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Friedrich Glasl: Konfliktmanagement

Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2002. 7., überarbeitete und ergänzte Auflage. 464 Seiten. ISBN 978-3-258-06458-1. 62,00 EUR.

Verlag Freies Geistesleben (Stuttgart) ISBN 3-7725-0954-1; Organisationsentwicklung in der Praxis Bd.2.
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Einführung in das Thema

Innerhalb und zwischen Organisationen kann es immer wieder zu Streitigkeiten und massiven Konflikten kommen. Gerade Führungskräfte und professionelle Konfliktberaterinnen und

-berater stehen vor der Herausforderung, diesen Konflikten im Alltag zu begegnen und sie nach Möglichkeit im Sinne der Organisation zu lösen bzw. zu schlichten. Dies kann allerdings nur gelingen, wenn das notwendige Know-how zur Konfliktdiagnose und Konfliktbehandlung zur Verfügung steht. Die nunmehr siebte Auflage des Handbuchs von Friedrich Glasl möchte genau dieses Konfliktmanagement-Know-how vermitteln.

Der Autor

Der aus Österreich stammende Universitätsdozent Dr. Friedrich Glasl, ausgebildeter Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, ist selbst Konfliktberater und verfügt über langjährige Erfahrungen als Organisationsberater und Konfliktmanagementtrainer in den Niederlanden, Deutschland, Österreich und anderen Ländern. Darüber hinaus ist er als Dozent für Organisationsentwicklung und Konfliktmanagement an der Universität Salzburg in Forschung und Lehre tätig und hatte Gastprofessuren an mehreren Universitäten inne. Aufgrund seiner langjährigen Praxis- und Forschungstätigkeit gehört er im Bereich Konfliktmanagement zu den ausgewiesensten deutschsprachigen Fachleuten, was seine umfangreiche Publikationsliste unter Beweis stellt.

Aufbau, Inhalt und Gliederung

Das Buch untergliedert sich in drei Hauptteile. Der erste Teil (Kapitel 2-6) behandelt die Konfliktdiagnose, der zweite Teil (Kapitel 7-10) Konflikteskalationsprozesse. Im dritten Teil (Kapitel 11-16) werden Strategien zur Konfliktbehandlung vorgestellt.

In den Kapiteln 1 und 2 diskutiert Glasl verschiedene Definitionen von "sozialem Konflikt" und geht darauf ein, wie die Wahrnehmungen, Interpretationen, Emotionen und Intentionen der Konfliktparteien durch den Konfliktprozess beeinflusst werden.

Im dritten Kapitel gibt der Autor eine Übersicht über die gängigen Konflikttypologien und diskutiert kritisch deren Vor- und Nachteile. Gleichzeitig stellt Glasl seine eigene Unterteilung von Konflikten in "heiße" und "kalte" Konflikte vor, die nach Glasl von großem Wert für die spätere Auswahl von Interventionsstrategien ist.

Das vierte Kapitel führt in den Ansatz des Autors zur Konfliktdiagnose ein. Glasl bezeichnet seinen Ansatz als sozial-ökologischen: Damit ist gemeint, dass bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Konflikten eine Vielzahl von Faktoren miteinander zusammenwirken. Für die Konfliktdiagnose bedeutet dies, dass man nicht einzelne Faktoren für sich betrachten, sondern das Geflecht von Faktoren berücksichtigen sollte.

