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Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin

Cover Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege. Schattauer (Stuttgart) 2017. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 544 Seiten. ISBN 978-3-608-43066-0. 29,99 EUR.
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Thema

Das Fach Ethik wird häufig nicht geliebt. Schüler und Studierende neigen dazu, relativ wenig Arbeit in dieses Fach zu investieren, was angesichts steigender Anforderungen und Arbeitsbelastungen in den anderen Fächern verständlich erscheint. Die philosophischen Disziplinen erscheinen eher weltfremd und folgenlos. Aus diesem Grund spricht der Philosoph Ferdinand Fellmann auch von der Angst des Ethiklehrers vor der Klasse. Das vorliegende Werk des Arztes und Philosophen Giovanni Maio zeigt, dass die Fragen das gute Leben betreffend nicht nur Fachleute oder zurückgezogen lebende Grübler etwas angehen. Die Philosophie wird tagespolitisch häufig um Rat gebeten – nicht nur in der Medizin, aber auch hier drängt sich oft der Eindruck auf, es sei vor allem eine Diskussion um Experten. Das vorliegende Buch zeigt die alltägliche Relevanz philosophischer Reflexion auf.

Autor

Giovanni Maio ist Arzt mit klinischer Erfahrung in der inneren Medizin und Philosoph (M.A.). Neben langjähriger Erfahrung als Arzt und Hochschullehrer (derzeit Professor in Freiburg) war er in zahlreichen Expertengremien vertreten. Er beriet unter anderem die Bundesregierung und die deutsche Bischofskonferenz.

Entstehungshintergrund

Vorliegendes Werk wurde inspiriert durch langjährige Lehrtätigkeit im Fach Medizinethik an verschiedenen Universitäten und über zehn Jahre in der klinischen Ethikberatung (S. VII). Diese Erfahrung merkt man dem Buch in vielerlei Hinsicht positiv an. Darauf gehe ich detailliert in den Punkten Fazit und Diskussion ein.

Aufbau

Das Buch gliedert sich grob in neun Teile, die wiederum in kürzere Kapitel von ca. zehn Seiten Umfang aufgeteilt sind. Am Ende eines jeden Kapitels befinden sich das Literaturverzeichnis und Hinweise auf weiterführende Literatur. Das ist in Hinblick auf die Informationsdichte des Werkes eindeutig positiv zu bewerten. Jedes Kapitel kann solitär gelesen werden, aber auch etwa begleitend zu einer Lehrveranstaltung durchgelesen werden. Ein umfangreiches Personen- und Sachverzeichnis ermöglicht es, sich schnell Informationen aus dem Buch zu beschaffen.

Ausgewählte Inhalte

Aus Platzgründen sei dieses Referat etwas gestrafft. Ich orientiere mich an bereits angesprochenen den neun Teilen.

I Philosophische Grundlagen. Die wesentlichen Grundbegriffe der Ethik stehen am Anfang dieses Lehrbuchs. Mit einzelnen Kapiteln wird unter anderem die Diskursethik (am Beispiel Habermas), die utilitaristische Ethik und die Pflichtethik Kants erklärt.

II Historische Grundlagen. Als zweite Heranführung an das Thema Medizinethik wird die Geschichte der Medizin dargestellt, von den Anfängen in der griechischen Antike bis heute dargestellt. Für die Konzeption der Medizinethik, wie sie in diesem Werk vermittelt wird ist dies wesentlich, dass der Autor Medizin als Ausdruck des jeweiligen Menschenbildes einer Gesellschaft versteht

III Grundbegriffe der Medizin. Der dritte Abschnitt beschreibt einige grundlegende Begriffe der Medizin, z.B. die verschiedenen Konzeptionen von Krankheit und Gesundheit, aber auch, was sich unter dem Begriff der „ärztlichen Kunst“ zu verstehen ist.

IV Methodische Ansätze der Medizinethik. Nachdem die philosophischen, ethischen und medizinischen Begrifflichkeiten erklärt wurden, folgen nun Kapitel, die in die Denk- und Arbeitsweisen der Medizinethik einführen, insbesondere die Prinzipienethik, die Hermeneutische Ethik und die Ethik der Sorge (Care Ethik).

V Ethik in der Begegnung von Arzt und Patient. An dieser Stelle werden die ethischen Aspekte der Arzt-Patientenbeziehung diskutiert, z.B. was ist unter Patientenautonomie zu verstehen, wie sind Patientenwünsche zu verstehen oder die ethischen Grundlagen der ärztlichen Schweigepflicht. Ferner werden in jeweils einem Unterkapitel die besonderen ethischen Anforderungen der Kinder- und Jugendmedizin und der Psychiatrie besprochen.

