ausführlich erklärt.

  • Transformationen verweisen auf ständige Veränderungen, die ihren Ausdruck im räumlichen, ökonomischen politischen und kulturellen Strukturwandel finden.
  • Mit Wachstum und Schrumpfung ist einmal die räumliche Ausdehnung von Städten gemeint (Beispiel: Megacities) (Wachstum) und zum anderen der Bevölkerungsschwund in vielen Städten, der inzwischen zu einer zentralen Prämisse der Stadtentwicklungspolitik geworden ist (Schrumpfung).
  • Zentrum und Peripherie verweisen auf die Beziehungen der Städte zum Umland, auch auf die Stadt-Land-Differenz und auf das Machtgefälle zwischen Regionen und Städten.
  • Soziale Ungleichheiten weisen auf soziale Differenzierungsprozesse innerhalb der Städte und auf die räumliche Verteilung sozialer Schichten in einer Stadt.

I. Transformationen

Georg Simmel: Die moderne Großstadt, Wahrnehmung und Ausdrucksform

Zunächst wird beschrieben, warum sich Simmel in erster Linie für die Großstadt und das Leben darin interessiert. Die mit der Großstadt verbundene ökonomische, kulturelle und soziale Dynamik des Lebens und die Komplexität der Verhältnisse, die auch zur Reizüberflutung führt, sind für Simmel der stärkste Ausdruck der modernen Großstadt. Die Großstadt ist Gesellschaft und sie vergesellschaftet die Menschen in ihr. Die mit der Geldwirtschaft verbundene Dynamik wirkt sich auf die Verhaltensdynamik der Menschen aus. Das wird ausführlich erörtert, bevor dann Simmels Soziologie des Raums diskutiert wird. Dabei wird deutlich, dass Simmel den Raum in seiner Bedeutung versteht, die er für die in ihm Handelnden hat.

David Harvey: Stadt im Kapitalismus

David Harvey wird als Autor vorgestellt, der die Stadt als zentrales Element der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung und Vergesellschaftung sieht. Sein zentraler theoretischer Bezugspunkt ist das Werk von Marx und Engels; er wollte die Geographie der Stadt in die marxistische Analyse integrieren. Es geht ihm um die Stadt als Ausdruck der geographischen Konzentration der Mehrwertproduktion. Die kapitalistische Dynamik produziert Akkumulationszyklen und Krisen und diese Dynamik findet in der Stadt statt. Dieser komplizierte Prozess wird entflochten und zugänglich erklärt.

Das Autorenteam geht dann auf Klassenkämpfe in der Stadt ein, Klassenkämpfe die sich aus dem Widerspruch von Arbeit und Kapitel ergeben. Das Privateigentum an Produktionsmitteln steht denen gegenüber, die ihre menschliche Arbeitskraft verkaufen müssen, um ihre Existenz zu sichern. Dies ist für Marx der zentrale soziale Antagonismus und führt zwangsläufig zu Klassenkämpfen. F. Engels hat diesen Widerspruch in einem Werk „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“ anschaulich beschrieben.

Sharon Zukin: Die Ökonomie der Symbole und Konsum öffentlicher Räume

Im Zentrum des Interesses von Sharon Zukin steht die Frage, wie das Image einer Stadt zum Thema der Stadtentwicklung werden konnte. Es geht um die Rolle der Kultur im städtischen Wertschöpfungsprozess. Mit der Veränderung der Städte im Prozess zu postindustriellen Städten, deren Kern Dienstleistungs- und Wissensökonomien sind, kommt es in der Folge zu einer Kulturalisierung der Ökonomie und einer Ökonomisierung der Kultur. Das zu erklären ist für Zukin nur durch die Weiterentwicklung der marxistischen Analyse möglich. Werte von Gütern und Dienstleistungen werden durch Narrationen, Images, Ideen, Emotionen u. ä. bestimmt. Das wird an Hand von Beispielen erörtert.

Zukin beschreibt die Effekte einer Ökonomie der Symbole als permanente Auseinandersetzung um die Repräsentation politischer und ökonomischer Macht im städtischen Raum. Auch dies wird ebenfalls beschrieben und mit Bildern verdeutlicht.

Weiter wird ausführlich und mit Beispielen unterlegt auf die soziale Inklusion und Exklusion durch die Ästhetisierung öffentlicher Raume eingegangen.

In der kritischen Würdigung ihres Ansatzes wird Sharon Zukin in ihrer aktuellen Bedeutung für die Erklärung der Kulturalisierung und Ästhetisierung öffentlicher Räume in der Stadt gesehen.

