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Christian Lüdke, Karin Clemens (Hrsg.): Vernetzte Opferhilfe

Rezensiert von Dr. Michaela Schumacher, 19.04.2005

Cover Christian Lüdke, Karin Clemens (Hrsg.): Vernetzte Opferhilfe ISBN 978-3-89797-028-1

Christian Lüdke, Karin Clemens (Hrsg.): Vernetzte Opferhilfe. Handbuch der psychologischen Akutintervention. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2004. 524 Seiten. ISBN 978-3-89797-028-1. 38,00 EUR. CH: 66,00 sFr.
Reihe: EHP-Praxis. Mit einem Vorwort von Jan Philipp Reemtsma und einem Geleitwort von Andreas Maercker
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Zielgruppen

Das Buch wendet sich an alle, die mit Unfall-, Überfall-, Verbrechens-, Gewalt- und/oder Naturkatastrophenopfern zu tun haben wie Rettungsdienste, Polizei, Feuerwehr, TraumatologInnen, Versicherungen, JurisInnen etc., aber auch an alle, die sich für die Opferhilfe interessieren..

Aufbau

Das Buch hat ein Vorwort von Ph. Reemtsma, ein Geleitwort von Andreas Maercker, eine Danksagung und Einführung der Herausgeber, 4 Teile mit unterschiedlich vielen Kapiteln, einen Anhang mit Literaturverzeichnis, Ausgewählte imaginative und Stabilsierungsübungen, Auswahl von Kontaktadressen, Die Autorinnen und Autoren. In der Einführung entfalten die Herausgeber ihr Verständnis von Opferhilfe. "Opferhilfe soll

  1. bedrohtes Menschenleben schützen und
  2. Lebensbedingungen schaffen, in denen körperliche, soziale und seelische Gesundheit von Traumaopfern wiederhergestellt und dauerhaft erhalten werden kann."(17)

Die Hilfsmöglichkeiten sind nur dann höchst effektiv und effizient, wenn die Kooperation und Vernetzung der vorhandenen Ressourcen gelingt.

I. Teil "Vernetzte Opferhilfe nach traumatischen Ereignissen - ein Überblick"

Zunächst erläutern die Herausgeber an einem negativen und positiven Beispiel, weshalb Opferhilfe vernetzt sein muss und die Helfenden der beteiligten Dienste, Institutionen und Organisationen über Trauma, dessen Folgen und das Ensemble der vorhandenen Hilfemöglichkeiten informiert sein müssen, damit den Betroffenen keine Zusatzbelastungen zugemutet und aufgebürdet werden. Aufgezeigt wird, wie Sicherheitstechnik, Medien und Juristen ihren Beitrag zur optimalen Versorgung der Traumaopfer leisten und beitragen können. Vernetzte, kooperative Opferhilfe umfasst alle medizinischen, psychologischen, sicherheitstechnischen und betriebsinternen Maßnahmen. Fokussiert werden die psychologische Opferhilfe und ihre Ziele - Bewältigung der Krisensituation, optimale psychologische Versorgung der Betroffenen und Gewährleistung psychotherapeutischer Behandlung, wenn diese angezeigt ist. Differenziert dargestellt und erläutert wird die Prävention:

  • Für die primäre Prävention werden Konzepte für Konflikt-, Stress-, Risiko- und Krisenmanagement, Psychotraumatologie und ein Deeskalationstraining vorgestellt.
  • Für die Sekundärprävention werden die Psychologische Erste Hilfe und die psychologische Akutintervention vorgestellt,
  • für die tertiäre Prävention Traumatherapie mit ihren grundlegenden, therapieschulenübergreifenden Techniken: Traumaexposition, kognitive Umstrukturierung bzw. Schemaarbeit und Ressourcenarbeit.

