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Helma Lutz: Die Hinterbühne der Care-Arbeit

Cover Helma Lutz: Die Hinterbühne der Care-Arbeit. Transnationale Perspektiven auf Care-Migration im geteilten Europa. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-3921-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Arbeitsgesellschaft im Wandel.
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Thema

In dem hervorragend geschrieben und gut durchdachten Band von Helma Lutz geht es um Sorgearbeit oder care – allerdings nicht um die Frage, wie diese organisiert ist oder was sie ausmacht, sondern um ihre gesellschaftliche Bedeutung vor allem hinsichtlich der Kategorien Gender, Ethnizität und Migration. Im Vordergrund steht eine bestimmte Form von Sorgearbeit, nämlich die Tätigkeit von Migrant*innen (überwiegend Frauen) in der Versorgung und Betreuung von pflegebedürftigen älteren Menschen im Privathaushalt in Deutschland, Österreich und anderen sozialstaatlich vergleichbar organisierten europäischen Ländern. Diese Migrantinnengruppe leistet meist eine 24 Stunden Versorgung ihrer Klient*innen und wird unterschiedlich benannt. Sie werden als 24 Stunden Betreuungskräfte live ins, Pflegekräfte etc. bezeichnet; in dem Band von Lutz heißen sie schlicht Care-Arbeiterinnen. Ausgehend von empirischen Forschungsprojekten und alten wie aktuellen Fragestellungen versucht Lutz care Arbeit an verschiedene theoretische Diskurse zu Gender, Migration und internationalem Weltsystem zu binden. Damit knüpft sie an altefeministische Debatten zu Hausarbeit und zum Verhältnis von bezahlter und unbezahlter weiblich konnotierter Arbeit an, analysiert deren aktuelle Organisation im Kontext von Migration und transnationaler Ungleichheit und kommt aus diesen Erkenntnissen heraus zu neuen theoretischen Rückschlüssen. Im Fokus steht eine transnationale Perspektive – also der Blick auf die Hinterbühne, wie es im Titel heißt und damit auf die Entsendeländer der Migration und die Organisation von Care und Gender in diesen Gesellschaften. 

Autorin

Helma Lutz ist Soziologin, Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie hatte zahlreiche fellowships und Gastprofessoren inne und hat theoretisch viel zu Gender, Ethnizität und Intersektionalität geschrieben sowie zur Biographiefiorschung. Lutz ist eigentlich DIE Expertin für das Themahäusliche care Arbeit und Migration, die sie beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Migration, häuslicher Arbeit und Feminisierung der Migration – ihr Buch „Vom Weltmarkt in den Privathaushalte“ (Leverkusen, Opladen 2007, Budrich) brachte damals die Migration und domestic work Debatte nach Deutschland.

Entstehungshintergrund

Der Band ist sehr eigenständig komponiert und vollzieht verschiedene Denkbewegungen aufgrund der Analyse empirischer Daten, die aber nicht im Kontext der Forschungsprojekte dargestellt werden, sondern aufgrund der theoretischen Fragen. Die im Band verarbeiteten empirischen Daten zu care Migration aus Polen und der Ukraine stammen aus einem DFG geförderten Forschungsprojekt zu care drain zwischen Polen und der Ukraine von 2007–2010. In dem Projekt wurden biographische und teilstrukturierte Interviews mit care Arbeiterinnen aus diesen Ländern und ihren Angehörigen sowie eine Mediendiskursanalyse durchgeführt. Der Band reflektiert die Forschungsergebnisse und die Ergebnisse laufender Projekte zu der Thematik auf einer allgemeineren Ebene.

Aufbau

Daher ist der Band eigenwillig komponiert und eher über das Prinzip „Wahlverwandtschaften“ strukturiert denn über eine lineare Abfolge. Im ersten Abschnitt stellt Lutz migrantische care Arbeit am Beispiel der Versorgungskette Deutschland, Polen und Ukraine dar und zeigt unterwelchen Bedingungen care Arbeiterinnen aus Polen in Deutschland und aus der Ukraine in Polen arbeiten. Sie theoretisiert diese Kette über die Theorien zu care chains, care Zyklen und im Kontext transnationaler Ungleichheit sowie westlichen Konstruktionen des östlichen Europa. In den folgenden drei Kapiteln geht es um die care Arbeit der care Arbeiterinnen bezüglich ihrer Angehörigen und hier vor allem um die Organisation von Mutterschaft aus der Ferne, also um Praktiken transnationaler Mutterschaft. In den nächsten Kapiteln dieses Blocks werden sich verändernde und zunehmend konservativere Mutterschaftsdiskurse aus eine Diskursanalyse der skandalisieren Medienberichterstattung über die transnationale Mutterschaft und die Kinder, die angeblichen Eurowaisen, analysiert. Das nächste Kapitel fragt nach der Veränderung der Geschlechterverhältnisse aufgrund der Migration und nach dem Anteil von Männern an der Sorgearbeit. Der abschließende Teil greift die theoretischen Fragen nochmal auf und beschreibt den Weg von der sozialistischen Utopie einer Vergesellschaftung von Sorgearbeit zu ihrer aktuellem Kommodizifierung im globalen Kontext und weist auf neu entstehende Ungerechtigkeiten hin.

