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Richard Münch: Der bildungs­industrielle Komplex

Cover Richard Münch: Der bildungsindustrielle Komplex. Schule und Unterricht im Wettbewerbsstaat. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 392 Seiten. ISBN 978-3-7799-3950-4. D: 27,95 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 38,10 sFr.

Reihe: Neue Politische Ökonomie der Bildung.
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Thema

Die Studie von Richard Münch spricht offen und auf der Grundlage vielschichtiger Fundierungen aus, was viele Kolleginnen und Kollegen in der pädagogischen Praxis ebenso wie auch in Wissenschaft wohl heimlich denken und fühlen. Und wenn das Bildungssystem im Wettbewerbsstaat überhaupt einmal im Alltag offen zur Sprache kommt, ist oftmals selbst in Fachkreisen eine gewisse ohnmächtige Sprachlosigkeit festzustellen. Denn die ersten Ausläufer neo-liberaler Bildungspolitik zeigen bereits jetzt Wirkungen. Große kontrovers geführte Debatten um Bildung in einer Demokratie sind in öffentlichen Diskussionen kaum noch zu beobachten. Obwohl die Kardinalproblematik der sozialen Teilhabe seit dem Scheitern des politischen Vorhabens einer koordinierten Bildungsgesamtplanung und dem Rückzug auf sog. „innere Schulreform“ fortlaufend in Bildungsberichterstattungen ausgewiesen wird, sind kritische Verlautbarungen zum Leitkurs von Kultuspolitik und Schulentwicklung selten geworden.

Die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen und ökonomischen Herkunft wird ungebrochen strukturell perpetuiert. Neo-liberale Politik geht funktionalistisch mit neo-utilitaristischen Zügen im Schul- und Wissenschaftsbetrieb einher. Eine schleichende Entwertung öffentlicher Bildungsangebote hat längst ebenso eingesetzt wie auch Trends zur Prekarisierungen pädagogischen Personals zu konstatieren sind. Mit inflationierender Notenvergabe überbrückt das pädagogische Personal in Schulen und Hochschulen Struktur- und Finanzierungsprobleme mit Bordmitteln. Von Drittmittelakquise abhängige Forschungsindustrien haben neue Standards mit ihren Erhebungen gesetzt. Der Aufwand des verstehenden Nachvollziehens der komplexen Forschungsdesigns vieler Studien ist jedoch mittlerweile so hoch, dass selbst in Fachkreisen Wirkungen im Sinne von Lähmungen und Kraftlosigkeit beobachtbar scheinen, wenn es gilt, die Befunde im Hinblick auf ihre Bedeutung für die demokratische Entwicklung von Gesellschaft zu interpretieren. Wissenschaft ist keinesfalls selten vollauf damit beschäftigt, sich selbst zu verstehen und die eigene Finanzierung zu sichern, die wiederum von, als korrekt deklarierten, Verhaltensweisen der Hofartigkeit gegenüber den Funktionseliten im Wettbewerbsstaat abhängig ist. Viele und mittlerweile nicht nur ‚niedere‘ Schulen sind grundsanierungsbedürftig und personell chronisch unterversorgt. Wer diese und ähnliche Eindrücke und Erfahrungen in sich trägt, wird bei der durchaus fordernden Lektüre fasziniert Begründungen für die eigene Skepsis gegenüber dem Wettbewerbsstaat finden. Wer sich an die Lektüre heranwagt, wird zur diskursiven Findung eigener Positionierungen provoziert.

Autor

Richard Münch zählt zu den besonders renommierten Soziologen Deutschlands. 2018 war er Preisträger der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Ausgezeichnet wurde er für ein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk. Nach Studium, Promotion und Habilitation war er als Hochschullehrer in Köln, Düsseldorf, Bamberg sowie an der UCLA (USA) tätig. Er wirkt als Seniorprofessor an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Sein Werkverzeichnis beinhaltet Lehrbücher ebenso wie kritische Standortbestimmungen; beispielsweise „Akademischer Kapitalismus“, Frankfurt (Suhrkamp) 2011, „Die akademische Elite“, Frankfurt (Suhrkamp) 2007 sowie „Das Regime des liberalen Kapitalismus“, Frankfurt, New York (Campus) 2009.

Entstehungshintergrund

Auf der Grundlage einer engen Vertrautheit mit den Strukturen zwischen Politik, Wirtschaft und Bildung in den USA bietet Richard Münch eine Fortschreibung seiner Kritik an den einschneidenden neoliberalen Umgestaltungen im Bildungswesen: Den Wandlungen vom Wohlfahrts- zum Wettbewerbsstaat mit der „Ursupation und Transformation des Bildungsprozesses durch das Geflecht von Akteuren, das wir als bildungsindustriellen Komplex bezeichnen können“ (S. 12). Das Werk liest sich als Weiterführung der Leitgedanken früherer Schriften und auch seiner Rede „Die Bildungswelt von Mc Kinsey & Company. Globale und lokale Akteure in der Transformation von Schule und Unterricht“, die er im Rahmen seiner Preisverleihung vor der Deutschen Gesellschaft für Soziologie hielt.

Aufbau und Inhalt

Die Darstellung folgt einer klaren Struktur. Ein kurzes Vorwort verweist auf Anregungen und Unterstützerkreise.

