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Christoph Wewetzer, Kurt Quaschner: Suizidalität

Cover Christoph Wewetzer, Kurt Quaschner: Suizidalität. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-8017-2657-7.
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Thema

Nach Verkehrsunfällen ist der Suizid ist bei Jugendlichen in Deutschland die zweithäufigste Todesursache. In der klinischen Arbeit kommt dabei der Einschätzung von akuter Suizidalität große Bedeutung zu: In vielen Kinder- und Jugendpsychiatrien mit Versorgungsauftrag stellt sich (nahezu) täglich die Frage, ob bei einem Kind oder Jugendlichen akute Suizidalität vorliegt. Suizidalität umfasst dabei ein breites Spektrum, von Suizidgedanken und Suizidwünschen, konkreten Suizidabsichten und drängenden Suizidimpulsen bis hin zu Suizidversuchen und Suiziden.

Dieser Thematik widmet sich das Buch unter Berücksichtigung der aktuellen AWMF-Leitlinien. Der „Leitfaden“ ist geschrieben für Fachleute. Er wird ergänzt durch den „Ratgeber Suizidalität“ (Wewetzer und Quaschner, 2019) der Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer, Erzieher und Ausbilder sowie Freunde beinhaltet.

Autoren

Prof. Dr. med. Christoph Wewetzer, seit 2005 Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der städtischen Kliniken Köln.

Dipl. Psych. Dr. rer. nat. Kurt Quaschner, seit 2004 Leitender Psychologe an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Marburg.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist erschienen im Hogrefe Verlag im Rahmen der Reihe „Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie“, Band 27. Der Leitfaden wird ergänzt durch den Ratgeber „Suizidalität“ (Wewetzer und Quaschner, 2019).

Aufbau

Das 154 Seiten umfassende Buch besteht aus fünf Kapiteln.

Das erste Kapitel ist dem aktuellen Stand der Forschung bezüglich Symptomatik, Definition, Klassifikation, Epidemiologie, Komorbidität, Pathogenese, Verlauf und Therapie gewidmet. Aspekte, welche für die Darstellung der Leitlinien (Kapitel 2) relevant sind, werden erläutert. Klarifiziert werden bspw. Unterschiede zwischen nicht suizidalem selbstverletzendem Verhalten, selbstschädigenden Gedanken und selbstschädigenden Verhaltensweisen. Fokussiert wird in der Begriffsbestimmung letztendlich auf den Kriterien einer suizidalen Verhaltensstörung nach DSM-5. Eine Schweregradeinteilung der Suizidhandlung wird erläutert. In Zusammenhang mit suizidalen Gedanken und Handlungen auftretende komorbide Störungen – diese sind bei bis zu 90 % der Jugendlichen vorhanden – werden dargestellt. Dies sind insbesondere depressive und bipolare Störungen, ADHS mit und ohne Störung des Sozialverhaltens, Psychosen, Angststörungen, Substanzkonsum (Alkohol, illegale Drogen) sowie nicht suizidales selbstverletzendes Verhalten. Ein Erklärungsmodell der Pathogenese von Suizidalität – neurobiologische, familiäre, psychische und gesellschaftliche/ soziale Faktoren – folgt. Bei den Erläuterungen zur Suizidprävention wird im Folgenden unterschieden, ob Suizidversuche von Jugendlichen verhindert werden sollen oder ob bei einem Jugendlichen, der schon einmal einen Suizidversuch durchgeführt hat, ein erneuter Suizidversuch verhindert werden soll. Ähnliches gilt für die therapeutische Behandlung. Auch hier muss bei der Wahl der Methode unterschieden werden, ob es sich um eine Therapieoption nach einem Suizidversuch oder um eine Intervention mit dem Ziel einer Prävention von Suizidversuchen handelt.

Das zweite Kapitel befasst sich mit insgesamt 14 Leitlinien. Sie werden dargestellt und ihre Bedeutung für die Praxis in Hinblick auf Diagnostik und Verlaufskontrolle, Behandlungsindikation und Therapie erläutert.