Inhalt

Helma Lutz legt im ersten Teil dar, dass sie davon ausgeht, dass die Organisation der Betreuung pflegebedürftiger älterer Menschen im Privathausgalt in Deutschland rechtlich und organisatorisch sehr vielfältig ist aber alle Formen ausbeuterisch und prinzipiell illegal sind. Diese ausbeuterischen Verhältnisse sind nur möglich, weil es im internationalen und auch im europäischen Ost West Verhältnis massive Ungleichheiten und im Prinzip rassistische Konstruktionen des östlichen Europas gibt. Diese zeigt Lutz am Beispiel von Manuela Boatcas und Marias Todorovas These vom östlichen Europa als der unvollständigen Version des Europäischen Selbst. Theorien des care chains -also von Versorgungsketten im globalen Kontext erfassen dies nur unvollständig, wenn sie zu linear verstanden werde. Also müssen netzwerkorientierte Theorien der globalen Sorgearbeit und insbesondere Theorien der transnationalen Ungleichheit herangezogen werden.

Lutz richtet ihr Augenmerk aber nun auf die Folgender care Migration für die Angehörigen und Geschlechterverhältnisse in den Entsendeländern. Sie zeigt, dass es hier sehr unterschiedliche Modelle gibt. In der Kontrastierung von Fallrekonstruktionen wird sichtbar, dass immer Sorgekapazität aus diesen Ländern abgezogen und Mutterschaft immer aus der Ferne aufrechterhalten wird. Dies kann je nach Umständen gelingen aber auch misslingen. Obwohl Frauen durch ihre Migration eine wichtige Finanzierungsfunktion für die Familie haben und einige Männer sehr wohl Sorgetätigkeit übernehmen, ändert sich an den Geschlechterverhältnissen und den damit verbundenen Symboliken wenig. In dem sehr innovativen Kapitel über sogenannte Eurowaisen, das auf einer Inhaltsanalyse von fast 1000 Pressartikeln aus Polen und der Ukraine zu den Kindern von im Ausland lebenden Migrantinnen basiert, wird deutlich, dass sich in den Ländern des östlichen Europas eine geschlechterdifferenzierende Symbolik trotz anderer Arbeitsorganisation erhalten hat und aktuell durch eine stark konservative Mutterschaftsideologie verstärkt wird.

Dieser Aspekt wird im abschließenden Kapitel wieder aufgegriffen. Lutz zeigt, wie in der feministischen Debatte die Frage unbezahlter care Arbeit entweder durch eine Vergesellschaftung dieser Arbeit oder ihre Auswertung und Kommodifizierung gelöst werden sollte, beides ist aber nicht erfolgt. Obwohl Frauen in Europa der Zugang zum Arbeitsmarkt fast vollständig gelang, blieb care Arbeit weiterhin in weiblicher Verantwortung. Aufgrund der internationalen Ungleichheiten werden sie von Migrantinnen übernommen, damit wird die weibliche Konnotation von care aber eher noch verstärkt – und dies in mehrfacher Hinsicht, wie die Analysen zum östlichen Europa zeigen. Eine Alternative sieht Lutz in dem Modell des „universal care giver “ von Nancy Fraser, aber zur Umsetzung sind sowohl entsprechende soziale Bewegungen als auch Veränderungen der internationalen Ungleichheiten notwendig.

Fazit

Trotz eines vergleichsweise pessimistischen Endes stellt diese Publikation einen Lichtblick dar, da sie mit dem Fokus auf die Hintergründe und Folgen von Care-Arbeit und Geschlechterverhältnissen den Blick auf das wenig thematisierte östliche Europa und die beeindruckenden Bewältigungsstrategien der Migrantinnen in ihrem Umfeld richtet. Der Versuch, diesen Blickwechsel mit Theorien zu globaler care, Ost-West und internationale Ungleichheiten und feministischen Theorien zu verbinden macht das Buch trotz großer interner Heterogenität ausgesprochen lesenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 13.05.2020 zu: Helma Lutz: Die Hinterbühne der Care-Arbeit. Transnationale Perspektiven auf Care-Migration im geteilten Europa. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3921-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24982.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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