VI Ethik in der Pflege. Eine weitere positive Besonderheit des vorliegenden Bandes ist, dass die Ethik in der Pflege in einem eigenen Kapitel gewürdigt wird.

VII Spezialthemen in der Ethik der Medizin. Im diesem Kapitel werden einige Themen angesprochen, die auf den ersten Blick wohl eher den Fachmann betreffen, etwa Ethik der Reproduktionsmedizin oder Enhancement. Relevant für jeden Menschen aufgrund der Alltäglichkeit von medizinischen Angeboten, die noch vor wenigen Jahrzehnten eher nach Science Fiktion klangen als nach möglichen Handlungsoptionen. Mit der marktreifen Verbreitung von Methoden pränataler Diagnostik drängt sich für jedes Paar mit Kinderwunsch die Frage auf, wie mit derartigen Angeboten umzugehen sei. Enhancement, also Leistungssteigerung mit medizinischen Mitteln betrifft nicht mehr nur Leistungssportler, sondern auch Schüler, Studierende und junge Berufstätige neigen dazu, Medikamente zur Bewältigung ihrer Ansprüche zu nutzen bzw. eher zu missbrauchen. Wiederum eine Frage, die für jedes Leben zu beantworten ist.

VIII Ethik am Ende des Lebens. Eine der medizinethischen Fragen, die sich mit Nachdrücklichkeit stellen, ist die des Lebensendes. Die Vorstellung, ein möglicherweise würdeloses Leben zu haben, das durch medizinische Mittel verlängert und im Grunde nur als weiterer Leidensweg verstanden wird, macht vielen Menschen Angst. Antworten auf diese Fragen gibt es in diesem Abschnitt, speziell für Studierende der Medizin gibt es in einen Abschnitt über den Umgang mit dem Leichnam im Studium.

IX Abschluss. Im Schlusskapitel wird noch einmal die Frage nach den Grundlagen der Medizin aufgenommen, zunächst philosophisch, indem nach den verwendeten Menschenbildern der Medizin gefragt wird. Der zweite Abschnitt plädiert für eine Medizin, die sich durch die Sorge um den ganzen Menschen verpflichtet. Damit gelingt es dem Autoren, einen Bogen von den philosophischen und ethischen Grundlagen der Medizin hin zu der abschließenden Frage zu schlagen, was diese philosophischen Fragen für einen Arzt tagtäglich und in Zukunft bedeuten.

Diskussion

Zunächst seien einige Anmerkungen zu der Form und Gestaltung dieses Buches gemacht: Die Gliederung des Buches kommt der Orientierung beim Lesen sehr entgegen. Es kann sowohl von vorne bis hinten gelesen werden. Bei knappen Zeitressourcen ist auch die Lektüre einiger Kapitel oder Abschnitte möglich. Sehr positiv hervorzuheben ist die sprachliche Klarheit, in der auch komplizierte Sachverhalte verständlich dargestellt werden. Die notwendigerweise abstrakten ethischen und philosophischen Theorien werden anschaulich durch realistische Fallbeispiele und überzeugende Kommentare in ihrer praktischen Anwendung dargestellt. Bei den Fallkommentaren überrascht die Kreativität mit der reale Probleme zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst werden können, wenn man sich den humanen und sozialen Grundlagen des Faches vergegenwärtigt. An einigen Stellen erscheint die Darstellung etwas knapp, was aber dem begrenzten Raum in diesem Buch geschuldet, denn es fällt schwer, ein Thema der Medizinethik zu finden, was nicht behandelt wird und für weitere Lektüre bietet jedes Kapitel Lektürevorschläge zur Vertiefung.

In der Diskussion dieses Bandes stellen sich zwei wesentliche Fragen:

  1. Wozu bedarf es eines weiteres Lehrbuches über Ethik in der Medizin?
  2. Warum wird dieses Werk in einem Portal für Soziale Arbeit diskutiert?

Dieser Band bietet darüber hinaus viel mehr Stoff zur Diskussion, aber diese Fragen bieten sich zur Rezession an.

Eine Antwort auf diese Frage gibt der Autor zu Anfang. Lehrbücher der Medizinethik sind der Gefahr der Lückenhaftigkeit ausgesetzt. Bei Fertigstellung eines Bandes ist nicht absehbar, welche tagespolitischen Debatten in der näheren Zukunft geführt werden, die neue medizinethische Fragen aufwerfen (S. V).