II. Teil " Grundlagen der psychologischen Akutintervention nach belastenden Ereignissen"

Die Herausgeber geben zunächst einen Überblick über die Bestandteile der psychologischen Akutintervention, deren vier Bausteine sind: Psychoedukation, Stabilisierung, Risikoeinschätzung und Nachsorge.
  • Bei den grundsätzlichen Handlungsstrategien diskutieren sie dann die z.T. divergenten Erfahrungen mit dem debriefing. Daran anknüpfend entwickeln und erläutern sie ein generelles Handlungsschema der psychologischen Akutintervention, deren Kriterien sind: Rahmen-/Kontextbedingungen, Gesprächsformen, Zeitpunkt, persönliche Stabilität, Zielgruppenorientierung - Selbsterholer, Wechsler, Risikopersonen, Risikoscreening und Nachsorge.
  • Anschließend werden die "Grundsätzlichen Interventionsstrategien im Verarbeitungsprozess" behandelt. Traumasymptome - so belastend sie für die Betroffenen sind - spiegeln die Selbstschutz- und Selbstheilungsfunktion der menschlichen Psyche in Kooperation mit Körper und Geist. Selbstheilungsziele sind zu unterstützen und die Selbstheilungsmethoden auf Angemessenheit bzgl. der Zielerreichung zu prüfen. Bei Unangemessenheit sind sie zu modifizieren, zu erweitern oder zu ersetzen. Da es immer um Hilfe zur Selbsthilfe geht, ist eine kontinuierliche innere und äußere Ressourcenorientierung im Verarbeitungsprozess unverzichtbar.
  • J. Veith beschreibt und erläutert die "Rechtsgrundlagen der psychologischen Akutintervention nach belastenden Ereignissen". Therapeutische Heilbehandlungen dürfen entsprechend der Rechtslage nur von ärztlichen und/oder psychologischen bzw. Kinder/Jugend- Psychotherapeuten und Heilpraktikern durchgeführt werden. Psychologische Diagnostik, Risikoeinschätzung und Nachsorge (Therapie) unterliegen der erlaubnispflichtigen Ausübung der Heilkunde. Denn Unsachgemäßheit kann erhebliche Gesundheitsschäden übersehen bzw. verursachen. Psychoedukative Maßnahmen vor Ort und spezifische Stabilisierungsmaßnahmen sind erlaubnisfrei. Die Rechtsfolgen bei Nichtbeachtung des Heilkundevorbehalts werden unter vertrags- und haftungsrechtlichen Fokus ebenso diskutiert wie die Anforderungen an die Sorgfaltspflicht eines approbierten psychologischen Therapeuten.

III. Teil "Angewandte Akutintervention"

In diesem Teil stellen die Herausgeber die vier Säulen der Akutintervention vor und erläutern sie.

  • Psychoedukation muss die Betroffenen über Psychotrauma-Definition, Phasen, Symptome, Verarbeitungsprozess, Dauer, Stör- und Supportfaktoren aufklärend informieren, damit diese ihre Befindlichkeiten und Beschwerden selbstbeobachtend verfolgen und einordnen können. Eine entsprechende Checkliste illustriert dies.
  • Spezifische Stabilisierung bedeutet Abstand und Beruhigung, Infos und Tipps zu spezifischen Symptomen wie Intrusionen, Verleugnung, Vermeidung, Übererregung, Albträume, Ängste/Sicherheitsverlust, Aggressionen, Depressionen, Selbstzweifel, Scham- und Schuldgefühle, Verspannungszustände, Misstrauen/Unsicherheitsgefühl. Jedes Symptom wird kurz und einsichtig beschrieben und pragmatische Tipps für einen heilungsfördernden Umgang gegeben. Es folgen knappe, prägnante Ausführungen zur praktikablen Risikoeinschätzung in der psychologischen Akutintervention. Entsprechend der Zielgruppenorientierung - Selbstheiler, Wechsler, Risikopersonen - werden die notwendigen Nachsorgeschritte einsichtig und überzeugend skizziert.
  • Die psychologische Akutintervention bei Angehörigen/PartnerInnen werden entlang der Schlüsselbegriffe Sekundäre Traumatisierung, (Selbst)-Heilungsförderndes Verhalten/Handeln von Angehörigen. Trauer und Trauerreaktionen sind posttraumatische Belastungsreaktionen. Die drei Trauerphasen, zentrale Inhalte der Trauerarbeit und spezifische Erschwernisse werden kompetent beschrieben.
  • Besondere Aufmerksamkeit erhält die psychologische Akutintervention bei traumatisierten Kindern und Kindern von traumatisierten Eltern. Kinder im Alter von 1-10 Jahren lernen im Spannungsbogen von so sein wieÉ und anders sein wieÉvorwiegend durch Beobachtung und Nachahmung, eingebettet in die drei lebensnotwendigen Z - Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit. Kinder haben vier Geheimnisse: sie zaubern; sie verfremden; sie sind, was sie tun; sie sind zukunftsorientiert, wissen, dass sie jeden Augenblick bewusst gestalten. Vier Gestaltungsprinzipien werden benannt und für die therapeutische Arbeit konstruktiv gedeutet. Fünf Dimensionen des Verarbeitungsprozesses - Symptomträger, Ratanplan-Effekt, infantile Diskretion, firmative Demonstration, Kinderspiel - werden erläutert. Für die Arbeit mit Kindern gilt: Reden ist Gold, Schweigen leider nur Silber.

IV. Teil "Überfall- und Unfallhilfe in der Praxis"

Dieser Teil umfasst 32 Artikel auf 330 Seiten, die sich durch sensible Einfühlung, Konkretheit, Kürze und Prägnanz auszeichnen.