Das 1. Kapitel bietet die Einleitung mit der Überschrift: Bildungsforschung als Gesellschaftstheorie. Mit einem Verweis auf Max Weber wird die Ausrichtung erläutert. In drei Abschnitten erfolgen dann erste Näherungen an eine Phänomenologie des „Philanthrokapitalismus“ (S. 11), der über Leistungsvergleiche Kontroll- und Disziplinierungsfunktionen mit primär eigenen ökonomischen Amortisationsperspektiven ausweitet, Einseitigkeiten und Entwertungen von Bildung vorantreibt und als neues Regime die Richtung für die Entwicklung von Bildungssystemen vorgibt. Absicht der Studie ist, optimistische Chiffren des New Public Management zu demaskieren und zugleich die gesellschaftlichen Risiken dieses Strukturwandels in der Steuerung des Bildungswesens aufzuzeigen. „Es geht dabei um eine empirisch fundierte Kritik der ökonomischen Theorie der Schule, allgemeiner und grundsätzlicher gefasst um eine Kritik der ökonomischen Vernunft … Das ist Kritische Theorie mit den Mitteln einer ‚empirisch-analytischen‘ Soziologie“ (S. 26).

Im 2. Kapitel unter der Überschrift „Vom pädagogischen Establishment zum bildungsindustriellen Komplex“ erfolgt ein genetisches Nachzeichnen bisheriger Wandlungsprozesse. Besonders Niklas Luhmann in die Aussageführungen einbeziehend, wird ein zentraler Richtungswechsel hervorgehoben: Nach einer langen Phase der Ausdifferenzierung im Bildungsfeld zeichnet sich seit PSA eine Entdifferenzierung ab. Statt vorheriger regionaler und nationaler Orientierungen dominiert in den Strategien des bildungsindustriellen Komplexes zudem die globale Perspektive und mit ihr die Marktbeherrschung – und dies jenseits demokratischer Legitimationen.

In Kapitel 3, „No Child Left Behind? Corporate Education Reform in den Vereinigten Staaten“, wird die us-amerikanische Schullandschaft sozial-phänomenologisch betrachtet. Dieser Teil erstreckt sich über gut 200 Seiten und ist in drei Abschnitte gegliedert. Eingebundene Grafiken unterstreichen die Aussageführung. Ausgangspunkt ist Betrachtungen zentraler Spezifika des Schulsystems, die im Hinblick auf soziale und regionale Differenzen exemplarisch konkretisiert und kritisch bilanzierend betrachtet werden. Im ersten Abschnitt wird skizziert, wie permanente Reformen und einhergehende Umstrukturierungen Heranwachsende und Personal zunehmend überfordern. Im zweiten Abschnitt wird erläutert, wie der bildungsindustrielle Komplex die Entwicklungen in der Schullandschaft steuert. Im letzten Abschnitt dieses Kapitels wird sorgfältig bilanziert. Mit hohen Kosten und uneingelösten Versprechen wird soziale Ungleichheit reproduziert. Abgehängte Zielpersonenkreise werden stigmatisiert. Ihr fehlender Bildungserfolg sei selbstverschuldet. Zudem wäre eine Engführung von Bildung mitsamt massiver Demokratiedefizite zu konstatieren. Statt demokratische Kontrolle und öffentlicher Mitgestaltung untersteht Schulentwicklung dem Regime des bildungsindustriellen Komplexes.

Im letzten Kapitel 4, „Schlussbetrachtung: Schule und Unterricht im Zugriff des bildungsindustriellen Komplexes“, wird noch einmal die grundsätzliche Kritik an den Mythen marktwirtschaftlicher Steuerung gebündelt ausgewiesen und eine Rückbesinnung auf die Werte demokratischer Bildungsreform eingefordert wie auch auf den akuten Bedarf verwiesen wird Schulentwicklung konsequent im Sinne der Aufklärung zu re-pädagogisieren.

Die Literaturhinweise erstrecken sich über 40 Seiten und unterlegen damit die Substanz dieser Kardinalkritik an Schulentwicklung im Wettbewerbsstaat.

Sorgfältig erstellte Verzeichnisse erhöhen den Lese- und Gebrauchswert dieses Buches.

Diskussion

Die Lektüre fordert. Deutlich treten Umfang und Tempo eines Leittrends hervor, der eine Trivialisierung von Bildung ebenso beinhaltet wie soziale Spaltungen verstärkt. Deutlich wird auch, wie umfangreich und alltäglich die Gewöhnungen an die Verkürzungen in den Bildungsdebatten mittlerweile sind. Die Darstellung bietet klare, begründete und differenzierte Standortbestimmungen, die nachdenklich stimmen sollten.

Fazit

Richard Münch hat eine beeindruckende Schrift zur aktuellen Notwendigkeit einer öffentlichen Repolitisierung der Bildungsdebatte vorgelegt. Die Belege und Aussageführungen durchbrechen die „Kultur des Schweigens“ (Freire) mittlerweile gewohnter Reaktionen auf kultuspolitische Verlautbarungen und marktwirtschaftliche Bildungsstrategien. Richard Münch richtet den Blick konsequent auf die Fragen, wer die gegenwärtigen Entwicklungen von Schule aus welchen Gründen will, welche Ergebnisse tatsächlich zu erwarten sind und wer den Preis zu zahlen hat. Zu hoffen bleibt, dass sich Räume des Diskurses finden.


Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Ostfalia, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel, Campus Suderburg, Fakultät Handel und Soziale Arbeit, Forschungs- und Lehrfeld: Bildung und Beschäftigung. Nach langjähriger pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 12.09.2019 zu: Richard Münch: Der bildungsindustrielle Komplex. Schule und Unterricht im Wettbewerbsstaat. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3950-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24981.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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