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Stefan Joller: Skandal und Moral

Cover Stefan Joller: Skandal und Moral. Eine moralsoziologische Begründung der Skandalforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 248 Seiten. ISBN 978-3-7799-3927-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Edition Soziologie.
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Wann ist ein Skandal ein Ärgernis?

In der medienöffentlichen Aufmerksamkeit lässt sich kaum etwas verschweigen, verbergen und „unter der Hand“ regeln. Ein Regelbruch von öffentlichen Personen und Prominenten kommt meist im Netz zutage, vor allem dann, wenn in einer Gesellschaft freiheitliche, demokratische Prinzipien herrschen. Im Zeitalter der neuen technischen Medien haben sich Einstellungen und Verhaltensweisen entwickelt, die im „gläsernen Menschen“ ein Ideal- wie ein Schreckensbild zeichnen: „Ich präsentiere mich wie ich will!“ – „Ich kann machen was ich will!“ – „Es ist wichtig, öffentlich wahrgenommen zu werden!“ – „Mit der Verbreitung von ‚Fake News’ verberge ich, was ich nicht preisgeben will!“. Die Medien sind dafür ein Mittel, die Wahrheit zu erfahren, wie gleichzeitig sie zu verbergen (Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Also: Sag‘ die Wahrheit, dann hast du nichts zu befürchten? Diese erst einmal richtige Feststellung hat Haken und Kanten; denn solange keine Einigkeit darüber hergestellt ist, was Wahrheit ist, muss gesagt werden: Vorsicht! Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners! (Heinz von Foerster). Moralische Einstellungen und Verhaltensweisen beim menschlichen Umgang miteinander basieren, nach den moralphilosophischen Vorstellungen, erst einmal auf zwei Grundannahmen: Da sind zum einen die altruistischen, empathischen Positionen, nach denen ein humanes, friedliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen unverzichtbar und konstitutiv ist, sich in Einstellungen wie Fairness und Gerechtigkeitsempfinden ausdrückt und in verschiedenen, utilitaristischen Formen wirksam wird (Valentin Beck), zum anderen auf einem rechtsmoralischem, historischem und rationalem Denken (Silvio Vietta). Weil es schwierig ist, moralisch zu sein, und unmoralische, egoistische Einstellungen und Entscheidungen tagtäglich, individuell und lokal- und globalgesellschaftlich an der Tagungsordnung sind (Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21987.php). „Aus wissenschaftlicher Sicht ist in einem über die mediale Diskussion einzelner Fälle hinausgehenden Blick zu konstatieren, dass es bisher an einer systematischen, empirischen Aufbereitung, an Grundlagenforschung zur Thematik sowie an einer erweiterten Reflexion der individuellen wie gesellschaftlichen Folgeeffekte und möglichen Dysfunktionalitäten von Skandalberichterstattung weitestgehend fehlt“ (Mark Ludwig, u.a., Hrsg., Mediated Scandals. Gründe, Genese uns Folgeeffekte von medialer Skandalberichterstattung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20683.php).

Der Soziologe Stefan Joller von der Universität Koblenz-Landau beschäftigt sich ebenfalls mit der Skandalforschung im Rahmen der Moral-, Medien- und Kommunikationstheorie. Weil vom Zaun gebrochene, gesteuerte, manipulierte und leichtfertig vollzogene, moralische Grenzüberschreitungen anscheinend die neuen individuellen und kollektiven Einstellungen und Verhaltensweisen bestimmen, braucht es einer wissenschaftlichen, „grundlagentheoretischen Aufarbeitung jener Leerstelle der Skandalforschung, die zwar vielerorts benannt, aber … an ebenso vielen Stellen nicht ausreichend berücksichtigt wird, und … für die normative Ausrichtung vieler Debatten verantwortlich zu sein scheint: die moralische Begründung des Skandals“. Joller entwickelt eine programmatische Konzeption dazu: „Konkurrenz moralischer Kollektive“.

Aufbau und Inhalt

Neben Einleitung und Conclusio gliedert der Autor die Studie „Skandal und Moral“ in die weiteren Kapitel:

„Skandaltheorie“. Sie gründet auf der (eigentlich) positiven Einschätzung, dass „Skandale ( ) streitlustige Rituale der Gesellschaft (sind), die Einigung in Aussicht stellen, indem sie Abweichung thematisieren“. Ein Skandal, so lässt sich ausdrücken, beginnt immer mit einer Verfehlung, einer von der Gesellschaft veranlassten und als Werte und Normen gesetzten, unerlaubten Grenzüberschreitung. Bei dieser Bestimmung freilich werden bereits Fallstricke erkennbar, bei denen kritiklose Angepasstheit, konservative Einstellungen – „Das haben wir schon immer so gemacht!“ / „Das haben wir noch nie so gemacht!“ / „Da könnte ja jeder kommen!“ – und Unfähigkeit zur Veränderung – „Keine Experimente!“ – konkurrieren mit Formen von Entrüstung, Empörung und Kritik am Fehlverhalten, das zum einen normdefiniert und damit auf die Voraussetzungen eines menschenrechtlichen Bewusstseins gründet, zum anderen aber auch der Gefahr unterliegt, individualistische, ego- und ethnozentrierte, fundamentalistische, populistischen und ideologische Interessen zu vertreten: „Auf die Moral kann der Skandal nicht verzichten“.

