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Sina König: Wohnungs­desorganisation

Cover Sina König: Wohnungsdesorganisation. Biographische Sinnkonstruktionen des (An-)Sammelns. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 210 Seiten. ISBN 978-3-7799-3841-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Autorin

Die Autorin ist Sozialarbeiterin im Sozialpsychiatrischen Dienst und Lehrbeauftragte an der HAWK (Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Kunst) Holzminden.

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist die Publikation der Individualpromotion der Autorin an der Universität Hildesheim. Die Berufspraxis als Sozialarbeiterin in der Sozialpsychiatrie, die die Autorin mit dem Phänomen der Wohnungsdesorganisation konfrontierte, ist Ausgangspunkt für die forschungsleitenden Fragen der Publikation.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel.

  • Nach einer Einleitung mit Beschreibung des Hintergrunds und des Aufbaus des Buches, gibt die Autorin im 2. Kapitel eine Übersicht über den Forschungsstand und die Begriffsentwicklung.
  • Es folgt im dritten Kapitel eine ausführliche Beschreibung des Forschungsdesigns.
  • Das 4. Kapitel ist mit beinahe 100 Seiten das umfassendste und bildet den Hauptteil mit der ausführlichen Beschreibung der Biographien und den entsprechenden Fallrekonstruktionen von 3 Personen, die von Wohnungsdesorganisation betroffenen sind.
  • Das 6. Kapitel bietet einen Vergleich der empirisch gewonnenen Daten mit den gängigen Theorieansätzen.
  • Das Buch mündet im letzten Kapitel in ein Fazit, das die Relevanz der gewonnenen Erkenntnisse im Lichte des bisherigen Forschungsstandes und die Implikationen für die Soziale Arbeit erörtert.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Autorin gibt zu Beginn einen historischen Überblick über die verschiedenen Begriffe, mit denen versucht wurde, das Phänomen der Wohnungsdesorganisation zu beschreiben und im Kontext psychiatrischer Erkrankungen zu definieren. Sie erläutert, warum sie den 2010 von Lath eingeführten Begriff Wohnungsdesorganisation als Oberbegriff für ihre weiteren Ausführungen verwendet und verdeutlicht, dass Wohnungsdesorganisation nicht auf das im öffentlichen aber auch fachlichen Diskurs oft stigmatisierend verwendete Messie-Syndrom reduzierbar ist.

Wohnungsdesorganisation wird von König als heterogenes Phänomen beschrieben, das sowohl Symptom einer psychischen Erkrankung als auch Syndrom sein kann. König orientiert sich in ihren Ausführungen nicht an klinisch-diagnostischen Zuschreibungen, sondern an den subjektiven Perspektiven der Betroffenen. Sie verweist auf die Unterscheidung von drei sogenannten Desorganisationstypen:

  1. dem aktiven Sammeln,
  2. dem passiven Ansammeln und
  3. dem destruierten Wohnen,

die durch entsprechende Fotos auch veranschaulicht werden.

Im Folgenden beschreibt die Autorin die klassischen Erklärungsansätze der Psychologie und Psychiatrie und ergänzt diese durch ethnographische Theorien, die soziokulturelle und historische Zusammenhänge analysieren. So verdeutlicht die Autorin, dass sie Wohnungsdesorganisation primär als soziales Phänomen versteht, ohne die klinische Dimension außer Acht zu lassen.

Das 3. Kapitel widmet sich der ausführlichen Beschreibung des Forschungsdesigns. Die Arbeit ist verortet in der Tradition der Biographieforschung und der rekonstruktiven Sozialarbeitsforschung. Es handelt sich um eine explorative Studie. Den Untersuchungsgegenstand bilden biographische Lebensläufe von Menschen in desorganisierten Wohnverhältnissen und deren subjektive Sinnkonstruktionen.

Entsprechend den Anforderungen an eine Dissertation werden die zentralen Forschungsfragen, Methodologie, Auswahlprozess, der Zugang zu den Interviewpartner/innen, die Durchführung der Forschung und das Auswertungsverfahren des erhobenen Datenmaterials (Narrationsanalyse) detailliert und nachvollziehbar beschrieben. Die Autorin legt dabei den Schwerpunkt auf die Biographie und die Rekonstruktion der Lebensverläufe und die subjektive Sinnkonstruktion durch die Betroffenen. Entsprechend wurden subjektorientierte Erhebungs- und Auswertungsverfahren durchgeführt. Die Autorin führte autobiographische narrative Interviews durch mit insgesamt 10 Personen.

Im Hauptteil im 4. Kapitel werden drei der zehn durchgeführten Interviews ausführlich präsentiert. Die Autorin schildert Kontaktaufnahme und Interviewsetting und den Typ der Wohnungsdesorganisation. Es folgt jeweils die biographische Beschreibung mit anschließender Rekonstruktion der Lebensgeschichte. Der Fokus liegt dabei auf den durch die Textanalyse eruierten Sequenzen, wo sich die interviewten Personen mit ihrer eigenen Wohnsituation und den damit verbundenen Problemen auseinandersetzen. Auf diese Weise identifiziert die Autorin subjektive Erklärungsmuster für Entstehung, Entwicklung und Aufrechterhaltung von Wohnungsdesorganisation. Die dabei gefundenen Ergebnisse werden in Form von jeweiligen Fallanalysen zusammengefasst und wesentliche Gesichtspunkte der autobiographischen Präsentationen der Betroffenen anschaulich dargelegt.

Die weiteren 7 Interviews werden in Form zusammenfassender Kurzporträts dargestellt.