Richard Sennett: Ethik, die Stadt und das Städtische

Was macht das gute Leben in der Stadt aus, was machte es auch in der Geschichte der Stadt in den verschiedenen Epochen aus? Das dürfte die zentrale Fragestellung von Sennett sein, der sich in den letzten Jahren einer Vielzahl von Themen rund um die Stadt und das Städtische gewidmet hat.

Sennett hat die Perspektive der Stadtplanung erweitert, wenn er die Sinnlichkeit des Erlebens diskutiert. Für ihn ist das ein wichtiger Bestandteil der Stadtplanung, den sie oft genug vernachlässigt. An der Schnittstelle von Geschichte, Planung, Soziologie und Geographie analysiert er das Leben in der Stadt. Es ist der öffentliche Raum der Stadt, in dem sich Menschen begegnen, sich in ihre Anonymität zu Kenntnis nehmen und sich stillschweigend verständigen, wie sie sich mit einander verstehen. Der städtische Raum bietet die Freiheit, anders und dennoch gleich mit den anderen zu sein und das ist die Basis des politischen Austauschs. Und schließlich geht es um das Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit, ohne das keine Urbanität entsteht. Auch dies wird ausführlich analysiert und beschrieben.

Sennett sieht auch das öffentliche Leben bedroht, seinem Verfall ausgesetzt und angesichts der Ausdehnung des Neoliberalismus auf alle Lebensbereiche und vor dem Hintergrund der Flexibilität des Lebens und Arbeitens sieht Sennett auch das Städtische bedroht.

Weiter wird begründet, wie Stadtentwicklung, Kooperationen und Handwerk zusammenhängen. Im Rückgriff auf Hannah Arendts Begriff der Arbeit und den schöpferischen Menschen diskutiert er, wie notwendig Fähigkeiten wie die Empathie und das Einfühlungsvermögen für das Arbeiten in einer diversifizierten Stadt sind.

II. Wachstum und Schrumpfung

Robert E. Park: Humanökologie und Stadtethnographie

Robert E. Park wird als Begründer der Stadtsoziologie und einer humanökologischen Forschungstradition beschrieben. Er gilt als eine der zentralen Figuren der Chicago School of Urban Sociology. Vor dem Hintergrund der rasant anwachsenden Industriestadt Chicago mit ihrem hohen Maß an Migration und sozialen Problemen, die sich aus der Heterogenität der Bevölkerung und der Dichte ihres Zusammenlebens ergaben, entwickelte Park neue Forschungstechniken neben den klassischen Methoden der empirischen Sozialforschung. Sein Beitrag zur Humanökologie bestand in der Erforschung von Gesetzmäßigkeiten urbaner Wandlungsprozesse von der Stadt als einem sozialen Organismus. Was sein Kollege Ernest W. Burgess mit seinem Strukturmodell zu erklären versuchte, wollte Park mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Pflanzen- und Tierökologie begründen. Warum sich also eine Stadtbevölkerung im Raum unterschiedlich verteilt, warum es also zu sozialräumlicher Segregation kommt, erklärt Park nicht mit strukturellen Prozessen und Funktionen, die sich aus der ökonomischen und sozialen Dynamik der Stadt ableiten lassen, sondern mit der Humanökologie. Diese Diskussion wird ausführlich beschrieben und erklärt; anschließend wird noch einmal auf die Entwicklung der Chicago School verwiesen und auf die Sozialfigur des Marginal Man eingegangen.

Mike Davis: Städtische Dystopie

Vor dem Hintergrund der Entwicklung von Los Angeles entwickelt Davis das Modell der fragmentierten Stadt; zugleich behauptet Davis, das sei die Zukunft der Entwicklung von Städten. Dies wird einleitend beschrieben und wenn man nach einer theoretischen Position sucht, dann ist es sicher der Prozess der Entwicklung von einer mono- zu einer polyzentrischen Stadt. Daraus entwickelte sich die Los Angeles School of Urbanism. Städte haben sich von der Mitte nach außen hin entwickelt, was Burgess gezeigt hat und was sicher auch für die europäische Stadt bislang gilt. Der Theorieansatz von Davis geht nun davon aus, dass die Stadt kein eigentliches Zentrum als City oder Stadtmitte mehr kennt, sondern dass viele Städte oder Stadtzentren mit einander verbunden sind. Dies wird ausführlich erörtert, ebenso die Stadtentwicklung als Dystopie, als Ort der Katastrophen und der sozialräumlichen Polarisierungen, die Davis mit der Kolonialgeschichte verbindet. Eine überwachte Stadt und eine Stadt des sozialräumlichen Ausschlusses erscheinen als Orte, die Angst machen und Schrecken verbreiten. Auch auf das wird ausführlich eingegangen.