Vergleicht man dieses Werk mit anderen gerne in der Lehre verwendeten Büchern fällt zunächst der Unterschied zwischen Lehrbüchern, die eher im Broschüren-Format vorliegen hinsichtlich des Umfangs und des Informationsgehaltes auf. Einen derart umfangreichen Überblick geben andere Lehrbücher der Medizinethik nicht. Was zeichnet dieses Werk inhaltlich aus? Es fällt auf, dass der Autor die Frage nach dem Menschenbild, nach dem in der Medizin verfahren wird, in den Mittelpunkt stellt, die Art wie über die ärztliche Kunst, die Rolle des Arztes nachgedacht wird in den Mittelpunkt des Nachdenkens über die Heilberufe gerückt. In zahlreichen Fallgeschichten zeigt der Autor, dass sich ethische Probleme vor allem im Dialog zwischen allen Beteiligten lösen lassen. Die Reflexion über das Menschenbild in unserer „modernen Gesellschaft“ oder „technisierten Zivilisation“ ist essenziell, auch wenn möglicherweise tagespolitische oder „Neulandfragen“ kurzfristig den Fokus der Debatte anders legen.

Eine zentrale Botschaft dieses Buches ist es, dass sich viele Probleme durch das Verstehen des Patienten, durch die Anerkennung seiner besonderen Lage, der aus dieser Lage hervorgehenden Ängste und Sorgen lösen lassen. Die Stärkung des Patienten, der Patientin, eine Position einzunehmen in der sie informiert über das weitere Vorgehen mitreden können. Das kennzeichnet eine Medizin, die den Patienten wertschätzt, sich um den ganzen Menschen sorgt. Eine Heilkunst, die nicht nur naturwissenschaftlichen Erkenntnisidealen verpflichtet ist – diese Ideale sind zweifelsohne gut – sich aber darum sorgt, wie sich der Mensch in dieser technisierten und rationalisierten Welt fühlt, einlebt und ein Verhältnis zu seinem eigenen Leiden und zu seiner Krankheit findet. Von dieser ethischen Konzeption, dem Umgang mit Leiden betreffend, kann die soziale Arbeit einiges lernen. Zu den Grundanforderungen der sozialen Arbeit gehört es, mit Klienten arbeiten zu können, deren Wertsetzungen den eigenen eher fremd sind. Diese Wertegegensätze werden oft nicht in einer offenen Diskussion ausgetragen, sondern eher verdrängt. Die Fallstudien in diesem Werk zeigen, wie auch scheinbar unauflösliche ethische Konflikte durch den Dialog aller Beteiligteren zufriedenstellend gelöst werden können. Eine Stärke der Sozialen Arbeit liegt in der Reflexivität ihres Sprachgebrauchs, ebenso ist die Soziale Arbeit als Menschenrechtsdisziplin sehr um ihre ethische Grundlegung bemüht. Es gilt nun, die Ethik zur Sprache zu bringen.

Fazit

Wem ist dieses Werk zur Lektüre zu empfehlen? Für Studierende und Lehrende der Medizin sowie für Ärzte liegt hier ein wichtiges Grundlagenwerk vor. Ethische Fragen werden häufig nicht geliebt, Studierende und Lehrende der Philosophie kennen die obligatorische Frage, wovon sie den Leben wollen, bzw. ob man davon leben könnte. Eine mögliche Erwiderung auf diese Frage kann nun sein, wie man den leben wolle, ohne zumindest einige der grundlegenden philosophischen Inhalte gehört zu haben, z.B. den Sinn des Lebens betreffend oder Antworten auf die Frage, was das gute Leben sei. Nicht nur als Mediziner, sondern auch aus Sozialarbeiter kann man in die Lage kommen, bei einem ethischen Dilemma um Rat gefragt werden. Einige Fragen betreffen jedes Leben: Kann ich hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, auch wenn es darum geht, sich mit der Vorstellung des eigenen Todes oder schwerer Erkrankungen auseinandersetzen zu müssen? Tod und Erkrankungen sind die einzigen Ereignisse, die man für die Zukunft antizipieren kann. So stellt sich für jedes Leben die Frage, ob und wie viel Leiden man für sich selbst zulassen möchte oder ob das Leiden am besten vermieden werden sollte. Wenn diesen Fragen Relevanz zugestanden wird, ist das Buch auch für die interessierte Allgemeinheit zu empfehlen. Gerade die Kapitel über das Menschenbild in der Medizin, die Frage, wie wir leben wollen, wie viel Leiden wir in unserem Leben zulassen wollen, sind Themen, die nicht nur in nachdenklichen Stunden in den Vordergrund treten. Dieses Werk bietet viele Anhaltspunkte, über den Platz des Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaft nachzudenken.


Rezensent
Martin Gloger
Diploma Hochschule – Fachhochschule Nordhessen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 22.03.2019 zu: Giovanni Maio: Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege. Schattauer (Stuttgart) 2017. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-608-43066-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24991.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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