Prävention: Psychotraumatologischen Schulung in riskierten Berufen - Feuerwehren, Rettungsdienste, Polizei, Notfallseelsorge, Klinikpersonal/Palliativstation. Zentrale Aussagen sind:

  • Hilfe - eine ganzheitliche psychosoziale Unterstützung - für alle Einsatzkräfte und ihre Familien am besten durch einen speziellen psychologischen Dienst ist wegen der hohen Belastungen und der individuell unterschiedlichen Verarbeitungsprozesse unverzichtbar,
  • Notfallsituationen konfrontieren Einsatzkräfte und Betroffene immer auch mit der Frage nach dem Warum, der Sinnfrage und der Frage nach Gott. Hier ist die Notfallseelsorge der christlichen Kirchen gefragt,
  • PatientInnen, Angehörigen und Palliativpersonal gemeinsam ist die zusätzliche Belastung durch das gesellschaftliche Tabu von Tod und Sterben und den zugehörigen Begleitumständen. Wichtig sind deshalb sowohl Entlastungs-, Informations- und Klärungsgesprächen als auch ein geschützter Raum für Trauer und Stärkung der inneren und äußeren Ressourcen. Unverzichtbar ist Aufklärung bis Integration der relevanten Themen in Aus-, Fort+ und Weiterbildung der Pflegeberufe.

Sekundärprävention :

  • wie im polizeilichen Ermittlungsverfahren ein traumarespektierender Umgang mit Opfern zu gestalten ist und gelingen kann,
  • was Einsatzkräfte - Feuerwehren, Polizei und Rettungsdienste -für Betroffene von Überfällen und Unglücken tun können,
  • was die Intentionen, Arbeitsweise und Hilfeleistungen des Weißen Rings sind,
  • wie die HumanProtect Consulting GmbH (HPG), ein Dienstleistungsunternehmen zur Überfall-/Unfallhilfe und psychologischen Akutintervention arbeitet und Hilfe leistet.

Behandlung und (Akut-) Traumatherapie:

  • ein Fallbeispiel beschreibt eine ambulante Therapie,
  • therapeutische Interventionsstrategie, Therapiephasen, Verlauf und Schwerpunkte, Charakteristika - Ganzheitlichkeit, interprofessionelle Kooperation, Nachhaltigkeit und Effizienz einer stationären, psychotraumatologischen Therapie werden erläutert.

Akutversorgung seitens der Sozialleistungsträger:

  • was ist der Umfang des Versicherungsschutzes bei psychischen Traumata und wie leistet die Berufsgenossenschaft eine schnelle und unbürokratische Hilfe,
  • was ist und leistet eine Kooperation Opferhilfe (Duisburg/Niederrhein),
  • was sind und leisten Traumaambulanzen

Spannungsverhältnnis von Rechtsauftrag und Opferhilfe:

  • erläutert und dargestellt wird die Tätigkeit von OpferanwältInnen nach traumatischen Ereignissen in vier zentralen Aspekten- Strafverfahren, sozial- und zivilrechtliche Ansprüche und persönliche Rechte,
  • die rechtliche Vertretung von Kindern als Opfer benennt in 22 Unterpunkten, was ein Kind erwartet und wie es anwaltlich zu begleiten ist.

"Opfer in den Medien":

  • berufsethische Grundsäulen werden dargestellt und wie JournalistInnen die Begegnung mit Opfern verantwortlich gestalten können/sollten,
  • Recherchen und Dokumentationen - Filme, Features, Artikel - müssen von Empathie, Mit-Verantwortung, Opferschutz und einer wechselseitigen vertrauensvollen und verlässlichen (Arbeits-) Beziehung geprägt und gestaltet werden,

Versicherungsschutz am Beispiel der R+V Versicherung.

10 Betroffene berichten in unterschiedlicher Darstellungsform - z.B. Interviews, Tagebücher, Niederschriften - von ihren Erfahrungen mit Hilfeleistenden und Hilfeleistungen.

Fazit

Das Buch ist klar strukturiert, gut gegliedert, empathisch nie die Opfer verobjektend geschrieben. Es bietet einen tiefen und einsichtigen Einblick in die Opferhilfe, die psychologische Akutintervention. Zu Wort kommen Psychotherapeuten, Ärzte, Rechtsanwälte, Seelsorger sowie Einsatzkräfte - Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste -, Opferhilfeorganisationen, Kliniken, Medien, Sozialleistungsträger, Versicherungen und mit zutiefst beeindruckenden Beiträgen Betroffene. Mit dieser Bandbreite löst das Buch seine eigene Forderung nach interdisziplinärer Kooperation aller an der Betreuung von Gewalt- und Unfallopfern und an der Prävention Beteiligten in glaubwürdiger Weise ein. In Anwaltschaft für die Betroffenen gibt es Zeugnis für die Unverzichtbarkeit einer vernetzten Opferhilfe und nimmt Politik und Gesundheitswesen in die Verantwortung. Es gehört gelesen von jedem/r gelesen, der/die mit Opfern, Angehörigen und/oder Helfenden zu tun hat.

Rezension von
Dr. Michaela Schumacher
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Es gibt 55 Rezensionen von Michaela Schumacher.

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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 19.04.2005 zu: Christian Lüdke, Karin Clemens (Hrsg.): Vernetzte Opferhilfe. Handbuch der psychologischen Akutintervention. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2004. ISBN 978-3-89797-028-1. Reihe: EHP-Praxis. Mit einem Vorwort von Jan Philipp Reemtsma und einem Geleitwort von Andreas Maercker. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2499.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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