Die Leitlinien zur Diagnostik, welche ausführlicher dargestellt werden, umfassen:

  • Anlässe und Bedingungen zur Abklärung von Suizidalität
  • Diagnostisches Vorgehen im Rahmen einer (Notfall-)Vorstellung wegen Suizidalität
  • Exploration des Patienten und seiner Bezugspersonen zur aktuellen Suizidalität
  • Exploration des Patienten und seiner Bezugspersonen zur aktuellen Lebensgeschichte und Ermittlung von spezifischen Risikofaktoren in der Vorgeschichte und der familiären/ sozialen Situation
  • Exploration und Untersuchung des Patienten und seiner Bezugspersonen zu komorbiden Störungen und differenzialdiagnostische Abklärung
  • Körperliche Untersuchung, Drogentest und bei vorliegenden Verletzungen, Impfstatus
  • Psychopathologische Festlegung sowie Beurteilung der Suizidalität/ des Suizidrisikos, Krisenmanagement und Therapieempfehlung
  • Verlaufskontrolle und Qualitätssicherung

Die Leitlinien zur Behandlung folgen:

  • Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung
  • Klärung der rechtlichen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen
  • Behandlungsplanung/ Hierarchie bzw. Abfolge der Intervention
  • Krisenintervention/ Risikomanagement
  • Stationäre (kurzfristige) Krisenintervention
  • Mittel-/längerfristige stationäre Behandlung
  • Rahmenbedingungen/ Voraussetzungen für eine Behandlung im ambulanten Setting
  • Ambulante Psychotherapie
  • Medikamentöse Behandlung
  • Nachbehandlung/ Postvention

Im dritten Kapitel sind die Verfahren beschrieben, welche für Diagnostik, Verlaufskontrolle und Behandlung angewandt werden können. Beschrieben werden einige Screening- und Diagnostikinstrumente. Im Rahmen der Behandlungsmethoden werden zwei Behandlungsansätze, die kognitiv-behaviorale Therapie zur Suizidprävention sowie die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Adoleszente, kurz angerissen.

Das vierte Kapitel beinhaltet Materialien zur Diagnostik, Verlaufskontrolle und Therapie. Sie dienen der Umsetzung der Leitlinien in die klinische Praxis. Diese Materialien sind:

  • Leitfaden zur Gesprächsführung mit suizidalen Jugendlichen
  • Explorationsleitfaden zu Suizidgedanken, zur suizidalen Absicht und Intention, zum Suizidplan und Suizidversuch
  • Checkliste zur Risikoeinschätzung für einen Suizidversuch
  • Behandlungsvereinbarung
  • Sicherheitsplan

Zwei Fallbeispiele, welche die Umsetzung der Leitlinien in die klinische Praxis fokussieren, werden im fünften Kapitel erörtert. Die Darstellung der Fallbeispiele orientiert sich dabei partiell an den Gliederungspunkten des Antragsverfahrens für Psychotherapie im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung.

Diskussion

Das Buch bietet Fachkollegen, gerade wenn noch nicht so viel Erfahrung mit dem Thema Suizidalität vorliegt, einen sehr guten Einblick in dieses sensible Thema. Die Autoren vermitteln dabei eine respektvolle therapeutische Haltung und verhelfen zu Klarheit. Nützlich sind die Bezüge zu und das Im-Blick-haben von internationalen Standards und Studien. Auch positiv waren der Überblick über Strategien der Postvention, um mögliche negative Auswirkungen bei Mitbetroffenen eines Suizids zu verringern, ebenfalls waren die Hinweise zu rechtlichen Aspekten im Umgang mit suizidalen Patienten (bspw. „Non-Suizidverträge“) hilfreich. Kritisiert werden könnte maximal, dass die behandelten Therapiemethoden und -techniken sehr an der Oberfläche bleiben und nicht alle hilfreichen, sondern ausschließlich zwei Therapiemethoden und -techniken dargestellt werden.

Fazit

Der Leitfaden „Suizidalität“ ist klar und gut strukturiert. Die Autoren behandeln das Thema ausführlich, auf das Fachpublikum zugeschnitten verständlich und übersichtlich. Es bietet eine fundierte, sehr übersichtlich geordnete und differenzierte Anleitung in der Arbeit mit suizidalen Patienten. Es erlaubt durch seine übersichtliche Ordnung, auch in einzelne Bereiche hineinzulesen und bietet Anregungen, die über die Arbeit mit suizidalen Kindern und Jugendlichen hinausgehen.


Rezensentin
Dr. Sandra Lentzen
Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
Homepage www.psychotherapiepraxis-lentzen.de
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Zitiervorschlag
Sandra Lentzen. Rezension vom 29.10.2019 zu: Christoph Wewetzer, Kurt Quaschner: Suizidalität. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-8017-2657-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24999.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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