In Kapitel 5 geht Glasl auf inhaltliche Aspekte der Konfliktdiagnose ein. Dabei konzentriert er sich auf folgende Bereiche: 1) die Konflikt-Issues, d.h. die von den Konfliktparteien in die Auseinandersetzung eingebrachten Konfliktpunkte und Streitgegenstände, 2) den Konfliktverlauf, d.h. die Entstehungsgeschichte des Konfliktes und dessen Intensivierung, 3) die Parteien des Konfliktes, 4) die Positionen und Beziehungen der Parteien und 5) die Grundeinstellung zum Konflikt. Für jeden dieser Aspekte werden Fragen formuliert und diskutiert, die für die Konfliktdiagnose von Belang sind. Im Abschnitt zu den Konflikt-Issues stellt Glasl eine Reihe von Techniken vor, mit deren Hilfe die verschiedenen Positionen der Konfliktparteien gegenüber gestellt werden können. Auf den Konfliktverlauf wird in diesem Kapitel nur kurz eingegangen, da in den folgenden Kapiteln der Verlauf von Konflikten ausführlich behandelt wird. Im Abschnitt zu den Konfliktparteien werden primär die informellen Beziehungen und die Identifizierung von Repräsentanten und deren Stellung näher beleuchtet. Bei der Betrachtung der gegenseitigen Beziehungen der Parteien werden verschiedene mögliche Beziehungsformen innerhalb von Organisationen vorgestellt und hinsichtlich ihres Konfliktpotenzials analysiert. Als letztes werden die Grundeinstellungen der Parteien behandelt, d.h. wie die Parteien die Situation wahrnehmen und beurteilen und welche Einstellungen sie zu bisherigen Konfliktlösungsversuchen haben.

Kapitel 6 beleuchtet die Bedeutung der Führer der Konfliktparteien. Dabei wird eine Typologie vorgestellt, die zum Verständnis des Konfliktprozesses beitragen soll und im Hinblick auf die Konfliktbehandlung diskutiert wird.

Der zweite Teil des Buches behandelt ausführlich Konflikteskalationsprozesse. Zunächst werden in Kapitel 7 frühere Modelle der Konflikteskalationen vorgestellt und kritisch diskutiert. In den Kapiteln 8 und 9 geht Glasl auf die Basismechanismen der Konflikteskalation ein und weist auf die Bedeutung von Wendepunkten in der Eskalation hin, d.h. den Übergang zu einer höheren Stufe im Rahmen eines Konfliktes.

In Kapitel 10, welches gleichzeitig das längste Kapitel des Buches ist, stellt Glasl sein 9-Stufen Eskalationsmodell vor. Der Autor beschreibt detailliert, wie im Verlaufe eines Konfliktes die Parteien langsam die Kontrolle über die Situation verlieren und das Verhalten immer mehr durch eine destruktive situationale Logik bestimmt wird. Jede Stufe ist von einem bestimmten Muster der Ingroup und Outgroup Wahrnehmung, Motiven, Gefühlszuständen und Formen der Interaktionen bestimmt. Darüber hinaus zeigt Glasl, dass zwischen jeder Konfliktstufe ein Schwellenwert liegt, bestimmt durch kritische Handlungen, dessen Überschreiten zu der nächsten Stufe im Konfliktverlauf führt und somit zu einer Veränderung in der Interaktion und dem Verhalten der Konfliktparteien.

Der dritte Teil des Buches widmet sich den Methoden der Konfliktintervention (z.B. präventive, kurative, deeskalierende Interventionen). In den Kapiteln 11 und 12 beschreibt Glasl verschiedene Interventionsformen und diskutiert, bei welchen Konfliktformen bzw. Konfliktstufen die jeweiligen Interventionsformen zum Einsatz kommen können. In Kapitel 11 wird dabei auf fünf Faktoren eingegangen: Kognitionen, Gefühle, Intentionen, Verhalten und Konsequenzen des Konflikts. Jeder dieser Faktoren kann Ziel einer Intervention sein. Glasl diskutiert hierbei, welche Ziele eine Intervention haben kann und welche Formen von Interventionen für die Erreichung dieser Ziele verwendet werden können. In Kapitel 12 werden die fünf diagnostischen Dimensionen aus Kapitel 5 (siehe oben) zur Diskussion von unterschiedlichen Interventionsmethoden herangezogen.

Kapitel 13 behandelt allgemeine Prinzipien für Interventionen der Konfliktbehandlung. Dabei geht Glasl auf verschiedene Handlungspole ein, zwischen denen ein Konfliktvermittler pendeln muss: Generalisation vs. Spezifikation; Konfrontation der Konfliktparteien vs. Zusammenführung; Identifikation vs. Distanzierung.