Im 5. Kapitel erörtert die Autorin als letzte Stufe ihrer Narrationsanalyse fallübergreifend die aus den Interviews gewonnenen Sinnkonstruktionen. Die Ergebnisse der drei ausführlichen dargestellten Interviews werden unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus den weiteren sieben Kurzporträts verdichtet. Die beiden dabei als zentral und als sich kontrastierend identifizierten Erscheinungsformen von Wohnungsdesorganisation – das aktive Sammeln und das passive (An-)sammeln – werden ausführlich beschrieben und mit Fotos illustriert. Je nach Erscheinungsform präsentiert die Autorin differenzierte Sinnkonstruktionen. Durch das aktive Sammeln wollen die Betroffenen Verluste Kompensieren und Anerkennung erleben. In diesem Sinne wird das Sammeln als Bewältigungsstrategie für die Wiederherstellung des psychosozialen Gleichgewichts gedeutet. Das passive Ansammeln steht in Verbindung mit Abhängigkeitserkrankungen.

Im folgenden Abschnitt werden die Erkenntnisse aus der empirischen Untersuchung mit den theoretischen Ausführungen verglichen. Dabei identifiziert und beschreibt die Autorin Zusammenhänge von Wohnungsdesorganisation und Konsumkultur und die Verbindung von innerer und äußerer Desorganisation vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer Erkenntnisse. Descartes' berühmte erkenntnistheoretische Aussage „cogito ergo sum“ modifiziert die Autorin zum „Ich sammle, also bin ich“ als Quintessenz der Analyse des Sammelns als identitätsstiftende Funktion.

Zum Abschluss beschreibt die Autorin die Relevanz ihrer Ergebnisse auf dem Hintergrund der in Kapitel 2 beschriebenen Forschung und bietet Implikationen für die Praxis der Sozialen Arbeit. Als wesentliches Resultat diesbezüglich wird von der Autorin konstatiert, dass sowohl die Bezeichnung „Messie“ als auch das als pathologisches Horten 2013 in das DSM-5 aufgenommene Syndrom, das häufig sämtliche Erscheinungsbilder von Wohnungsdesorganisation benennt, dem Formenspektrum von Wohnungsdesorganisation nicht gerecht werden. Hinsichtlich des Innovationscharakters ihrer Untersuchungen verweist die Autorin darauf, dass in bisherigen Untersuchungen Interviewpartner/Innen nur aus sogenannten Messie Selbsthilfegruppen rekrutiert wurden, wohingegen sie keine Selektion traf und die Heterogenität ihres Samples nutzen konnte.

Hinsichtlich der Implikationen für die Soziale Arbeit gibt die Autorin keine pauschalierten Interventionsstrategien oder einfachen Rezepte, leitet aber einige wesentliche Aspekte für die Praxis ab. Sie postuliert Selbstreflexion als grundlegende Handlungskompetenz und die Berücksichtigung lebensgeschichtlicher Bezüge als Voraussetzung für erfolgreiche Soziale Arbeit. Deren Repräsentant/innen sollten sich mit ihren eigene Stereotypen und Normvorstellungen von Ordnung und Unordnung auseinandersetzen, individuellen Sinnkonstruktionen ihrer Klientel Raum geben, dessen Verhalten als Bewältigungsverhalten verstehen und dementsprechend Hilfsprozesse initiieren.

Fazit

Die Studie fügt sich in den bisherigen Forschungsstand im deutschsprachigen Raum ein und ergänzt ihn um einen biographisch rekonstruktiven Schwerpunkt. Englischsprachige Literatur ist als Referenz nur marginal zu finden, was gewisse Äußerungen der Autorin hinsichtlich des Innovationscharakters ihrer Arbeit relativiert bzw. auf den deutschsprachigen Raum beschränkt.

Die Lebensgeschichten der von Wohnungsdesorganisation betroffenen Personen werden in ihrer Differenziertheit und Komplexität anschaulich beschrieben. Die biographischen Fallrekonstruktionen und fallübergreifenden Sinnkonstruktionen werden klar herausgearbeitet. Die Autorin entschlüsselt hinter vordergründig unverständlichen Verhaltensmustern verborgene Botschaften, veranschaulicht die Befindlichkeiten der Betroffenen und trägt so eindrucksvoll zum Verständnis des Verhaltens bei.

Es gelingt ihr gut darzustellen, dass der populäre und oft stigmatisierend gebrauchte Ausdruck Messie bzw. Messie-Syndrom zu kurz greift und den unterschiedlichen Formen der Wohnungsdesorganisation nicht gerecht wird. Auch den mit dem Fachdiskurs weniger vertrauten Leser/innen verdeutlicht sie die Notwendigkeit auf den verborgenen Hilferuf hinter dem problematischen Verhalten zu achten und es als Bewältigungsverhalten zu verstehen.

Die Autorin belässt es nicht bei einer biographischen Analyse und Erklärung des Verhaltens, sondern gibt auch ohne zu pauschalieren oder einfache Rezepte zu geben wertvolle Handlungsimplikationen für die Praxis Soziale Arbeit.

Das Thema ist aufgrund von überwiegenden Forschungen aus dem Gesundheitsbereich durch einen klinischen Blick bestimmt. Die „wissenschaftliche Einmischung“ der Autorin aus dem Bereich der Sozialen Arbeit bzw. der Sozialarbeitsforschung leistet so einen innovativen und notwendig ergänzenden Beitrag, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden.

Das Buch leistet so einen wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis und zur Entstigmatisierung von Personen, die von Wohnungsdesorganisation betroffen sind.


Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 16.01.2019 zu: Sina König: Wohnungsdesorganisation. Biographische Sinnkonstruktionen des (An-)Sammelns. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3841-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24995.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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