III. Zentrum und Peripherie

Henri Lefebvre: Die gesellschaftliche Produktion des Raums das das Recht auf Stadt

Lefebvre wird als einer der einflussreichsten marxistischen Stadt- und Raumtheoretiker dargestellt; sein umfangreiches Werk macht dies deutlich. Und er entwickelte eine Theorie der Praxis, die seine stadt- und raumtheoretischen Texte zutiefst bestimmen und prägen. Diese Theorie der Praxis ist von der Idee getragen, dass Menschen sich in ihrer tätigen Auseinandersetzung mit der Realität, also durch ihre Praxis selbst erzeugen. Und seine Theorie des Rechts auf Stadt ist von der Idee geprägt, das Menschen grundsätzlich ein Recht auf die Stadt, auf ihre Errungenschaften, ihre Urbanität und ihre differenzierte Daseinsvorsorge haben, also nicht in die Vorstädte und das Umland verdrängt werden dürfen. Die „Revolution des Urbanen“ meint in diesem Zusammenhang die Urbanisierung der Gesellschaft insgesamt.

Und es geht um die Produktion des Raums in urbanen Gesellschaften. Die Raumproduktion nennt ein gesellschaftliches Produkt, wobei sich Lefebvre an Marx und dessen Analyse der Warenwelt anlehnt. Der Raum der Stadt wird zur Ware. Diese differenzierte und komplizierte Überlegung Lefebvres wird umfangreich und gut erklärt.

Lefebvre gilt auch als ein Denker, dessen dialektisches Denken davon ausgeht, dass die Wirklichkeit von Widersprüchen gekennzeichnet ist und es geht darum, diese Widersprüche zu verstehen. Diese Denkweise wird ebenfalls ausführlich erklärt.

Saskia Sassen: Globale Zentren

Sassens zentrale These ist, dass sich die Globalisierung in den Global Cities manifestiert. In dem Maße wie die Globalisierung voranschreitet, konzentrieren sich in wenigen Städten Funktionen zur Kontrolle des globalen Produktionssystems. Mit dem Begriff der Global City wird deutlich, dass eine neue Struktur von Globalität entstanden ist. Global Cities sind vor allem durch den Bedeutungszuwachs des Dienstleistungssektors und der Finanztransaktionen entstanden. Entscheidend ist die Produktion von Dienstleistungen in den Städten und durch sie. Wir haben es zunehmend mit einer postindustriellen Gesellschaft zu tun, in der die entscheidenden und Fortschritt signalisierenden Sektoren der Dienstleistungs- und der Finanzsektor sind. Damit verbunden ist auch die Veränderung der sozialen Struktur dieser Städte. Wir haben es zunehmend mit einer Polarisierung von Reichtum und extremer Armut zu tun. Die Arbeitswelt und Beschäftigungsstruktur verändert sich durch Deregulierungsprozesse ebenso wie die veränderten Bedingungen sozialstaatlicher Unterstützung. Diese Polarisierung manifestiert sich auch in der sozialräumlichen Segregation von Quartieren der Reichen einerseits und der Armutsbevölkerung andererseits. Weiter bezieht sich Sassen auf die fragmentierte Stadt, der sie eine neue Geographie des Zentrums bescheinigt. Es gibt nicht mehr ein Stadtzentrum, sondern eine Reihe von städtischen Zentren, die miteinander verknüpft sind und das globale Zentrum bilden.

Jennifer Robinson: Ordinary Cities oder Stadtforschung in postkolonialer Perspektive

Es geht J. Robinson um die Loslösung von europäischen und damit auch kolonialen Vorstellungen, was Städte angeht. Ordinary City meint, dass die Stadt jenseits kategorialer Zuschreibungen angesehen werden sollte, also auch jenseits dessen, was wir z.B. mit der europäischen Stadt verbinden. Diese postkoloniale Perspektive verweist auch auf unterschiedliche Modernisierungspfade, auch auf unterschiedliche Rationalitäten und Formen von Staatlichkeit sowie auf unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Entwicklung und Modernität. Die Maßstäbe, die in der Stadtforschung mit der europäischen Stadt verbunden sind, gelten dann nur in Europa, aber nicht in anderen Kulturkreisen oder Erdteilen. Und es geht Robinson um eine Methodologie des Städtevergleichs. Gerade weil Städterankings immer auch eine vergleichende Perspektive haben, geht es auch um Comperative Urbanism. Alle diese Aspekte werden ausführlich erörtert.