Die Kapitel 14-16 beschreiben und vergleichen verschiedene Ansätze zur Konfliktbehandlung, die sich eine Drittpartei zu nutzen machen kann: Moderation, Prozessbegleitung, sozio-therapeutische Prozessbegleitung, Vermittlung (Mediation), Schiedsverfahren und Machteingriff. Dabei zeigt Glasl auf, ausgehend von seinem 9-Stufen Eskalationsmodell, auf welcher Stufe eines Konflikts welcher Ansatz am fruchtbarsten ist. Darüber hinaus bewertet der Autor die verschiedenen Ansätze hinsichtlich unterschiedlicher Kriterien wie Schwerpunkte der Intervention, Abstand zwischen den Parteien etc.

Das Buch endet mit einigen Schlussbemerkungen des Autors (Kapitel 17). Im Anhang befindet sich ein Literaturverzeichnis sowie ein ausführliches Sachregister. Wünschen würde man sich (vielleicht für die 8. Auflage) ein Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe noch einmal knapp definiert werden.

Zielgruppen

Im ersten einleitenden Kapitel definiert Glasl als Zielgruppe seines Handbuchs folgenden Personenkreis: Professionelle Helfer, Vermittler, Berater und Trainer, Führungskräfte, Personalvertreter, Politiker und andere Personen, die sich in ihrem Beruf mit Reibungen, Spannungen und Konflikten aktiv auseinandersetzen müssen. Darüber hinaus ist die Lektüre des Buches auch interessierten Studierenden und ForscherInnen zu empfehlen, da ein umfangreicher Überblick über das Themenfeld gegeben wird.

Diskussion

Sicherlich ist das Handbuch von Friedrich Glasl das deutschsprachige Standardwerk im Bereich Konfliktmanagement. Glasl gibt einen umfassenden Überblick über den Gegenstandsbereich. Gleichzeitig erfordert aber seine vertiefte Auseinandersetzung mit der Thematik von dem/der LeserIn die Bereitschaft, sich intensiv mit der Theorie und Methodik des Themas zu befassen. Wer lediglich eine kurze Einführung in den Themenbereich oder einen Handlungsleitfaden erwartet, sollte sich besser nach Alternativen umschauen, da das Buch nicht einfach "so nebenbei" gelesen werden kann. Die Fülle von Informationen und deren Übertragung auf den Alltag erfordern ein intensives Studium der Inhalte. Wer sich diese Zeit allerdings nehmen will bzw. nehmen kann, der wird von der Lektüre profitieren.

Die Untergliederung des Buches in drei Hauptteile und das umfangreiche Sachregister im Anhang ermöglichen trotz des großen Umfangs einen schnellen Überblick. Die Kapitel sind darüber hinaus so geschrieben, dass sie auch für sich alleine verständlich sind, so dass man das Handbuch durchaus auch als Nachschlagewerk verwenden kann. Das Geschriebene wird durch eine Reihe von Abbildungen und Tabellen verdeutlicht, so dass man trotz der Dichte des Textes die Kernaussagen schnell erfassen kann.

Fazit

Insgesamt ist man von der detaillierten Auseinandersetzung Glasls mit dem Thema beeindruckt, was auch durch das umfangreiche Literaturverzeichnis dokumentiert wird. Somit kann das Handbuch dem von Glasl definierten Personenkreis uneingeschränkt empfohlen werden. Wie bereits gesagt, sollte sich der/die LeserIn aber darüber bewusst sein, dass er/sie viel Zeit zum Lesen und Verstehen des Textes mitbringen muss.


Rezension von
Dipl.-Psych. Oliver Christ
FernUniversität in Hagen, Institut für Psychologie, LG Psychologische Methodenlehre und Evaluation
und
Prof. Dr. Rolf van Dick
Professor für Sozialpsychologie an der Goethe Universität Frankfurt
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Zitiervorschlag
Oliver Christ/Rolf van Dick. Rezension vom 03.08.2002 zu: Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2002. 7., überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-258-06458-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/250.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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