„Moral, Medien und Öffentlichkeit – Grauzonen der Skandaltheorie“. Hier setzt sich der Autor mit Émile Durkheims wissenschaftlichen Begründungen einer „Soziologe der Moral“ auseinander, verweist auf die traditionellen und lebensweltlichen, sozialen Grundlegungen von Moralauffassungen, bringt die Sozialisationsthese in den Moraldiskurs ein, dass Gruppenzugehörigkeit, Formen von Disziplin, Identität und autonomes Bewusstsein moralisches Denken und Handeln beeinflussen und bestimmen. Moralische Einstellungen und moralisches Verhalten können aus Einsicht, Aufklärung und Identitätsentwicklung erworben, oder durch Manipulation und Zwang verordnet werden. Moralisch sein und Moralisches tun sind zwei Seiten der einen Medaille. Es ist also sinnvoll und notwendig, sich mit den Definitionen und Konzepten von Werte-, Normen- und Moraldiktionen auseinander zu setzen, wie sie etwa von Niklas Luhmann und anderen als soziale und soziologische Wertmaßstäbe entwickelt wurden. In diesem einvernehmlichen und kontroversen Diskurs wird deutlich: Persönliche, öffentliche und virtuelle Kommunikation ist ein Schlüssel. Der eher undifferenzierten, einseitig auf moralische oder medienspezifische Analyse der Skandalforschung setzt Joller sein Konzept der „Konkurrenz moralischer Kollektive“ entgegen, als „eine erkenntnisversprechende Moralanalyse… (die) dem jeweiligen Verhältnis von der Funktion der Moral, ihrer Form und ihrer realisierten Inhalte gerecht wird, indem sie neben der Genese, ebenso die Variation, sowie die Stabilisierung der Moral zu durchdringen vermag“.

Der Autor erläutert dies anhand der „Fallanalyse – Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg“. Die Geschichte der plagiierten Dissertation liest sich wie ein Who-is-who von privilegierten Prominenten, den Imponderabilien und Erfahrungen von öffentlichen Persönlichkeiten und den erstaunlichen, egozentrieten, leichtfertigen (gewachsenen) Einstellungen: „Mir kann niemand etwas!“. Es ist die (zwangsläufige?) Vermischung von öffentlicher Person, Karriere, eigener und gruppenbezogener Kritikunfähigkeit oder -Unwilligkeit, Abhängigkeit, Verfehlung und narzisstischen Verhaltensweisen auf der einen, und wissenschaftlichen Wahrheitsfindungsprozessen, fachbezogenen und medialen Aufmerksamkeiten auf der anderen Seite, die den „GuttenPlag“ so wirksam werden ließ. Die Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit von Guttenbergs kann als Exempel aufgewiesen werden, welche Macht die neuen Medien und deren Vernetzung bei der Aufdeckung von (öffentlichen) Skandalen haben.

Fazit

„Wer Skandale verstehen will, muss die Moral ergründen, und wenngleich nicht jede Formierung von Moral skandalös ist, ist doch jeder Skandal moralisch“. Eine soziologische wie interdisziplinäre Skandalanalyse erfordert demnach, dass „nach den Charakteristika der öffentlichen Entfaltung und Durchsetzung der Moral gefragt wird“, vor allem auch deshalb, weil beim Skandal – im Gegensatz zum Klatsch – „die moralische Kommunikation im Modus der Empörung öffentlich Form annimmt“.

In den Zeiten von Ego-, Ethnozentrierung, von Tendenzen der Entdemokratisierung, von fatalistischen, formalistischen, fundamentalistischen, rassistischen und populistischen Einstellungen, Selbsterhöhungen, narzisstischen und Fake News-Machern werden Skandale zu Gewohnheiten und Gewöhnlichkeiten. Diesen Tendenzen gilt es in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Skandalursachen und -Wirkungen entgegen zu treten. Stefan Joller gelingt dies mit der Weiterentwicklung der Skandalforschung hin zu einer moralsoziologischen Skandaltheorie.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.01.2019 zu: Stefan Joller: Skandal und Moral. Eine moralsoziologische Begründung der Skandalforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3927-6. Reihe: Edition Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24984.php, Datum des Zugriffs 26.05.2019.


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