IV. Soziale Ungleichheit

Norbert Elias: Stadt und Gemeinde als Figurationen zwischen Gewalt und zunehmender Verflechtung

Elias‘ Ansatz kreist um den Begriff der Figuration. Es geht nicht um das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Vielmehr geht es um die Zusammenhänge, in denen wir als Individuen aufwachsen und altern, um Familien, um Gruppenzusammenhänge, Clans, Orte und Länder. Solche Zusammenhänge sind bewegliche Anordnungen von Individuen, in denen Muster des Handelns gemeinsam entwickelt werden und diese Anordnungen nennt Elias Figurationen. Die Stadt oder die Gemeinde bringt solche Figurationen hervor; in ihr werden Menschen und Dinge zu einander in Beziehung gesetzt. Dabei ist die Gemeinde als lokale Gemeinschaft noch eher in der Lage, solche Muster auszubilden als die Stadt in ihrer sozialstrukturellen Differenziertheit.

Weiter geht es um Elias‘ Werk „Etablierte und Außenseiter“ – ein für die Stadtsoziologie immer schon interessantes Thema, das im Grunde das Verhältnis von sozialer und räumlicher Segregation und Ausgrenzung betrifft. Und es geht um Gewalt und affektives bzw. emotionales Handeln. Die Zivilisation zeichnet sich für Elias dadurch aus, dass der Mensch im Laufe der Geschichte seine Emotionen zu kontrollieren gelernt hat. Dies hat Elias selbst schon sehr differenziert und kritisch analysiert und es wird auch hier noch einmal kritisch diskutiert.

Loic Wacquant: Stigmatisierung von Armut

Das Thema Wacquants war schon immer der unterprivilegierte, marginalisierte Mensch, der „arme Mensch“. Er hat immer auch dabei die Politik und die kapitalistische Wirtschaftsverfassung im Fokus der Betrachtung gehabt, sie kritisiert und ihr die Auswirkungen ihres Handelns vor Augen geführt. Seine Analysen bezogen sich auf die orts- und raumgebundenen Effekte sozialen Handelns und Lebens; es ging ihm immer um die sozialräumlichen Bedingungen des Handelns und um den Zusammenhang von sozialräumlicher Segregation und sozialer Exklusion. Die Stadt war dafür das geeignete Forschungsfeld und seine Idee vom städtischen Raum lehnt sich an Bourdieus Raumkonzept an. Wacquant kannte Bourdieu gut; deshalb wird im Beitrag auch noch einmal ausführlicher auf Bourdieu eingegangen. Wacquant setzt sich auch mit dem Begriff des Ghettos und seiner Symbolkraft auseinander, wobei er die US-amerikanischen Verhältnisse im Auge hat und den Rassismus in amerikanischen Städten. Mit dem Begriff des Ghettos ist bereits die Marginalisierung vorprogrammiert.

Die Politik der Armut ist ein weiteres Thema Wacquants. Ihr wirft er vor, dass ihre Maßnahmen Strafcharakter hätten, die zur weiteren Stigmatisierung und sozialen Ausgrenzung betrügen.

Diskussion

Dies Buch liefert eine gelungene Zusammenschau zentraler klassischer und neuerer theoretischer Positionen der Stadtsoziologie. Die Gliederung der Beiträge hat Lehrbuchcharakter und die Positionen sind anschaulich und verständlich vorgestellt.

Die Einordnung der jeweiligen Autorinnen und Autoren in die jeweilige zeitgenössische gesellschaftliche Entwicklung und in die jeweilige wissenschaftliche und politische Diskussion lässt auch zu, die jeweiligen theoretischen Positionen besser historisch und vor allem gesellschaftsgeschichtlich einzuordnen.

Fazit

Das Buch sei all denen empfohlen, denen es auch die Autorin und die Autoren empfehlen: Studierende und Interessierte an der Stadtsoziologie. Darüber hinaus sei es aber auch den Dozentinnen und Dozenten empfohlen, die solche Ansätze vermitteln wollen bzw. die praktische und politische Fragestellungen der Stadtforschung und Stadtsoziologie vor dem Hintergrund jeweiliger theoretischer Positionen bearbeiten.

Summery

This book presents successfully as a textbook the most important classical and newer theoretical approaches of the urban sociology. The articles are structured and contain a scientific biography the authors and their scientific positions and the theoretical approach in its most important details as well. So it is possible to integrate each of the theoretical approaches historically and socio-structurally.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 13.02.2019 zu: Lars Meier, Silke Steets, Lars Frers: Theoretische Positionen der Stadtsoziologie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-2617-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24980.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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